Samstag, 30. Juni 2018

Southside 2018: So war die 20. Auflage des Festivals

Der Juni war für mich der Festivalmonat. Bei Rock im Park war ich als Fotograf, beim Rockavaria ebenfalls (meine Fotos seht Ihr unter www.schwäbische.de/rockavaria). Das Southside Festival hab ich für die Schwäbische Zeitung aber als Schreiber erlebt - zum achten Mal. Insgesamt war es mein 13. Southside. Das Festival selbst feierte 20. Geburtstag. Wie ich es dieses Jahr erlebt habe und warum das Festival auch 2018 noch so erfolgreich unterwegs ist, lest Ihr in meinem Nachbericht. Erschienen am Montag, 25. Juni, in der Schwäbischen Zeitung. Per Klick auf den Artikel könnt Ihr meine Zeilen lesen. Ganz viele fantastische Bilder von Thomas Melcher gibt es unter www.schwäbische.de/southside2018.

Samstag, 9. Juni 2018

Rock im Park 2018: Die Bilder

Bevor es heute zum Rockavaria in München geht, möchte ich hier gern noch übers letzte Wochenende bloggen. Ich war als Fotograf für die Schwäbische Zeitung bei Rock im Park in Nürnberg. Ein fantastisches Wochenende - und immer wieder krass, wie schnell es rumgeht, wenn man von Bühne zu Bühne eilt, um Bilder zu machen.

Hier seht Ihr das Resultat: Wir haben unsere Musikseite komplett dem Festival auf dem Zeppelinfeld gewidmet. Per Klick auf die Zeitungsseite könnt Ihr meine Fotos sehen.

Mehr Bilder von mir findet Ihr unter www.schwäbische.de/rockimpark2018.

Freitag, 1. Juni 2018

Hörtest: Ghost - Prequelle

Nach dem ersten Hören von "Prequelle" der erste Gedanke: Wo ist die Härte hin? Nach dem dritten Hören von "Prequelle": Wo steht der Altar, vor dem ich niederknien kann, um Ghost zu huldigen? Studioalbum Nummer Vier ist ein Paradebeispiel dafür, wieviel Spaß es machen kann, wenn man die Entwicklung einer Band mit Offenheit verfolgt. "Prequelle" ist mehr Pop als alles, was die Okkult-Rocker bisher gemacht haben, aber: Wenn Pop makellose Melodien bedeutet, ist das in diesem Fall völlig in Ordnung. 

Es gehört zum Wesen von Ghost, dass man sich die zehn neuen Songs (minus ein Intro) sofort im konzertanten Kontext vorstellt, weil die Schweden eine so derartig visuelle und atmosphärische Show zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Tobias Forge, Sänger und Kreativkopf der Band, der diesmal als Cardinal Copia die Frontmann-Rolle ausfüllt und Papa Emeritus III begraben hat, beweist eine kompositorische Klasse, die von einem tiefen Verständnis für Rockmusik gleichermaßen wie für Pop, Prog, Metal und Goth zeugt. Man höre nur das sakrale Intro von "Pro Memoria", die cremigen Harmonien, die elegischen Streicher und den barocken Refrain, der ein in Noten gegossenes "Memento Mori" ist - und wenn dann der Chor und das Glockenspiel den Song nach Hause bringen, ist klar: Das wird ein neues Live-Pflichtstück. Das dürfte auch für "Danse Macabre" gelten, diesen vordergründig extrem auf Airplay getrimmten Instanthit, der sich gar ein paar Passagen mit "Disco 2000" von Pulp teilt. Erst runzelt man die Stirn beim Refrain, aber die Doppeldeutigkeit, mit der man anfangs "Just wanna be, wanna with you in the moonlight" hört und dann darauf kommt, dass es heißt "wanna bewitch you in the moonlight", ist entwaffnend. Mut zum Experiment beweist Tobias Forge, für den die Platte nach dem Rechtsstreit mit früheren Bandmitgliedern um Tantiemen ein Befreiungsschlag ist, mit den beiden Instrumentals "Miasma" und "Helvetsfonster". Sie nehmen zehn Minuten ein - aber keine Sorge, langweilig wird es hier nicht. Während Miasma mit progressiven Keyboards spielt, sich durch mehrere Jahrzehnte Rockgeschichte zitiert und dann in einem Saxofonsolo explodiert, das live sicher der Hammer wird, verströmt "Helvetsfonster" einen morbiden Charme, der Ghost ja schon seit ihrem Debüt "Opus Eponymous" (2010) begleitet. 

Der bereits bekannte Song "Rats" (mit einem an Michael Jacksons "Thriller" angelehnten Videoclip) ist neben dem an "Cirice" erinnernden "Faith" der härteste Song der Platte. Sehr schön bei "Faith", wie die letzten Töne schon mal auf das abschließende "Life Eternal" vorgreifen. "Witch Image" ist unspektakulär, dafür gefällt "See The Light" mit seinem bösen Chorus. Eine Platte, die man immer und immer wieder hören will, weil die Melodien einfach so unfassbar schön sind. Ghost werden weiter nicht jedermanns Sache sein, aber dass sie mit "Prequelle" neue Fans gewinnen werden, scheint sicher. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht. Oder besser: mit dessen Gegenspieler. 

"Prequelle" von Ghost erscheint am 1. Juni via Spinefarm. Hier noch das Video zu "Danse Macabre".


Samstag, 19. Mai 2018

SZene-Hörtest: Amorphis - Queen Of Time

Meistens geht es auf diesem Blog um Indie, Punkrock und Alternative. Klar, Americana taucht sicher auch mal auf, und was Folkiges zwischendurch ist auch nicht verkehrt. Aber die Musik, die mich als Jugendlicher geprägt hat, ist Heavy Metal. Und wenn man seine früheren Lieblingsbands etwas aus den Augen verliert, ist es umso schöner, plötzlich wieder wahrzunehmen, was sie in der Zwischenzeit eigentlich so veröffentlicht haben.

Mit Amorphis ging es mir kürzlich so. Ich bin verspätet auf "Under The Red Cloud" gestoßen und war völlig eingenommen. Der Titelsong ist einfach das perfekte Stück Musik. Und auch das neue Album hat mich jetzt umgehauen. Auf "Queen Of Time" finden sich so viele Momente, so viele Melodien, ohne die man nicht mehr auskommen will. Definitiv eine der Platten des Jahres.

Meine Plattenkritik ist am Dienstag auf der SZeneseite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr sie lesen.

Hier noch das Video zu "Amongst Stars". Was für ein Duett! Anneke van Giersbergen erkennt man sofort an ihrer Stimme, und der Gänsehautfaktor ist ähnlich hoch wie damals beim Depeche-Mode-Cover "Never Let Me Down Again" der Farmer Boys.




Sonntag, 6. Mai 2018

Hörtest: Frank Turner - Be More Kind

Die Fragen, nachdem man "Be More Kind" gehört hat: Was wird danach kommen? Wird sich Frank Turner auf den verschwitzten, überschäumenden Campfire-Punkrock besinnen, den er auf Alben wie "Love, Ire And Song" und "Poetry Of The Deed" so meisterhaft zelebriert hat und mit dem er auf dem Radar unzähliger Musikgourmets auftauchte? Oder sind die Pop-Experimente seines inzwischen siebten Albums gekommen um zu bleiben? Und: Ein Protestalbum in gemäßigter Gangart, funktioniert das? 

Die Idee an sich wirkt gut: Wenn Dein Gegenüber in einer Diskussion tobt und brüllt, bleib ruhig und höflich. In einer Welt, in der die politische Diskussion oft genug in CAPS LOCK geführt wird, mahnt Frank Turner zu mehr Menschlichkeit und Mitgefühl. Form und Inhalt bedingen sich hier, denn ein solcher Appell wirkt glaubwürdiger, wenn er eben nicht mit dem Holzhammer eingeprügelt wird. Der Titelsong erinnert anfangs mit seinen sanften Akustikgitarren an "One Great City" von The Weakerthans, und es ist kein Geheimnis, dass Frank Turner ein großer Fan von John K Samson ist. Der Song ist eine hemmungslos idealistische Ansage, und wer Probleme hat, sich darauf einzulassen, kann darüber nachdenken, wie gewöhnt wir es sind, dass alles ironisch gebrochen sein muss um möglichst cool zu wirken. Nun war Frank Turner nie der zynische Hipster, aber bisher ging es bei ihm meist nicht um das große Ganze sondern eher um persönliche Geschichten, ums Scheitern und Weitermachen, um enttäuschte Liebe und Erwartungen. "Be More Kind" hingegen ist ein politisches Bekenntnis. "1933" ist eher noch ein gewohntes Hörerlebnis und orientiert sich am "klassischen" Turner-Sound. Der Song warnt vor einfachen Antworten und Faschismus und zieht eine historische Linie zwischen der Jetzt-Zeit und der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933. Das Stück atmet genau die Energie, die Frank Turners Live-Auftritte auszeichnen.

Enttäuschend hingegen Pop-Sprenkel wie in "Little Changes", das eher wirkt, als ob es in einem Webseitenbausatz-Werbeclip vor einem Frank-Turner-Videoclip auf Youtube erklingen könnte. Auch das von harmlosen Beats getragene "Common Ground" wird es eher nicht in den Kreis der Alltime-Favorites aus der Feder des Briten schaffen. Besser funktioniert der Pop-Einschlag in "There She Is", das mit "Under Pressure"-Gitarren beginnt und vom Tonfall an melancholische Stücke von Dry The River erinnert. Die Unsicherheiten unserer Zeit spiegeln sich in "21st Century Survival Blues" und "Blackout" nieder. Eines der intensivsten Stücke ist "The Lifeboat", das wiederum Weakerthans-Spirit atmet und erst sehr verhalten beginnt und dann in einen orchestralen Schlusspart mündet. Am Ende müssen wir noch über "Make America Great Again" reden. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits finde ich es furchtbar, dass die Trump-Parolen auf diese Weise musikalische Denkmäler bekommen (siehe auch: das aktuelle Album "AmeriKKKant" von Ministry mit seinen Samples). Andererseits kommen aktuelle Protestsongs natürlich nicht daran vorbei, und die Art, wie Turner hier erstenglisches Understatement betreibt ("Well I know I'm just an ignorant Englishman") und dann im Chorus auch sagt, wie er denn die Staaten wieder groß machen möchte ("By making racists ashamed again, Let's make compassion in fashion again"), ist wiederum so schön idealistisch, dass man lächeln muss. Unterm Strich bleibt ein Album, dessen Wichtigkeit sich diesmal vor allem aus seinen Texten speist - musikalisch allerdings nicht komplett überzeugt.

"Be More Kind" ist am 4. Mai via Polydor erschienen. Hier noch das Video zu "Make America Great Again":


Samstag, 28. April 2018

Hörtest: Cancer Bats - The Spark That Moves

Das kam überraschend: Freitag vor einer Woche kamen die Cancer Bats mit einer neuen Platte um die Ecke. Einfach so. Plötzlich und unerwartet, ohne langes Anteasern, Single auskoppeln. Ne, einfach zack, Album erhältlich, CD, Vinyl, Stream. Die Kanadier können darauf vertrauen, dass ihre Fans sich auch ohne wochenlanges Heißmachen auf neue Musik stürzt - und eben auch ohne virales Marketing mitbekommt, dass es was Neues gibt. Und was das für eine Platte dieses sechste Studioalbum der Band ist. 35 Minuten intensivster Hardcore, der so ungestüm daherkommt, dass man um die Stereoanlage fürchtet, wenn man den Lautstärkeregler aufdreht.

Der Opener "Gatekeeper" ist der eingroovende Anfang einer Platte, auf der die Härte monolitisch, aber nie aufgesetzt wirkt, und in der das Zuckerbrot- und Peitsche-Spiel extrem gelungen ist. Da sprintet "Brightest Day" los, um im Chorus dann mit einem cleveren Break aufzuwarten. "We Run Free" wirkt wie von stonerhaftem Schweinerock infiziert, ebenso "Bed Of Nails". Das kurze Piano-Intro von "Fear Will Kill Us All" lässt den Härte-Einfall noch heftiger wirken. Gitarrist Scott Middleton rifft sich um den Verstand, Schlagzeuger Mike Peters und Bassist Jaye Schwarzer modellieren eine stabil-drückende Rhythmusspur und Sänger Liam Cormier wirkt jederzeit, als ob er gleich explodieren will. Das fühlt sich oft an wie früher auf diesen Jugendfreizeiten, ob von Orchester oder Ministranten organisiert: als ob jemand neben Dir steht und "Kannst Du auch nicht schlafen??" brüllt, wenn Du endlich weggenickt bist. Nur eben mit weniger Geigen, weniger Kirche - und an Schlaf ist ja eh nicht zu denken. Wenn dann plötzlich eine fast schon hymnische Melodie mehr angerissen als ausgewalzt wird wie in "Can't Sleep" nach eineinhalb Minuten, ist das ein liebevolles Detail in einem ebenso liebevoll vermöbelnden Batzen von einem Album. Das abschließende "Winterpeg" hat die Band ihrer Heimatstadt Winnipeg gewidmet. Die Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba gehört zu den kältesten Orten der Welt und trägt eben zurecht den Spitznamen "Winterpeg". Passend, dass Chris Hannah, Sänger der ebenfalls dort ansässigen Propagandhi, als Gastvokalist zu hören ist. Aufgenommen wurde das Album übrigens im Private Ear Studio in Winnipeg unter Federführung von JP Peters, der ebenfalls schon mit Propagandhi zusammengearbeitet hat. John K Samson sagt, seine stillen Songs entstehen in langen Winnipeg-Wintern. Cancer Bats haben wohl ihr eigenes Mittel gegen den Winterblues. 

"The Spark That Moves" von Cancer Bats ist am 20. April über das bandeigene Label Bat Skull Records erschienen. Zu jedem Song gibt es auch ein Video. Hier der Clip zu "Winterpeg": 

Samstag, 21. April 2018

SZene-Hörtest: A Perfect Circle - Eat The Elephant

In einer Welt, in der sich die Menschen mit CAPS LOCK gegenseitig niederbrüllen, ist es vielleicht wichtiger, seine Haltung mit leisen Tönen zu transportieren. Das neue Album von A Perfect Circle spart nicht mit Kritik an der Welt von heute - aber diese Kritik verpacken Maynard James Keenan und Billy Howerdel diesmal in Songs, die weniger Härte und dafür noch mehr Facettenreichtum haben. Und: Es ist das erste APC-Album seit 14 Jahren. Mich hat die Platte tierisch begeistert. Meine Besprechung des Albums ist heute auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick auf den Zeitungsartikel könnt Ihr die Rezension lesen.

Samstag, 14. April 2018

Hörtests: Rückkehrer in mehr oder weniger guter Form

Satanic Surfers - Back From Hell

Was für eine Rückkehr! Die Satanic Surfers zeigten sich in den vergangenen Jahren erst auf den Bühnen der Welt, dann gingen sie ins Studio, um dem Ende ihrer von 2007 bis 20015 währenden Bandpause auch neue Songs zu spendieren. Eine gute Entscheidung, denn mit "Back From Hell" präsentiert sich die schwedische Skatepunk-Legende in Höchstform. Wer sich nicht an der eindringlichen Stimme von Ropdrigo Alfaro satt hören konnte, war in den vergangenen Jahren auch mit Atlas Losing Grip bestens bedient. Trotzdem dürften sich viele Fans noch mehr über diese Reunion freuen. Wenn im Opener "The Usurper" die Twin-Gitarren röhren, fühlt sich das einfach richtig und richtig gut an. Die Reggae-Rhythmen in "Self-Medication", die Speed-Attacken in "Ain't No Ripper und die dynamischen Wechsel in "Madhouse" zeigen, dass die Band nichts von ihrer stürmischen und melodischen Art eingebüßt hat. Zehn Songs, 30 Minuten - kurz und intensiv ist dieses Comeback ausgefallen. Willkommen zurück.

(erschienen am 13. April via Regain Records)



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Monster Magnet - Mindfucker 

Dave Wyndorf und seine Spacetrucker sind wieder da. Und sie haben zehn Songs mitgebracht, die Anhängern von breitwandigen Stonerockriffs ein Grinsekatzegrinsen aufs Gesicht zaubern werden. Sollte irgendjemand diese Zeilen lesen und beim Namen Monster Magnet nur an den 90er-Jahre-Hit "Space Lord" denken, empfehle ich dringend, alle Alben nach "Powertrip" nachzuholen. Und ganz speziell das 2013er Album "The Last Patrol". Das war ein majestätisches Spätwerk, das nicht nur psychedelischen Mummenschanz bot, sondern auch irgendwie Tiefe und Melancholie. "Mindfucker" erweckt schon dem Titel nach den Eindruck, dass es hier nicht übelst philosophisch zugehen wird. Erwartet auch keiner. Was man aber nicht unbedingt erwarten durfte und hier trotzdem geliefert wird, ist eine Souveränität, mit der die Truppe ihren überdimensionalen Rock hintrümmert. Die Gitarrenarbeit ist Oberliga und auch wenn die Zutaten vertraut klingen, wirkt hier nichts abgestanden, sondern mit einem positiven Punch versehen, der sich denn auch für eine Live-Ohrdruckwellenmassage empfiehlt.

(erschienen am 23. März via Napalm) 



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Josh T. Pearson - The Straight Hits! 

Was für eine Neuerfindung. Wahrscheinlich dachte sich Josh T. Pearson, dass er in einer Welt voller bärtiger, melancholischer Songwriter eher herausstechen wird, wenn er nicht nur die Gesichtsbehaarung ablegt, sondern auch den düsteren Look gegen helle Klamotten und einen Cowboyhut tauscht. Das sind Äußerlichkeiten, klar, aber sie signalisieren eben auch einen musikalischen Kurswechsel. Wer das fantastische 2011er-Album "Last Of The Country Gentleman" wegen seiner atmosphärischen Dichte, seiner ehrlichen Verletzlichkeit und seiner wundervollen Morbidität stark fand, wird hier wohl enttäuscht werden. Songs wie "Give It To Me Straight" wirken wie Parodien, und Pearson sagt selbst, dass er Ballast abwerfen wollte. Doch diese radikale Wende wirkt arg bemüht, und man ist nicht sicher, was das hier eigentlich sein soll. Es gibt Momente, in denen das Genie durchblitzt, so etwa "Loved Straight To Hell", aber für den Mann, der mit seiner Band Lift To Experience 2001 für das Album "The Texas-Jerusalem Crossroads" als Songwriting-Größe verehrt wurde, ist das ein bisschen wenig.


Sonntag, 8. April 2018

Galerie der Klassiker: A Perfect Circle - Mer De Noms / Thirteenth Step

Die anstehende Veröffentlichung von "Eat The Elephant", dem ersten "richtigen" Studioalbum von A Perfect Circle seit 15 Jahren ("eMotive" von 2004 zähl ich als Coveralbum einfach mal nicht mit), wirft ihre Schatten voraus. Die bisher veröffentlichten Songs deuten auf ein großes Werk hin, das nicht nur Tool-Anhänger in die Arme schließen werden. Mir geht derzeit besonders "Disillusioned" nicht mehr aus dem Kopf, ein fast schon flehentlicher Appell an den durchschnittlichen Smartphonenutzer, sich von der Technik loszureißen und sich seiner Mitmenschen wieder bewusster zu werden. Das mag mancher als hängengebliebenes Opa-Genöle abtun (auf diesem Niveau wird der Song im Netz teilweise kritisiert), aber dass die Digitalisierung verdammt gefährliche Schattenseiten hat, dafür gibt es ziemlich viele Beispiele - man denke nur an den aktuellen Datenschutz-Skandal bei Facebook.

Als A Perfect Circle "Mer De Noms" vor 18 Jahren veröffentlichten, war ich kurz vor dem Abitur und schwelgte als Metalhead in Vorfreude auf das "Metal 2000", einem Indoor-Festival auf dem Maimarktgelände in Mannheim. Iron Maiden, Slayer, Motörhead, Dream Theater, Spiritual Beggars - ich war damals im siebten Himmel. Zwei Monate vor diesem Erlebnis stand "Mer De Noms" in den Regalen der CD-Händler und obwohl ich da noch extrem auf Doublebass, Heldentenöre und musikalische Fantasy-Welten stand, begeisterte mich das Album von Maynard James Keenan und Billy Howerdel nachhaltig. Das lag auch an Michael Rensen: Wenn er im RockHard Musik besprach, dann tat er das in einer bildhaften Sprache, die sich Klischees und Allgemeinplätze sparte. Die Texte sprachen zu mir. Über das Debüt von A Perfect Circle hatte Rensen in seiner Rezension Folgendes zu sagen: ""Mer de Noms" klingt wie ein nächtlicher Strandspaziergang am Rande einer pulsierenden Cyberspace-Metropole, wie ein farbenschillernder Dschungel-Trip im vierten Jahrtausend, wie ein Ausflug in jene Welten, die eigentlich einem Devin Townsend vorbehalten sind." Du hattest mich bei Cyberspace-Metropole. Es war die Mischung aus hartem Gitarrenstoff und atmosphärischer Klangweite, die mich an dieser Platte faszinierte. Das Gleißen des Openers "The Hollow", die hitzeflirrende Schwere von "Magdalena", die knurrende Wut von "Judith" - das waren die ersten Momente einer Platte, die auch fast 20 Jahre nach ihrer Veröffentlichung immer noch regelmäßig bei mir im CD-Spieler landet. Beim Video zu "Judith" führte übrigens David Fincher Regie, der 1999 mit "Fight Club" mein absoluter Lieblingsregisseur wurde.


Und hier noch ein fantastisches Drum-Cover von Judith:



2003 Jahre später hatte ich mein Abitur in der Tasche, den Zivildienst hinter mich gebracht, studierte und war kurz davor, mich Stück für Stück von traditionellem Heavy Metal abzuwenden und dafür punkigere und alternativere Klänge zu entdecken. "A Thirteenth Step" war eine willkommene Abwechslung von In Flames (die für mich 1999 mit "Colony" ihr letztes richtig gutes Album abgeliefert hatten), Blind Guardian (die mich 2002 mit "A Night At The Opera" auch nur bedingt hatten überzeugen können) und Nevermore (deren 2000er Album "Dead Heart In A Dead World" das letzte Album war, das ich richtig wahrgenommen habe). Wie groß war "Weak And Powerless" bitte? Wo Tool musikalisch und technisch immer überschäumten und wie ein unfassbar großes Mosaik wirkten, wirkte der Sound von A Perfect Circle sehniger und reduzierter - aber kaum weniger virtuos. Und mit düsteren Fieberträumen wie "The Noose" oder der völlig verstörenden Failure-Coverversion "The Nurse Who Loved Me" enthielt das Album starke Momente, die auch heute noch nachhallen. Das bedrohlich brodelnde Gitarrenbrett in "Pet" und das mit einem provokanten Video versehene "The Outsider" hinterließen ebenfalls bleibenden Eindruck bei mir.

Nun sind wir wieder 15 Jahre weiter. Die Welt scheint kein besserer Ort zu sein als damals. A Perfect Circle sind nicht stehengeblieben und haben etwas zu sagen. Ich freue mich darauf, ihnen zuzuhören.

Hier noch das Video zu "The Outsider":


 Und ein fantastisches Drumcover von "The Outsider":

Samstag, 31. März 2018

Three Days Grace im Interview

Als ich kürzlich die neue Single "The Mountain" von Three Days Grace in den Mails hatte, war mir schnell klar, dass ich das neue Album der kanadischen Alternativerocker besprechen will. Breitbeinige Gitarren und gefällige Melodien: Das passt meiner Stereoanlage bestens.

Und das Interviewangebot wollte ich mir auch nicht entgehen lassen. Kürzlich ist es erschienen. Abgedruckt in der Schwäbischen Zeitung am 17. März auf der SZeneseite. Per Klick aufs Bild könnt Ihr es lesen.

Samstag, 17. März 2018

Happy Birthday, Tinnitus Attacks!

Heute vor 7 Jahren ging es los: Am 17. März 2011 ging Tinnitus Attacks online. Mehr noch als der eigene Geburtstag veranschaulichen mir solche Daten immer wieder, wie schnell die Zeit vergeht.

Aus diesem Anlass beschenke ich mich heute mit meinen sieben Lieblingssongs von Steven Wilson und Porcupine Tree. Steven Wilson hat mich ja bei seinem Auftritt in Ravensburg kürzlich nachhaltig beeindruckt. Ich höre derzeit fast nichts anderes.

7.) Steven Wilson - Pariah ft. Ninet Tayeb

Inzwischen muss ich immer an den Trailer zum Videospiel "Last Day Of June" denken, wenn ich das Lied höre. So erhebend, so intensiv - und durch die Mitwirkung von Wilsons langjähriger musikalischen Weggefährtin Ninet Tayeb extrem gut.



6.) Steven Wilson - Detonation 

Leider kein Video, aber der Song wirft - wie eigentlich alle - ohnehin das Kopfkino an. Insofern: Augen zu, Kopfhörer drauf und gut ist.


5.) Steven Wilson - The Same Asylum As Before

Live warnte Steven Wilson: "In diesem Song benutze ich meine Kopfstimme." Understatement - denn der Song vom aktuellen Album "To The Bone" ist fantastisch. Ich hab kein offizielles Video dazu gefunden, aber dieses Gitarrencover fand ich auch ziemlich gut.



4.) Porcupine Tree - Lazarus 

Eigentlich könnte hier bei jedem Lied stehen, dass es mich emotional sehr mitgenommen hat. Bei diesem Lied hier war es aber eher so, dass es ein fast schon fröhlicher Moment inmitten sehr vieler melancholischer Stimmungen war.



3.) Porcupine Tree - Sleep Together

Der Refrain erinnert an die Beatles, aber so, als wären die vier Briten der IG Metal beigetreten. Hart, aber herzlich.




2.) Porcupine Tree - Arriving Somewhere But Not Here

Vom experimentellen Anfang über die lockeren Beats und das heftige Riffgewitter - dieser Song lässt einen darüber nachdenken, warum so viele Musiker so wenig Abwechslung in ihre Songs packen. Ganz groß.



1.) Steven Wilson - The Raven That Refused To Song

Eines der emotionalsten Musikstücke, die jemals geschrieben wurden. Mehr gibt's da nicht zu sagen.

Donnerstag, 15. März 2018

Konzertkritik: Donots in München

Die Donots in München: Mal wieder ein Beweis dafür, dass diese Band über die Jahre immer noch besser geworden ist und seit ihren deutschsprachigen Alben nochmal einen Euphorie-Spring gemacht hat. Mehr zu sagen, wäre meinen eigenen Nachbericht spoilern, also klickt doch einfach auf den Konzertkritik, die am Dienstag auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen ist. 

Ein paar Bilder mehr gibt's auf schwäbische.de

Montag, 5. März 2018

Fotogalerie: The Weight und Wolvespirit in Biberach

The Weight rocken hart - wie hier im Abdera.
Für The Weight könnte es derzeit kaum besser laufen. Seit der Veröffentlichung ihres Debüts werden die Österreicher von Fans wie Presse mit Lob überschüttet, das spektakuläre Video "Trouble" nähert sich bei Youtube unaufhaltsam der 500 000-Klicks-Marke und aktuell sind die vier Musiker für einen Amadeus Award nominiert. Was dem Quartett aber am wohl am meisten Spaß macht, sind ihre Konzerte. Das spürt man, wenn man sie wie jüngst am Samstagabend in Biberach auf der Bühne sieht. Im Abdera trumpften The Weight mit ihrem Heavy Rhythm & Roll auf. Derzeit läuft die Tour mit Wolvespirit, die ebenfalls mit harter Gitarrenmucke begeisterten.

Mehr Bilder von beiden Bands findet Ihr auf der Facebookseite von Tinnitus Attacks

Samstag, 3. März 2018

Hörtest: Politische Protestsongs und mysteriöse Klangwelten

Als ich Tinnitus Attacks vor sieben Jahren aus der Taufe hob, habe ich jeden Tag etwas hier veröffentlicht. Diesen Rhythmus konnte ich auf Dauer nicht beibehalten. Nur einmal pro Woche ist aber auch zu wenig - zumal es so viele Platten gibt, die ich dann nicht besprechen könnte. Ab sofort gibt es den Hörtest ab heute mit mehreren Platten auf einmal. Kürzere Texte, mehr Musik - denn um die geht es ja schließlich.

The Low Anthem - The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea


The Low Anthem, mon Amour. Eine Band wie ein Bilderbuch, in dem sich Landschaften auffalten, wenn man die Seiten umblättert, und in denen Lichter in den Fenstern der Häuser darüber hinwegtrösten, dass schon wieder ein Tag um ist und die Nacht sich wie ein Mantel des Schweigens über unsere Abenteuer legt. Schon auf Alben wie "Smart Flesh" haben Ben Knox Miller eine makellose Vision von folk-inspirierten Indieklängen erschaffen, die keinerlei Experimente scheute.
Das gilt auch für "The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea". Es macht keinen Sinn mehr, hier einen einzelnen Song herauszuheben, weil man die Platte einfach am Stück genießen muss - und zwar am besten mit Hi-Fi-Kopfhörern oder über richtig guten Boxen. Denn hier passiert unglaublich viel im Hintergrund. Elektronische Klangspielereien verleihen dem Album eine eigentümliche Atmosphäre. Bei NPR erklärt Miller, wie er diese Sounds kreiert hat. Nach einem Busunglück 2016, bei dem die Band glücklicherweise unverletzt blieb, waren Instrumente und technisches Zubehör geschrottet. Miller machte aus der Not eine Tugend und kreierte mit minimalistischer Ausstattung Loops, die das ganze Album verändern. Thematisch geht es um die Fabel von der Puppe aus Salz, die das Meer erkunden will (der Albumtitel, ähm, deutet es an). Die schwebenden Klänge, die entrückte Atmosphäre, die kauzige Eigentümlichkeit - dafür muss man diese Platte lieben. Sie zwingt den Hörer, diese Tonfülle in einem entschleunigten und lärmbefreiten Kokon zu würdigen. Damit kein Detail verschütt geht. 

(Erschienen am 23. Februar via Joyful Noise / www.lowanthem.com)




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Templeton Pek - Watching the  World Come Undone


Horrorfilme machen ihm nichts mehr aus, denn die könnten gar nicht so gruselig sein wie das, was wir jeden Tag in den Nachrichten sehen, hab ich letztens jemand in einem Post im Netz gelesen. Und es stimmt schon, wenn man sich den Zustand der Welt anguckt, fällt es einem schwer, positiv zu denken. Die britischen Punkrocker von Templeton Pek greifen diese Stimmung auf ihrem neuen Album auf und vertonen sie mit wütender Härte und großen Melodien.
Das spiegelt sich auch in Songtiteln wie "Nowhere To Hide" wider. Doch anstatt den Hörer mit einem schlechten Gefühl zurückzulassen, trauen sich Nummern wie der eben erwähnte Opener, hymnenhaften Pathos zu atmen. Doch die bombastischen Melodien sind hier kein Kitsch sondern bewahren die Platte eben vor dem Verfallen in triste Observation beschissener Zustände. Gerade nach dem Genuss des Quasi-Titeltracks "Aftermath" (der die Textzeile im Namen der Platte enthält) oder der Abrissbirne "The Awakening" wirft man sich nur umso motivierter in das Streben für eine Welt, in der der Ausnahmezustand nicht zur neuen Normalität wird.  Neal Mitchell (Gesang, Bass), Kev Green (Gitarre, Gesang), und Simon Barford (Schlagzeug) waren bereits mit Genregrößen wie Rise Against auf Tour - mit dieser Platte sind sie ihnen auch in punkto Songwriting ebenbürtig. Die wuchtige Produktion der zehn Songs tut ihr Übriges dazu.

(erschienen am 23. Februar via Drakkar/Soulfood / www.templetonpekofficial.com)



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Superchunk - What A Time To Be Alive


Immer seltsam und doch auch genial, wenn man Bands für sich entdeckt, die eigentlich schon lange da sind. So ging es mir auch mit Superchunk, die ich erst mit "Majesty Shredding" (auch schon wieder acht Jahre her) empfohlen bekam. Aber eben besser spät als nie. Und auf "What A Time To Be Alive" zeigen die 1989 gegründeten Indierocker aus North Carolina, dass die Zeiten (und wir haben erst etwas mehr als ein Jahr Trump im Amt hinter uns) zwar beschissen sind, aber dass Resignation keine Lösung ist.
Dass von dieser Band eine politische Protestplatte kommt, hatte man nun nicht unbedingt erwartet. Aber wenn Sänger Mac McCaughan im Opener und Titeltrack singt "The scum, the shame, the fucking lies / Oh what a time to be alive", dann vereinen sich Wut und Positivität auf kongeniale Weise. Das steht der Band wirklich gut, und bei allem Realismus in Songs wie "Lost My Brain" oder "Reagan Youth" hat das Quartett weder seine überschäumend-ungestüme Spielfreude noch die positiven Vibes vergessen. Man kann sich das richtig gut vorstellen, wie die neuen Songs gerade im Festival-Kontext die Fans aufkratzen. Zum Runterkommen steht ganz am Ende dann "Black Thread", ein Song wie ein Abspann. Und wieder dieser hoffnungsvolle Ton, der einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Selten klang Protest so gut gelaunt.

(erschienen am 16. Februar via Merge Records / http://superchunk.com)




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Anna von Hausswolff - Dead Magic

Endlich wieder psychedelische Orgelklänge, die so gar nicht ins oftmals glattgebügelte Pop-Biz passen. Wäre die ganze Musikwelt eine einzige zynische Castingshow, die Dieter Bohlens dieser Welt würden uns Geheimtipps wie Anna von Hausswolff wohl einfach vorenthalten. Die 31-jährige aus dem Land von Abba, In Flames und The Hellacopters interessiert sich nicht für Konventionen, sie hängt sich keine Gitarre um und ist kein gefälliges Popgirl, sondern sitzt hinter dem wuchtigen Instrument, das viele nur aus der Kirche kennen. The Miraculous", welches meine Einstiegsdroge in diese kopfkinotaugliche Welt der weiten Klangspiele war. Zum großen Teil wurden die Stücke in der Kopenhagener "Marmorkirche" aufgenommen, gespielt auf einer Orgel aus dem 20. Jahrhundert. In Szene gesetzt wurden die Songs von Randall Dunn (Sunn O))), Wolves in the Throne Room,). Fünf Stücke, 47 Minuten, gesprengte Songformate, übertroffene Erwartungen: Willkommen in der seltsamen Welt von Anna von Hausswolff. Ich fühle mich pudelwohl darin.
Auf "Dead Magic" klingt der Sound der Musikerin immer noch so schön seltsam und verstörend wie auf dem Vorgängeralbum "

(erschienen am 2. März via City Slang / www.annavonhausswolff.org)

Sonntag, 25. Februar 2018

Konzertkritik: Steven Wilson in Ravensburg

Der Mann war mir ein Begriff, ich hab drei Platten von Steven Wilson im Regal, Porcupine Tree kennt man - aber manchmal braucht es ein Konzert, um wirklich mit der Musik eines Künstlers vertraut zu werden. So ging es mir jetzt mit Steven Wilson, als ich ihn bei seinem Auftritt in Ravensburg erlebt habe. Selten hat mich Musik mehr emotional aufgewühlt - und Vieles geht mir fast zwei Wochen nach dem Konzert noch durch den Kopf, ob Textfetzen, visuelle Eindrücke oder Melodien. Und ich glaub, da ging es nicht nur mir so.

Per Klick aufs Bild könnt Ihr meinen Konzertbericht lesen, der am 15. Februar auf der Kulturseite der Schwäbischen Zeitung erschienen ist. Ein paar mehr Bilder gibt's auf schwäbische.de.

Was muss ich noch kennen, wenn mir Steven Wilson gefällt? Habt Ihr weitere Prog-Tipps für mich? Lasst mir gern einen Kommentar da.

Samstag, 17. Februar 2018

Konzertkritik: Great Collapse in Lindau

Helene Fischer verkauft fünfmal hintereinander die Schleyerhalle in Stuttgart aus. Great Collapse spielen vor maximal 50 Menschen im Club Vaudeville. Und wir fragen uns ernsthaft, warum die Welt vor die Hunde geht? 

Tja, Friedefreudeierkuchen verkauft sich besser als Politisches. Dabei wäre jetzt die Zeit, sich zu interessieren. Jetzt wäre die Zeit, arte und phoenix einzuschalten und nicht RTL oder Sat 1. Punkrock hat eine Aufgabe, und besonders in den USA ist die Lethargie der Obama-Ära einer geradezu obligatorischen Protestwelle gewichen. Great Collapse machen genau das, was Punk und Hardcore leisten soll: Idealismus verkörpern - und dazu gehört auch, immer 100 Prozent zu geben, auch wenn die Crowd überschaubar ist wie an diesem Freitagabend in Lindau. Woran es liegt, dass Great Collapse nicht auf der Bühne im Saal spielen sondern im intimen Wohnzimmer-Ambiente Foyer? Sind Punkrocker Fasnets-affin?

Seisdrum. Thomas Barnett von Strike Anywhere, Gitarrist Chris Chasse (Ex-Rise Against/Nations Afire), Gitarrist Tom Arnott (At Risk), Bassist Joe Saucedo (Set Your Goals) und Schlagzeuger Todd Hennig (Nations Afire/Ex-Death By Stereo) reißen einen intensiven Gig runter, der von heftigen Gitarrenattacken genauso lebt wie von prügelnden Drums und dem knackigen Bass. Der Aktivposten heißt dabei Thomas Barnett. Wie der Mann mit den Dreadlocks über die winzige Bühne zuckt und sich ganz in der Musik verliert, schlägt sich auf aufs Publikum nieder. 

Zwischen musikalischen Abrissbirnen wie "New Abolition" und "Who Makes/Atomic Calender" vom Ende Januar erschienenen Album "Neither Washington Nor Moscow… Again!" gibt es immer wieder Ansagen mit Haltung. Strike-Anywhere-Frontmann Thomas Barnett macht glaubhaft klar, dass es um den Community-Gedanken geht, um Fan-Sein und dass Rockstar-Gehabe was für andere Szenen ist. Für die Supportbands Hingsen aus Ravensburg und Bike Age aus Stuttgart muss es denn auch ein besonderer Abend sein, an dem sie den US-Größen so nah sind. Die Vorbands machen ihre Sache verdammt gut. Hingsen gefallen mit ihrem rauen Sound, während Bike Age nicht nur beim Bandnamen an die Descendents erinnern.

Meine Fotos gibt's hier:

Great Collapse in Lindau

Samstag, 10. Februar 2018

SZene-Hörtest: Franz Ferdinand - Always Ascending

Ich leg mich dann schon mal fest und sage: Die neue Platte von Franz Ferdinand gehört mit Sicherheit zum Besten, was wir 2018 musikalisch kredenzt bekommen. Wie die Schotten hier auftrumpfen, gefällt mir extrem gut. Einerseits so frisch und ungestüm wie zu Debüt-Zeiten, andererseits so abgeklärt wie sie durch ihre Bühnenerfahrung nun mal sind - und unverwechselbar trotz leichter Soundfeinjustierungen. Meien Besprechung ist heute auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr sie lesen.


Samstag, 3. Februar 2018

SZene-Hörtest: Machine Head - Catharsis

Die neue Machine Head polarisiert. Und zwar sehr. Am Erfolg (Platz 2 der deutschen Charts) ändert das zwar nichts, aber wenn man sich so im Netz umschaut, gibt es nicht nur Jubelarien. Ich finde "Catharsis" über weite Strecken ziemlich gelungen, alleine schon, was die Melodien angeht. Meine Kritik zur neuen Platte der Neo-Thrasher ist am 30. Januar auf der SZeneseite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen.

Sonntag, 28. Januar 2018

SZene-Hörtest: Calexico - The Thread That Keeps Us


Mit Grenzen kennen sich Calexico aus. Sie reißen sie immer wieder ein. Das ist auch auf "The Thread That Keeps Us" nicht anders, dem am Freitag erschienenen neunten Studioalbum von Joey Burns und Co.

Was ich darüber denke, könnt Ihr per Klick aufs Bild lesen. Meine Besprechung ist am 23. Januar auf der SZeneseite der Schwäbischen Zeitung erschienen.


Und weil der Auftritt auch im Text erwähnt wird: Hier geht's zur Konzertkritik 2016 in Ravensburg mit Fotos von mir.

Samstag, 20. Januar 2018

Hörtest: Donots - Lauter als Bomben

Album Nummer zwei seit dem Umswitchen auf die Muttersprache: Mit "Lauter als Bomben" setzen die Donots ihren 2015 mit "Karacho" eingeschlagenen Kurs fort. Und auch wenn der Überraschungseffekt diesmal weg ist - das steht den Punk- und Alternativerockern aus Ibbenbüren, es ist direkter und deutlicher. Was die Zeiten auch erfordern. 

Gleich mit dem Anfangs-Triple beherzigt das Quintett das Motto "Fire your biggest gun first": Der Opener "Geschichten vom Boden" drückt gnadenlos nach vorne, und mit "Keiner kommt hier lebend raus" (kennt man von der Adam-Angst-Split) und "Rauschen (Auf jeder Frequenz)" stehen zwei deutlich politische Songs ganz vorne. Seitdem die Donots auf Deutsch singen, wirken sie wie nochmal neu euphorisiert, dringlicher, und auch noch eine Ecke eindeutiger in ihren Aussagen. Die Scheibe ist zurecht auf Platz 4 der Charts eingestiegen (der bisher größte Charterfolg der Donots), und neben der Qualität der Songs machen natürlich auch Aktionen wie das Spontan-Mitternachtskonzert zum Release-Tag der neuen Scheibe die Wahnsinnsreputation von Frontman/Sänger/Rampensau/Obersympath Ingo Knollmann und Gitarrist Guido Knollmann, Gitarrist Alex Siedenbiedel, Basser Jan-Dirk Poggemann und Drummer Eike Herwig aus. 

Dabei waren die Ibbenbürener nie um starke Songs verlegen und sie haben in ihrer über 20 Jahre währenden Karriere auch nie den Fehler gemacht, sich so lange zu wiederholen bis eine Karikatur aus der Band geworden wäre. Stattdessen experimentierten die fünf Musiker immer wieder mit neuen Sounds, die aber nie aufgesetzt wirkten. Das ist auch diesmal der Fall. Kurt Ebelhäuser gibt ein erneutes Gastspiel als Produzent. Bereits 2008 prägte er den Sound von "Coma Chameleon". Auf dem Album näherten sich die Donots drahtigeren Indierock-Einflüssen an und klangen fast schon ein wenig nach Ebelhäusers Band Blackmail ("Stop The Clocks"). Solche Assoziationen flammen nun auch im Winter 2018 wieder auf: "Aschesammeln" erinnert im Chorus an "Tempo Tempo", die letzte Blackmail-Platte mit Sänger Aydo Abay (ebenfalls 2008). Ebenso geht es einem (oder zumindest mir) beim verschleppten "Alle Zeit der Welt", das seinem Titel alle Ehre macht. Die neue Platte erweitert den Klangkosmos der Band erneut um Facetten, in denen cleane Gitarren und ungewohnte Rhythmen schillern. 

Schön sentimental kommt "Die letzte Runde" daher, ein Lied über diese Abende, an denen man weiß, dass der nächste Morgen nicht schön wird, wenn man noch auf ein paar Getränke mehr bleibt, aber andererseits nach Hause gehen auch doof ist. "Gegenwindsurfen" ist ebenfalls eine Nummer mit  Live-Ausraste-Garantie, bei der Turbostaat-Sänger Jan Windmeier als Gast am Mikro steht. Mein absolutes Highlight ist aber das abschließende "Heute Pläne, morgen Konfetti". Diese jubilierenden Gitarren, dieser Text, dieser Chorus! 

Die Donots sind anno 2018 eine der lautesten Stimme in Deutschland (und darüber hinaus), die gegen Hetze, Rassismus und Populismus ankämpft. Dabei finden sie die richtige Balance zwischen politischen Statements und persönlichen Themen und erhalten sich ihre Relevanz durch sorgfältige Neujustierungen im Sound. Die richtige Scheibe zur richtigen Zeit. 

"Lauter als Bomben" ist am 12. Januar 2018 erschienen. Hier noch das Video zu "Rauschen (Auf jeder Frequenz)". 

Samstag, 6. Januar 2018

Heute wegen Krankheit kein Blogbetrieb

Ein neues Jahr und gleich erstmal krank. Nix Schlimmes, aber heute hält mich eine fiese Erkältung leider vom Bloggen ab. Dafür werden die nächsten Wochen umso spannender. Neue Alben von den Donots, Nathan Gray, Calexico und vielen anderen Musikern, die meinen Geschmack treffen.

In diesem Sinne: Immer schön Hände desinfizieren. Und hier noch der thematisch passende Song. Ultimate Classic Rock listet ihn auf Platz sechs der Top Ten Lieder übers Kranksein. Hoffen wir, dass Humble Pie Recht behalten.