Hörtest: Frank Turner - Be More Kind

Die Fragen, nachdem man "Be More Kind" gehört hat: Was wird danach kommen? Wird sich Frank Turner auf den verschwitzten, überschäumenden Campfire-Punkrock besinnen, den er auf Alben wie "Love, Ire And Song" und "Poetry Of The Deed" so meisterhaft zelebriert hat und mit dem er auf dem Radar unzähliger Musikgourmets auftauchte? Oder sind die Pop-Experimente seines inzwischen siebten Albums gekommen um zu bleiben? Und: Ein Protestalbum in gemäßigter Gangart, funktioniert das? 

Die Idee an sich wirkt gut: Wenn Dein Gegenüber in einer Diskussion tobt und brüllt, bleib ruhig und höflich. In einer Welt, in der die politische Diskussion oft genug in CAPS LOCK geführt wird, mahnt Frank Turner zu mehr Menschlichkeit und Mitgefühl. Form und Inhalt bedingen sich hier, denn ein solcher Appell wirkt glaubwürdiger, wenn er eben nicht mit dem Holzhammer eingeprügelt wird. Der Titelsong erinnert anfangs mit seinen sanften Akustikgitarren an "One Great City" von The Weakerthans, und es ist kein Geheimnis, dass Frank Turner ein großer Fan von John K Samson ist. Der Song ist eine hemmungslos idealistische Ansage, und wer Probleme hat, sich darauf einzulassen, kann darüber nachdenken, wie gewöhnt wir es sind, dass alles ironisch gebrochen sein muss um möglichst cool zu wirken. Nun war Frank Turner nie der zynische Hipster, aber bisher ging es bei ihm meist nicht um das große Ganze sondern eher um persönliche Geschichten, ums Scheitern und Weitermachen, um enttäuschte Liebe und Erwartungen. "Be More Kind" hingegen ist ein politisches Bekenntnis. "1933" ist eher noch ein gewohntes Hörerlebnis und orientiert sich am "klassischen" Turner-Sound. Der Song warnt vor einfachen Antworten und Faschismus und zieht eine historische Linie zwischen der Jetzt-Zeit und der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933. Das Stück atmet genau die Energie, die Frank Turners Live-Auftritte auszeichnen.

Enttäuschend hingegen Pop-Sprenkel wie in "Little Changes", das eher wirkt, als ob es in einem Webseitenbausatz-Werbeclip vor einem Frank-Turner-Videoclip auf Youtube erklingen könnte. Auch das von harmlosen Beats getragene "Common Ground" wird es eher nicht in den Kreis der Alltime-Favorites aus der Feder des Briten schaffen. Besser funktioniert der Pop-Einschlag in "There She Is", das mit "Under Pressure"-Gitarren beginnt und vom Tonfall an melancholische Stücke von Dry The River erinnert. Die Unsicherheiten unserer Zeit spiegeln sich in "21st Century Survival Blues" und "Blackout" nieder. Eines der intensivsten Stücke ist "The Lifeboat", das wiederum Weakerthans-Spirit atmet und erst sehr verhalten beginnt und dann in einen orchestralen Schlusspart mündet. Am Ende müssen wir noch über "Make America Great Again" reden. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits finde ich es furchtbar, dass die Trump-Parolen auf diese Weise musikalische Denkmäler bekommen (siehe auch: das aktuelle Album "AmeriKKKant" von Ministry mit seinen Samples). Andererseits kommen aktuelle Protestsongs natürlich nicht daran vorbei, und die Art, wie Turner hier erstenglisches Understatement betreibt ("Well I know I'm just an ignorant Englishman") und dann im Chorus auch sagt, wie er denn die Staaten wieder groß machen möchte ("By making racists ashamed again, Let's make compassion in fashion again"), ist wiederum so schön idealistisch, dass man lächeln muss. Unterm Strich bleibt ein Album, dessen Wichtigkeit sich diesmal vor allem aus seinen Texten speist - musikalisch allerdings nicht komplett überzeugt.

"Be More Kind" ist am 4. Mai via Polydor erschienen. Hier noch das Video zu "Make America Great Again":