Galerie der Klassiker: A Perfect Circle - Mer De Noms / Thirteenth Step

Die anstehende Veröffentlichung von "Eat The Elephant", dem ersten "richtigen" Studioalbum von A Perfect Circle seit 15 Jahren ("eMotive" von 2004 zähl ich als Coveralbum einfach mal nicht mit), wirft ihre Schatten voraus. Die bisher veröffentlichten Songs deuten auf ein großes Werk hin, das nicht nur Tool-Anhänger in die Arme schließen werden. Mir geht derzeit besonders "Disillusioned" nicht mehr aus dem Kopf, ein fast schon flehentlicher Appell an den durchschnittlichen Smartphonenutzer, sich von der Technik loszureißen und sich seiner Mitmenschen wieder bewusster zu werden. Das mag mancher als hängengebliebenes Opa-Genöle abtun (auf diesem Niveau wird der Song im Netz teilweise kritisiert), aber dass die Digitalisierung verdammt gefährliche Schattenseiten hat, dafür gibt es ziemlich viele Beispiele - man denke nur an den aktuellen Datenschutz-Skandal bei Facebook.

Als A Perfect Circle "Mer De Noms" vor 18 Jahren veröffentlichten, war ich kurz vor dem Abitur und schwelgte als Metalhead in Vorfreude auf das "Metal 2000", einem Indoor-Festival auf dem Maimarktgelände in Mannheim. Iron Maiden, Slayer, Motörhead, Dream Theater, Spiritual Beggars - ich war damals im siebten Himmel. Zwei Monate vor diesem Erlebnis stand "Mer De Noms" in den Regalen der CD-Händler und obwohl ich da noch extrem auf Doublebass, Heldentenöre und musikalische Fantasy-Welten stand, begeisterte mich das Album von Maynard James Keenan und Billy Howerdel nachhaltig. Das lag auch an Michael Rensen: Wenn er im RockHard Musik besprach, dann tat er das in einer bildhaften Sprache, die sich Klischees und Allgemeinplätze sparte. Die Texte sprachen zu mir. Über das Debüt von A Perfect Circle hatte Rensen in seiner Rezension Folgendes zu sagen: ""Mer de Noms" klingt wie ein nächtlicher Strandspaziergang am Rande einer pulsierenden Cyberspace-Metropole, wie ein farbenschillernder Dschungel-Trip im vierten Jahrtausend, wie ein Ausflug in jene Welten, die eigentlich einem Devin Townsend vorbehalten sind." Du hattest mich bei Cyberspace-Metropole. Es war die Mischung aus hartem Gitarrenstoff und atmosphärischer Klangweite, die mich an dieser Platte faszinierte. Das Gleißen des Openers "The Hollow", die hitzeflirrende Schwere von "Magdalena", die knurrende Wut von "Judith" - das waren die ersten Momente einer Platte, die auch fast 20 Jahre nach ihrer Veröffentlichung immer noch regelmäßig bei mir im CD-Spieler landet. Beim Video zu "Judith" führte übrigens David Fincher Regie, der 1999 mit "Fight Club" mein absoluter Lieblingsregisseur wurde.


Und hier noch ein fantastisches Drum-Cover von Judith:



2003 Jahre später hatte ich mein Abitur in der Tasche, den Zivildienst hinter mich gebracht, studierte und war kurz davor, mich Stück für Stück von traditionellem Heavy Metal abzuwenden und dafür punkigere und alternativere Klänge zu entdecken. "A Thirteenth Step" war eine willkommene Abwechslung von In Flames (die für mich 1999 mit "Colony" ihr letztes richtig gutes Album abgeliefert hatten), Blind Guardian (die mich 2002 mit "A Night At The Opera" auch nur bedingt hatten überzeugen können) und Nevermore (deren 2000er Album "Dead Heart In A Dead World" das letzte Album war, das ich richtig wahrgenommen habe). Wie groß war "Weak And Powerless" bitte? Wo Tool musikalisch und technisch immer überschäumten und wie ein unfassbar großes Mosaik wirkten, wirkte der Sound von A Perfect Circle sehniger und reduzierter - aber kaum weniger virtuos. Und mit düsteren Fieberträumen wie "The Noose" oder der völlig verstörenden Failure-Coverversion "The Nurse Who Loved Me" enthielt das Album starke Momente, die auch heute noch nachhallen. Das bedrohlich brodelnde Gitarrenbrett in "Pet" und das mit einem provokanten Video versehene "The Outsider" hinterließen ebenfalls bleibenden Eindruck bei mir.

Nun sind wir wieder 15 Jahre weiter. Die Welt scheint kein besserer Ort zu sein als damals. A Perfect Circle sind nicht stehengeblieben und haben etwas zu sagen. Ich freue mich darauf, ihnen zuzuhören.

Hier noch das Video zu "The Outsider":


 Und ein fantastisches Drumcover von "The Outsider":