Sonntag, 31. Dezember 2017

Jahresrückblick, Teil 2: Meine zehn subjektiven Lieblingsplatten 2017

Das liebe ich immer am meisten: den Jahresrückblick erstellen. Welche Alben bleiben übrig am Ende des Jahres, was hat bewegt, was überrascht, sich festgebissen? An dieser Stelle lest Ihr etwas über meine zehn Lieblingsalben des Jahres. Da müssen nicht die hippsten neuen Dinger dabei sein, hier geht es rein um subjektive Eindrücke. Und wie immer gilt: Der Rang errechnet sich aus einem irgendwie zustande gekommenen Wert, bei dem Hördurchläufe und Euphorie miteinander verrechnet sind. 

10.) Foo Fighters - Gold And Concrete

Auch wenn sie von vielen als bräsige Altrockerscheibe belächelt wurde: Ich fand die neue Foo Fighters sehr gut. Nicht so fantastisch wie "Wasting Light", aber doch sehr gut. Allein der stampfende Song "Sky Is A Neighbourhood" hat mich umgehauen. Und in Stücken wie "Dirty Water" zeigen sich wieder neue Facetten. Aber ich geb auch zu: Wenn es um Dave Grohl geht, bin ich Fanboy. Wenn immer ich an der Menschheit zweifle, möchte ich den Leuten zurufen: Warum könnt Ihr nicht ein bisschen mehr sein wie Dave Grohl?


9.) Broilers - (sic!)

Ein fantastisches Album und ein wichtiges Statement in einem politisch gruseligen Jahr: Sammy Amara und seine Band haben mit (sic!) ein verdammt relevantes Album veröffentlicht. Songs wie "Nur ein Land", "Keine Hymnen Heute" oder auch "Zu den Wurzeln" beziehen eindeutig Stellung gegen Hass, Hetze und Rassismus. Und mit "Meine Familie" ist ein neuer Live-Klassiker dabei, der in den ohnehin nicht gerade schwachen Live-Shows der Band fantastisch zündet. Eine der wichtigsten deutschsprachigen Rockbands derzeit.



8.) Farin Urlaub - Berliner Schule - Fragwürdige Heimaufnahmen 1984 - 2013

Es ist kein neues Studioalbum, aber für mich war diese Compilation mit Songs, die Farin Urlaub entweder selbst bewusst nie veröffentlicht hat (bisher jedenfalls) oder die von seinen Ärzte-Kollegen abgelehnt wurden, eines der wichtigsten 2017. Denn zum einen sind da fantastische Perlen darunter, "Antimattergun" etwa oder "Lieblingslied", aber auch "Bitte lass mich schlafen" - und zum anderen erzählen sie uns eben auch etwas über den Menschen Farin Urlaub, wie er früher tickte (oder zumindest was für Songs er früher schrieb). Insofern hab ich kein schlechtes Gewissen, diese Zusammenstellung zu meinen Lieblingsalben des Jahres zu zählen.

7.)  Bloodlights - Pulling No Punches

Ich hab ein Faible für skandinavischen Rotzrock, und zwar seit Ende der 90er, als die Hellacopters und Gluecifer Giganten der Gitarrenmusik waren (was für ein Mixtape-Titel wäre das!). Beide Bands gibt es nicht mehr, und während mir von der Hellacopters-Nachfolgern Imperial State Electric alles präsent war, ist das hier die erste Bloodlights-Scheibe (Captain Poon von Gluecifer am Mikro und an der Gitarre, die bei mir landete. Gerade durch ihre Einfachheit so effektiv.




6.) Kettcar - Ich vs. Wir

Auch was Kettcar angeht, bin ich Spätberufener. Aber die neue Platte - wow. Mit „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ haben Marcus Wiebusch und seine Mitstreiter einen gleichermaßen packenden wie intelligenten Kommentar zur Flüchtlingskrise abgeliefert. Und mit "Wenn du das Radio ausmachst. Wird die Scheißmusik auch nicht besser" hat die wichtigste deutsche Indierockband eine Textzeile für die Ewigkeit gedichtet. Eine Rückkehr, die Sinn macht - und gerade in diesem Jahr ein Lichtblick war.

5.) The Weight - dto. 

Es ist so schön zu sehen, wie eine Band, die man seit ein paar Jahren kennt, immer größer wird und den Lohn für ihre unzähligen Auftritte einsammelt. The Weight aus Wien sind live eine echte Wucht und präsentieren ihren Rock mit Anleihen an vergangenen Jahrzehnten so euphorisch, dass man mit einem breiten Dauergrinsen nach Hause geht. Mit ihrem ersten Studioalbum in voller Länge setzen sich die Wiener nun zum Sprung an. Und mit dem Eröffnungstriple "Hard Way", "Trouble" und "Inside" fangen Dich die Grooves und die Riffs sofort ein. Spannend zu sehen, wo es jetzt hingeht.


4.) The National - Sleep Well Beast

Matt Berninger und seine dunkle Stimme, der düstere Indierock mit seinen Abgründen und Vorahnungen - The National sind eine der wichtigsten Bands des Genres, und auch 2017 liefern sie wieder. "Sleep Well Beast" will ergründet werden, drängt sich nicht auf, aber lässt sich auch nicht abschütteln. Das ist mal melancholisch, mal wütend. Aber zu jeder Sekunde will man sich hineinwerfen in diese Sounds und sich ihnen hingeben, weil man weiß: Diese Band bleibt, auch wenn man selbst sich verändert.



3.) Hot Water Music - Light It Up

Nach dem fabelhaften "Exister" setzt der Longplayer Nummer 2 der Reunion-Ära von Hot Water Music noch einen drauf. Chuck Ragan profitiert einmal mehr von seinen Soloerfolgen und zeigt, dass sich harsche Riffs und Widerhakenmelodien nicht ausschließen müssen. Und Chris Wollard macht Songs wie "Vultures" mit seiner etwas raueren Stimme zu schönen Gegenstücken. Warum ich diese Platte nicht in mehr Bestenlisten oben gesehen habe, versteh ich nicht. Wir haben uns alle doch genau das gewünscht - dann lasst uns so ein Meisterstück bitte auch gebührend feiern.



2.) Dave Hause - Bury Me In Philly

"Dance With Me We'll All Be Dead Soon": Man schluckt erstmal, als Dave Hause im Opener wahre Worte ausspricht. Was der frühere Frontmann von The Loved Ones mit seinem neuen Album und seiner neuen Band The Mermaid schafft, hat sich mir vor allem dann bei seinem Live-Auftritt in Lindau offenbart. Songs voller Energie, voller Hoffnung - und so authentisch wie nur irgend möglich. Im Interview hat mir Dave etwas Hoffnung gemacht, dass nach den Trump-Jahren auch wieder eine Welt möglich sein wird, in der man nicht das Gefühl hat, dass alle gesellschaftliche Entwicklung plötzlich rückwärts läuft.


1.) The Menzingers - After The Party

Leere Flaschen, Chipsbrösel, benutzte Gläser: Die Überreste der Party sind immer etwas traurig anzusehen und wenn die Massen nach Hause gegangen sind und die Stille wieder einkehrt, herrscht Katerstimmung. The Menzingers meinen damit die 20er, in denen man unbeschwert feiert, während jenseits der 30er-Grenze die Ilusionen verpuffen und die Verantwortung beginnt. Lyrisch und musikalisch haben die US-Punkrocker dieses Thema auf ihrem aktuellen Album so treffend in Szene gesetzt, dass keine Fragen und keine Wünsche offenbleiben. Manchmal ist das Referenzalbum eben nicht das Debüt, sondern kann auch im fünften Anlauf glücken.

Wie war das letztes Jahr? Hier klicken für den Jahresrückblick 2016.

Jahresrückblick 2017, Teil 1: Die zu kurz Gekommenen

Wer regelmäßig auf Tinnitus Attacks vorbeischaut, merkt: Hier ist nicht mehr so viel los wie in früheren Jahren. Das hängt damit zusammen, dass ich weniger Freizeit auf das Blog verwenden kann. Diese Rubrik hier gab es allerdings auch schon in den Jahren zuvor - denn an Musik mangelt es wirklich nie, und bei der schieren Zahl an Neuerscheinungen ist es fast unmöglich. Schritt zu halten. Hier die zehn Platten des Jahres, die ich hier eigentlich noch hätte würdigen müssen. 

10.) Grizzly Bear - Painted Ruins

Mit "Two Weeks" hatten Grizzly Bear 2009 einen veritablen Hit - doch darüber sollte man nicht die fantastischen Alben nach "Veckatimest" vernachlässigen. "Shields" war drei Jahre sogar noch erfolgreicher und besser - und es wäre schade, wenn "Painted Ruins" da untergeht.





9.) The Rural Alberta Advantage - The Wild

Die Indierocker aus Toronto habe ich mit ihrem Debüt "Hometowns" ins Herz geschlossen und "Departing" gefeiert. Mich hat der Sound immer an Neutral Milk Hotel erinnert, und der Schmerz aus stampfenden Rhythmen und Weltschmerz-Songs ist auch auf "The Wild" makellos wie zuvor.






8.) Japandroids - Near To The Wild Heart Of Life

Nochmal Kanada, aber mit derber verzerrten Gitarren. Das Duo aus Vancouver legt hier das erste Studioalbum seit dem umjubelten "Celebration Rock" vor. Und das klingt nicht weniger drängend und stürmisch, und der gutgelaunte Einstieg mit dem Titelsong in Dur lässt die akustische Sonne aufgehen.










7.) Craig Finn - We All Want The Same Things

Vielleicht liegt es daran, dass The Hold Steady für mich der Inbegriff der perfekten Rockband sind mit ihren rustikalen Gitarrenriffs. Das neue Soloalbum des Frontmanns Craig Finn hat mich in seinen ersten Momenten nur mäßig begeistert, weil es musikalisch was anderes ist. Aber eigentlich sollte das ja auch so sein - von dem her werde ich wohl noch einmal genauer zuhören.





6.) Elbow - Little Fictions 

Elbow muss man in Ruhe unterm Kopfhörer genießen, um die feierliche Stimmung dieser Ausnahmeband aufzusaugen. Drei Jahre nach dem Erfolgsalbum "The Take Off And Landing Of Everything" bringt Guy Garvey mit seiner Band ein stilistisch frisch wirkendes Album raus - und ich muss die Durchgänge unterm Kopfhörer dringend nachholen.






5.) Manchester Orchestra - A Black Mile to the Surface 

Wow, "Mean Everything To Nothing" kam wirklich schon 2009 raus? Seither waren Andy Hull und Kumpanen ja nicht untätig, und dass nicht jeder Song wie "Shake It Out" klingt, auch klar. Aber das fünfte Studioalbum überrascht dann doch mit seinem Wechsel aus leichtfüßigen Passagen und Distortion wie in "The Grocery".






4.) Arcade Fire - Everything Now 

Streitfall Arcade Fire. Ist das jetzt artsy und cool oder zu bemüht und krampfhaft stilistisch anders? Ich bin mir auch noch unschlüssig. Im direkten Vergleich ziehe ich "Neon Bible" vor und den Orchesterbombast fand ich auch schöner - doch gute Melodien hat "Everything Now" auch zu bieten, und dass man mal tanzen will, wenn man die Schritte kennt, versteh ich auch. Wohin die nächsten Schritte führen werden, find ich eine viel interessantere Frage.




3.) Dropkick Murphys - 11 Short Stories Of Pain And Glory

Wohlgemerkt: In der "Schwäbischen Zeitung" ist eine Besprechung von mir zu dieser Platte erschienen, darin vergleiche ich die Bostoner mit den Toten Hosen. Denn inzwischen sind DKM so massentauglich und covern "You Never Walk Alone". Al Barr erzählte im Interview, wie es zu dem Song "Blood" kam. Und "Until The Next Time" ist herrlich sentimental.





2.) Courtney Barnett and Kurt Vile - Lotta Sea Lice 

Die australische Songwriterin und der amerikanische Ex-Mitglied von The War On Drugs haben ein gemeinsames Album aufgenommen, das den Kritiken zufolge entweder ein Meilenstein oder akustisches Valium ist, ich hab da unterschiedliche Dinge gelesen. Das Debüt von Courtney Barnett fand ich 2015 fantastisch. Dieser Kollaboration muss ich noch eine Chance geben, ich seh schon.



1.) Quicksand - Interiors

Walter Schreifels ist ein verdammtes Genie, das weiß doch jeder. Ob mit Youth Of Today, den Gorilla Biscuits, Rivals Schools - oder eben Quicksand. Auch sein Soloalbum "An Open Letter To The Scene" fand ich fantastisch. Und jetzt muss ich unbedingt sein neuestes Werk hören. Die Kritiken sind euphorisch - und das wohl aus gutem Grund.


Samstag, 23. Dezember 2017

Galerie der Klassiker: AC/DC - Powerage

Mit dem Tod von Malcolm Young am 18. November ging eine Ära zu Ende. Die Band hat sich seitdem nicht zu einer wie auch immer gearteten Zukunft geäußert, aber es gibt viele Stimmen, die es ungut fänden, wenn die Band nach dem Tod ihres Mitgründers und Motors weitermachen würde. Aber wir werden sehen. Als ich das Konzert in München 2015 für die Schwäbische Zeitung besprochen habe, stand ersatzweise Stevie Young an der Rhythmusgitarre und das Konzert war fantastisch. Wir werden sehen. Aus diesem traurigen Anlass lege ich Euch hier jedenfalls die in meinen Augen beste Platte von AC/DC ans Herz. 

Wenn es um AC/DC und die Meilensteine der australischen Rocklegende geht, werden meistens die Megaseller "Back in Black" (50 Millionen verkaufte Exemplare) und "Highway To Hell" (9,5 Millionen verkaufte Exemplare) genannt. Für mich ist "Powerage" allerdings eine viel wichtigere Scheibe, auch wenn sie in Australien die unerfolgreichste Platte der Band war und insgesamt mit nur 1,7 Millionen verkauften Exemplaren völlig unterbewertet ist. Auf dem 1978er-Album von Angus Young und Co. sind fantastische Songs versammelt, die den Arbeiterklasse-Humor der Band perfekt widerspiegeln, der Sound ist 1A in Szene gesetzt - und auch wenn Brian Johnson seit seinem Einstand 1980 einen wesentlich besseren Einstieg erwischte als manch anderer Sänger, der einen Vorgänger in einer Band ersetzte, liegt mir Bon Scotts Stimme doch wesentlich mehr.

Schon der Einstieg mit "Rock'n'Roll Damnation" lässt Dich die Regler aufreißen, dass die Nachbarn um Gnade flehen. Der drahtige, knochentrockene Sound (verantwortlich zeichnen Harry Vanda und George Young) und der Songaufbau mit Gitarren, Bass und Schlagzeug könnten nicht meisterlicher gemacht sein. Der groovende "Down Payment Blues" ist mit seiner ironischen Textzeile "I got myself a Cadillac/But I can't afford the gasoline" ein perfektes Beispiel für den spitzbübischen Witz der Band, der auch davor schon Alben wie "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" geprägt hat. "Riff Raff" walzt Dich mit seinem Kreiselriff platt, bevor mit "Sin City" ein paar Gänge zurückgeschaltet wird. Mein persönliches Highlight heißt aber "Gone Shootin'". Dieses unfassbar lässige Lick ist einfach zu gut, und ich kann nicht mal genau erklären, warum. Es ist einfach zu gut.

Doch auch die anderen Songs fallen qualitativ nicht ab, ob "What's Next To The Moon" oder "Kicked In The Teeth". Schade, dass man die großen musikalischen Momente von "Powerage" live so selten (wenn überhaupt) hören durfte. Immerhin: Auf dem ebenfalls 1978 veröffentlichten Livealbum "If You Want Blood You’ve Got It" (das erste Livealbum von AC/DC) konnte man einen Eindruck bekommen, wie die Songs von "Powerage" live hätten einschlagen können. 

Powerage von AC/DC erschien am 25. Mai 1978 via Atlantic Records. Hier seht Ihr noch das Video zu "Rock'n'Roll Damnation". 

Sonntag, 3. Dezember 2017

SZene-Hörtest: Kettcar - Ich vs. Wir


Die neue Kettcar ist schon ein paar Tage draußen, aber meine Besprechung möchte ich trotzdem noch nachreichen. In Bezug auf diese Band - eine der wichtigsten im Indie-Sektor - bin ich noch relativ frisch euphorisiert. Per Zufall von einem guten Freund (Hi Pit!) die "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" empfohlen bekommen und sofort begeistert gewesen. Und die neue Platte ist in meinen Ohren extrem intelligent getextet und auch musikalisch genau mein Ding.

Die Plattenkritik ist am 10. Oktober in der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick auf den Artikel könnt Ihr den Text lesen. Zur Not einfach in neuem Tab öffnen und dann vergrößern, Auflösung reicht wie immer.

Hier noch das Video zu  "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)":