Montag, 19. September 2011

Konzertkritik: Blackmail beim U&D in Weingarten

Blackmail.
Umsonst & Draußen, Weingarten, 17. September 2011.
Text und Fotos: Daniel Drescher.

Man könnte es ja Comeback nennen - aber Blackmail waren nie wirklich weg. Sie haben sich nur neu in Stellung gebracht, die negativen Vibrations innerhalb der Band ausgetrieben und mit Mathias Reetz einen Sänger gefunden, der das typische Fan-Anerkennungs-Problem des "Neuen" im Gefüge souverän weggefegt hat. Auf Platte hat das schon großartig funktioniert, Anima Now! war der äußerst gelungene Reboot mit extrem vorzeigbaren Songs und euphorischer Aufbruchstimmung. Aber haut das auch live hin?

Souverän: Mathias Reetz tut der Band gut.
                                                  Foto: Daniel Drescher
Die Bühne ist minimal beleuchtet, Kurt Ebelhäuser checkt vor dem Auftritt noch kurz selber sein Effektboard. Vielleicht prägt er sich ein, wo die Verzerrung sitzt, wo das andere Effektpedal liegt, vielleicht muss er das aber auch gar nicht, weil er später so souverän seine Riffs zockt, dass den Gitarrenschüler die Depression überfällt und die Muckerpolizei in Ehrfurcht niederkniet. Aber eins nach dem anderen. Da hüllt einen zuerst das Intro „Santa Rosalia“ in Simon & Garfunkel-artige Sangesharmonien, bevor die Lava-Riffs einen in die Knie zwingen. Dann der fulminante Auftakt mit "Resonant Wave": „Start again, so I will pick you up“ brüllt Mathias Reetz – ungefähr eineinhalb Köpfe kleiner als Hüne Kurt Ebelhäuser – ins Mikro. Und siehe da: Die haben eine Chemie. Immer wieder schaut der neue Mann am Mikro zum Gitarrenbollwerk der Band herüber, er scheint zu ihm aufzusehen, die Mundwinkel zeigen nach oben. Kein Vergleich zu den Gigs mit Aydo Abay in der Phase des Auseinanderbrechens im späten 2008. Dann kommt „Evon“ vom „Friend or Foe“-Album, das stoner-artige Riff bricht durch die Dunkelheit, Carlos Ebelhäuser legt einen Bassteppich aus, Mario Matthias lässt die Drums federn und knallen.

Gitarrenbollwerk: Kurt Ebelhäuser.       Foto: Daniel Drescher
Dass Blackmail gleichermaßen nach vorne schauen wie auch ihre Wurzeln nicht verleugnen, macht ein Blick auf die Setlist klar. Das ist kein „Wir haben ein neues Album“-Konzert. Außer „Deborah“, „Telescope“ und im Zugabenblock „Night School“ kommt jede Menge altes Material zum Zuge – ob „Moonpigs“ (von „Aerial View“) oder „Same Sane“ (von „Bliss, Please“). Sowas ist ja immer riskant mit neuem Sänger – aber hier funktioniert das. Mathias Reetz hat eine Bühnenpräsenz, eine positive Aura, fühlt sich offenbar wohl in der Bühnenmitte und unterstützt Ebelhäuser mit markant-knackigen Riffs. Überhaupt, diese Riffs. Schwarze Monolithen, matt schimmernd und unzerstörbar. Gut, dass es schon dunkel ist bei diesem großartigen Festivalauftritt. Und Meister Kurt möchte es noch düsterer haben: „Kannst Du das Bühnenlicht runterdrehen?“, bittet er den Mann am Lichtpult – und dann haben die Fotografen noch weniger Chancen auf Fotos, die mehr zeigen als Schatten.

Blackmail spielen ihre Stärken voll aus: Diese immer wieder vor sich hin mäandernden Riffs, die halb roboterhaft, halb meditativ immer wieder aneinandergereiht werden, die dräuend-melancholische Stimmung, die Melodien, die zwingend wirken, aber unverbraucht sind. Mit „Day by Day“ gibt’s die eine Breitseite von „Tempo Tempo“, mit einer von Schnickschnack befreiten Version von „It's always a fuse to live at full blast“ die zweite. Als Zugaben die bereits erwähnte „Night School“ und dann das scheinbar ewig dauernde „Friend“. Nach rund eineinviertel Stunden ist Schluss. Schön zu sehen, dass diese Band sich gefangen hat und mit Elan wieder auf Angriffskurs ist. Zwischendurch ruft Kurt Ebelhäuser den Fans zu „Seid Ihr schon voll, seid Ihr besoffen?“ Gar nicht nötig. Von diesem Sound wird man auch ohne Drogen high. So ähnlich wie bei Trance-Tänzen von Urvölkern. Nur mit mehr Gitarren.

Mehr Fotos vom Konzert gibt's hier

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