Mittwoch, 28. Dezember 2016

Jahresrückblick 2016: Meine zehn subjektiven Lieblingsplatten des Jahres

So viele Platten, so wenig Zeit. 2016 war bei mir das Jahr, in dem ich nicht sehr viele Neues entdeckt hab - und auch zu wenig Zeit für neue Musik hatte. Neulich unterhielt ich mich mit einem Freund darüber, dass möglicherweise ein gewisser Sättigungseffekt eingetreten ist. Naja. Ich hör schließlich auch exzessiv Musik, seit ich elf Jahre alt bin. Die Odyssee führte vom klassischen "Smoke On The Water"-Riff über eine Metal-Phase bishin zu meinem Gemischtwarenladen aus Indie, Punkrock, Alternative und Folk, den ich jetzt im Plattenregal hab. Trotzdem bin ich immer noch hungrig und will Neues entdecken, nur dieses Jahr war nicht so viel dabei. Das sieht man auch an meiner Top Ten. Es sind eher die alten Bekannten, die hier dominieren. Nachholen bzw. noch intensiver reinhören werde ich die nächsten Wochen noch in Platten, die leider zu kurz kamen, Bob Moulds neue etwa, und auch PUP, Thrice sowie Dinosaur Jr. Aber hier jetzt erstmal meine Top Ten 2016. Per Klick auf den Titel könnt Ihr meine jeweilige Plattenkritik dazu lesen, sofern hier vorhanden (mir fällt nämnlich grad auf, dass gar nicht alle auf dem Blog stehen). Und wie schon in den Jahren zuvor gilt: Der Wertung liegt ein sehr pseudomathematischer Koeffizient zugrunde. Zahl der Hördurchläufe mal Grad der Faszination, und das irgendwie so korreliert. 


Endlich wieder Sound aus dem Hause The Gaslight Anthem. So anders als die Platten der Hauptband von Brian Fallon klingt auch sein 2016er-Solodebüt nicht. Aber das ist ok. In "A Wonderful Life" kommt die Vorliebe für Springsteen-Sounds zum Vorschein, ebenso in "Rosemary". So weit, so uninnovativ. Aber da sind auch andere Facetten. "Steve McQueen" zum Beispiel, diese reduzierte Nummer, in der Brians unglaubliche Stimme neben einer zarten Akustikgitarre sehr gut zur Geltung kommt. Oder das schöne "Nobody Wins" mit seiner obertonreichen Stahlsaiten, die am besten im Stereo-Kopfhörer hervortreten. Als damals diese Kreationisten-Sache hochkochte, hatte ich Bauchweh, ob ich die Songs von Fallon jemals wieder hören kann. Es geht. Juhu! 


Was für eine Idee. Zwei Musiker spielen ihre Songs in Bahnhöfen ein, auf einer Reise. Der englische Songwriter-Poet Billy Bragg hat sich gemeinsam mit dem Amerikaner Joe Henry auf den Weg gemacht und Klassiker neu vertont. Herausgekommen ist ein Album, das mit seiner authentischen Folk- und Country-Atmosphäre heraussticht. Wenn Traditionals wie "John Henry" erklingen, erinnert mich da an Johnny Cash - auch in punkto Intensität. Die Bahn kommt. Wer diesen Zug nimmt, der wird mit der Reise garantiert nur schöne Erinnerungen verbinden. 




8.) Long Distance Calling - Trips

Mir ist die Platte aufgefallen, weil ich eine News dazu für finestvinyl geschrieben habe. Ansonsten hätte ich vielleicht Songs wie den an John Carpenters 80er-Jahre-Soundtracks gemahnenden Opener "Getaway" und das von einem hymnenhaften Chorus getragene "Lines" nicht wahrgenommen. Auch der mit harten Riffs um sich werfende Instrumentaltrack "Trauma" ist ein starkes Stück Gitarrenmusik. Gut gemacht. 






7.) Ebbot Lundberg & The Indigo Children - For The Ages To Come

Der Anfang klingt, als ob jemand im Wald seine Gitarre stimmt. Dann setzt Ebbot Lundbergs Stimme ein. Seine Band "The Soundtrack Of Our Lives" gibt es nicht mehr, aber wie im Fall von Brian Fallon tröstet mich diese Platte dafür. "Backdrop People" morgens mit Kopfhörern, während man zur Arbeit läuft - das kann ich nur jedem empfehlen. Und ganz am Ende steht "To Be Continued" mit seiner unwirklich schönen Melodie. Hoffentlich ist der Songtitel wörtlich zu verstehen. 





Ich liebe diese Band. Metal ist nicht mehr wirklich meine Musik. Wenn ich Metal höre, ist es meist aus Nostalgie. Aber Kvelertak haben es vor ein paar Jahren geschafft, eine neue Mixtur anzurühren. Das dritte Album zeigt diesmal deutlicher als bisher eine Vorliebe für Classic Rock. Mit dem Mix und der Produktion bin ich nicht so glücklich. Ich mochte den höhenlastigen Sound, den Kurt Ballou auf dem Debüt und auf "Meir" gedrechselt hatte, sehr gut. Trotzdem sind die Songs tadellos, ob "Svartmesse" oder der Titeltrack. Zudem: Eine Platte für den LP-Bilderrahmen, bei dem grandiosen Coverartwork. 




Wie vor zwei Jahren mit Lagwagon und ihrem Album "Hang", so geht es mir dieses Jahr mit "Hypercaffium Spazzinate" von den Descendents: Überraschend, hochwertig, hart und melodisch. Ein absolutes Punkrock-Highlight in diesem Jahr! 









Als ich Iggy Pop dieses Jahr beim Rockavaria in München vor der Linse hatte, ist mir mal wieder aufgefallen, was für ein genialer Performer und wahnsinniger Rock'n'Roler Iggy Pop eigentlich ist. Auf diesem Album hat er sich mit Josh Homme zusammengetan, manchmal kling es eben wie QOTSA mit Iggy am Mikro. So oder so: Ein Hammeralbum. Kluger Schachzug auch, das Live-Ereignis dann umgehend noch nachzulegen. 







Die CD lag im Redaktionspostfach, das Cover hat mich angesprungen - und die Platte dann derart überrascht, dass ich drei Wochen lang geplättet war. Kanada ist mir musikalisch unglaublich wichtig, und The Dirty Nil zeigen einmal mehr, warum. So ruppig, so ungehobelt, und dabei trotzdem so eingängig und mitreißend - das Debüt des Trios aus Dundas, Ontario, ist umwerfend. Da geht bestimmt noch mehr.






2.) Touché Amoré - Stage Four

Der Tod der eigenen Eltern ist immer ein Wendepunkt. Einer, vor dem man Angst hat. Jeremy Bolm hat seine Mutter verloren, sie war krebskrank. Den Schmerz verarbeitet er auf diesem Album. Das tut weh, und die ersten Hördurchläufe hat es mir wirklich körperliches Unbehagen bereitet, diese Platte zu hören. Aber wenn man die emotionale Intensität aushält, wird die Platte zu einem Begleiter. Der leichte Indierock-Einschlag steht der Band gut, und Touché Amoré machen nicht den Fehler, wie die Kollegen von Title Fight oder Pianos Become The Teeth zu sanft zu werden. 


Wenn ich den wichtigsten Musiker auswählen müsste, denjenigen, dessen Texte und Kompositionen mich am meisten bewegen, dann ist das wohl John K Samson. Mit The Weakerthans hat er Platten für die Ewigkeit abgeliefert, Songs wie "Plea From A Cat Named Virtute" oder "Aside" sind auf ewig in meinem Musikherzen eingebrannt. Doch auch seine Soloalben sind makellos, und wenn man den Winnipeg-Winter mal kennengelernt hat, versteht man das Ganze auch noch viel besser. "Winter Wheat" ist unter Beteiligung von Weakerthans-Bandkollegen entstanden, doch zugleich fokussiert sich die Platte noch mehr auf die pure Poesie des kanadischen Songwriters und auf filigrane Songs, die so anheimelnd wie ein Wohnmantel wirken. Für mich gab es dieses Jahr jedenfalls nichts Besseres. 

Den Jahresrückblick von 2015 findet Ihr an dieser Stelle. Da gibt's auch Links zu den Jahren zuvor. 

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