Sonntag, 12. November 2017

Hörtest: The Weight - The Weight

Ein Debüt wie ein gut sitzende Lederjacke: robust, stilsicher, man fühlt sich wohl drin. The Weight dürften mit Studioalbum Nummer Eins bei ihrem auch bislang schon beeindruckenden Werdegang die nächste Stufe zünden. Heavy Rhythm & Roll nennen die vier Österreicher ihren Stil - und der rockt hart. 

Auch wenn scheinbar alle Welt gerade dank des (berechtigten) Netflix-Serienhypes "Stranger Things" in der 80er-Nostalgie schwebt: Lasst uns nicht vergessen, dass die Dekade von Neonfarben und Schulterpolstern musikalisch ziemlich gruselig sein konnte. Klar, einerseits gab es mit der New Wave of British Heavy Metal ziemlich viel fantastische Musik, aber die 80er sind eben auch Modern Talking und Konsorten. Für Rockfanatiker wie mich unerreicht bleiben in Punkto harter Gitarrenmusik die 70er.

The Weight dürften das ähnlich sehen und machen aus ihrer Vorliebe zu vergangenen Jahrzehnten  keinen Hehl. Wieso auch? Michael Boebel (Gitarre), Patrick Moosbrugger (Bass), Andreas Vetter (Schlagzeug) und Tobias Jussel (Gesang, Orgel, Piano) zeigen auf den Bühnen eine Spielfreude, die ansteckt. Mit ihrer EP "Keep Turning" konnten sie 2015 Fans wie Fachpresse überzeugen. In den vergangenen Jahren hat das Quartett unermüdlich getourt und Support-Slots für alte Helden wie Ten Years After oder Uriah Heep, aber auch neuere, stilistisch ähnlich gelagerte Bands wie Rival Sons oder Blues Pills gespielt. Mit dem selbstbetitelten Erstling ist The Weight nun eine beeindruckende Visitenkarte gelungen, die den Musikern weitere Türen öffnen dürfte.

Das das gut wird, spürt man schon beim Opener "Hard Way": Schnörkelloses Drum-Intro und dann gleich das erste Widerhaken-Gitarrenriff, über das sich der Gesang hinaufschwingt, während der Bass den Groove körperlich spürbar werden lässt. Runde Sache! Den zweiten Song "Trouble" kennt man schon, und falls nicht: unbedingt nachholen. Die Vorab-Single sorgte mit ihrem extrem aufwändigen Video für Begeisterungsstürme und wurde inzwischen über 367000 Mal bei Youtube geklickt (siehe unten). Eine sehr schöne Hommage an die Vorbilder der Band.

"Inside" kam mir von den Auftritten der Band bekannt vor, und mit seinen Klaviertupfern und dem dynamischen Stimmungswechsel ist der Song ein echtes Highlight der Platte. "Rich Man & Pride" ist eine Verbeugung vor dem Deltablues und nimmt schon mal das Tempo raus, bei "A Good Thing" gibt es dann eine Verschnaufpause mit vielen luftigen Passagen, in denen das Distortion-Pedal abkühlen darf. "Money Ain't For Keeping" gefällt mit Hammond-Orgel und ist mit 2:55 Minuten einer der kürzeren Songs auf dieser Platte. Mit dem fast neunminütigen "Hammer, Cross & Nail" folgt ein ausschweifendes Epos, bei dem sich bluesige Passagen mit imposanten Gitarrensoli abwechseln und bei dem sich die Band viel Zeit für instrumentale Spielereien nimmt. Noch improvisierter wirkt "Jam", das seinem Namen alle Ehre macht und bei dem man sich den Szenenapplaus förmlich dazudenken kann. "Get Some" donnert kompakt und auf den Punkt durch die Boxen, bevor "Plenty Of Nothing" mit mehrstimmigem Gesang und wärmendem Orgelsound nochmal alle Register zieht.

Die zehn musikalisch reichhaltigen Songs hat die Band selbst produziert, und auch mit der Gründung eines eigenen Labels signalisieren The Weight, dass sie konsequent ihr Ding durchziehen wollen. Kein Stück schielt auf Charterfolge und Airplay, wenn ein Song länger als fünf Minuten gehen muss, dann tut er das eben. Für den Mix konnte die Band Oliver Zülch (hat als Produzent unter anderem für Sportfreunde Stiller und Die Ärzte gearbeitet) und für das Mastering Martin Scheer (u.a. Bilderbuch) gewinnen. Der Weight-Train rollt unaufhaltsam. Nächster Halt: Oben. Nicht, dass sie jemals ganz unten gewesen wären.

"The Weight" von The Weight erscheint am 17. November 2017 via Heavy Rhythm & Roll Records. 

Mehr über The Weight auf Tinnitus Attacks: 
Konzertkritiken mit Fotos von den Auftritten beim Umsonst & Draußen in Weingarten 2016 und im Spielboden in Dornbirn 2015 sowie ein Bandporträt von 2015

Mehr Infos: www.theweightrock.com. 

Hier seht Ihr das Video zu Trouble:


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