Jahresrückblick, Teil 2: Meine zehn subjektiven Lieblingsplatten 2017

Das liebe ich immer am meisten: den Jahresrückblick erstellen. Welche Alben bleiben übrig am Ende des Jahres, was hat bewegt, was überrascht, sich festgebissen? An dieser Stelle lest Ihr etwas über meine zehn Lieblingsalben des Jahres. Da müssen nicht die hippsten neuen Dinger dabei sein, hier geht es rein um subjektive Eindrücke. Und wie immer gilt: Der Rang errechnet sich aus einem irgendwie zustande gekommenen Wert, bei dem Hördurchläufe und Euphorie miteinander verrechnet sind. 

10.) Foo Fighters - Gold And Concrete

Auch wenn sie von vielen als bräsige Altrockerscheibe belächelt wurde: Ich fand die neue Foo Fighters sehr gut. Nicht so fantastisch wie "Wasting Light", aber doch sehr gut. Allein der stampfende Song "Sky Is A Neighbourhood" hat mich umgehauen. Und in Stücken wie "Dirty Water" zeigen sich wieder neue Facetten. Aber ich geb auch zu: Wenn es um Dave Grohl geht, bin ich Fanboy. Wenn immer ich an der Menschheit zweifle, möchte ich den Leuten zurufen: Warum könnt Ihr nicht ein bisschen mehr sein wie Dave Grohl?


9.) Broilers - (sic!)

Ein fantastisches Album und ein wichtiges Statement in einem politisch gruseligen Jahr: Sammy Amara und seine Band haben mit (sic!) ein verdammt relevantes Album veröffentlicht. Songs wie "Nur ein Land", "Keine Hymnen Heute" oder auch "Zu den Wurzeln" beziehen eindeutig Stellung gegen Hass, Hetze und Rassismus. Und mit "Meine Familie" ist ein neuer Live-Klassiker dabei, der in den ohnehin nicht gerade schwachen Live-Shows der Band fantastisch zündet. Eine der wichtigsten deutschsprachigen Rockbands derzeit.



8.) Farin Urlaub - Berliner Schule - Fragwürdige Heimaufnahmen 1984 - 2013

Es ist kein neues Studioalbum, aber für mich war diese Compilation mit Songs, die Farin Urlaub entweder selbst bewusst nie veröffentlicht hat (bisher jedenfalls) oder die von seinen Ärzte-Kollegen abgelehnt wurden, eines der wichtigsten 2017. Denn zum einen sind da fantastische Perlen darunter, "Antimattergun" etwa oder "Lieblingslied", aber auch "Bitte lass mich schlafen" - und zum anderen erzählen sie uns eben auch etwas über den Menschen Farin Urlaub, wie er früher tickte (oder zumindest was für Songs er früher schrieb). Insofern hab ich kein schlechtes Gewissen, diese Zusammenstellung zu meinen Lieblingsalben des Jahres zu zählen.

7.)  Bloodlights - Pulling No Punches

Ich hab ein Faible für skandinavischen Rotzrock, und zwar seit Ende der 90er, als die Hellacopters und Gluecifer Giganten der Gitarrenmusik waren (was für ein Mixtape-Titel wäre das!). Beide Bands gibt es nicht mehr, und während mir von der Hellacopters-Nachfolgern Imperial State Electric alles präsent war, ist das hier die erste Bloodlights-Scheibe (Captain Poon von Gluecifer am Mikro und an der Gitarre, die bei mir landete. Gerade durch ihre Einfachheit so effektiv.




6.) Kettcar - Ich vs. Wir

Auch was Kettcar angeht, bin ich Spätberufener. Aber die neue Platte - wow. Mit „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ haben Marcus Wiebusch und seine Mitstreiter einen gleichermaßen packenden wie intelligenten Kommentar zur Flüchtlingskrise abgeliefert. Und mit "Wenn du das Radio ausmachst. Wird die Scheißmusik auch nicht besser" hat die wichtigste deutsche Indierockband eine Textzeile für die Ewigkeit gedichtet. Eine Rückkehr, die Sinn macht - und gerade in diesem Jahr ein Lichtblick war.

5.) The Weight - dto. 

Es ist so schön zu sehen, wie eine Band, die man seit ein paar Jahren kennt, immer größer wird und den Lohn für ihre unzähligen Auftritte einsammelt. The Weight aus Wien sind live eine echte Wucht und präsentieren ihren Rock mit Anleihen an vergangenen Jahrzehnten so euphorisch, dass man mit einem breiten Dauergrinsen nach Hause geht. Mit ihrem ersten Studioalbum in voller Länge setzen sich die Wiener nun zum Sprung an. Und mit dem Eröffnungstriple "Hard Way", "Trouble" und "Inside" fangen Dich die Grooves und die Riffs sofort ein. Spannend zu sehen, wo es jetzt hingeht.


4.) The National - Sleep Well Beast

Matt Berninger und seine dunkle Stimme, der düstere Indierock mit seinen Abgründen und Vorahnungen - The National sind eine der wichtigsten Bands des Genres, und auch 2017 liefern sie wieder. "Sleep Well Beast" will ergründet werden, drängt sich nicht auf, aber lässt sich auch nicht abschütteln. Das ist mal melancholisch, mal wütend. Aber zu jeder Sekunde will man sich hineinwerfen in diese Sounds und sich ihnen hingeben, weil man weiß: Diese Band bleibt, auch wenn man selbst sich verändert.



3.) Hot Water Music - Light It Up

Nach dem fabelhaften "Exister" setzt der Longplayer Nummer 2 der Reunion-Ära von Hot Water Music noch einen drauf. Chuck Ragan profitiert einmal mehr von seinen Soloerfolgen und zeigt, dass sich harsche Riffs und Widerhakenmelodien nicht ausschließen müssen. Und Chris Wollard macht Songs wie "Vultures" mit seiner etwas raueren Stimme zu schönen Gegenstücken. Warum ich diese Platte nicht in mehr Bestenlisten oben gesehen habe, versteh ich nicht. Wir haben uns alle doch genau das gewünscht - dann lasst uns so ein Meisterstück bitte auch gebührend feiern.



2.) Dave Hause - Bury Me In Philly

"Dance With Me We'll All Be Dead Soon": Man schluckt erstmal, als Dave Hause im Opener wahre Worte ausspricht. Was der frühere Frontmann von The Loved Ones mit seinem neuen Album und seiner neuen Band The Mermaid schafft, hat sich mir vor allem dann bei seinem Live-Auftritt in Lindau offenbart. Songs voller Energie, voller Hoffnung - und so authentisch wie nur irgend möglich. Im Interview hat mir Dave etwas Hoffnung gemacht, dass nach den Trump-Jahren auch wieder eine Welt möglich sein wird, in der man nicht das Gefühl hat, dass alle gesellschaftliche Entwicklung plötzlich rückwärts läuft.


1.) The Menzingers - After The Party

Leere Flaschen, Chipsbrösel, benutzte Gläser: Die Überreste der Party sind immer etwas traurig anzusehen und wenn die Massen nach Hause gegangen sind und die Stille wieder einkehrt, herrscht Katerstimmung. The Menzingers meinen damit die 20er, in denen man unbeschwert feiert, während jenseits der 30er-Grenze die Ilusionen verpuffen und die Verantwortung beginnt. Lyrisch und musikalisch haben die US-Punkrocker dieses Thema auf ihrem aktuellen Album so treffend in Szene gesetzt, dass keine Fragen und keine Wünsche offenbleiben. Manchmal ist das Referenzalbum eben nicht das Debüt, sondern kann auch im fünften Anlauf glücken.

Wie war das letztes Jahr? Hier klicken für den Jahresrückblick 2016.