Montag, 24. April 2017

Konzertkritik: Ghost in München, April 2017

I ain't afraid of no Ghosts. Eine Textzeile, die so ziemlich jedes in den 80ern aufgewachsene Kind mitsingen konnte. Traf auf mich auch zu, also das Mitsingen. Die Zeile an sich - nun ja. Paranormal Activity 2 fand ich schon ziemlich gruselig, The Ring damals auch und Drag Me To Hell hat mich wirklich ausgefreakt. Ich bin eher so der Zombie-Splatter-Typ, wenn es um Horror geht. Psychohorror mit Alltagssymbolen ist viel verstörender als Kunstblut. 

Aber ich schweife ab. Ghost sind auch eher die Kategorie aus dem Titelsong zur Zeichentrickserie "Ghostbusters". Denn auch wenn die schwedische Band vordergründig Dod und Deibel beschwört, mit okkulter Symbolik spielt und jedes Konzert als Ritual bezeichnet, sind Papa Emeritus III. und seine Nameless Ghouls doch eigentlich eine harmlose Rockband, deren provokantes Satanismus-als-Weltreligion-Gedankenspiel in punkto evil niemals mit unserer abgefuckten Realität mitthalten kann. Darüber habe ich mich kürzlich auch schon mit dem Bandgründer im Interview unterhalten

Wer steckt hinter den Ghouls-Masken? Ist es am Ende egal?
Der Einstieg ist mit "Square Hammer" und "From The Pinnacle To The Pit" grandios gewählt. Es sind die stärksten Songs der aktuellen EP "Popestar" und des 2015er-Albums "Meliora", mit denen die Band in ihr Set einsteigt. Vom ersten Ton an ist die Band präsent. Die Nameless Ghouls posen in ihren schwarzen Soutanen und ihren anthrazitfarbenen Dämonenmasken um ihr Leben, überragt von drei Backdrops mit sakralen (bzw. wohl eher blasphemischen) Bildern.  


Der Trick bei Ghost besteht darin, poppige Refrains wie "He Is" unterzujubeln - und gleichzeitig eine Art Lobpreismusik unter umgedrehten Vorzeichen zu machen. Grandios "Year Zero", dieser tanzbare und doch hart rockende Hymnus. Auf Effekte verzichten Ghost weitgehend, etwas Kunstnebel, irgendwann Konfetti, dafür immer wieder atmosphärische Lichtstimmungen. Der Klang leidet etwas unter dem typischen Zenith-Sound. Dafür macht die Band mächtig Spaß und gibt sich sehr agil. Sind das neue Musiker? An ein paar Stellen meint man, andere Akzente zu bemerken, aber das kann auch den Schlagzeilen der letzten Tage geschuldet sein - wüsste man das nicht, würde man wahrscheinlich nichts merken. Euphorische Reaktionen ernetete auch "Ghuleh (Zombie Queen)", sich ja gegen Ende in einen derart fantastischen Höhepunkt schraubt. Apropos: Bevor die Zugabe "Monstrance Clock" ertönt, sorgt Papa Emeritus III mit seiner Ansage über weibliche Orgasmen Lacher.

Papa Emeritus III will Dich für seine Anhängerschar. 
Das Augenzwinkern, mit dem Ghost zuwerke gehen, war im Lauf des Abends schon da nicht zu übersehen, als der zuerst im Anti-Papstgewand und später im Dandy-Look auftretende Sänger mit dem Publikum "Ja"- und "Nein"-Mitsingspielchen veranstaltet. Hier wird die Eigenironie überdeutlich, mit der Ghost ihren Hobbysatanismus pflegen. Aber in Zeiten, in denen es ernsthaft Menschen gibt, die Darwin aus den Schulbüchern streichen wollen, ist Religionskritik etwas, das nach wie vor seine Berechtigung hat. Und Ghost machen dabei eine ziemlich gute Figur, gerade weil sie ihre Message subtiler verpacken als manch andere Kapelle. Dazu gehört ja auch der Trick, dass das 15-minütige Lied vor der Show den Namen "Miserere Mei" trägt und ein astreines Stück Kirchenmusik von Allegri ist. Satanische Kombo bringt Metaller dazu, christlich-chorale Klänge aus dem 17. Jahrhundert zu hören - nicht schlecht oder? 

Das Zenith (in das das eigentlich im Kesselhaus geplante Konzert verlegt wurde) war übrigens nicht gerade übervoll. Wo Anfang April bei den Broilers drangvolle Enge herrschte, war diesmal ein Teil der Halle abgehängt, Platz zum Headbangen fand sich genug. Auch mal eine feine Sache, wenn man nicht ständig angerempelt wird. Die Vorband verströmte übrigens eher gepflegte Langeweile. Zombi sind ein amerikanisches Duo, das mit seinem Mix aus hypnotischen Synthieklängen und Beats an die Musik und die Filme von John Carpenter erinnert. Passt aber natürlich zum Konzept: Die Streifen findet man heute wohl nicht mehr gruselig - da schließt sich dann der Kreis zu den Ghostbusters.

Text und Fotos: Daniel Drescher

Mehr Fotos aus München findet Ihr hier:   
Ghost in München 2017

Sonntag, 9. April 2017

Ghost im Interview: "Es gibt nichts Dunkleres als blinden Glauben"

Melodie und Mummenschanz – das sind die elementaren Zutaten, mit denen sich die schwedische Rockband Ghost seit fast zehn Jahren einen Namen in der Rock- und Metalszene (und auch etwas darüber hinaus) gemacht hat. Die Maskenträger stehen in der Tradition von Bühnenshow-Künstlern wie Alice Cooper. Im Interview spricht „A Nameless Ghoul“, wie die anonymen Bandmitglieder lediglich heißen, über das nächste Album, Religionskritik als Bandkonzept – und wie schwer es ist, heutzutage noch zu schockieren.

Ihr seid gerade auf Tour und habt ein neues Album in der Mache. Wann werden wir es hören können?

Wir werden das Album Anfang nächsten Jahres herausbringen, im Herbst nehmen wir es auf. Eigentlich wollten wir anfangs nur in Europa Konzerte geben, aber es sind noch welche in Süd- und Nordamerika hinzugekommen, so dass das Album später erscheint als geplant.

Euer 2015er-Album „Meliora“ war von dystopischen Motiven geprägt. Habt Ihr bereits ein Konzept für das nächste Album?

Ja, ist ist fast komplett ausgearbeitet. Es wird eine Art Antwort auf „Meliora“ sein. Darauf ging es um die Abwesenheit Gottes. Wenn der Herr aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Sagen wir einfach: Auf der nächsten Platte kehrt Gott zurück...die Party ist vorbei.

Dann wird es für Euch nicht einfacher, oder?

Oh, aber es ist sehr inspirierend. Es gibt nichts Dunkleres als blinden Glauben.

Für Eure Fans macht das den Reiz aus: Ihr spielt mit religiösen Themen und versteht Euch ja quasi als "Lobpreisband" unter umgekehrten Vorzeichen, quasi wenn Satanismus und Christentum die Plätze tauschen würden.

Wenn man ins Philosophieren kommt über das Konzept von Gut und Böse sowie Religion, ist das ein schwieriges Thema. Es ist eben nicht so einfach, dass die gute Seite immer gut ist. Nichts hat mehr Schmerz verursacht als organisierte Religion. Es ist unglaublich, wie viel Leid Religion für ihre Anhänger und ihre Gegner mit sich bringt. Dabei soll sie eigentlich das Leben der Menschen verbessern – aber sie macht soviel kaputt. Ich sage nicht, dass Du unterdrückt bist, nur weil Du einen Glauben hast. Aber die organisierten Religionen sind dazu da, um Menschen zu kontrollieren, das ist kein Geheimnis. Es ist für lange Zeit eine große Hürde für viele Menschen gewesen. Das neue Album dreht sich um die Idee, dass Dinge auseinanderfallen, welche Rolle Gott dabei spielt und wie sich Menschen gegenseitig anklagen, dass sie diese Wut verursachen. Der Tag des Zorns, wenn Gott zurückkehrt – das ist unser Thema.

Der Flirt mit okkulter Symbolik war immer ein Bestandteil von Rockmusik, und immer gab es Kritiker und Eltern, die dachten, ihre Kinder seien auf dem direkten Weg zur Hölle. Heutzutage könnt Ihr noch so böse posen – die Realität mit all ihrem Terror überholt Euch rechts. Wie geht Ihr damit um?

Ich denke, es gibt einen großen Unterschied zwischen heute und den Anfängen der kommerziellen Rockmusik. Als Bands in den 60ern mit Okkultismus kokettierten, waren Eltern ganz anders drauf. Meine Mutter war in den 50ern und 60ern ein Teenager, sie war Teil der Hippiebewegung. Und heute – fragt Jugendliche, die 15, 20 Jahre alt sind – da hören die Eltern selbst Heavy Metal. Der krasse Graben zwischen Kindern und Eltern ist nicht mehr da. Wir wollten nie auf dieselbe Weise provozieren wie die Bands aus den 60ern. Aber das ist heute auch viel schwieriger. Alice Cooper und Black Sabbath hatten es leichter. Eben, die Realität ist schräger als die Fiktion. Die Menschen finden Erleichterung in der Kunst. Das ist das einzig Gute an dem Chaos, das wir derzeit erleben: Donald Trump ist Präsident – und es ist eigentlich gut für die Kunst. Sorry, aber das ist so.

Wenn man sich die Punkrockszene in den USA anschaut, trifft das wohl zu...in der Zeit von Obamas Präsidentschaft ist die Szene ziemlich eingeschlafen, aber jetzt hat sie wieder einen Gegner.

Exakt. So wie zu Präsident Reagans Zeiten. Es werden definitiv bessere Zeiten kommen.

Um Euren Sänger, der angeblich mit jedem Album ausgetauscht wird, haben sich Legenden gebildet, und auch sonst wird viel darüber spekuliert, wer bei Ghost mitwirkt. Gibt es auch zum neuen Album Wechsel in der Besetzung?

Wir hatten immer Besetzungswechsel. Es gab von Anfang an wenig Verbindungen zwischen der Band Ghost, die Alben aufnimmt, und der Band Ghost, die auf der Bühne steht. Und beim Tour-Lineup gab es andauernd Veränderungen. Ich denke, der einzige Grund, warum die Leute jetzt darüber diskutieren, ist, weil sie es eben bemerkt haben. Ich sehe das wie eine Besetzung bei einer Theateraufführung. Die verändert sich ja auch. Aber das ist auch natürlich: Es gibt nur wenige Bands, deren Lineup sich nicht verändert über die Jahre.

Welche Qualifikation muss man mit sich bringen, wenn man in die Robe des Ghouls schlüpfen will? Mit Maske und Soutane spielen, das kann nicht jeder, oder?

Heutzutage muss es jemand sein, der sehr ans Touren gewöhnt ist. Wir haben in der Vergangenheit mal den Fehler gemacht, einen Freund mit auf Tour zu nehmen, der noch nie weg von zu Hause war. Das endet normalerweise nicht gut. Auf Tour sein ist ein sehr spezieller Lebensstil, auf den man vorbereitet sein muss. Da bin ich also sehr wählerisch. Es muss jemand sein, der es gewöhnt ist, in großen Locations aufzutreten, das aber auch nicht für selbstverständlich hält. Sobald Du das tust, wird es schwierig.

Warst Du von Anfang an dabei?

Ich hab die Band 2008 gegründet und 2006 schon Musik für Ghost geschrieben. Bis 2010 war gar niemand außer mir in dieser Band, als das erste Album erschien. Von den Mitgliedern, die jemals mit dieser Band auf Tour waren, hat niemand auf „Opus Eponymous“ mitgespielt.

Gut zu wissen! Ich wusste ja nur, dass ich mit einem Nameless Ghoul rede... Eigentlich macht den Reiz bei Ghost ja auch aus, dass man nicht weiß, wer unter euren Kutten steckt. Im Netz wird viel über eure Identität gerätselt. Es würde den Mythos ankratzen, wenn ihr euch zu erkennen geben würdet, oder?

Es kommt darauf an, wie man sich selbst enthüllen würde. Ich selbst bin Ghost vollkommen verpflichtet, es liegt in meiner Verantwortung, die Bandmitglieder zu beschäftigen. Ich habe wenig Zeit für anderes – aber ich würde nie von jemand anderem das gleiche Engagement bei Ghost erwarten. Im Gegenteil, ich habe über die Jahre eher darauf bestanden, das die Musiker ihre anderen Projekte und Bands weiterbetreiben. Ghost lässt einem nicht viel Raum für den traditionellen Band-Lebensstil. Also ist es besser, wenn die Musiker ihr eigenes Ding machen können – aber ich erwarte auch nicht, dass sie dass dann unter Pseudonym tun. Wenn ich abseits von Ghost Musik mache, will ich das ja auch nicht anonym machen. Die Masken gehören zu Ghost, das ist unser theatralisches Konzept. Aber es gibt auch keinen Grund, sich zu offenbaren. Es wird nie den Moment geben, in dem wir die Masken auf der Bühne abnehmen. Das ist ein Unterschied zu einer Internetrecherche, bei der Du bei Wikipedia nachschauen kannst, wie groß ich bin. Es ist nicht verboten, zu wissen, wer ich bin oder wer Schlagzeug auf unseren Alben gespielt hat.

Aber würdest du mir deinen Namen verraten, wenn ich Dich jetzt danach fragen würde?

Nein, meinen wahren Namen nicht.

Ihr habt 2016 den Grammy für die „Best Metal Performance“ gewonnen. Euer Sänger nahm eine Reporterin aufs Korn, die wenigsten Leute dort kannten Euch. Wie war das – und was würde dieses Erlebnis toppen?

Ich nehme es niemandem übel, wenn er unsere Band nicht kennt. Vor allem nicht im Grammy-Umfeld. Das kann man nicht erwarten. Ich denke sogar, dass es gut so ist, auch wenn ich kein Geheimnis daraus mache, dass Ghost so groß werden sollen wie möglich. Denn dann können wir die Show spielen, die wir verwirklichen wollen, auf den großen Bühnen, die wir dafür brauchen. Jeder Künstler, der sagt, dass er seine Band so klein wie möglich halten will, lügt. Dass uns niemand kannte, ist ein gutes Zeichen: Wir sind wohl doch noch nicht so Mainstream wie etwa Nicki Minaj.

Und wo bewahrt Ihr den Grammy auf?

Bei mir im Bücherregal.

Fotos: Daniel Drescher (Ghost, Backstage München, Dezember 2015).

Ghost sind aktuell auf Tour:

09.04. Wiesbaden - Schlachthof
23.04. München - Zenith
25.04. Berlin - Huxley's Neue Welt