Mittwoch, 27. September 2017

Konzertkritik: Joey Cape in Lindau

Joey Cape, Zach Quinn, Donald Spence, Brian Wahlstrom
Club Vaudeville, Lindau
25. September 2017

"Aber die haben ja gar kein Schlagzeug dabei!" Der Kollege - sozialisiert mit dem melodiös-harten Skatepunk der 1990er-Jahre - ist nach einem Blick auf die Tourankündigung unschlüssig, ob er sich den akustischen Abend in Lindau geben soll oder nicht. Ich argumentiere: Joey Cape ist einer der besten Songwriter der Erde, ach, des Universums. Egal ob mit Distortionpedal und Punkrock oder mit Akustikgitarre und der puren Wirkung seiner Stimme. Lagwagon finde ich gleichermaßen fantastisch wie Joeys Solosachen und seine anderen Projekte.

Joey Cape in Lindau.        Foto: Daniel Drescher
Es war klar, dass dieser Moment kommen würde: Joey Cape kündigt "One More Song" an, den Song vom 2014er-Überraschungsalbum "Hang". Das Stück ist Tony Sly gewidmet, dem 2012 mit 41 Jahren viel zu früh verstorbenen Frontmann von No Use For A Name. Cape und Sly verband eine tiefe Freundschaft, die sich auch musikalisch in zwei gemeinsamen Akustik-Platten manifestierte (und nicht nur da, sondern etwa auch bei den Scorpios). Das Tourposter von 2010 hängt gerahmt an meiner Wand, da traten Lagwagon und No Use For A Name im Club Vaudeville auf. Viele Fans und Freunde von Sly können immer noch nicht begreifen, dass er nicht mehr da ist. Cape geht es nicht nur um den einen Song mehr, den die Welt hätte hören können. "Ein Tag mehr mit ihm wäre einfach schön gewesen", sagt Cape und stimmt dann die Akustikversion dieses Liedes an, das einem auf schmerzliche Weise begreifbar macht, dass man keinen Menschen im Leben für selbstverständlich halten sollte. Natürlich kommt auch "International You Day" von No Use For A Name zum Zug, das Cape als eines der besten Liebeslieder der Welt bezeichnet. Der Refrain von Tony Slys Stück indes lässt sich durch dessen Tod wieder mit einer neuen Bedeutung hören. "Without You My Life Is Incomplete, My Life Is Absolutely Gray". Verlust ist bitter, und Zeit heilt nicht alle Wunden.

Donald Spence, Brian Wahlstrom, Joey Cape und Zach Quinn
 (von links) auf der Bühne.          Foto: Daniel Drescher
Auf der aktuellen "One Week Records" Tour ist Joey mit Pears' Zach Quinn (Gitarre und Gesang) sowie Donald Spence (Gitarre und Gesang) von Versus The World und Brian Wahlstrom (Piano) von Scorpios unterwegs. Die Idee der "One Week Records" ist, in sieben Tagen zehn Songs aufzunehmen, wie Joey auf der Internetseite dazu schreibt. Er lädt die Musiker dazu in sein Haus ein, lässt sie dort wohnen, isst und trinkt mit ihnen. Es ginge ihm darum, zu hören, wie der Künstler klingt, und nicht das Studio, in dem aufgenommen wird. Was das konkret heißt, zeigt sich an diesem Abend sehr schön: Im Zusammenspiel mit den anderen Musikern offenbaren die Stücke völlig neue Facetten - und werden manchmal auch mutwillig mit anarchischem Humor aufgemischt. So etwa, als Zach Quinn (der "Sohn" von Joey Cape, guter Gag) während "Violins" zwar nicht auf der Bühne steht, den Gitarrenpart aber aus dem Off dann doch spielt. Diesmal allerdings nicht auf der Klampfe, sondern mit seiner Stimme. Ohnehin sorgt Zach Quinn - übrigens der Anwärter auf den Titel "Frisur des Abends" - immer wieder für die Lacher. Wenn er zum Beispiel allein auf der Bühne steht und mit übertriebener Southern-Blues-Stimme vom "Butt Train" singt. Apropos Arsch: Quinns angekündigtes Musical über den Jungen, der seinen Hintern verloren hat, wird sicher ein Hit. Kunden, die das gekauft haben, kauften auch: Andrew Lloyd Webber. Nicht. Brian Wahlstrom zeigt ebenfalls als grandioser Entertainer, als er bei Quinns Cover-Impro "My Heart Will Go On" singt - auf Italienisch. Als am Ende des Sets alle gemeinsam auf der Bühne stehen und jeweils einen eigenen Song spielen, beeindruckt Donald Spence mit "The Black Ocean". Brauch ich auf Platte!
Die Lindauer Setlist. 
Und dann sind es bei Joey Cape auch Momente wie der, als er Timo Keck (Fire Ants From Uranus) auf die Bühne holt. Er bedauere es, wenn Vorbands spielen, die sich niemand anschaut, sagt Cape dazu. Drum bindet er Musiker aus der Region lieber in das Konzert ein. Es ist solche Demut, die authentische Musiker von arroganten Rockstars unterscheidet. Keck macht seine Sache richtig gut und erntet verdienten Beifall.

20 Songs stehen auf der Setlist, und irgendwann zeigt der Blick auf die Uhr: Es ist spät geworden. Doch bei Songs wie "Alien 8" und "Violins" macht das wohl keinem etwas aus. Mit "To All My Friends" endet der Auftritt. Am Ende hat's auch dem vormals skeptischen Kollegen gefallen. Und das ganz ohne Schlagzeug.





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Joey Cape in Lindau

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