Sonntag, 27. März 2011

Sonntags-Matinée: Die Entdeckung der Langsamkeit

Bob Dylan liegt in der Hängematte und bekommt Besuch von einem Country-Orchester. Aber weil die Quecksilbersäule 104 Grad Fahrenheit zeigt, jammt man die meiste Zeit äußerst dösig. Was jetzt nicht negativ gemeint ist. 

Im Gegenteil. "Smart Flesh", das jüngst erschienene vierte Album des Quartetts aus Rhode Island, kommt die meiste Zeit auf Samtpfoten daher und gibt einem dadurch so viel mehr. Fast könnte man bei der berauschenden Beruhigungswirkung des Openers "Ghost Woman Blues" oder des mehrstimmig gesungenen "Love and Altar" vergessen, wie opulent instrumentiert das ganze Album ist. Hier sind Alleskönner am Werk, die keine Gastmusiker brauchen, um Harmonium, Orgel, Flügelhorn oder Geige erklingen zu lassen. Dazwischen mischt sich auch mal das Rauschen eines Radios.

In den zurückgenommenen Momenten entfaltet das Album die größte Wucht, weil die Substanz so deutlich zu Tage tritt, dass man diese 48 Minuten für immer ins Herz schließen will. "Apothecary Love", dieses Stück Musik, dessen Text über eine flüchtige Liebe so folk-typisch ist, klingt wie eine bunte Lichterkette, die sich auf einem dunklen See wiederspiegelt. "Wire" lässt einen im Klassik-Konzertsaal mit einer Klarinette allein, die NASA-Technologin Jocie Adams dreimal eingespielt hat und sich überlagern lässt. Bei "Matter of Time" reichen die Stimme von Ben Knox Miller, ein Bass, ein Harmonium und eine Mundharmonika aus, um zu berühren, ein A-ha-Erlebnis auch "Burn": Im ersten Moment weiß man nicht, ob es eine singende Säge oder eine Operndiva ist, die sich da in die höchsten Höhen schwingt.

Und dann gibt es da noch "Boeing 737", diesen hymnischen Folkrock-Stampfer: Mit Pauken und Trompeten stürmt dieses Monument daher und erinnert an den 11. September und an den französischen Hochseil-Artist Philippe Petit, der 1974 zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Centers auf einem Drahtseil spazieren ging. Der irische Autor Colum McCann hat Petits Drahtseilakt in seinem Roman "Die große Welt" verarbeitet. Aufgenommen wurde "Smart Flesh" übrigens zu großen Teilen in einer einsturzgefährdeten Halle einer früheren Pasta-Fabrik. Man meint, die Weite förmlich zu spüren.

Solange es Bands wie The Low Anthem gibt, braucht einem um den amerikanischen Indie-Folk nicht bange zu sein. Eine schöne Erkenntnis.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen