Montag, 18. Februar 2013

Hörtest: Buke and Gase - General Dome

Achtung: Musik für Menschen, die nicht bloß bis drei zählen können. Ein Duo aus New York liefert die intelligenteste, musikalisch versierteste Platte des Jahres. Das kommt davon, wenn Hobbybastler sich nicht mit den Instrumenten im Musikladen zufrieden geben, sondern eigene Werkzeuge bauen.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Die „Buke“ ist eine „umgebaute ehemalige Bariton Ukulele“, Marke Eigenbau. Bei der „Gase“ handelt es sich um einen Gitarre/Bass-Hybriden, ebenfalls eine Eigenkreation. Arone Dryer (Buke) und Aron Sanchez (Gase) waren mit dem, was in den Gitarrenläden an der Wand hängt, offenbar nicht zufrieden. Und warum sich mit „Readymades“ zufrieden geben, wenn der Sound, den man kreieren will, doch auch einzigartig sein soll? Im Fall des Duos aus New York City ist das Klanguniversum auch tatsächlich unerhört: Solche Klänge dürften den meisten Menschen noch nicht untergekommen sein. Das neue Album „General Dom“ ist ein extrem berauschendes Zeugnis dafür, dass es auch in Zeiten des x-ten Retro-Trend immer noch möglich ist, Neues zu schaffen und dabei begeisternd zu sein. Und es ist gerade mal fünf Jahre her, dass sich diese Band gegründet hat.

So richtig sicher, was man da eigentlich gerade hört, ist man sich auf dieser Platte eigentlich nie. Aber eins ist sicher: Es ist das erste Mal. Relativ geradlinig geht es mit mattmetallischen, perkussiven Klängen los, bis Sängerin Arone Dyer einsetzt. Der Rhythmus verschiebt sich, mitwippen wird schwierig, die Gesangsmelodie ist nachvollziehbar, aber so unverbraucht ungewohnt, dass man sich die Augen reibt. Und dann natürlich die völlig schrägen Taktarten: Das hier ist pure Mathematik. Bei den Taktwechseln und Rhythmusvariationen noch den Überblick zu behalten, dafür braucht man schon extremes Gefühl. Der Opener „Houdini Crush“ ist wie auch die gesamte Platte auf den ersten Höreindruck derart sperrig, schraubt sich aber dafür umso hartnäckiger ins Gehör und dann ins Gehirn. Auch bei „Hiccup“ ergeben sinistre Synkopen, mutige Melodien und wechselhafte Wendungen einen Mix, der einem zuerst strange vorkommt, dann aber umso mehr ans Herz wächst. Arone Dyers Stimme erinnert bei „In The Company of Fish“ an Anneke von Giersbergen, die vor gefühlten Ewigkeiten bei den Holländern von The Gathering gesungen hat. Kann aber auch daran liegen, dass die Gesangsmelodie mit gotischem Medieval-Flair flirtet. Zur Ölfass-Ästhetik der Eigenbauinstrumente gesellt sich völlig zerschossene Percussion, die die Bandmitglieder live auch noch nebenbei bedienen. Es muss ein ziemliches Schauspiel sein auf der Bühne.

Anstrengend ist diese Platte allerdings schon, aber trotzdem – oder gerade deshalb – man freut sich so, wenn man wie in „Cyclopean“ eine mitsingbare Hookline entdeckt, dass man die Strapazen des Ungewohnten schnell ins Herz schließt. Und es sei auch gesagt: Bitteschön mit dieser Musik intensiv beschäftigen. Als Hintergrundbeschallung eignet sich „General Dome“ nicht. Zuviel passiert hier, und es ist wie bei Tad Williams cyberintelligenten „Otherland“-Romanen: Wer einen Satz überliest, verpasst womöglich einen entscheidenden Hinweis, wer hier nicht richtig zuhört, dem entgeht möglicherweise ein perfekter Moment. Buke & Gase wissen, dass ihre Musik intelligenter, durchdachter und anspruchsvoller als 90 Prozent des Restes ist, aber sie machen das nicht, um anzugeben. Sondern einfach, weil es ihnen einfällt.

Schaut man sich an, was es über die Musiker zu erfahren gibt, heißt es, Arone Dyer habe in Ghana, El Salvador und Nicaragua gearbeitet, Aron Sanchez habe sich mit Arvo Pärt und Fugazi beschäftigt. Kein Wunder, dass diese Musik so weitgereist klingt, so visionär, unangepasst und losgelöst von Trends und gängigen Schemata. Warum sich auch auf ausgetretenen Pfaden bewegen, wenn man mit einem Blick über den Tellerrand derartige Großtaten schaffen kann? Gitarre/Bass-Hybrid und Bariton-Ukulele, Ihr seid mir so welche. Echt mal.

„General Dome“ von Buke & Gase erscheint am 22. Februar via Discorporate Records. Mehr unter www.bukeandgase.com

Hier noch aktuelle Tourdaten: 

22.04.2013 DE Berlin, Kantine am Berghain


23.04.2013 DE Hamburg, Hafenklang
24.04.2013 DE Dresden, Beatpol
25.04.2013 AT Krems, Donaufestival
26.04.2013 DE Muenchen, Strom
27.04.2013 DE Cologne, King Georg
08.-10.08.2013 DE Haldern Pop Festival


Einen Eindruck verschaffen könnt Ihr Euch mit diesem NPR Music Live-Auftritt:

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