Eine verschmähte Punklegende, ein Frontmann im Duracellhasen-Modus und handfeste Überraschungen: Rock am See 2012 hat alles auf Lager gehabt. Ein subjektiver Blick (in chaotischer Reihenfolge) auf die Bands, die in Konstanz die 27. Auflage des Tagesfestivals bestritten haben.
„Auf Green Day ist geschissen“, skandieren Kraftklub in ihrem Song „Zu Jung“. Das Gros der Konzertgänger dürfte das anders sehen. Allerdings: Die Durchdiedeckegeher aus Chemnitz, die extrem kurzfristig für die Beatsteaks eingesprungen sind, sind so etwas wie der heimliche Headliner des Tages. Ein Wahnsinnsbild bietet sich einem, wenn man aus etwas Entfernung die Arme von Tausenden in der Luft sieht. Auch wenn die Mischung aus Hives-Gitarren und Sprechgesang nicht jedem gefällt: Felix Brummer zeigt Fronter-Qualitäten, seine Band hält ihm den Rücken frei. Insofern: Hossa. Als Vorband der Beatsteaks in Zürich Anfang 2011 fand ich Kraftklub öde. Der Auftritt in Konstanz rückt die Band in ein sehr viel positiveres Licht. Apropos Beatsteaks: Die sind zwar nicht da, ihr Name fällt aber trotzdem häufiger als der jeder anderen Band, die auftritt. Fast alle Musiker senden ihre Genesungswünsche an Drummer Thomas Götz, der nach einem Unfall auf der Intensivstation liegt, und auch Das Ding-Moderatorin Christiane Falk macht ein paar Fotos von der Menge für die Beatsteaks.
| Überzeugend: Itchy Poopzkid. |
Das krasse Gegenteil bieten später Angels & Airwaves. Was für ein satter Rockstar, dieser Tom DeLonge. Kommunikation? Fehlanzeige. Der Blink 182-Sänger und seine Musiksöldnertruppe wirken gelangweilt und machen Dienst nach Vorschrift. Dazu kommen die ewig gleichen Gitarrenfiguren, etwas Keyboard-Popanz und Baukasten-Melodien, die es nicht auf Blink-Alben geschafft haben. Wäre Homer Simpson im Publikum gewesen, hätte man seine „Booooooring“-Rufe wohl noch bis in die Schweiz gehört.
| Immer wieder ein Vergnügen: Flogginy Molly. |
| Verschmäht: Social Distortion haben's nicht leicht. |
Green Day selbst bieten dann überlebensgroßen Stadionrock, der mitreißt, aber auch schon hart an der Grenze zur Karikatur schwankt. Die Zahl der Mitsingspielchen („Heooo“) etwa hätte man zugunsten von mehr Songs auch reduzieren können. Und wenn Billy Joe abwechselnd „Deutschländ! Switzerländ!!“ ins Publikum ruft, fragt man sich, ob „Konstanz“ so schwer auszusprechen wäre. Aber: Green Day machen verdammt nochmal Stimmung. Das können sie schon, und als Headliner sind sie auch goldrichtig hier aufgehoben. Ob Songs neueren Datums wie „Oh Love“ oder olle Kamellen vom „Dookie“-Album – alles dabei, alles gutgelaunt und wuchtig. Und Billy Joe läuft und läut und läuft wie der Duracellhase. Highlights des Gigs: Drei Fans werden auf die Bühne geholt, übernehmen die Instrumente und stehen für ein paar Sekunden im Rampenlicht. Die drei machen ihre Sache gut und sollten eine Band gründen. Wie wahnsinnig klänge das in Interviews: „Wie habt Ihr Euch kennengelernt?“ Antwort: „Green Day haben uns auf die Bühne geholt und dann haben wir gedacht, och, das haben wir echt prima hinbekommen, die Chemie war auch da, wir könnten doch zusammen spielen.“ Die Chemie stimmt auch bei Green Day, die Band, die seit „American Idiot“ ihren zweiten Frühling auskostet, ein eigenes Musical hat und deren Poster vermutlich unzählige Schlafzimmerwände pflastern. Ein wuchtiger Auftritt.
Ach ja, Jupiter Jones waren auch da. Was soll ich sagen? Es gibt wenige Bands, die auf Deutsch singen, mich begeistern und nicht Die Ärzte heißen. Es liegt an mir, nicht an Dir.
Text und Fotos: Daniel Drescher
Mehr Bilder haben meine Kollegen auf schwäbische.de