Hörtest: Ghost - Prequelle

Nach dem ersten Hören von "Prequelle" der erste Gedanke: Wo ist die Härte hin? Nach dem dritten Hören von "Prequelle": Wo steht der Altar, vor dem ich niederknien kann, um Ghost zu huldigen? Studioalbum Nummer Vier ist ein Paradebeispiel dafür, wieviel Spaß es machen kann, wenn man die Entwicklung einer Band mit Offenheit verfolgt. "Prequelle" ist mehr Pop als alles, was die Okkult-Rocker bisher gemacht haben, aber: Wenn Pop makellose Melodien bedeutet, ist das in diesem Fall völlig in Ordnung. 

Es gehört zum Wesen von Ghost, dass man sich die zehn neuen Songs (minus ein Intro) sofort im konzertanten Kontext vorstellt, weil die Schweden eine so derartig visuelle und atmosphärische Show zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Tobias Forge, Sänger und Kreativkopf der Band, der diesmal als Cardinal Copia die Frontmann-Rolle ausfüllt und Papa Emeritus III begraben hat, beweist eine kompositorische Klasse, die von einem tiefen Verständnis für Rockmusik gleichermaßen wie für Pop, Prog, Metal und Goth zeugt. Man höre nur das sakrale Intro von "Pro Memoria", die cremigen Harmonien, die elegischen Streicher und den barocken Refrain, der ein in Noten gegossenes "Memento Mori" ist - und wenn dann der Chor und das Glockenspiel den Song nach Hause bringen, ist klar: Das wird ein neues Live-Pflichtstück. Das dürfte auch für "Danse Macabre" gelten, diesen vordergründig extrem auf Airplay getrimmten Instanthit, der sich gar ein paar Passagen mit "Disco 2000" von Pulp teilt. Erst runzelt man die Stirn beim Refrain, aber die Doppeldeutigkeit, mit der man anfangs "Just wanna be, wanna with you in the moonlight" hört und dann darauf kommt, dass es heißt "wanna bewitch you in the moonlight", ist entwaffnend. Mut zum Experiment beweist Tobias Forge, für den die Platte nach dem Rechtsstreit mit früheren Bandmitgliedern um Tantiemen ein Befreiungsschlag ist, mit den beiden Instrumentals "Miasma" und "Helvetsfonster". Sie nehmen zehn Minuten ein - aber keine Sorge, langweilig wird es hier nicht. Während Miasma mit progressiven Keyboards spielt, sich durch mehrere Jahrzehnte Rockgeschichte zitiert und dann in einem Saxofonsolo explodiert, das live sicher der Hammer wird, verströmt "Helvetsfonster" einen morbiden Charme, der Ghost ja schon seit ihrem Debüt "Opus Eponymous" (2010) begleitet. 

Der bereits bekannte Song "Rats" (mit einem an Michael Jacksons "Thriller" angelehnten Videoclip) ist neben dem an "Cirice" erinnernden "Faith" der härteste Song der Platte. Sehr schön bei "Faith", wie die letzten Töne schon mal auf das abschließende "Life Eternal" vorgreifen. "Witch Image" ist unspektakulär, dafür gefällt "See The Light" mit seinem bösen Chorus. Eine Platte, die man immer und immer wieder hören will, weil die Melodien einfach so unfassbar schön sind. Ghost werden weiter nicht jedermanns Sache sein, aber dass sie mit "Prequelle" neue Fans gewinnen werden, scheint sicher. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht. Oder besser: mit dessen Gegenspieler. 

"Prequelle" von Ghost erscheint am 1. Juni via Spinefarm. Hier noch das Video zu "Danse Macabre".