Samstag, 7. Oktober 2017

Hörtest: Cold Reading - Sojourner

File under: Hat eine große Zukunft. Das Schweizer Quartett "Cold Reading" macht einen extrem souveränen Mix aus Post-Hardcore und Indie, der Emo und Pop atmet. Die neue EP "Sojourner" folgt auf das 2015er-Debüt "Fractures and Fragments" - und zeigt die Band als echte Hoffnungsträger in diesem Genre, dem ein paar neue Impulse nicht schaden könnten.

Noch bevor man genauer auf den Text des Openers hört, wird klar: Etwas ist im Umbruch, und das hier ist der Soundtrack dazu. Den Wunsch zum Neuanfang, zum Reboot der eigenen Biografie - dieses Gefühl ist hier unglaublich gut in Noten gegossen. "Books & Comfort" ist ein euphorisierender Hit, wie gemacht für die große Festivalbühne, aber gleichermaßen tauglich für die Indiedisco. Mike (Gesang & Keyboards), Chris (Gitarre und Gesang), Arthur (Bass und Gesang) und Marc (Schlagzeug) wirken auch auf dieser EP wie ein bestens aufeinander eingespieltes Team. Davon, dass sich die Band den Gesang aufteilt, profitiert der Sound in punkto Abwechslung.

Der Titeltrack lässt mit seinen flächigen Synthies in den ersten Sekunden Twin-Peaks-Feeling aufkommen und auch textlich sind durchaus Parallelen zu David Lynchs und Mark Frosts verstörendem Serienmeilenstein erkennbar (liegt aber vielleicht auch daran, dass ich immer noch ständig über die kürzlich zu Ende gegangene 3. Staffel nachdenke). Musikalisch gefällt der Song mit seinen cleanen Gitarrenfiguren und dem dramatischen Refrain.

"Roads and Peril" nimmt nach einem ruhigen Intro Fahrt auf und entwickelt sich zu einem von pulsierendem Bass angetriebenen Ohrwurm. "Scratches" lässt die EP dann mit sanfteren Tönen ausklingen, die Melancholie aufkommen lassen. Nicht nur, weil man der Band gern noch länger als 20 Minuten zugehört hätte. Aber wie gesagt: Da kommt sicher noch mehr.

"Soujourner" ist am 22. September via KROD Records als LP und digital erschienen. Mehr Infos gibt's auf der Internetseite der Band. Dort kann man die EP auch bestellen oder downloaden.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Konzertkritik: Dave Hause And The Mermaid in Lindau

Dave Hause And The Mermaid 
Frank Iero And The Patience 
The Homeless Gospel Choir
The Paceshifters
Club Vaudeville, Lindau
30. September 2017

Dave Hause.                Foto: Tinnitus Attacks
Die einzige Frage, die sich nach diesem Abend noch stellt: Warum erst 2017? Dave Hause passt perfekt in den Club Vaudeville, und es wird wohl auch nicht sein letztes Gastspiel in Lindau gewesen sein. Die Show, die der amerikanische Songwriter aus Philadelphia vor mehreren hundert Konzertgängern runterreißt, zeigt, warum Hause zu den Besten in der Punkrock-meets-Acoustic-Sparte zählt. Dave euphorisiert, schwelgt, leidet und ja, rockt, auf der Bühne, und nichts davon ist gekünstelt oder aufgesetzt. Fun Fact vorweg: Den ersten und letzten Song seines aktuellen 2017er-Albums "Bury Me In Philly" vertauscht er live, mit dem Titelstück "Bury Me In Philly" beginnt ein fantastischer Auftritt, der mit "With You" dann unglaublich energisch endet (und was dazwischen passiert, erzähl ich gleich noch). Wie Dave Hause da nochmal aufdreht, über die Bühne stürmt - man könnte ihm ewig dabei zusehen. Und der Song ist einfach so wahr. "Dance With Me We'll All Be Dead Soon" - seltener wurde das Memento Mori eindringlicher in Songform gegossen. Überhaupt würde man sich wünschen, dass mehr Künstler es machten wie Dave, dass sie etwas zu sagen hätten und imstande wären, so bedeutsame Songs we "We Could Be Kings" (vom 2013er-Album "Devour") zu schreiben, das auch an diesem Abend in Lindau zu den Glanzlichtern gehört. Die neuen Stücke reihen sich bestens ein, die Absage ans Zögern in "The Flinch" mit seinem Auf-geht's-Introriff etwa oder das wütende "Dirty Fucker", das - man ahnt es wegen des T-Shirts am Merchstand mit Trump-Konterfei - an diesem Abend dem 45. Präsidenten der Vereinigen Staaten (klingt das nicht immer noch unfassbar?) gewidmet ist. 

Kayleigh Goldsworthy.              Foto: Tinnitus Attacks
Natürlich kommt auch "The Mermaid" zum Zug, und Kayleigh Goldsworthy spielt dazu die Melodica. "The Mermaid" heißt ja auch die aktuelle Band, mit der Dave tourt, und diese Truppe harmoniert bestens. Goldworthy spielt abwechselnd Keyboard, Gitarre und Mandoline. Wie dankbar er für das gute Verhältnis zu seinem Bruder Tim ist, hat Dave mir dieses Jahr bereits im Interview erzählt. Tim wirkt auf mich introvertierter als Dave, setzt aber mit seinem Gitarrenspiel Akzente (und einmal an diesem Abend, ich weiß nicht mehr, bei welchem Song, gibt es sogar Triple-Gitarrenpower, was den Distortion-Junkie in mir extrem freut). Drummer Kevin Conroy guckt man ebenfalls gern zu, wenn er die Felle verdrischt und gemeinsam mit Basser Miles Bentley die rhythmische Fahrspur modelliert. Und noch ein Fun Fact: Die Meerjungfrau auf dem weißen Shirt unterscheidet sich von der Starbucks-Dame in zwei Punkten: Dollarzeichen statt Stern auf dem Kopf und ein böser statt ein lachender Mund. Nur falls sich jemand gefragt hat.  

Songtechnisch bleiben an diesem Abend kaum Wünsche offen. Bei "C'mon Kid" erschrickt man kurz, weil das mal "der" Hit von Dave war, das Ganze aber auch schon sechs Jahre her ist und die Zahl der fantastischen Stücke aus der Hause'schen Feder um ein ganzes Stück angewachsen ist. Und dabei war ja schon "Revelations" keine schwache Platte, wie Dave in Lindau dann unter anderem mit "Time Will Tell" und "Prague" untermauert. Ein großer Auftritt. 

Frank Iero.               Foto: Tinnitus Attacks 
Zuvor zeigte Frank Iero and the Patience (Patients?), dass Emo nicht tot ist. Ich fühle mich mehr als einmal an die 2013 zu Grabe getragenen My Chemical Romance erinnert, bei denen Iero früher die Rhythmusgitarre bediente, und lasse mich aufklären, dass in den USA Frank Iero der Headliner ist und Dave Hause sein Support. Vor dem Club hatten an diesem Tag eine Handvoll Hardcore-Fans aus den Niederlanden gecampt und warteten seit 9 Uhr morgens auf ihr Idol. Mein Fazit: Wird nicht mein neuer Lieblingsmusiker, ist aber definitiv unterhaltsam. 

Derek Zanetti.            Foto: Tinnitus Attacks
Wenig mitbekommen (aber immer noch mehr als von den verpassten Paceshifters) habe ich leider von The Homeless Gospel Choir, aber nachdem ich auf Youtube "Everyone" gesehen und gehört habe, finde ich das ziemlich schade. Derek Zanetti (grandioses Outfit!) ist mit seinen Protestsongs eine wichtige Stimme unserer Zeit. "I'm Not On MTV" steht auf den gelben Buttons mit dem brennenden Fernseher, die am Merchstand zu kriegen sind, wo Derek mich mit seiner supersympathischen Art noch mehr gewinnt als zuvor schon auf der Bühne. Wer braucht schon MTV? Diese Musikszene lebt doch sehr sehr gut - auch ohne Fernsehsender. 

Mehr Bilder vom Konzertabend in Lindau findet Ihr auf meiner Flickr-Seite. 
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Dave Hause in Lindau