Samstag, 9. Juni 2018

Rock im Park 2018: Die Bilder

Bevor es heute zum Rockavaria in München geht, möchte ich hier gern noch übers letzte Wochenende bloggen. Ich war als Fotograf für die Schwäbische Zeitung bei Rock im Park in Nürnberg. Ein fantastisches Wochenende - und immer wieder krass, wie schnell es rumgeht, wenn man von Bühne zu Bühne eilt, um Bilder zu machen.

Hier seht Ihr das Resultat: Wir haben unsere Musikseite komplett dem Festival auf dem Zeppelinfeld gewidmet. Per Klick auf die Zeitungsseite könnt Ihr meine Fotos sehen.

Mehr Bilder von mir findet Ihr unter www.schwäbische.de/rockimpark2018.

Freitag, 1. Juni 2018

Hörtest: Ghost - Prequelle

Nach dem ersten Hören von "Prequelle" der erste Gedanke: Wo ist die Härte hin? Nach dem dritten Hören von "Prequelle": Wo steht der Altar, vor dem ich niederknien kann, um Ghost zu huldigen? Studioalbum Nummer Vier ist ein Paradebeispiel dafür, wieviel Spaß es machen kann, wenn man die Entwicklung einer Band mit Offenheit verfolgt. "Prequelle" ist mehr Pop als alles, was die Okkult-Rocker bisher gemacht haben, aber: Wenn Pop makellose Melodien bedeutet, ist das in diesem Fall völlig in Ordnung. 

Es gehört zum Wesen von Ghost, dass man sich die zehn neuen Songs (minus ein Intro) sofort im konzertanten Kontext vorstellt, weil die Schweden eine so derartig visuelle und atmosphärische Show zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Tobias Forge, Sänger und Kreativkopf der Band, der diesmal als Cardinal Copia die Frontmann-Rolle ausfüllt und Papa Emeritus III begraben hat, beweist eine kompositorische Klasse, die von einem tiefen Verständnis für Rockmusik gleichermaßen wie für Pop, Prog, Metal und Goth zeugt. Man höre nur das sakrale Intro von "Pro Memoria", die cremigen Harmonien, die elegischen Streicher und den barocken Refrain, der ein in Noten gegossenes "Memento Mori" ist - und wenn dann der Chor und das Glockenspiel den Song nach Hause bringen, ist klar: Das wird ein neues Live-Pflichtstück. Das dürfte auch für "Danse Macabre" gelten, diesen vordergründig extrem auf Airplay getrimmten Instanthit, der sich gar ein paar Passagen mit "Disco 2000" von Pulp teilt. Erst runzelt man die Stirn beim Refrain, aber die Doppeldeutigkeit, mit der man anfangs "Just wanna be, wanna with you in the moonlight" hört und dann darauf kommt, dass es heißt "wanna bewitch you in the moonlight", ist entwaffnend. Mut zum Experiment beweist Tobias Forge, für den die Platte nach dem Rechtsstreit mit früheren Bandmitgliedern um Tantiemen ein Befreiungsschlag ist, mit den beiden Instrumentals "Miasma" und "Helvetsfonster". Sie nehmen zehn Minuten ein - aber keine Sorge, langweilig wird es hier nicht. Während Miasma mit progressiven Keyboards spielt, sich durch mehrere Jahrzehnte Rockgeschichte zitiert und dann in einem Saxofonsolo explodiert, das live sicher der Hammer wird, verströmt "Helvetsfonster" einen morbiden Charme, der Ghost ja schon seit ihrem Debüt "Opus Eponymous" (2010) begleitet. 

Der bereits bekannte Song "Rats" (mit einem an Michael Jacksons "Thriller" angelehnten Videoclip) ist neben dem an "Cirice" erinnernden "Faith" der härteste Song der Platte. Sehr schön bei "Faith", wie die letzten Töne schon mal auf das abschließende "Life Eternal" vorgreifen. "Witch Image" ist unspektakulär, dafür gefällt "See The Light" mit seinem bösen Chorus. Eine Platte, die man immer und immer wieder hören will, weil die Melodien einfach so unfassbar schön sind. Ghost werden weiter nicht jedermanns Sache sein, aber dass sie mit "Prequelle" neue Fans gewinnen werden, scheint sicher. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht. Oder besser: mit dessen Gegenspieler. 

"Prequelle" von Ghost erscheint am 1. Juni via Spinefarm. Hier noch das Video zu "Danse Macabre".


Samstag, 19. Mai 2018

SZene-Hörtest: Amorphis - Queen Of Time

Meistens geht es auf diesem Blog um Indie, Punkrock und Alternative. Klar, Americana taucht sicher auch mal auf, und was Folkiges zwischendurch ist auch nicht verkehrt. Aber die Musik, die mich als Jugendlicher geprägt hat, ist Heavy Metal. Und wenn man seine früheren Lieblingsbands etwas aus den Augen verliert, ist es umso schöner, plötzlich wieder wahrzunehmen, was sie in der Zwischenzeit eigentlich so veröffentlicht haben.

Mit Amorphis ging es mir kürzlich so. Ich bin verspätet auf "Under The Red Cloud" gestoßen und war völlig eingenommen. Der Titelsong ist einfach das perfekte Stück Musik. Und auch das neue Album hat mich jetzt umgehauen. Auf "Queen Of Time" finden sich so viele Momente, so viele Melodien, ohne die man nicht mehr auskommen will. Definitiv eine der Platten des Jahres.

Meine Plattenkritik ist am Dienstag auf der SZeneseite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr sie lesen.

Hier noch das Video zu "Amongst Stars". Was für ein Duett! Anneke van Giersbergen erkennt man sofort an ihrer Stimme, und der Gänsehautfaktor ist ähnlich hoch wie damals beim Depeche-Mode-Cover "Never Let Me Down Again" der Farmer Boys.




Sonntag, 6. Mai 2018

Hörtest: Frank Turner - Be More Kind

Die Fragen, nachdem man "Be More Kind" gehört hat: Was wird danach kommen? Wird sich Frank Turner auf den verschwitzten, überschäumenden Campfire-Punkrock besinnen, den er auf Alben wie "Love, Ire And Song" und "Poetry Of The Deed" so meisterhaft zelebriert hat und mit dem er auf dem Radar unzähliger Musikgourmets auftauchte? Oder sind die Pop-Experimente seines inzwischen siebten Albums gekommen um zu bleiben? Und: Ein Protestalbum in gemäßigter Gangart, funktioniert das? 

Die Idee an sich wirkt gut: Wenn Dein Gegenüber in einer Diskussion tobt und brüllt, bleib ruhig und höflich. In einer Welt, in der die politische Diskussion oft genug in CAPS LOCK geführt wird, mahnt Frank Turner zu mehr Menschlichkeit und Mitgefühl. Form und Inhalt bedingen sich hier, denn ein solcher Appell wirkt glaubwürdiger, wenn er eben nicht mit dem Holzhammer eingeprügelt wird. Der Titelsong erinnert anfangs mit seinen sanften Akustikgitarren an "One Great City" von The Weakerthans, und es ist kein Geheimnis, dass Frank Turner ein großer Fan von John K Samson ist. Der Song ist eine hemmungslos idealistische Ansage, und wer Probleme hat, sich darauf einzulassen, kann darüber nachdenken, wie gewöhnt wir es sind, dass alles ironisch gebrochen sein muss um möglichst cool zu wirken. Nun war Frank Turner nie der zynische Hipster, aber bisher ging es bei ihm meist nicht um das große Ganze sondern eher um persönliche Geschichten, ums Scheitern und Weitermachen, um enttäuschte Liebe und Erwartungen. "Be More Kind" hingegen ist ein politisches Bekenntnis. "1933" ist eher noch ein gewohntes Hörerlebnis und orientiert sich am "klassischen" Turner-Sound. Der Song warnt vor einfachen Antworten und Faschismus und zieht eine historische Linie zwischen der Jetzt-Zeit und der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933. Das Stück atmet genau die Energie, die Frank Turners Live-Auftritte auszeichnen.

Enttäuschend hingegen Pop-Sprenkel wie in "Little Changes", das eher wirkt, als ob es in einem Webseitenbausatz-Werbeclip vor einem Frank-Turner-Videoclip auf Youtube erklingen könnte. Auch das von harmlosen Beats getragene "Common Ground" wird es eher nicht in den Kreis der Alltime-Favorites aus der Feder des Briten schaffen. Besser funktioniert der Pop-Einschlag in "There She Is", das mit "Under Pressure"-Gitarren beginnt und vom Tonfall an melancholische Stücke von Dry The River erinnert. Die Unsicherheiten unserer Zeit spiegeln sich in "21st Century Survival Blues" und "Blackout" nieder. Eines der intensivsten Stücke ist "The Lifeboat", das wiederum Weakerthans-Spirit atmet und erst sehr verhalten beginnt und dann in einen orchestralen Schlusspart mündet. Am Ende müssen wir noch über "Make America Great Again" reden. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits finde ich es furchtbar, dass die Trump-Parolen auf diese Weise musikalische Denkmäler bekommen (siehe auch: das aktuelle Album "AmeriKKKant" von Ministry mit seinen Samples). Andererseits kommen aktuelle Protestsongs natürlich nicht daran vorbei, und die Art, wie Turner hier erstenglisches Understatement betreibt ("Well I know I'm just an ignorant Englishman") und dann im Chorus auch sagt, wie er denn die Staaten wieder groß machen möchte ("By making racists ashamed again, Let's make compassion in fashion again"), ist wiederum so schön idealistisch, dass man lächeln muss. Unterm Strich bleibt ein Album, dessen Wichtigkeit sich diesmal vor allem aus seinen Texten speist - musikalisch allerdings nicht komplett überzeugt.

"Be More Kind" ist am 4. Mai via Polydor erschienen. Hier noch das Video zu "Make America Great Again":


Samstag, 28. April 2018

Hörtest: Cancer Bats - The Spark That Moves

Das kam überraschend: Freitag vor einer Woche kamen die Cancer Bats mit einer neuen Platte um die Ecke. Einfach so. Plötzlich und unerwartet, ohne langes Anteasern, Single auskoppeln. Ne, einfach zack, Album erhältlich, CD, Vinyl, Stream. Die Kanadier können darauf vertrauen, dass ihre Fans sich auch ohne wochenlanges Heißmachen auf neue Musik stürzt - und eben auch ohne virales Marketing mitbekommt, dass es was Neues gibt. Und was das für eine Platte dieses sechste Studioalbum der Band ist. 35 Minuten intensivster Hardcore, der so ungestüm daherkommt, dass man um die Stereoanlage fürchtet, wenn man den Lautstärkeregler aufdreht.

Der Opener "Gatekeeper" ist der eingroovende Anfang einer Platte, auf der die Härte monolitisch, aber nie aufgesetzt wirkt, und in der das Zuckerbrot- und Peitsche-Spiel extrem gelungen ist. Da sprintet "Brightest Day" los, um im Chorus dann mit einem cleveren Break aufzuwarten. "We Run Free" wirkt wie von stonerhaftem Schweinerock infiziert, ebenso "Bed Of Nails". Das kurze Piano-Intro von "Fear Will Kill Us All" lässt den Härte-Einfall noch heftiger wirken. Gitarrist Scott Middleton rifft sich um den Verstand, Schlagzeuger Mike Peters und Bassist Jaye Schwarzer modellieren eine stabil-drückende Rhythmusspur und Sänger Liam Cormier wirkt jederzeit, als ob er gleich explodieren will. Das fühlt sich oft an wie früher auf diesen Jugendfreizeiten, ob von Orchester oder Ministranten organisiert: als ob jemand neben Dir steht und "Kannst Du auch nicht schlafen??" brüllt, wenn Du endlich weggenickt bist. Nur eben mit weniger Geigen, weniger Kirche - und an Schlaf ist ja eh nicht zu denken. Wenn dann plötzlich eine fast schon hymnische Melodie mehr angerissen als ausgewalzt wird wie in "Can't Sleep" nach eineinhalb Minuten, ist das ein liebevolles Detail in einem ebenso liebevoll vermöbelnden Batzen von einem Album. Das abschließende "Winterpeg" hat die Band ihrer Heimatstadt Winnipeg gewidmet. Die Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba gehört zu den kältesten Orten der Welt und trägt eben zurecht den Spitznamen "Winterpeg". Passend, dass Chris Hannah, Sänger der ebenfalls dort ansässigen Propagandhi, als Gastvokalist zu hören ist. Aufgenommen wurde das Album übrigens im Private Ear Studio in Winnipeg unter Federführung von JP Peters, der ebenfalls schon mit Propagandhi zusammengearbeitet hat. John K Samson sagt, seine stillen Songs entstehen in langen Winnipeg-Wintern. Cancer Bats haben wohl ihr eigenes Mittel gegen den Winterblues. 

"The Spark That Moves" von Cancer Bats ist am 20. April über das bandeigene Label Bat Skull Records erschienen. Zu jedem Song gibt es auch ein Video. Hier der Clip zu "Winterpeg": 

Samstag, 21. April 2018

SZene-Hörtest: A Perfect Circle - Eat The Elephant

In einer Welt, in der sich die Menschen mit CAPS LOCK gegenseitig niederbrüllen, ist es vielleicht wichtiger, seine Haltung mit leisen Tönen zu transportieren. Das neue Album von A Perfect Circle spart nicht mit Kritik an der Welt von heute - aber diese Kritik verpacken Maynard James Keenan und Billy Howerdel diesmal in Songs, die weniger Härte und dafür noch mehr Facettenreichtum haben. Und: Es ist das erste APC-Album seit 14 Jahren. Mich hat die Platte tierisch begeistert. Meine Besprechung des Albums ist heute auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick auf den Zeitungsartikel könnt Ihr die Rezension lesen.

Samstag, 14. April 2018

Hörtests: Rückkehrer in mehr oder weniger guter Form

Satanic Surfers - Back From Hell

Was für eine Rückkehr! Die Satanic Surfers zeigten sich in den vergangenen Jahren erst auf den Bühnen der Welt, dann gingen sie ins Studio, um dem Ende ihrer von 2007 bis 20015 währenden Bandpause auch neue Songs zu spendieren. Eine gute Entscheidung, denn mit "Back From Hell" präsentiert sich die schwedische Skatepunk-Legende in Höchstform. Wer sich nicht an der eindringlichen Stimme von Ropdrigo Alfaro satt hören konnte, war in den vergangenen Jahren auch mit Atlas Losing Grip bestens bedient. Trotzdem dürften sich viele Fans noch mehr über diese Reunion freuen. Wenn im Opener "The Usurper" die Twin-Gitarren röhren, fühlt sich das einfach richtig und richtig gut an. Die Reggae-Rhythmen in "Self-Medication", die Speed-Attacken in "Ain't No Ripper und die dynamischen Wechsel in "Madhouse" zeigen, dass die Band nichts von ihrer stürmischen und melodischen Art eingebüßt hat. Zehn Songs, 30 Minuten - kurz und intensiv ist dieses Comeback ausgefallen. Willkommen zurück.

(erschienen am 13. April via Regain Records)



++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Monster Magnet - Mindfucker 

Dave Wyndorf und seine Spacetrucker sind wieder da. Und sie haben zehn Songs mitgebracht, die Anhängern von breitwandigen Stonerockriffs ein Grinsekatzegrinsen aufs Gesicht zaubern werden. Sollte irgendjemand diese Zeilen lesen und beim Namen Monster Magnet nur an den 90er-Jahre-Hit "Space Lord" denken, empfehle ich dringend, alle Alben nach "Powertrip" nachzuholen. Und ganz speziell das 2013er Album "The Last Patrol". Das war ein majestätisches Spätwerk, das nicht nur psychedelischen Mummenschanz bot, sondern auch irgendwie Tiefe und Melancholie. "Mindfucker" erweckt schon dem Titel nach den Eindruck, dass es hier nicht übelst philosophisch zugehen wird. Erwartet auch keiner. Was man aber nicht unbedingt erwarten durfte und hier trotzdem geliefert wird, ist eine Souveränität, mit der die Truppe ihren überdimensionalen Rock hintrümmert. Die Gitarrenarbeit ist Oberliga und auch wenn die Zutaten vertraut klingen, wirkt hier nichts abgestanden, sondern mit einem positiven Punch versehen, der sich denn auch für eine Live-Ohrdruckwellenmassage empfiehlt.

(erschienen am 23. März via Napalm) 



++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Josh T. Pearson - The Straight Hits! 

Was für eine Neuerfindung. Wahrscheinlich dachte sich Josh T. Pearson, dass er in einer Welt voller bärtiger, melancholischer Songwriter eher herausstechen wird, wenn er nicht nur die Gesichtsbehaarung ablegt, sondern auch den düsteren Look gegen helle Klamotten und einen Cowboyhut tauscht. Das sind Äußerlichkeiten, klar, aber sie signalisieren eben auch einen musikalischen Kurswechsel. Wer das fantastische 2011er-Album "Last Of The Country Gentleman" wegen seiner atmosphärischen Dichte, seiner ehrlichen Verletzlichkeit und seiner wundervollen Morbidität stark fand, wird hier wohl enttäuscht werden. Songs wie "Give It To Me Straight" wirken wie Parodien, und Pearson sagt selbst, dass er Ballast abwerfen wollte. Doch diese radikale Wende wirkt arg bemüht, und man ist nicht sicher, was das hier eigentlich sein soll. Es gibt Momente, in denen das Genie durchblitzt, so etwa "Loved Straight To Hell", aber für den Mann, der mit seiner Band Lift To Experience 2001 für das Album "The Texas-Jerusalem Crossroads" als Songwriting-Größe verehrt wurde, ist das ein bisschen wenig.