Hörtest: Politische Protestsongs und mysteriöse Klangwelten

Als ich Tinnitus Attacks vor sieben Jahren aus der Taufe hob, habe ich jeden Tag etwas hier veröffentlicht. Diesen Rhythmus konnte ich auf Dauer nicht beibehalten. Nur einmal pro Woche ist aber auch zu wenig - zumal es so viele Platten gibt, die ich dann nicht besprechen könnte. Ab sofort gibt es den Hörtest ab heute mit mehreren Platten auf einmal. Kürzere Texte, mehr Musik - denn um die geht es ja schließlich.

The Low Anthem - The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea


The Low Anthem, mon Amour. Eine Band wie ein Bilderbuch, in dem sich Landschaften auffalten, wenn man die Seiten umblättert, und in denen Lichter in den Fenstern der Häuser darüber hinwegtrösten, dass schon wieder ein Tag um ist und die Nacht sich wie ein Mantel des Schweigens über unsere Abenteuer legt. Schon auf Alben wie "Smart Flesh" haben Ben Knox Miller eine makellose Vision von folk-inspirierten Indieklängen erschaffen, die keinerlei Experimente scheute.
Das gilt auch für "The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea". Es macht keinen Sinn mehr, hier einen einzelnen Song herauszuheben, weil man die Platte einfach am Stück genießen muss - und zwar am besten mit Hi-Fi-Kopfhörern oder über richtig guten Boxen. Denn hier passiert unglaublich viel im Hintergrund. Elektronische Klangspielereien verleihen dem Album eine eigentümliche Atmosphäre. Bei NPR erklärt Miller, wie er diese Sounds kreiert hat. Nach einem Busunglück 2016, bei dem die Band glücklicherweise unverletzt blieb, waren Instrumente und technisches Zubehör geschrottet. Miller machte aus der Not eine Tugend und kreierte mit minimalistischer Ausstattung Loops, die das ganze Album verändern. Thematisch geht es um die Fabel von der Puppe aus Salz, die das Meer erkunden will (der Albumtitel, ähm, deutet es an). Die schwebenden Klänge, die entrückte Atmosphäre, die kauzige Eigentümlichkeit - dafür muss man diese Platte lieben. Sie zwingt den Hörer, diese Tonfülle in einem entschleunigten und lärmbefreiten Kokon zu würdigen. Damit kein Detail verschütt geht. 

(Erschienen am 23. Februar via Joyful Noise / www.lowanthem.com)




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Templeton Pek - Watching the  World Come Undone


Horrorfilme machen ihm nichts mehr aus, denn die könnten gar nicht so gruselig sein wie das, was wir jeden Tag in den Nachrichten sehen, hab ich letztens jemand in einem Post im Netz gelesen. Und es stimmt schon, wenn man sich den Zustand der Welt anguckt, fällt es einem schwer, positiv zu denken. Die britischen Punkrocker von Templeton Pek greifen diese Stimmung auf ihrem neuen Album auf und vertonen sie mit wütender Härte und großen Melodien.
Das spiegelt sich auch in Songtiteln wie "Nowhere To Hide" wider. Doch anstatt den Hörer mit einem schlechten Gefühl zurückzulassen, trauen sich Nummern wie der eben erwähnte Opener, hymnenhaften Pathos zu atmen. Doch die bombastischen Melodien sind hier kein Kitsch sondern bewahren die Platte eben vor dem Verfallen in triste Observation beschissener Zustände. Gerade nach dem Genuss des Quasi-Titeltracks "Aftermath" (der die Textzeile im Namen der Platte enthält) oder der Abrissbirne "The Awakening" wirft man sich nur umso motivierter in das Streben für eine Welt, in der der Ausnahmezustand nicht zur neuen Normalität wird.  Neal Mitchell (Gesang, Bass), Kev Green (Gitarre, Gesang), und Simon Barford (Schlagzeug) waren bereits mit Genregrößen wie Rise Against auf Tour - mit dieser Platte sind sie ihnen auch in punkto Songwriting ebenbürtig. Die wuchtige Produktion der zehn Songs tut ihr Übriges dazu.

(erschienen am 23. Februar via Drakkar/Soulfood / www.templetonpekofficial.com)



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Superchunk - What A Time To Be Alive


Immer seltsam und doch auch genial, wenn man Bands für sich entdeckt, die eigentlich schon lange da sind. So ging es mir auch mit Superchunk, die ich erst mit "Majesty Shredding" (auch schon wieder acht Jahre her) empfohlen bekam. Aber eben besser spät als nie. Und auf "What A Time To Be Alive" zeigen die 1989 gegründeten Indierocker aus North Carolina, dass die Zeiten (und wir haben erst etwas mehr als ein Jahr Trump im Amt hinter uns) zwar beschissen sind, aber dass Resignation keine Lösung ist.
Dass von dieser Band eine politische Protestplatte kommt, hatte man nun nicht unbedingt erwartet. Aber wenn Sänger Mac McCaughan im Opener und Titeltrack singt "The scum, the shame, the fucking lies / Oh what a time to be alive", dann vereinen sich Wut und Positivität auf kongeniale Weise. Das steht der Band wirklich gut, und bei allem Realismus in Songs wie "Lost My Brain" oder "Reagan Youth" hat das Quartett weder seine überschäumend-ungestüme Spielfreude noch die positiven Vibes vergessen. Man kann sich das richtig gut vorstellen, wie die neuen Songs gerade im Festival-Kontext die Fans aufkratzen. Zum Runterkommen steht ganz am Ende dann "Black Thread", ein Song wie ein Abspann. Und wieder dieser hoffnungsvolle Ton, der einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Selten klang Protest so gut gelaunt.

(erschienen am 16. Februar via Merge Records / http://superchunk.com)




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Anna von Hausswolff - Dead Magic

Endlich wieder psychedelische Orgelklänge, die so gar nicht ins oftmals glattgebügelte Pop-Biz passen. Wäre die ganze Musikwelt eine einzige zynische Castingshow, die Dieter Bohlens dieser Welt würden uns Geheimtipps wie Anna von Hausswolff wohl einfach vorenthalten. Die 31-jährige aus dem Land von Abba, In Flames und The Hellacopters interessiert sich nicht für Konventionen, sie hängt sich keine Gitarre um und ist kein gefälliges Popgirl, sondern sitzt hinter dem wuchtigen Instrument, das viele nur aus der Kirche kennen. The Miraculous", welches meine Einstiegsdroge in diese kopfkinotaugliche Welt der weiten Klangspiele war. Zum großen Teil wurden die Stücke in der Kopenhagener "Marmorkirche" aufgenommen, gespielt auf einer Orgel aus dem 20. Jahrhundert. In Szene gesetzt wurden die Songs von Randall Dunn (Sunn O))), Wolves in the Throne Room,). Fünf Stücke, 47 Minuten, gesprengte Songformate, übertroffene Erwartungen: Willkommen in der seltsamen Welt von Anna von Hausswolff. Ich fühle mich pudelwohl darin.
Auf "Dead Magic" klingt der Sound der Musikerin immer noch so schön seltsam und verstörend wie auf dem Vorgängeralbum "

(erschienen am 2. März via City Slang / www.annavonhausswolff.org)