Samstag, 8. Juli 2017

Hörtest: Kraftklub - Keine Nacht Für Niemand

Ich bin etwas im Verzug mit dem Besprechen musikalischer Neuerscheinungen. Bei der Arbeit ist viel los (siehe meine Berichterstattung zu Rock im Park oder Southside), ein bisschen Sport muss auch sein und hin und statt vorm Laptop sitzen geh ich auch mal gern in den Wald. Und dann sehe ich: Oh, die neue At The Drive In ist raus. Die neue Body Count wollte ich auch noch besprechen, eine wichtige politische Platte in diesen Zeiten. Mist, die Cloud Nothings hab ich auch noch nicht hier vorgestellt. Aber ich hol auf. Und die nächsten Monate halten auch noch etliche verdammt wichtige Platten bereit - ich sag nur Queens Of The Stone Age und Foo Fighters. Na jedenfalls: Jetzt fange ich mal an, aufzuholen, was zu kurz kam in den vergangenen Monaten. Den Anfang machen Kraftklub mit Studioalbum Nummer 3.


Vorweg: Der Überraschungseffekt ist weg, soviel war klar. Die flirrenden Gitarren, die tanzbaren Rhythmen, dazu Felix Brummers lässig-gelangweilter Sprechgesang: in Fleisch und Blut übergegangen, mit der musikalischen DNA der hiesigen Indierockszene verschmolzen. Das ist aber nicht negativ gemeint, nein, denn die Mixtur hat sich bewährt. Wer auf die großen Festivals geht, kam in den vergangenen Jahren nicht an Kraftklub vorbei, und die Shows waren immer energiegeladen und überraschend. Ob die Band beim Ring mit einer fahrbaren Hebebühne in der Menschenmenge auftauchte oder zur Präsentation von "In Schwarz" mit Drama und Feuerwerk beim Southside beeindruckte - Kraftklub haben Bock, spielen lieber mit Genre-Konventionen statt einfach nur
Shows.

Mit "Keine Nacht Für Niemand" fügen sie ihrem bisherigen Songkaleidoskop ein paar neue Facetten hinzu. Luftiger, variabler wirken die Nummern - das ist auf einem Album nicht in jedem Moment zwingend, macht sich aber im Live-Kontext dafür sehr gut. Mit "Fan von Dir" kann ich weniger anfangen, und "Dein Lied" könnte von mir aus auf den platten Provokationskniff verzichten. Dafür gibt es mit "Hausverbot (Chrom & Schwarz)" einen Song, der sich irgendwie nach 60er/70er-Protestsogns anfühlt und einen Ton Steine Scherben-Vibe atmet, was ja zum eben jener Band Tribut zollenden Wortspiel-Albumtitel passt. Und es gibt auch sonst viel zu entdecken, kleine Anspielungen, Referenzen, etwa, wenn in "Sklave" plötzlich eine Melodie aus "Small Town Boy" von Bronski Beat auftaucht. Dass das Stück in seiner Arbeitswelt-Kritik gleichzeitig die SM-Blödeleien von Die Ärzte rezitiert ("Bitte Bitte") gehört da genauso dazu wie das Zitat mit den Möbeln, die für den Tanzboden weichen müssen ("Venus"). Die erste Single "Fenster" ist ein gleichermaßen sarkastisches wie wütendes Statement in Richtung der Wutbürger/Lügenpresse-Fraktion und wird durch einen Gastvocals von Farin Urlaub geadelt. In "Am Ende" steuert Sven Regener (Element Of Crime) ein paar Gesangszeilen bei.

Das Schöne an Kraftklub ist auch, wie sich die Band Classic-Rock-Riffing aneignet ohne peinlich zu sein ("Hallo Nacht") oder Rock'n'Roll-Gitarren und Kopfstimme einsetzt ("Liebe zu Dritt") und trotzdem etwas völlig Eigenes aus diesen Versatzstücken kreiert. Fazit: Nicht das beste Album der Band, aber Fans werden es ins Herz schließen und können bedenkenlos zugreifen.

"Keine Nacht für Niemand" ist am 2. Juni 2017 bei Vertigo Berlin (Universal Music) erschienen. Hier das Video zu "Sklave":

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