Sonntag, 28. Mai 2017

Konzertkritik: John K Samson in Reutlingen

Was für ein Ende einer Tour. Am letzten Abend seiner musikalischen Europa-Reise steht John K Samson ohne Drummer auf der Bühne, der Club ist nicht so voll wie er sein könnte. Und trotzdem - oder gerade deshalb - wird der Konzertabend im Franz K in Reutlingen den Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben. Drei Erkenntnisse eines ungewöhnlichen Konzertabends. 

1.) Ich muss mich intensiver mit dem Schaffen von Christine Fellows auseinandersetzen. 

Christine Fellows.          Foto: Daniel Drescher
Christine Fellows ist seit vielen Jahren der wichtigste Mensch im Leben von John K Samson. Einerseits als Ehefrau, andererseits als musikalische Weggefährtin. Und das nicht erst seitdem sie an dem aktuellen Soloalbum "Winter Wheat" beteiligt war. In Reutlingen steht sie nicht nur mit ihrem Ehepartner gemeinsam auf der Bühne, sondern bestreitet auch das Vorprogramm. Und das tut sie auf eine hinreißende Art. Wie sie zu simplen Akkorde auf der Ukulele singt, das ist unscheinbar und doch groß. Kein Wunder, dass diese zwei zusammengehören wie Drink und Schirmchen: Die Art der beiden, Songs zu schreiben, ist zwar sehr ähnlich, aber doch jeweils eigenständig. Christine hat auch einen ganz eigenen Charme, outet sich als Deutschland-Fan und lacht einfach darüber, wenn mal ein Einsatz nicht klappt oder die Technik streikt. 

2.) Ob The Weakerthans oder John K Samson ist im Grunde egal - denn gemeinsam haben alle Songs die wundervolle Seele des Poeten aus Winnipeg. 

John K Samson.     Foto: Daniel Drescher
Songs der 2015 traurigerweise aufgelösten The Weakerthans (da war das letzte Studioalbum Reunion Tour auch schon acht Jahre alt) finden sich ganz selbstverständlich im Set wieder - so wie Jason Tait und Greg Smith auch auf "Winter Wheat" mitgespielt haben und nun auf Tour dabei sind. Wobei Jason bereits zurückreisen musste (seiner Familie nach einem Einbruch beistehen). Aber der Reihe nach. "One Great City" macht den Anfang mit seiner Mitsing-Zeile "I Hate Winnipeg". Die Geschichte dieses Songs ist übrigens wesentlich vielschichtiger - und das Stück nicht als Hasslied zu interpretieren. Mittendrin dürfen sich Fans Songs wünschen, und klar, dass da Sachen wie "Our Retired Explorer" dabei sind. Ohne Drummer sind die Songs anders, zumindest die, die im Original durchaus vom Schlagzeug vorangetrieben oder akzentuiert werden. John überlegt immer mal wieder, wie man den Anfang machen soll, lässt die Konzertgänger einzählen - und es entsteht etwas Intimes, ganz Einzigartiges, weil der Club auch nur zu etwa einem Drittel gefüllt ist. Johns Talent, über Gefühle zu schreiben, aber völlig klischeefrei zu texten, und unverbrauchte Melodien zu kreieren, kann man in jedem Stück bewundern. Ob das nun "Plea From A Cat Named Virtute" heißt (bester Song meiner Ansicht nach) oder "17th Street Treatment Centre" (diese entwaffnend ehrliche Auseinandersetzung mit Depressionen), ist am Ende zweitrangig. Zum Weinen schön sind alle Stücke aus der Feder dieses nachdenklichen Poeten, der da nebenbei mit den Aufklebern auf seinen Gitarren ("Sign out" und "log off") den Abschied von social media propagiert. 

3.)  John K Samson macht Musik, weil er Musik machen will. Der Rest ist nicht so wichtig. 

Greg Smith.      Foto: Daniel Drescher
Regelmäßig taucht er in Bestenlisten auf, wenn es darum geht, welche Musiker aus Kanada wie einflussreich sind. Er selbst ist überzeugt davon, dass die Weakerthans nie eine Stadionrockband geworden wären, aber es ist dennoch davon auszugehen, dass die Fans der von Post-Punk und Indierock geprägten Musik nicht müde geworden wären. Dennoch entschied sich Samson dafür, das Ganze ein paar Levels zurückzufahren. Er könne vor einem kleineren Publikum besser spielen, die Weakerthans seien Gefahr gelaufen, eine Maschinerie zu werden, sagte er mir im Januar in Winnipeg. Dass er trotzdem Musik machen will, seine poetischen Texte in behutsame Klänge gießen will, das steht außer Frage. Hoffen wir, dass John K Samson noch viele dieser kleinen Geschichten einfallen, die so wertvoll sind. 

Mehr Fotos gibt es hier: 
John K Samson in Reutlingen

Sonntag, 14. Mai 2017

Hörtest: Sour Mash - Taste The Meat

Wenn Du vom Bodensee bist, kennst Du Sour Mash. Du musst den Namen mal gehört haben oder die Band aus Singen schon einmal irgendwo live gesehen haben. Mein früherer Chef nennt sie die beste Band der Welt. Nun muss ich gestehen: Das tat er schon vor mehr als fünf Jahren, ich kannte den Namen - aber live gesehen hab ich die Band tatsächlich vor wenigen Wochen zum ersten Mal. Der Eindruck: eine Band, in der die Mitglieder exzellent aufeinander eingespielt sind, ihre Instrumente extrem souverän beherrschen und denen egal ist, ob sie vor 5, 50, 500 oder 5000 Nasen spielen. Die Energie, die Rezzo, Parler, Mänzer, Mülle, Schiwago und Welse versprühen, fand ich fantastisch. Und die Stimme von Sänger Rezzo lässt einen sofort an Eddie Vedder denken. Die eigenen Songs wussten bestens zu gefallen, und die Auswahl der Coverversionen an jenem Abend sprach für sich: Motörheads "Ace of Spades", "Diggin' the Grave" von Faith No More und "South of Heaven" von Slayer - das zeugt von Geschmack. 

Was macht man, wenn der Gig gut ist? CD mitnehmen. In dem Fall die neue EP "Taste The Meat". Und jüngst auf einer Autofahrt von München zurück Richtung See läuft dieser Silberling - und beschert mir eine extrem unterhaltsame Fahrt. Alice Cooper hat mal gesagt, jeder Song, der Dich zum schneller als erlaubt fahren animiert, sei ein guter Song. Ich werde mich nun nicht selber belasten, aber sagen wir so: Auf der Autobahn muss man sich ja nun nicht sklavisch an ein festes Limit halten. Mein Favorit auf der Platte ist der Opener: "Nervous Breakdown" hat einen Refrain, der hymnisch, aber nicht pathetisch ist und sich richtig fies im Ohr bzw. im Hirn festsetzt. Danach wird es langsamer und grooviger, "Murderer" gefällt mit zweistimmigen Gitarrenharmonien. Der Titelsong tobt sich zwischen Distortion in der Strophe und cleanen Gitarren im Chorus aus. Reizvoll ist an den Songs, dass sich die Einflüsse aus Grunge, Punk und Crossover zu einem Ganzen vereinen, das inspiriert und ehrlich wirkt. "Get Away" zeigt das gut. "F.A.T." überrascht mit Pizzicato-Streicherkeyboard, "Breadcrumbs" setzt sich mit dramatischem Refrain im Ohr fest. Nach 20 Minuten ist alles vorbei, die Repeat-Taste muss ran - und es bleibt die Freude über eine Band, die ohne Rücksicht auf Trends den Sound spielt, der ihr passt. Regionale Bands klingt immer so nach Kneipennacht - Sour Mash, behaupte ich, legt man auf, und es klingt eher nach internationaler Produktion. 

Mehr Infos gibt's auf Facebook und auf der offiziellen Internetseite der Band