Sonntag, 5. Februar 2017

Hörtest: Dave Hause - Bury Me In Philly

Mit Dave Hause und mir, das war Liebe auf den ersten Blick. 2012 beim Pirate Satellite Festival in Stuttgart (das es ja leider nicht mehr gibt) stand Dave auf der Bühne, er war Teil des dreistündigen Akustik-Sets, bei dem auch Chuck Ragan, Tom Gabel (inzwischen besser bekannt als Laura Jane Grace) und Dan Adriano auftraten. Mir ging damals besonders "The Bridge" ins Ohr, das im E-Gitarren-Original von Dave Hause' Band "The Loved Ones" eingespielt wurde ("Build and Burn"). Also musste "Resolutions" her, das Soloalbum, alles von The Loved Ones, und "Devour" wurde dann natürlich überglücklich in die Arme geschlossen.

Das ist jetzt auch schon wieder über drei Jahre her. Und mit "Bury Me In Philly" löst Dave Hause alle Hoffnungen auf ein starkes Album ein. Die Reaktionen, die ich bisher gesehen habe, sind jedenfalls alle positiv und überschwänglich. Mit seinem hemdsärmeligen, ungekünstelten Heartland-Rock ist Dave Hause in seinem Element. Dabei macht er gar nicht viel anders als bei "Devour" (per Klick kommt Ihr zu einem Interview, das ich damals mit ihm geführt hab). Aber warum auch, denn auch auf dem Vorgänger war die Mischung aus Gitarrenpower mit Schub, Daves unverkennbarer Stimme, melancholischem Sinnieren und unpeinlichem Pathos der Marke Springsteen im Grunde perfekt. Wenn man an diesem Longplayer etwas kritisieren will, dann vielleicht, dass etwa "Shaky Jesus" ziemlich exakt so aufgebaut ist wie "The Great Depression" vom Vorgängeralbum und sich sogar die Gitarrenfiguren frappierend ähneln. Trotzdem - mir ist diese Beständigkeit lieber als eine erzwungene "Entwicklung", wie man sie bei anderen Musikern schon hat zu Blödsinn führen sehen. 

Stark an diesem Album ist seine Fähigkeit, dem Hörer Melodien ins Hirn zu setzen, die sich festsetzen und nicht wieder weichen wollen. Das geht beim Opener "With You" los, der mit seiner drastischen Textzeile "Dance With Me We'll All Be Dead Soon" geradezu gespenstisch gut in die aktuelle pessimistische Weltlage passt. Aber Dave wäre nicht Dave, wenn er damit nicht gleich einen Aufruf zum Zusammenhalten, zum Arschhochkriegen verbindet. Auch "The Flinch" schlägt in diese Kerbe. Die Botschaft: Kein Blick zurück, jeder weicht mal zurück, aber künftig gibt es kein Zurückweichen mehr. Mit Hymnen wie "My Mistake" macht Dave Hause Eindruck, hier treffen Haltung und musikalisches Talent aufeinander und es könnte sein, dass dem Musiker aus Philadelphia in Zukunft viel mehr Beachtung zuteil wird (und eben die, die er eigentlich verdient). Mit "Dirty Fucker" gibt es eine mistingkompatible Faustindielufthymne für die Konzerte, aber es gibt auch Momente wie in "Divine Lorraine", wenn es nach Pedal Steel klingt und man das American Songbook aufschlagen und Tom-Petty-Vibes den Raum fluten. 

Der Abschluss mit dem Titeltrack zeigt einen Dave Hause, der seine Herkunft nicht leugnet, sondern mit Stolz auf die Arbeitermetropole verweist, aus der er kommt. Schön, wie hier der Unterschied zu tumbem Patriotismus klar wird. Dave Hause ist jemand, der seine Wurzeln kennt, aber trotzdem in der Welt zuhause ist. Da, wo auch seine Fans sind. 

"Bury Me In Philly" ist am 3. Februar via Rise Records / ADA erschienen. Hier hört Ihr "The Flinch". Wer das ganze Album im Stream hören will: Bei Dyingscene geht das. 

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