Achtung: Musik für Menschen, die nicht
bloß bis drei zählen können. Ein Duo aus New York liefert die
intelligenteste, musikalisch versierteste Platte des Jahres. Das
kommt davon, wenn Hobbybastler sich nicht mit den Instrumenten im
Musikladen zufrieden geben, sondern eigene Werkzeuge bauen.
Man muss sich das mal auf der Zunge
zergehen lassen. Die „Buke“ ist eine „umgebaute ehemalige
Bariton Ukulele“, Marke Eigenbau. Bei der „Gase“ handelt es
sich um einen Gitarre/Bass-Hybriden, ebenfalls eine Eigenkreation.
Arone Dryer (Buke) und Aron Sanchez (Gase) waren mit dem, was in den
Gitarrenläden an der Wand hängt, offenbar nicht zufrieden. Und
warum sich mit „Readymades“ zufrieden geben, wenn der Sound, den
man kreieren will, doch auch einzigartig sein soll? Im Fall des Duos
aus New York City ist das Klanguniversum auch tatsächlich unerhört:
Solche Klänge dürften den meisten Menschen noch nicht untergekommen
sein. Das neue Album „General Dom“ ist ein extrem berauschendes
Zeugnis dafür, dass es auch in Zeiten des x-ten Retro-Trend immer
noch möglich ist, Neues zu schaffen und dabei begeisternd zu sein.
Und es ist gerade mal fünf Jahre her, dass sich diese Band gegründet
hat.
So richtig sicher, was man da
eigentlich gerade hört, ist man sich auf dieser Platte eigentlich
nie. Aber eins ist sicher: Es ist das erste Mal. Relativ geradlinig
geht es mit mattmetallischen, perkussiven Klängen los, bis Sängerin
Arone Dyer einsetzt. Der Rhythmus verschiebt sich, mitwippen wird
schwierig, die Gesangsmelodie ist nachvollziehbar, aber so
unverbraucht ungewohnt, dass man sich die Augen reibt. Und dann
natürlich die völlig schrägen Taktarten: Das hier ist pure
Mathematik. Bei den Taktwechseln und Rhythmusvariationen noch den
Überblick zu behalten, dafür braucht man schon extremes Gefühl.
Der Opener „Houdini Crush“ ist wie auch die gesamte Platte auf
den ersten Höreindruck derart sperrig, schraubt sich aber dafür
umso hartnäckiger ins Gehör und dann ins Gehirn. Auch bei „Hiccup“
ergeben sinistre Synkopen, mutige Melodien und wechselhafte Wendungen
einen Mix, der einem zuerst strange vorkommt, dann aber umso mehr ans
Herz wächst. Arone Dyers Stimme erinnert bei „In The Company of
Fish“ an Anneke von Giersbergen, die vor gefühlten Ewigkeiten bei
den Holländern von The Gathering gesungen hat. Kann aber auch daran
liegen, dass die Gesangsmelodie mit gotischem Medieval-Flair flirtet.
Zur Ölfass-Ästhetik der Eigenbauinstrumente gesellt sich völlig
zerschossene Percussion, die die Bandmitglieder live auch noch
nebenbei bedienen. Es muss ein ziemliches Schauspiel sein auf der
Bühne.
Anstrengend ist diese Platte allerdings
schon, aber trotzdem – oder gerade deshalb – man freut sich so,
wenn man wie in „Cyclopean“ eine mitsingbare Hookline entdeckt,
dass man die Strapazen des Ungewohnten schnell ins Herz schließt.
Und es sei auch gesagt: Bitteschön mit dieser Musik intensiv
beschäftigen. Als Hintergrundbeschallung eignet sich „General
Dome“ nicht. Zuviel passiert hier, und es ist wie bei Tad Williams
cyberintelligenten „Otherland“-Romanen: Wer einen Satz überliest,
verpasst womöglich einen entscheidenden Hinweis, wer hier nicht
richtig zuhört, dem entgeht möglicherweise ein perfekter Moment.
Buke & Gase wissen, dass ihre Musik intelligenter, durchdachter
und anspruchsvoller als 90 Prozent des Restes ist, aber sie machen
das nicht, um anzugeben. Sondern einfach, weil es ihnen einfällt.
Schaut man sich an, was es über die
Musiker zu erfahren gibt, heißt es, Arone Dyer habe in Ghana, El
Salvador und Nicaragua gearbeitet, Aron Sanchez habe sich mit Arvo
Pärt und Fugazi beschäftigt. Kein Wunder, dass diese Musik so
weitgereist klingt, so visionär, unangepasst und losgelöst von
Trends und gängigen Schemata. Warum sich auch auf ausgetretenen
Pfaden bewegen, wenn man mit einem Blick über den Tellerrand
derartige Großtaten schaffen kann? Gitarre/Bass-Hybrid und
Bariton-Ukulele, Ihr seid mir so welche. Echt mal.
„General Dome“ von Buke & Gase
erscheint am 22. Februar via Discorporate Records. Mehr unter
www.bukeandgase.com.
Hier noch aktuelle Tourdaten:
23.04.2013 DE Hamburg, Hafenklang
24.04.2013 DE Dresden, Beatpol
25.04.2013 AT Krems, Donaufestival
26.04.2013 DE Muenchen, Strom
27.04.2013 DE Cologne, King Georg
08.-10.08.2013 DE Haldern Pop Festival
Einen Eindruck verschaffen könnt Ihr Euch mit diesem NPR Music Live-Auftritt:
Hier noch aktuelle Tourdaten:
22.04.2013 DE Berlin, Kantine am Berghain
23.04.2013 DE Hamburg, Hafenklang
24.04.2013 DE Dresden, Beatpol
25.04.2013 AT Krems, Donaufestival
26.04.2013 DE Muenchen, Strom
27.04.2013 DE Cologne, King Georg
08.-10.08.2013 DE Haldern Pop Festival
Einen Eindruck verschaffen könnt Ihr Euch mit diesem NPR Music Live-Auftritt: