Samstag, 28. April 2018

Hörtest: Cancer Bats - The Spark That Moves

Das kam überraschend: Freitag vor einer Woche kamen die Cancer Bats mit einer neuen Platte um die Ecke. Einfach so. Plötzlich und unerwartet, ohne langes Anteasern, Single auskoppeln. Ne, einfach zack, Album erhältlich, CD, Vinyl, Stream. Die Kanadier können darauf vertrauen, dass ihre Fans sich auch ohne wochenlanges Heißmachen auf neue Musik stürzt - und eben auch ohne virales Marketing mitbekommt, dass es was Neues gibt. Und was das für eine Platte dieses sechste Studioalbum der Band ist. 35 Minuten intensivster Hardcore, der so ungestüm daherkommt, dass man um die Stereoanlage fürchtet, wenn man den Lautstärkeregler aufdreht.

Der Opener "Gatekeeper" ist der eingroovende Anfang einer Platte, auf der die Härte monolitisch, aber nie aufgesetzt wirkt, und in der das Zuckerbrot- und Peitsche-Spiel extrem gelungen ist. Da sprintet "Brightest Day" los, um im Chorus dann mit einem cleveren Break aufzuwarten. "We Run Free" wirkt wie von stonerhaftem Schweinerock infiziert, ebenso "Bed Of Nails". Das kurze Piano-Intro von "Fear Will Kill Us All" lässt den Härte-Einfall noch heftiger wirken. Gitarrist Scott Middleton rifft sich um den Verstand, Schlagzeuger Mike Peters und Bassist Jaye Schwarzer modellieren eine stabil-drückende Rhythmusspur und Sänger Liam Cormier wirkt jederzeit, als ob er gleich explodieren will. Das fühlt sich oft an wie früher auf diesen Jugendfreizeiten, ob von Orchester oder Ministranten organisiert: als ob jemand neben Dir steht und "Kannst Du auch nicht schlafen??" brüllt, wenn Du endlich weggenickt bist. Nur eben mit weniger Geigen, weniger Kirche - und an Schlaf ist ja eh nicht zu denken. Wenn dann plötzlich eine fast schon hymnische Melodie mehr angerissen als ausgewalzt wird wie in "Can't Sleep" nach eineinhalb Minuten, ist das ein liebevolles Detail in einem ebenso liebevoll vermöbelnden Batzen von einem Album. Das abschließende "Winterpeg" hat die Band ihrer Heimatstadt Winnipeg gewidmet. Die Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba gehört zu den kältesten Orten der Welt und trägt eben zurecht den Spitznamen "Winterpeg". Passend, dass Chris Hannah, Sänger der ebenfalls dort ansässigen Propagandhi, als Gastvokalist zu hören ist. Aufgenommen wurde das Album übrigens im Private Ear Studio in Winnipeg unter Federführung von JP Peters, der ebenfalls schon mit Propagandhi zusammengearbeitet hat. John K Samson sagt, seine stillen Songs entstehen in langen Winnipeg-Wintern. Cancer Bats haben wohl ihr eigenes Mittel gegen den Winterblues. 

"The Spark That Moves" von Cancer Bats ist am 20. April über das bandeigene Label Bat Skull Records erschienen. Zu jedem Song gibt es auch ein Video. Hier der Clip zu "Winterpeg": 

Samstag, 21. April 2018

SZene-Hörtest: A Perfect Circle - Eat The Elephant

In einer Welt, in der sich die Menschen mit CAPS LOCK gegenseitig niederbrüllen, ist es vielleicht wichtiger, seine Haltung mit leisen Tönen zu transportieren. Das neue Album von A Perfect Circle spart nicht mit Kritik an der Welt von heute - aber diese Kritik verpacken Maynard James Keenan und Billy Howerdel diesmal in Songs, die weniger Härte und dafür noch mehr Facettenreichtum haben. Und: Es ist das erste APC-Album seit 14 Jahren. Mich hat die Platte tierisch begeistert. Meine Besprechung des Albums ist heute auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick auf den Zeitungsartikel könnt Ihr die Rezension lesen.

Samstag, 14. April 2018

Hörtests: Rückkehrer in mehr oder weniger guter Form

Satanic Surfers - Back From Hell

Was für eine Rückkehr! Die Satanic Surfers zeigten sich in den vergangenen Jahren erst auf den Bühnen der Welt, dann gingen sie ins Studio, um dem Ende ihrer von 2007 bis 20015 währenden Bandpause auch neue Songs zu spendieren. Eine gute Entscheidung, denn mit "Back From Hell" präsentiert sich die schwedische Skatepunk-Legende in Höchstform. Wer sich nicht an der eindringlichen Stimme von Ropdrigo Alfaro satt hören konnte, war in den vergangenen Jahren auch mit Atlas Losing Grip bestens bedient. Trotzdem dürften sich viele Fans noch mehr über diese Reunion freuen. Wenn im Opener "The Usurper" die Twin-Gitarren röhren, fühlt sich das einfach richtig und richtig gut an. Die Reggae-Rhythmen in "Self-Medication", die Speed-Attacken in "Ain't No Ripper und die dynamischen Wechsel in "Madhouse" zeigen, dass die Band nichts von ihrer stürmischen und melodischen Art eingebüßt hat. Zehn Songs, 30 Minuten - kurz und intensiv ist dieses Comeback ausgefallen. Willkommen zurück.

(erschienen am 13. April via Regain Records)



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Monster Magnet - Mindfucker 

Dave Wyndorf und seine Spacetrucker sind wieder da. Und sie haben zehn Songs mitgebracht, die Anhängern von breitwandigen Stonerockriffs ein Grinsekatzegrinsen aufs Gesicht zaubern werden. Sollte irgendjemand diese Zeilen lesen und beim Namen Monster Magnet nur an den 90er-Jahre-Hit "Space Lord" denken, empfehle ich dringend, alle Alben nach "Powertrip" nachzuholen. Und ganz speziell das 2013er Album "The Last Patrol". Das war ein majestätisches Spätwerk, das nicht nur psychedelischen Mummenschanz bot, sondern auch irgendwie Tiefe und Melancholie. "Mindfucker" erweckt schon dem Titel nach den Eindruck, dass es hier nicht übelst philosophisch zugehen wird. Erwartet auch keiner. Was man aber nicht unbedingt erwarten durfte und hier trotzdem geliefert wird, ist eine Souveränität, mit der die Truppe ihren überdimensionalen Rock hintrümmert. Die Gitarrenarbeit ist Oberliga und auch wenn die Zutaten vertraut klingen, wirkt hier nichts abgestanden, sondern mit einem positiven Punch versehen, der sich denn auch für eine Live-Ohrdruckwellenmassage empfiehlt.

(erschienen am 23. März via Napalm) 



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Josh T. Pearson - The Straight Hits! 

Was für eine Neuerfindung. Wahrscheinlich dachte sich Josh T. Pearson, dass er in einer Welt voller bärtiger, melancholischer Songwriter eher herausstechen wird, wenn er nicht nur die Gesichtsbehaarung ablegt, sondern auch den düsteren Look gegen helle Klamotten und einen Cowboyhut tauscht. Das sind Äußerlichkeiten, klar, aber sie signalisieren eben auch einen musikalischen Kurswechsel. Wer das fantastische 2011er-Album "Last Of The Country Gentleman" wegen seiner atmosphärischen Dichte, seiner ehrlichen Verletzlichkeit und seiner wundervollen Morbidität stark fand, wird hier wohl enttäuscht werden. Songs wie "Give It To Me Straight" wirken wie Parodien, und Pearson sagt selbst, dass er Ballast abwerfen wollte. Doch diese radikale Wende wirkt arg bemüht, und man ist nicht sicher, was das hier eigentlich sein soll. Es gibt Momente, in denen das Genie durchblitzt, so etwa "Loved Straight To Hell", aber für den Mann, der mit seiner Band Lift To Experience 2001 für das Album "The Texas-Jerusalem Crossroads" als Songwriting-Größe verehrt wurde, ist das ein bisschen wenig.


Sonntag, 8. April 2018

Galerie der Klassiker: A Perfect Circle - Mer De Noms / Thirteenth Step

Die anstehende Veröffentlichung von "Eat The Elephant", dem ersten "richtigen" Studioalbum von A Perfect Circle seit 15 Jahren ("eMotive" von 2004 zähl ich als Coveralbum einfach mal nicht mit), wirft ihre Schatten voraus. Die bisher veröffentlichten Songs deuten auf ein großes Werk hin, das nicht nur Tool-Anhänger in die Arme schließen werden. Mir geht derzeit besonders "Disillusioned" nicht mehr aus dem Kopf, ein fast schon flehentlicher Appell an den durchschnittlichen Smartphonenutzer, sich von der Technik loszureißen und sich seiner Mitmenschen wieder bewusster zu werden. Das mag mancher als hängengebliebenes Opa-Genöle abtun (auf diesem Niveau wird der Song im Netz teilweise kritisiert), aber dass die Digitalisierung verdammt gefährliche Schattenseiten hat, dafür gibt es ziemlich viele Beispiele - man denke nur an den aktuellen Datenschutz-Skandal bei Facebook.

Als A Perfect Circle "Mer De Noms" vor 18 Jahren veröffentlichten, war ich kurz vor dem Abitur und schwelgte als Metalhead in Vorfreude auf das "Metal 2000", einem Indoor-Festival auf dem Maimarktgelände in Mannheim. Iron Maiden, Slayer, Motörhead, Dream Theater, Spiritual Beggars - ich war damals im siebten Himmel. Zwei Monate vor diesem Erlebnis stand "Mer De Noms" in den Regalen der CD-Händler und obwohl ich da noch extrem auf Doublebass, Heldentenöre und musikalische Fantasy-Welten stand, begeisterte mich das Album von Maynard James Keenan und Billy Howerdel nachhaltig. Das lag auch an Michael Rensen: Wenn er im RockHard Musik besprach, dann tat er das in einer bildhaften Sprache, die sich Klischees und Allgemeinplätze sparte. Die Texte sprachen zu mir. Über das Debüt von A Perfect Circle hatte Rensen in seiner Rezension Folgendes zu sagen: ""Mer de Noms" klingt wie ein nächtlicher Strandspaziergang am Rande einer pulsierenden Cyberspace-Metropole, wie ein farbenschillernder Dschungel-Trip im vierten Jahrtausend, wie ein Ausflug in jene Welten, die eigentlich einem Devin Townsend vorbehalten sind." Du hattest mich bei Cyberspace-Metropole. Es war die Mischung aus hartem Gitarrenstoff und atmosphärischer Klangweite, die mich an dieser Platte faszinierte. Das Gleißen des Openers "The Hollow", die hitzeflirrende Schwere von "Magdalena", die knurrende Wut von "Judith" - das waren die ersten Momente einer Platte, die auch fast 20 Jahre nach ihrer Veröffentlichung immer noch regelmäßig bei mir im CD-Spieler landet. Beim Video zu "Judith" führte übrigens David Fincher Regie, der 1999 mit "Fight Club" mein absoluter Lieblingsregisseur wurde.


Und hier noch ein fantastisches Drum-Cover von Judith:



2003 Jahre später hatte ich mein Abitur in der Tasche, den Zivildienst hinter mich gebracht, studierte und war kurz davor, mich Stück für Stück von traditionellem Heavy Metal abzuwenden und dafür punkigere und alternativere Klänge zu entdecken. "A Thirteenth Step" war eine willkommene Abwechslung von In Flames (die für mich 1999 mit "Colony" ihr letztes richtig gutes Album abgeliefert hatten), Blind Guardian (die mich 2002 mit "A Night At The Opera" auch nur bedingt hatten überzeugen können) und Nevermore (deren 2000er Album "Dead Heart In A Dead World" das letzte Album war, das ich richtig wahrgenommen habe). Wie groß war "Weak And Powerless" bitte? Wo Tool musikalisch und technisch immer überschäumten und wie ein unfassbar großes Mosaik wirkten, wirkte der Sound von A Perfect Circle sehniger und reduzierter - aber kaum weniger virtuos. Und mit düsteren Fieberträumen wie "The Noose" oder der völlig verstörenden Failure-Coverversion "The Nurse Who Loved Me" enthielt das Album starke Momente, die auch heute noch nachhallen. Das bedrohlich brodelnde Gitarrenbrett in "Pet" und das mit einem provokanten Video versehene "The Outsider" hinterließen ebenfalls bleibenden Eindruck bei mir.

Nun sind wir wieder 15 Jahre weiter. Die Welt scheint kein besserer Ort zu sein als damals. A Perfect Circle sind nicht stehengeblieben und haben etwas zu sagen. Ich freue mich darauf, ihnen zuzuhören.

Hier noch das Video zu "The Outsider":


 Und ein fantastisches Drumcover von "The Outsider":