Sonntag, 31. Dezember 2017

Jahresrückblick, Teil 2: Meine zehn subjektiven Lieblingsplatten 2017

Das liebe ich immer am meisten: den Jahresrückblick erstellen. Welche Alben bleiben übrig am Ende des Jahres, was hat bewegt, was überrascht, sich festgebissen? An dieser Stelle lest Ihr etwas über meine zehn Lieblingsalben des Jahres. Da müssen nicht die hippsten neuen Dinger dabei sein, hier geht es rein um subjektive Eindrücke. Und wie immer gilt: Der Rang errechnet sich aus einem irgendwie zustande gekommenen Wert, bei dem Hördurchläufe und Euphorie miteinander verrechnet sind. 

10.) Foo Fighters - Gold And Concrete

Auch wenn sie von vielen als bräsige Altrockerscheibe belächelt wurde: Ich fand die neue Foo Fighters sehr gut. Nicht so fantastisch wie "Wasting Light", aber doch sehr gut. Allein der stampfende Song "Sky Is A Neighbourhood" hat mich umgehauen. Und in Stücken wie "Dirty Water" zeigen sich wieder neue Facetten. Aber ich geb auch zu: Wenn es um Dave Grohl geht, bin ich Fanboy. Wenn immer ich an der Menschheit zweifle, möchte ich den Leuten zurufen: Warum könnt Ihr nicht ein bisschen mehr sein wie Dave Grohl?


9.) Broilers - (sic!)

Ein fantastisches Album und ein wichtiges Statement in einem politisch gruseligen Jahr: Sammy Amara und seine Band haben mit (sic!) ein verdammt relevantes Album veröffentlicht. Songs wie "Nur ein Land", "Keine Hymnen Heute" oder auch "Zu den Wurzeln" beziehen eindeutig Stellung gegen Hass, Hetze und Rassismus. Und mit "Meine Familie" ist ein neuer Live-Klassiker dabei, der in den ohnehin nicht gerade schwachen Live-Shows der Band fantastisch zündet. Eine der wichtigsten deutschsprachigen Rockbands derzeit.



8.) Farin Urlaub - Berliner Schule - Fragwürdige Heimaufnahmen 1984 - 2013

Es ist kein neues Studioalbum, aber für mich war diese Compilation mit Songs, die Farin Urlaub entweder selbst bewusst nie veröffentlicht hat (bisher jedenfalls) oder die von seinen Ärzte-Kollegen abgelehnt wurden, eines der wichtigsten 2017. Denn zum einen sind da fantastische Perlen darunter, "Antimattergun" etwa oder "Lieblingslied", aber auch "Bitte lass mich schlafen" - und zum anderen erzählen sie uns eben auch etwas über den Menschen Farin Urlaub, wie er früher tickte (oder zumindest was für Songs er früher schrieb). Insofern hab ich kein schlechtes Gewissen, diese Zusammenstellung zu meinen Lieblingsalben des Jahres zu zählen.

7.)  Bloodlights - Pulling No Punches

Ich hab ein Faible für skandinavischen Rotzrock, und zwar seit Ende der 90er, als die Hellacopters und Gluecifer Giganten der Gitarrenmusik waren (was für ein Mixtape-Titel wäre das!). Beide Bands gibt es nicht mehr, und während mir von der Hellacopters-Nachfolgern Imperial State Electric alles präsent war, ist das hier die erste Bloodlights-Scheibe (Captain Poon von Gluecifer am Mikro und an der Gitarre, die bei mir landete. Gerade durch ihre Einfachheit so effektiv.




6.) Kettcar - Ich vs. Wir

Auch was Kettcar angeht, bin ich Spätberufener. Aber die neue Platte - wow. Mit „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ haben Marcus Wiebusch und seine Mitstreiter einen gleichermaßen packenden wie intelligenten Kommentar zur Flüchtlingskrise abgeliefert. Und mit "Wenn du das Radio ausmachst. Wird die Scheißmusik auch nicht besser" hat die wichtigste deutsche Indierockband eine Textzeile für die Ewigkeit gedichtet. Eine Rückkehr, die Sinn macht - und gerade in diesem Jahr ein Lichtblick war.

5.) The Weight - dto. 

Es ist so schön zu sehen, wie eine Band, die man seit ein paar Jahren kennt, immer größer wird und den Lohn für ihre unzähligen Auftritte einsammelt. The Weight aus Wien sind live eine echte Wucht und präsentieren ihren Rock mit Anleihen an vergangenen Jahrzehnten so euphorisch, dass man mit einem breiten Dauergrinsen nach Hause geht. Mit ihrem ersten Studioalbum in voller Länge setzen sich die Wiener nun zum Sprung an. Und mit dem Eröffnungstriple "Hard Way", "Trouble" und "Inside" fangen Dich die Grooves und die Riffs sofort ein. Spannend zu sehen, wo es jetzt hingeht.


4.) The National - Sleep Well Beast

Matt Berninger und seine dunkle Stimme, der düstere Indierock mit seinen Abgründen und Vorahnungen - The National sind eine der wichtigsten Bands des Genres, und auch 2017 liefern sie wieder. "Sleep Well Beast" will ergründet werden, drängt sich nicht auf, aber lässt sich auch nicht abschütteln. Das ist mal melancholisch, mal wütend. Aber zu jeder Sekunde will man sich hineinwerfen in diese Sounds und sich ihnen hingeben, weil man weiß: Diese Band bleibt, auch wenn man selbst sich verändert.



3.) Hot Water Music - Light It Up

Nach dem fabelhaften "Exister" setzt der Longplayer Nummer 2 der Reunion-Ära von Hot Water Music noch einen drauf. Chuck Ragan profitiert einmal mehr von seinen Soloerfolgen und zeigt, dass sich harsche Riffs und Widerhakenmelodien nicht ausschließen müssen. Und Chris Wollard macht Songs wie "Vultures" mit seiner etwas raueren Stimme zu schönen Gegenstücken. Warum ich diese Platte nicht in mehr Bestenlisten oben gesehen habe, versteh ich nicht. Wir haben uns alle doch genau das gewünscht - dann lasst uns so ein Meisterstück bitte auch gebührend feiern.



2.) Dave Hause - Bury Me In Philly

"Dance With Me We'll All Be Dead Soon": Man schluckt erstmal, als Dave Hause im Opener wahre Worte ausspricht. Was der frühere Frontmann von The Loved Ones mit seinem neuen Album und seiner neuen Band The Mermaid schafft, hat sich mir vor allem dann bei seinem Live-Auftritt in Lindau offenbart. Songs voller Energie, voller Hoffnung - und so authentisch wie nur irgend möglich. Im Interview hat mir Dave etwas Hoffnung gemacht, dass nach den Trump-Jahren auch wieder eine Welt möglich sein wird, in der man nicht das Gefühl hat, dass alle gesellschaftliche Entwicklung plötzlich rückwärts läuft.


1.) The Menzingers - After The Party

Leere Flaschen, Chipsbrösel, benutzte Gläser: Die Überreste der Party sind immer etwas traurig anzusehen und wenn die Massen nach Hause gegangen sind und die Stille wieder einkehrt, herrscht Katerstimmung. The Menzingers meinen damit die 20er, in denen man unbeschwert feiert, während jenseits der 30er-Grenze die Ilusionen verpuffen und die Verantwortung beginnt. Lyrisch und musikalisch haben die US-Punkrocker dieses Thema auf ihrem aktuellen Album so treffend in Szene gesetzt, dass keine Fragen und keine Wünsche offenbleiben. Manchmal ist das Referenzalbum eben nicht das Debüt, sondern kann auch im fünften Anlauf glücken.

Wie war das letztes Jahr? Hier klicken für den Jahresrückblick 2016.

Jahresrückblick 2017, Teil 1: Die zu kurz Gekommenen

Wer regelmäßig auf Tinnitus Attacks vorbeischaut, merkt: Hier ist nicht mehr so viel los wie in früheren Jahren. Das hängt damit zusammen, dass ich weniger Freizeit auf das Blog verwenden kann. Diese Rubrik hier gab es allerdings auch schon in den Jahren zuvor - denn an Musik mangelt es wirklich nie, und bei der schieren Zahl an Neuerscheinungen ist es fast unmöglich. Schritt zu halten. Hier die zehn Platten des Jahres, die ich hier eigentlich noch hätte würdigen müssen. 

10.) Grizzly Bear - Painted Ruins

Mit "Two Weeks" hatten Grizzly Bear 2009 einen veritablen Hit - doch darüber sollte man nicht die fantastischen Alben nach "Veckatimest" vernachlässigen. "Shields" war drei Jahre sogar noch erfolgreicher und besser - und es wäre schade, wenn "Painted Ruins" da untergeht.





9.) The Rural Alberta Advantage - The Wild

Die Indierocker aus Toronto habe ich mit ihrem Debüt "Hometowns" ins Herz geschlossen und "Departing" gefeiert. Mich hat der Sound immer an Neutral Milk Hotel erinnert, und der Schmerz aus stampfenden Rhythmen und Weltschmerz-Songs ist auch auf "The Wild" makellos wie zuvor.






8.) Japandroids - Near To The Wild Heart Of Life

Nochmal Kanada, aber mit derber verzerrten Gitarren. Das Duo aus Vancouver legt hier das erste Studioalbum seit dem umjubelten "Celebration Rock" vor. Und das klingt nicht weniger drängend und stürmisch, und der gutgelaunte Einstieg mit dem Titelsong in Dur lässt die akustische Sonne aufgehen.










7.) Craig Finn - We All Want The Same Things

Vielleicht liegt es daran, dass The Hold Steady für mich der Inbegriff der perfekten Rockband sind mit ihren rustikalen Gitarrenriffs. Das neue Soloalbum des Frontmanns Craig Finn hat mich in seinen ersten Momenten nur mäßig begeistert, weil es musikalisch was anderes ist. Aber eigentlich sollte das ja auch so sein - von dem her werde ich wohl noch einmal genauer zuhören.





6.) Elbow - Little Fictions 

Elbow muss man in Ruhe unterm Kopfhörer genießen, um die feierliche Stimmung dieser Ausnahmeband aufzusaugen. Drei Jahre nach dem Erfolgsalbum "The Take Off And Landing Of Everything" bringt Guy Garvey mit seiner Band ein stilistisch frisch wirkendes Album raus - und ich muss die Durchgänge unterm Kopfhörer dringend nachholen.






5.) Manchester Orchestra - A Black Mile to the Surface 

Wow, "Mean Everything To Nothing" kam wirklich schon 2009 raus? Seither waren Andy Hull und Kumpanen ja nicht untätig, und dass nicht jeder Song wie "Shake It Out" klingt, auch klar. Aber das fünfte Studioalbum überrascht dann doch mit seinem Wechsel aus leichtfüßigen Passagen und Distortion wie in "The Grocery".






4.) Arcade Fire - Everything Now 

Streitfall Arcade Fire. Ist das jetzt artsy und cool oder zu bemüht und krampfhaft stilistisch anders? Ich bin mir auch noch unschlüssig. Im direkten Vergleich ziehe ich "Neon Bible" vor und den Orchesterbombast fand ich auch schöner - doch gute Melodien hat "Everything Now" auch zu bieten, und dass man mal tanzen will, wenn man die Schritte kennt, versteh ich auch. Wohin die nächsten Schritte führen werden, find ich eine viel interessantere Frage.




3.) Dropkick Murphys - 11 Short Stories Of Pain And Glory

Wohlgemerkt: In der "Schwäbischen Zeitung" ist eine Besprechung von mir zu dieser Platte erschienen, darin vergleiche ich die Bostoner mit den Toten Hosen. Denn inzwischen sind DKM so massentauglich und covern "You Never Walk Alone". Al Barr erzählte im Interview, wie es zu dem Song "Blood" kam. Und "Until The Next Time" ist herrlich sentimental.





2.) Courtney Barnett and Kurt Vile - Lotta Sea Lice 

Die australische Songwriterin und der amerikanische Ex-Mitglied von The War On Drugs haben ein gemeinsames Album aufgenommen, das den Kritiken zufolge entweder ein Meilenstein oder akustisches Valium ist, ich hab da unterschiedliche Dinge gelesen. Das Debüt von Courtney Barnett fand ich 2015 fantastisch. Dieser Kollaboration muss ich noch eine Chance geben, ich seh schon.



1.) Quicksand - Interiors

Walter Schreifels ist ein verdammtes Genie, das weiß doch jeder. Ob mit Youth Of Today, den Gorilla Biscuits, Rivals Schools - oder eben Quicksand. Auch sein Soloalbum "An Open Letter To The Scene" fand ich fantastisch. Und jetzt muss ich unbedingt sein neuestes Werk hören. Die Kritiken sind euphorisch - und das wohl aus gutem Grund.


Samstag, 23. Dezember 2017

Galerie der Klassiker: AC/DC - Powerage

Mit dem Tod von Malcolm Young am 18. November ging eine Ära zu Ende. Die Band hat sich seitdem nicht zu einer wie auch immer gearteten Zukunft geäußert, aber es gibt viele Stimmen, die es ungut fänden, wenn die Band nach dem Tod ihres Mitgründers und Motors weitermachen würde. Aber wir werden sehen. Als ich das Konzert in München 2015 für die Schwäbische Zeitung besprochen habe, stand ersatzweise Stevie Young an der Rhythmusgitarre und das Konzert war fantastisch. Wir werden sehen. Aus diesem traurigen Anlass lege ich Euch hier jedenfalls die in meinen Augen beste Platte von AC/DC ans Herz. 

Wenn es um AC/DC und die Meilensteine der australischen Rocklegende geht, werden meistens die Megaseller "Back in Black" (50 Millionen verkaufte Exemplare) und "Highway To Hell" (9,5 Millionen verkaufte Exemplare) genannt. Für mich ist "Powerage" allerdings eine viel wichtigere Scheibe, auch wenn sie in Australien die unerfolgreichste Platte der Band war und insgesamt mit nur 1,7 Millionen verkauften Exemplaren völlig unterbewertet ist. Auf dem 1978er-Album von Angus Young und Co. sind fantastische Songs versammelt, die den Arbeiterklasse-Humor der Band perfekt widerspiegeln, der Sound ist 1A in Szene gesetzt - und auch wenn Brian Johnson seit seinem Einstand 1980 einen wesentlich besseren Einstieg erwischte als manch anderer Sänger, der einen Vorgänger in einer Band ersetzte, liegt mir Bon Scotts Stimme doch wesentlich mehr.

Schon der Einstieg mit "Rock'n'Roll Damnation" lässt Dich die Regler aufreißen, dass die Nachbarn um Gnade flehen. Der drahtige, knochentrockene Sound (verantwortlich zeichnen Harry Vanda und George Young) und der Songaufbau mit Gitarren, Bass und Schlagzeug könnten nicht meisterlicher gemacht sein. Der groovende "Down Payment Blues" ist mit seiner ironischen Textzeile "I got myself a Cadillac/But I can't afford the gasoline" ein perfektes Beispiel für den spitzbübischen Witz der Band, der auch davor schon Alben wie "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" geprägt hat. "Riff Raff" walzt Dich mit seinem Kreiselriff platt, bevor mit "Sin City" ein paar Gänge zurückgeschaltet wird. Mein persönliches Highlight heißt aber "Gone Shootin'". Dieses unfassbar lässige Lick ist einfach zu gut, und ich kann nicht mal genau erklären, warum. Es ist einfach zu gut.

Doch auch die anderen Songs fallen qualitativ nicht ab, ob "What's Next To The Moon" oder "Kicked In The Teeth". Schade, dass man die großen musikalischen Momente von "Powerage" live so selten (wenn überhaupt) hören durfte. Immerhin: Auf dem ebenfalls 1978 veröffentlichten Livealbum "If You Want Blood You’ve Got It" (das erste Livealbum von AC/DC) konnte man einen Eindruck bekommen, wie die Songs von "Powerage" live hätten einschlagen können. 

Powerage von AC/DC erschien am 25. Mai 1978 via Atlantic Records. Hier seht Ihr noch das Video zu "Rock'n'Roll Damnation". 

Sonntag, 3. Dezember 2017

SZene-Hörtest: Kettcar - Ich vs. Wir


Die neue Kettcar ist schon ein paar Tage draußen, aber meine Besprechung möchte ich trotzdem noch nachreichen. In Bezug auf diese Band - eine der wichtigsten im Indie-Sektor - bin ich noch relativ frisch euphorisiert. Per Zufall von einem guten Freund (Hi Pit!) die "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" empfohlen bekommen und sofort begeistert gewesen. Und die neue Platte ist in meinen Ohren extrem intelligent getextet und auch musikalisch genau mein Ding.

Die Plattenkritik ist am 10. Oktober in der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick auf den Artikel könnt Ihr den Text lesen. Zur Not einfach in neuem Tab öffnen und dann vergrößern, Auflösung reicht wie immer.

Hier noch das Video zu  "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)":

Montag, 20. November 2017

Hörtest: Iron Maiden - The Book of Souls - Live Chapter

Wem soll ich hier eigentlich was erzählen? Iron Maiden-Fans haben die neue Live-Scheibe vermutlich schon im Regal. Und wer die britische Heavy-Metal-Legende 2017 noch nicht in sein Herz geschlossen hat, bei dem ist vermutlich eh alles zu spät. Aber egal - "The Book of Souls: Live Chapter" ist ein Zeugnis der fantastischen Welttournee, auf der ich die Band beim Rockavaria in München erlebt habe (im Fotograben, Bilder unter diesem Link). Und nächstes Jahr sind sie wieder dort. Das war für mich die beste Nachricht der Woche. Grund genug, hier ein paar Zeilen zu schreiben.

Das Doppelalbum "The Book of Souls" gehört zu den besten Platten der britischen Heavy-Metal-Legende in der Bruce-returns-Phase. Gehörte 2015 auf jeden Fall zu meinen Top Ten Platten des
Jahres und rotiert immer noch regelmäßig - und man muss sagen, öfter als die meisten anderen Maiden-Scheiben seit "Brave New World". Allein schon der 18-minütige Titel "Empire of the Clouds" war zum Niederknien. Das ist auch der einzige Schönheitsfehler dieser Live-Vollbedienung: Der Song ist nicht dabei, denn die Band sagte ja selbst, dass es nahezu unmöglich sei, das Stück live zu bringen mit seinen orchestralen Passagen und den Bläsern und allem. Dafür sind mit "If Eternity Should Fail" und "Speed of Light" die beiden Opening-Kracher des Doppelschlags vertreten und eröffnen auch hier die bombastische Show. Was Maiden auch Jahrzehnte nach ihrer Gründung so relevant macht, ist die Tatsache, dass hier keine satten Rockrentner am Werk sind, die ihr Vermächtnis beschädigen. Maiden brennen, sie sind immer noch verdammt energiegeladen und das lassen sie ihre Fans bei jeder Show spüren. Dieser Live-Doppelpack dokumentiert genau das auf eindrucksvolle Art und Weise. Mitgeschnitten wurde dabei nicht eine einzelne Show, sondern 15 Songs wurden jeweils bei einem Gig der “The Book Of Souls”-World Tour mitgeschnitten. Die Tournee führte die Band 2016 und 2017 in 39 Länder auf sechs Kontinenten, zwei Millionen Fans kamen zu den Konzerten. 

Natürlich finden sich zwischen den schwerpunktmäßig vertretenen Stücken von "The Book of Souls" auch Klassiker aus der guten alten Zeit - und ebenso logisch ist, dass andere Klassiker fehlen. Denn wir reden hier nun mal über Iron fucking Maiden, und die haben nunmal so unfassbar viele Hits geschrieben, dass sie auch fünf Stunden live spielen könnten und immer noch Pflichtstoff fehlen würde. Luxusproblem. "Wrathchild", "Fear of The Dark", "Tue Number of the Beast" - wer andere Titel hören muss, dem seien die reichlich existierenden Live-Veröffentlichungen der vergangenen Jahre ans Herz gelegt.

Zwei kleine Kritikpunkte; Bei "Blood Brothers" wurde in der Ansage wohl ein "fucking" (oder ein anderer Kraftausdruck) rausgeschnitten, was soll sowas? Und: Es wird auch einen Konzertfilm geben, den kann man digital herunterladen. Ein netter Zug von einer milliardenschweren Rockstartruppe mit eigenem Flieger wäre gewesen, diesen auf DVD beizulegen oder als digitalen Download mit anzubieten - vor allem bei einem Preis von 23 Euro für die Doppel-CD in der Deluxe-Variante (was dann eben mehr Fotos im Booklet und ein Digipack im DVD-Format bedeutet). Ok, die Premiere des Konzertfilms konnte man im Netz gratis live streamen und die Videos stehen auch im Youtube-Kanal von Iron Maiden zum kostenlosen Anschauen parat. Wäre also wohl kein Problem gewesen. Lesenswert dafür das Vorwort von Maiden-Manager Rod Smallwood, in dem er die Geschehnisse der Tour mit viel Humor Revue passieren lässt.  

"The Book of Souls: Live Chapter" ist am 17. November via Parlophone erschienen. Hier seht Ihr noch "Fear of the Dark" aus dem Konzertfilm gleichen Namens.


Sonntag, 12. November 2017

Hörtest: The Weight - The Weight

Ein Debüt wie ein gut sitzende Lederjacke: robust, stilsicher, man fühlt sich wohl drin. The Weight dürften mit Studioalbum Nummer Eins bei ihrem auch bislang schon beeindruckenden Werdegang die nächste Stufe zünden. Heavy Rhythm & Roll nennen die vier Österreicher ihren Stil - und der rockt hart. 

Auch wenn scheinbar alle Welt gerade dank des (berechtigten) Netflix-Serienhypes "Stranger Things" in der 80er-Nostalgie schwebt: Lasst uns nicht vergessen, dass die Dekade von Neonfarben und Schulterpolstern musikalisch ziemlich gruselig sein konnte. Klar, einerseits gab es mit der New Wave of British Heavy Metal ziemlich viel fantastische Musik, aber die 80er sind eben auch Modern Talking und Konsorten. Für Rockfanatiker wie mich unerreicht bleiben in Punkto harter Gitarrenmusik die 70er.

The Weight dürften das ähnlich sehen und machen aus ihrer Vorliebe zu vergangenen Jahrzehnten  keinen Hehl. Wieso auch? Michael Boebel (Gitarre), Patrick Moosbrugger (Bass), Andreas Vetter (Schlagzeug) und Tobias Jussel (Gesang, Orgel, Piano) zeigen auf den Bühnen eine Spielfreude, die ansteckt. Mit ihrer EP "Keep Turning" konnten sie 2015 Fans wie Fachpresse überzeugen. In den vergangenen Jahren hat das Quartett unermüdlich getourt und Support-Slots für alte Helden wie Ten Years After oder Uriah Heep, aber auch neuere, stilistisch ähnlich gelagerte Bands wie Rival Sons oder Blues Pills gespielt. Mit dem selbstbetitelten Erstling ist The Weight nun eine beeindruckende Visitenkarte gelungen, die den Musikern weitere Türen öffnen dürfte.

Das das gut wird, spürt man schon beim Opener "Hard Way": Schnörkelloses Drum-Intro und dann gleich das erste Widerhaken-Gitarrenriff, über das sich der Gesang hinaufschwingt, während der Bass den Groove körperlich spürbar werden lässt. Runde Sache! Den zweiten Song "Trouble" kennt man schon, und falls nicht: unbedingt nachholen. Die Vorab-Single sorgte mit ihrem extrem aufwändigen Video für Begeisterungsstürme und wurde inzwischen über 367000 Mal bei Youtube geklickt (siehe unten). Eine sehr schöne Hommage an die Vorbilder der Band.

"Inside" kam mir von den Auftritten der Band bekannt vor, und mit seinen Klaviertupfern und dem dynamischen Stimmungswechsel ist der Song ein echtes Highlight der Platte. "Rich Man & Pride" ist eine Verbeugung vor dem Deltablues und nimmt schon mal das Tempo raus, bei "A Good Thing" gibt es dann eine Verschnaufpause mit vielen luftigen Passagen, in denen das Distortion-Pedal abkühlen darf. "Money Ain't For Keeping" gefällt mit Hammond-Orgel und ist mit 2:55 Minuten einer der kürzeren Songs auf dieser Platte. Mit dem fast neunminütigen "Hammer, Cross & Nail" folgt ein ausschweifendes Epos, bei dem sich bluesige Passagen mit imposanten Gitarrensoli abwechseln und bei dem sich die Band viel Zeit für instrumentale Spielereien nimmt. Noch improvisierter wirkt "Jam", das seinem Namen alle Ehre macht und bei dem man sich den Szenenapplaus förmlich dazudenken kann. "Get Some" donnert kompakt und auf den Punkt durch die Boxen, bevor "Plenty Of Nothing" mit mehrstimmigem Gesang und wärmendem Orgelsound nochmal alle Register zieht.

Die zehn musikalisch reichhaltigen Songs hat die Band selbst produziert, und auch mit der Gründung eines eigenen Labels signalisieren The Weight, dass sie konsequent ihr Ding durchziehen wollen. Kein Stück schielt auf Charterfolge und Airplay, wenn ein Song länger als fünf Minuten gehen muss, dann tut er das eben. Für den Mix konnte die Band Oliver Zülch (hat als Produzent unter anderem für Sportfreunde Stiller und Die Ärzte gearbeitet) und für das Mastering Martin Scheer (u.a. Bilderbuch) gewinnen. Der Weight-Train rollt unaufhaltsam. Nächster Halt: Oben. Nicht, dass sie jemals ganz unten gewesen wären.

"The Weight" von The Weight erscheint am 17. November 2017 via Heavy Rhythm & Roll Records. 

Mehr über The Weight auf Tinnitus Attacks: 
Konzertkritiken mit Fotos von den Auftritten beim Umsonst & Draußen in Weingarten 2016 und im Spielboden in Dornbirn 2015 sowie ein Bandporträt von 2015

Mehr Infos: www.theweightrock.com. 

Hier seht Ihr das Video zu Trouble:


Sonntag, 5. November 2017

SZene-Hörtest: Farin Urlaub - Berliner Schule (Fragwürdige Heimaufnahmen von 19834 bis 2013)

"Und manchmal da wünschst Du Dir ne Antimaterieschleuder". Wie wahr. Eine der Zeilen aus den jüngst veröffentlichten Demos von Farin Urlaub, die es auf kein regulär veröffentlichtes Studioalbum von Die Ärzte oder die Solo-Outputs von FU geschafft haben. Wie grandios dieser Einblick in das Kompositionsarchiv von FU ist, hab ich für die Schwäbische Zeitung aufgeschrieben. Die Besprechung ist vor 2 Wochen auf unserer Wochenend-Musikseite erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr meinen Text lesen.

Wer auf dem Blog noch mehr von Farin Urlaub sucht:

Interviews älteren Datums gibt es hier (2015), hier (2011) und hier (2006).

Sonntag, 22. Oktober 2017

Hörtest: Iron Chic - You Can't Stay Here

Das Jahr 2016 war einschneidend für die US-Punkrockband Iron Chic. Gitarrist Rob McAllister starb plötzlich und unerwartet und hinterließ seine Frau Marisa und seine Tochter Ramona. Auf ihrer neuen Platte "You Can't Stay Here" verarbeiten Frontmann und Sänger Jason Lubrano und seine Band den frühen Tod des Musikers - und versprühen dabei eine trotzig-positive Power, die das Leben feiert.

"You Can't Stay Safe / You Can't Stay Here": Wahre Worte, die Iron Chic im Quasi-Titelsong ihres neuen Albums "You Can't Stay Here" singen. Dass nichts ist, wie es bleibt, und es keine Option ist, sich im sicheren Rückzugsort einzurichten, gilt privat ebenso wie politisch. Jason Lubrano hat der Tod seines musikalischen Weggefährten geschockt. „Ich habe schon vorher mit Verlust umgehen müssen“, wird er im Presseinfo zitiert. „Mein Vater starb als ich 21 war, aber er war sehr krank und wir wussten, dass es kommen würde, so konnte ich es besser verarbeiten. Bei Rob war es anders, denn es war das erste Mal, dass ein enger Freund im selben Alter wie ich starb. Der Verlust von Rob durchdringt jeden Aspekt des Albums.“ Das schlägt sich besonders in den Texten nieder. "Be careful with what you love/Have faith in humanity" heißt es in dem Stück, und wie auch in den anderen Liedern sind die Lyrics keine prätentiös verklausulierten Angebertexte, sondern simpel gehaltene Formeln, die viel Wahrheit in sich tragen. 

Während die Texte von Songs wie "Invisible Ink" dabei sehr düster sind, wirkt die Musik wie ein Kontrast dazu. Iron Chic klingen lebensfroh und erinnern mit ihrem wuchtigen Sound und den extrem mitsingkompatiblen Harmonien mehr als einmal an die Donots. Das deutet sich bereits im Opener "A Headache With Pictures" an und zieht sich durchs ganze Album. Der Tod mahnt die Lebenden. Iron Chic vertonen das auf euphorisierende Weise. Gerade weil das Leben kurz ist.

"You Can't Stay Here" ist am 13. Oktober via Side One Dummy erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "My Best Friend (Is A Nihilist)". 

Samstag, 7. Oktober 2017

Hörtest: Cold Reading - Sojourner

File under: Hat eine große Zukunft. Das Schweizer Quartett "Cold Reading" macht einen extrem souveränen Mix aus Post-Hardcore und Indie, der Emo und Pop atmet. Die neue EP "Sojourner" folgt auf das 2015er-Debüt "Fractures and Fragments" - und zeigt die Band als echte Hoffnungsträger in diesem Genre, dem ein paar neue Impulse nicht schaden könnten.

Noch bevor man genauer auf den Text des Openers hört, wird klar: Etwas ist im Umbruch, und das hier ist der Soundtrack dazu. Den Wunsch zum Neuanfang, zum Reboot der eigenen Biografie - dieses Gefühl ist hier unglaublich gut in Noten gegossen. "Books & Comfort" ist ein euphorisierender Hit, wie gemacht für die große Festivalbühne, aber gleichermaßen tauglich für die Indiedisco. Mike (Gesang & Keyboards), Chris (Gitarre und Gesang), Arthur (Bass und Gesang) und Marc (Schlagzeug) wirken auch auf dieser EP wie ein bestens aufeinander eingespieltes Team. Davon, dass sich die Band den Gesang aufteilt, profitiert der Sound in punkto Abwechslung.

Der Titeltrack lässt mit seinen flächigen Synthies in den ersten Sekunden Twin-Peaks-Feeling aufkommen und auch textlich sind durchaus Parallelen zu David Lynchs und Mark Frosts verstörendem Serienmeilenstein erkennbar (liegt aber vielleicht auch daran, dass ich immer noch ständig über die kürzlich zu Ende gegangene 3. Staffel nachdenke). Musikalisch gefällt der Song mit seinen cleanen Gitarrenfiguren und dem dramatischen Refrain.

"Roads and Peril" nimmt nach einem ruhigen Intro Fahrt auf und entwickelt sich zu einem von pulsierendem Bass angetriebenen Ohrwurm. "Scratches" lässt die EP dann mit sanfteren Tönen ausklingen, die Melancholie aufkommen lassen. Nicht nur, weil man der Band gern noch länger als 20 Minuten zugehört hätte. Aber wie gesagt: Da kommt sicher noch mehr.

"Soujourner" ist am 22. September via KROD Records als LP und digital erschienen. Mehr Infos gibt's auf der Internetseite der Band. Dort kann man die EP auch bestellen oder downloaden.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Konzertkritik: Dave Hause And The Mermaid in Lindau

Dave Hause And The Mermaid 
Frank Iero And The Patience 
The Homeless Gospel Choir
The Paceshifters
Club Vaudeville, Lindau
30. September 2017

Dave Hause.                Foto: Tinnitus Attacks
Die einzige Frage, die sich nach diesem Abend noch stellt: Warum erst 2017? Dave Hause passt perfekt in den Club Vaudeville, und es wird wohl auch nicht sein letztes Gastspiel in Lindau gewesen sein. Die Show, die der amerikanische Songwriter aus Philadelphia vor mehreren hundert Konzertgängern runterreißt, zeigt, warum Hause zu den Besten in der Punkrock-meets-Acoustic-Sparte zählt. Dave euphorisiert, schwelgt, leidet und ja, rockt, auf der Bühne, und nichts davon ist gekünstelt oder aufgesetzt. Fun Fact vorweg: Den ersten und letzten Song seines aktuellen 2017er-Albums "Bury Me In Philly" vertauscht er live, mit dem Titelstück "Bury Me In Philly" beginnt ein fantastischer Auftritt, der mit "With You" dann unglaublich energisch endet (und was dazwischen passiert, erzähl ich gleich noch). Wie Dave Hause da nochmal aufdreht, über die Bühne stürmt - man könnte ihm ewig dabei zusehen. Und der Song ist einfach so wahr. "Dance With Me We'll All Be Dead Soon" - seltener wurde das Memento Mori eindringlicher in Songform gegossen. Überhaupt würde man sich wünschen, dass mehr Künstler es machten wie Dave, dass sie etwas zu sagen hätten und imstande wären, so bedeutsame Songs we "We Could Be Kings" (vom 2013er-Album "Devour") zu schreiben, das auch an diesem Abend in Lindau zu den Glanzlichtern gehört. Die neuen Stücke reihen sich bestens ein, die Absage ans Zögern in "The Flinch" mit seinem Auf-geht's-Introriff etwa oder das wütende "Dirty Fucker", das - man ahnt es wegen des T-Shirts am Merchstand mit Trump-Konterfei - an diesem Abend dem 45. Präsidenten der Vereinigen Staaten (klingt das nicht immer noch unfassbar?) gewidmet ist. 

Kayleigh Goldsworthy.              Foto: Tinnitus Attacks
Natürlich kommt auch "The Mermaid" zum Zug, und Kayleigh Goldsworthy spielt dazu die Melodica. "The Mermaid" heißt ja auch die aktuelle Band, mit der Dave tourt, und diese Truppe harmoniert bestens. Goldworthy spielt abwechselnd Keyboard, Gitarre und Mandoline. Wie dankbar er für das gute Verhältnis zu seinem Bruder Tim ist, hat Dave mir dieses Jahr bereits im Interview erzählt. Tim wirkt auf mich introvertierter als Dave, setzt aber mit seinem Gitarrenspiel Akzente (und einmal an diesem Abend, ich weiß nicht mehr, bei welchem Song, gibt es sogar Triple-Gitarrenpower, was den Distortion-Junkie in mir extrem freut). Drummer Kevin Conroy guckt man ebenfalls gern zu, wenn er die Felle verdrischt und gemeinsam mit Basser Miles Bentley die rhythmische Fahrspur modelliert. Und noch ein Fun Fact: Die Meerjungfrau auf dem weißen Shirt unterscheidet sich von der Starbucks-Dame in zwei Punkten: Dollarzeichen statt Stern auf dem Kopf und ein böser statt ein lachender Mund. Nur falls sich jemand gefragt hat.  

Songtechnisch bleiben an diesem Abend kaum Wünsche offen. Bei "C'mon Kid" erschrickt man kurz, weil das mal "der" Hit von Dave war, das Ganze aber auch schon sechs Jahre her ist und die Zahl der fantastischen Stücke aus der Hause'schen Feder um ein ganzes Stück angewachsen ist. Und dabei war ja schon "Revelations" keine schwache Platte, wie Dave in Lindau dann unter anderem mit "Time Will Tell" und "Prague" untermauert. Ein großer Auftritt. 

Frank Iero.               Foto: Tinnitus Attacks 
Zuvor zeigte Frank Iero and the Patience (Patients?), dass Emo nicht tot ist. Ich fühle mich mehr als einmal an die 2013 zu Grabe getragenen My Chemical Romance erinnert, bei denen Iero früher die Rhythmusgitarre bediente, und lasse mich aufklären, dass in den USA Frank Iero der Headliner ist und Dave Hause sein Support. Vor dem Club hatten an diesem Tag eine Handvoll Hardcore-Fans aus den Niederlanden gecampt und warteten seit 9 Uhr morgens auf ihr Idol. Mein Fazit: Wird nicht mein neuer Lieblingsmusiker, ist aber definitiv unterhaltsam. 

Derek Zanetti.            Foto: Tinnitus Attacks
Wenig mitbekommen (aber immer noch mehr als von den verpassten Paceshifters) habe ich leider von The Homeless Gospel Choir, aber nachdem ich auf Youtube "Everyone" gesehen und gehört habe, finde ich das ziemlich schade. Derek Zanetti (grandioses Outfit!) ist mit seinen Protestsongs eine wichtige Stimme unserer Zeit. "I'm Not On MTV" steht auf den gelben Buttons mit dem brennenden Fernseher, die am Merchstand zu kriegen sind, wo Derek mich mit seiner supersympathischen Art noch mehr gewinnt als zuvor schon auf der Bühne. Wer braucht schon MTV? Diese Musikszene lebt doch sehr sehr gut - auch ohne Fernsehsender. 

Mehr Bilder vom Konzertabend in Lindau findet Ihr auf meiner Flickr-Seite. 
Einfach aufs Bild klicken: 


Dave Hause in Lindau

Mittwoch, 27. September 2017

Konzertkritik: Joey Cape in Lindau

Joey Cape, Zach Quinn, Donald Spence, Brian Wahlstrom
Club Vaudeville, Lindau
25. September 2017

"Aber die haben ja gar kein Schlagzeug dabei!" Der Kollege - sozialisiert mit dem melodiös-harten Skatepunk der 1990er-Jahre - ist nach einem Blick auf die Tourankündigung unschlüssig, ob er sich den akustischen Abend in Lindau geben soll oder nicht. Ich argumentiere: Joey Cape ist einer der besten Songwriter der Erde, ach, des Universums. Egal ob mit Distortionpedal und Punkrock oder mit Akustikgitarre und der puren Wirkung seiner Stimme. Lagwagon finde ich gleichermaßen fantastisch wie Joeys Solosachen und seine anderen Projekte.

Joey Cape in Lindau.        Foto: Daniel Drescher
Es war klar, dass dieser Moment kommen würde: Joey Cape kündigt "One More Song" an, den Song vom 2014er-Überraschungsalbum "Hang". Das Stück ist Tony Sly gewidmet, dem 2012 mit 41 Jahren viel zu früh verstorbenen Frontmann von No Use For A Name. Cape und Sly verband eine tiefe Freundschaft, die sich auch musikalisch in zwei gemeinsamen Akustik-Platten manifestierte (und nicht nur da, sondern etwa auch bei den Scorpios). Das Tourposter von 2010 hängt gerahmt an meiner Wand, da traten Lagwagon und No Use For A Name im Club Vaudeville auf. Viele Fans und Freunde von Sly können immer noch nicht begreifen, dass er nicht mehr da ist. Cape geht es nicht nur um den einen Song mehr, den die Welt hätte hören können. "Ein Tag mehr mit ihm wäre einfach schön gewesen", sagt Cape und stimmt dann die Akustikversion dieses Liedes an, das einem auf schmerzliche Weise begreifbar macht, dass man keinen Menschen im Leben für selbstverständlich halten sollte. Natürlich kommt auch "International You Day" von No Use For A Name zum Zug, das Cape als eines der besten Liebeslieder der Welt bezeichnet. Der Refrain von Tony Slys Stück indes lässt sich durch dessen Tod wieder mit einer neuen Bedeutung hören. "Without You My Life Is Incomplete, My Life Is Absolutely Gray". Verlust ist bitter, und Zeit heilt nicht alle Wunden.

Donald Spence, Brian Wahlstrom, Joey Cape und Zach Quinn
 (von links) auf der Bühne.          Foto: Daniel Drescher
Auf der aktuellen "One Week Records" Tour ist Joey mit Pears' Zach Quinn (Gitarre und Gesang) sowie Donald Spence (Gitarre und Gesang) von Versus The World und Brian Wahlstrom (Piano) von Scorpios unterwegs. Die Idee der "One Week Records" ist, in sieben Tagen zehn Songs aufzunehmen, wie Joey auf der Internetseite dazu schreibt. Er lädt die Musiker dazu in sein Haus ein, lässt sie dort wohnen, isst und trinkt mit ihnen. Es ginge ihm darum, zu hören, wie der Künstler klingt, und nicht das Studio, in dem aufgenommen wird. Was das konkret heißt, zeigt sich an diesem Abend sehr schön: Im Zusammenspiel mit den anderen Musikern offenbaren die Stücke völlig neue Facetten - und werden manchmal auch mutwillig mit anarchischem Humor aufgemischt. So etwa, als Zach Quinn (der "Sohn" von Joey Cape, guter Gag) während "Violins" zwar nicht auf der Bühne steht, den Gitarrenpart aber aus dem Off dann doch spielt. Diesmal allerdings nicht auf der Klampfe, sondern mit seiner Stimme. Ohnehin sorgt Zach Quinn - übrigens der Anwärter auf den Titel "Frisur des Abends" - immer wieder für die Lacher. Wenn er zum Beispiel allein auf der Bühne steht und mit übertriebener Southern-Blues-Stimme vom "Butt Train" singt. Apropos Arsch: Quinns angekündigtes Musical über den Jungen, der seinen Hintern verloren hat, wird sicher ein Hit. Kunden, die das gekauft haben, kauften auch: Andrew Lloyd Webber. Nicht. Brian Wahlstrom zeigt ebenfalls als grandioser Entertainer, als er bei Quinns Cover-Impro "My Heart Will Go On" singt - auf Italienisch. Als am Ende des Sets alle gemeinsam auf der Bühne stehen und jeweils einen eigenen Song spielen, beeindruckt Donald Spence mit "The Black Ocean". Brauch ich auf Platte!
Die Lindauer Setlist. 
Und dann sind es bei Joey Cape auch Momente wie der, als er Timo Keck (Fire Ants From Uranus) auf die Bühne holt. Er bedauere es, wenn Vorbands spielen, die sich niemand anschaut, sagt Cape dazu. Drum bindet er Musiker aus der Region lieber in das Konzert ein. Es ist solche Demut, die authentische Musiker von arroganten Rockstars unterscheidet. Keck macht seine Sache richtig gut und erntet verdienten Beifall.

20 Songs stehen auf der Setlist, und irgendwann zeigt der Blick auf die Uhr: Es ist spät geworden. Doch bei Songs wie "Alien 8" und "Violins" macht das wohl keinem etwas aus. Mit "To All My Friends" endet der Auftritt. Am Ende hat's auch dem vormals skeptischen Kollegen gefallen. Und das ganz ohne Schlagzeug.





Mehr Fotos seht Ihr in meiner Flickr-Galerie per Klick aufs Bild:

Joey Cape in Lindau

Samstag, 16. September 2017

Herbst im Plattenrausch: Rezis zu Foo Fighters, Hot Water Music, Prophets of Rage und The National

Der Herbst ist meine Lieblingsjahreszeit. Nicht nur, weil es dann Spaß macht, die alten Sachen von Type O wieder rauszukramen. Sondern auch, weil ich meistens schon am Überlegen bin, was in meine Jahres-Top-Ten an Platten kommt - und der Herbst immer nochmal wichtige Veröffentlichungen bereithält.

So auch der September. Allein der Tag gestern: Neues von den Foo Fighters, Hot Water Music und Prophets of Rage. Anfang das Monats die neue The National. All diese Platten habe ich für die SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung besprochen. 
Meine Besprechung der Foo Fighters könnt Ihr hier per Klick aufs Bild lesen. Spoiler-Warnung: Es ist kein Verriss. 

Zu den weiteren Rezis auf schwäbische.de hier entlang: 






Freitag, 25. August 2017

Rock-Tribut in bewegten Bildern: The Weight und ihr fantastisches neues Video "Trouble"

Wie aufwändig, wie kreativ, wie liebevoll: The Weight zollen ihren musikalischen Vorbildern in ihrem neuesten Video Tribut. Im Clip zu "Trouble" stellt die österreichische Rockband die Plattencover von Meilensteinen der Rockgeschichte nach. Das ist grandios in Szene gesetzt vom Wiener Kunst- und Designkollektiv Atzgerei und man fragt sich ständig: Wie haben die das gemacht? Der Clip funktioniert als visuelles Kunstwerk, eignet sich aber auch für Easteregg-Sucher. Da waren eben The Who, das waren die Beatles, hier Led Zeppelin - ah Moment, das kenn ich nicht, und was ist das nochmal? In einer Zeit, in der Videoclips nicht mehr den gleichen Stellenwert haben wie zu MTV-Zeiten, kommt "Trouble" verdammt erfrischend daher.

Der Song ist ein Vorbote des ersten Studioalbums, das The Weight am 17. November im RadioKulturhaus des ORF präsentieren werden. Eine Bilderstrecke vom Auftritt des Quartetts beim letztjährigen U&D findet Ihr hier auf meinem Blog, einen Bericht über die Band an dieser Stelle.

Hier das Video (in der Beschreibung gibt es noch ganz viele Tourdaten): 

Samstag, 19. August 2017

Hörtest: At the Drive In - Inter Alia

At The Drive In sind so etwas wie Schutzheilige eines Musikgenres: Für Ihre Anhänger haben die Ton gewordenen Großtaten fast Kultcharakter, und für viele Fans war diese Post-Hardcore-Band lang etwas, das man aus Erzählungen kennt, aber nicht selbst erlebt hat. 17 Jahre nach ihrem Meilenstein "Relationship Of Command" mit dem Überhit "One Armed Scissor" legte die Band nun im Mai diesen Jahres ein neues Werk vor. 2001 hatte sich das Kollektiv getrennt, die Kreativköpfe Omar Rodriguez und Cedric Bixler waren seither (bis 2013) mit The Mars Volta aktiv (Antemasque muss man natürlich auch erwähnen), während Jim Ward mit Sparta durch die Botanik rockte. 2012 fanden At The Drive In dann wieder zusammen, spielten umjubelte Live-Shows - und zeigen nun mit "Inter Alia", wie anstrengend, fordernd und facettenreich Gitarrenmusik sein kann.

Wenn man nun konstatiert, dass At The Drive In quasi da weitermachen, wo sie mit "Relationship of Command" aufgehört haben, ist das eine zwiespältige Sache. Denn qualitativ ist das zwar ein Kompliment, andererseits heißt es aber auch, dass sich die Band nicht weiterentwickelt hat, oder? Doch legt man die musikalische Klasse der Platten zugrunde, die Bixler und Rodriguez in der Zwischenzeit veröffentlicht haben, kann das gar nicht sein. Dass "Inter Alia" nicht den gleichen Überraschungseffekt liefert der 2000er Klassiker, ist auch klar. Was die Platte aber definitiv von anderen abhebt, ist dieses surreale Gefühl: 40 Minuten lang hat man hier das Gefühl, vorgeführt zu bekommen, was möglich ist, wenn jemand ernsthaft Musik machen und eigene Visionen vertonen will anstatt sich gängigen Schemata zu unterwerfen. Wir beklagen uns doch immer, wie eintönig die moderne Popmusik mit ihren Einheitssongwritingfabriken ist. Hier haben wir ein Album, das deutlich macht, wie es auch sein könnte.

"No Wolf Like The Present" mit seinen Gitarrendissonanzen, die wie kleine Störsender dazwischenfunken macht den Anfang. "Continuum" begeistert mit Gesang wie Parolen durchs Megafon gerufen, Phaser-Gitarreneffekt und einem irren Flüsterintermezzo. "Governed By Contagions" tönt unheilbringend in den Strophen und bösartig im Refrains, fantastisch. Bei "Pendulum In A Peasant Dress" wirkt der Bass extrem prägnant, während "Incurably Innocent" von einem genialen Anfang lebt. Der Song wirkt zudem wie die Antithese zu einem Powermetalstück, denn Gitarren und Gesang sind extrem nah beieinander und hier braucht es nur den Gesang von Cedric Bixler und keine dick aufgetragenen Männerchöre mit aufgesetztem Pathos und Pomp, um zu begeistern. Nur so ein Gedanke, kein Diss von einem, der selbst als Metalnerd aufgewachsen ist. Extrem überraschend wirkt "Ghost-Tape No. 9". Der langsame Rhythmus stellt einen angenehmen Kontrast zu den ansonsten treibenden Beats auf dem Album dar. Irgendwie sehe ich immer Bilder aus der aktuellen dritten Staffel von David Lynchs Serienmonster Twin Peaks vor mir, Schwarzweißtöne und Sepiafarben vor dem geistigen Auge.

Eine Platte, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. Lohnt sich dann aber auch.

"Inter Alia" ist am 5. Mai 2017 bei Rise Records erschienen. Hier noch das Video zu "Governed By Contagions": 

Samstag, 12. August 2017

SZene-Hörtest: Nine Inch Nails - Add Violence

Es ist schon ein bisschen her, dass meine Besprechung der neuen Nine Inch Nails-EP "Add Violence" in der Schwäbischen Zeitung erschienen ist (27. Juli, SZene-Seite). Aber da mich dieses Stück Musik nachhaltig beeindruckt hat, könnt Ihr hier meine Zeilen zu den fünf neuen Songs aus dem House Reznor lesen.

Besonders das letzte Lied auf der Platte, "The Background World", mit seinen minutenlangen Loops, die von Mal zu Mal zerschossener klingen, hat es mir angetan. Und ja, ich weiß, dass es 52 Schleifen sind, und dass Trent Reznor 52 Jahre alt ist. Für den Soundgenuss finde ich das allerdings fast schon egal.

Samstag, 22. Juli 2017

Was heißt schon retro? Wolfmother im Interview

Als Wolfmother vor 12 Jahren (auch schon wieder...) ihr Debüt veröffentlichten, war das für mich ein Meilenstein. Nicht umsonst hab ich die Platte hier schon in der Galerie der Klassiker besprochen. Dieses Jahr konnte ich beim Southside Kreativlockenkopf Andrew Stockdale treffen und interviewen. Was dabei herausgekommen ist, könnt Ihr per Klick aufs Bild lesen. Erschienen am vergangenen Dienstag auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung.

Samstag, 8. Juli 2017

Hörtest: Kraftklub - Keine Nacht Für Niemand

Ich bin etwas im Verzug mit dem Besprechen musikalischer Neuerscheinungen. Bei der Arbeit ist viel los (siehe meine Berichterstattung zu Rock im Park oder Southside), ein bisschen Sport muss auch sein und hin und statt vorm Laptop sitzen geh ich auch mal gern in den Wald. Und dann sehe ich: Oh, die neue At The Drive In ist raus. Die neue Body Count wollte ich auch noch besprechen, eine wichtige politische Platte in diesen Zeiten. Mist, die Cloud Nothings hab ich auch noch nicht hier vorgestellt. Aber ich hol auf. Und die nächsten Monate halten auch noch etliche verdammt wichtige Platten bereit - ich sag nur Queens Of The Stone Age und Foo Fighters. Na jedenfalls: Jetzt fange ich mal an, aufzuholen, was zu kurz kam in den vergangenen Monaten. Den Anfang machen Kraftklub mit Studioalbum Nummer 3.


Vorweg: Der Überraschungseffekt ist weg, soviel war klar. Die flirrenden Gitarren, die tanzbaren Rhythmen, dazu Felix Brummers lässig-gelangweilter Sprechgesang: in Fleisch und Blut übergegangen, mit der musikalischen DNA der hiesigen Indierockszene verschmolzen. Das ist aber nicht negativ gemeint, nein, denn die Mixtur hat sich bewährt. Wer auf die großen Festivals geht, kam in den vergangenen Jahren nicht an Kraftklub vorbei, und die Shows waren immer energiegeladen und überraschend. Ob die Band beim Ring mit einer fahrbaren Hebebühne in der Menschenmenge auftauchte oder zur Präsentation von "In Schwarz" mit Drama und Feuerwerk beim Southside beeindruckte - Kraftklub haben Bock, spielen lieber mit Genre-Konventionen statt einfach nur
Shows.

Mit "Keine Nacht Für Niemand" fügen sie ihrem bisherigen Songkaleidoskop ein paar neue Facetten hinzu. Luftiger, variabler wirken die Nummern - das ist auf einem Album nicht in jedem Moment zwingend, macht sich aber im Live-Kontext dafür sehr gut. Mit "Fan von Dir" kann ich weniger anfangen, und "Dein Lied" könnte von mir aus auf den platten Provokationskniff verzichten. Dafür gibt es mit "Hausverbot (Chrom & Schwarz)" einen Song, der sich irgendwie nach 60er/70er-Protestsogns anfühlt und einen Ton Steine Scherben-Vibe atmet, was ja zum eben jener Band Tribut zollenden Wortspiel-Albumtitel passt. Und es gibt auch sonst viel zu entdecken, kleine Anspielungen, Referenzen, etwa, wenn in "Sklave" plötzlich eine Melodie aus "Small Town Boy" von Bronski Beat auftaucht. Dass das Stück in seiner Arbeitswelt-Kritik gleichzeitig die SM-Blödeleien von Die Ärzte rezitiert ("Bitte Bitte") gehört da genauso dazu wie das Zitat mit den Möbeln, die für den Tanzboden weichen müssen ("Venus"). Die erste Single "Fenster" ist ein gleichermaßen sarkastisches wie wütendes Statement in Richtung der Wutbürger/Lügenpresse-Fraktion und wird durch einen Gastvocals von Farin Urlaub geadelt. In "Am Ende" steuert Sven Regener (Element Of Crime) ein paar Gesangszeilen bei.

Das Schöne an Kraftklub ist auch, wie sich die Band Classic-Rock-Riffing aneignet ohne peinlich zu sein ("Hallo Nacht") oder Rock'n'Roll-Gitarren und Kopfstimme einsetzt ("Liebe zu Dritt") und trotzdem etwas völlig Eigenes aus diesen Versatzstücken kreiert. Fazit: Nicht das beste Album der Band, aber Fans werden es ins Herz schließen und können bedenkenlos zugreifen.

"Keine Nacht für Niemand" ist am 2. Juni 2017 bei Vertigo Berlin (Universal Music) erschienen. Hier das Video zu "Sklave":

Samstag, 1. Juli 2017

Hörtest: London Grammar - Truth Is A Beautiful Thing

Gitarre, Schlagzeug, Bass: Die Grundzutaten für Musik, mit der ich etwas anfangen kann. Geht es um Verzerrte E-Gitarren, muss der Regler nicht mehr auf elf stehen, aber etwas Distortion hat noch nie geschadet. Umso überraschter war ich von mir selbst, dass mir die neue Platte von London Grammar gefällt. Aber dieser Sound ist einzigartig. Meine Plattenkritik ist am 20. Juni auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Hörtest: The Scandals - Lucky Seven

Purer schweißtreibender Rock, robust wie eine Bartheke und süffig wie das Bier aus dem Zapfhahn dahinter. The Scandals zeigen mit "Lucky Seven", wie man mitreißende Gitarrenmusik macht - auch wenn sie das Rad lediglich etwas weiterdrehen statt es neu zu erfinden. 

Selten habe ich einer Platte in letzter Zeit so sehr angehört, wo sie sich geographisch verorten lässt. Vom ersten Ton dieser fünf Songs umfassenden EP an ist sofort die Assoziation da: New Jersey. Allerdings denkt man nicht an den wohl prominentesten Musiker aus diesem Bundesstaat, an Bruce Springsteen. Dafür an die Band, die als vom Boss inspiriert gilt, aber eben inzwischen auch schon zum Einfluss für viele andere geworden ist: The Gaslight Anthem. Deren Frontmann Brian Fallon hat passenderweise auch den Job des Produzenten für diese Handvoll neuer Songs übernommen. Jared Hart, Sänger der Scandals, ist mit Fallon wiederum in dessen Solobegleitband The Crowes aktiv.

The Scandals wurden ein Jahr vor TGA gegründet, aber meines Wissens klangen sie auf früheren Aufnahmen etwas räudiger als auf der neuen EP. Das soll aber alles nicht negativ gemeint sein. Im Gegenteil. Die Songs gefallen mit ihrer ungebremsten Euphorie und man kann sich richtig vorstellen, wie die Meute in einem kleinen Club dazu pogt, schwitzt und das Bier verschüttet.

Der Opener und Titeltrack gefällt mit seinem lässigen und geradezu klassischen Songintro. "Emerald City" erinnert an Red City Radio, die übrigens nicht aus dem Garden State kommen. "Hostage" lehnt sich zwischendurch sogar ganz entspannt zurück, nur um gleich darauf mit einem sehr coolen Hi-Hat-Wirbel den Song wieder voranzutreiben. "Birthmarks" wirkt mit seinen sehnsüchtigen Gitarren fast schon countryesk, während "Calling Cards" von seinen dynamischen Stimmungs- und Rhythmuswechseln lebt.

"Lucky Seven" von The Scandals ist am 28. April via Panic State/Say-10 Records erschienen. Hier hört Ihr "Hostage": 

Sonntag, 11. Juni 2017

Galerie der Klassiker: Audioslave - dto.

Ich saß  in einem Café am Flughafen von Manchester, um nach Wales weiterzureisen, als ich von Chris Cornells Tod erfuhr. 52. Es war surreal, es konnte nicht sein. Aber es war wahr. Bevor er Suizid beging, trat er im Fox Theatre in Detroit auf. Ich kenne den Ort. 2004 hab ich dort Deep Purple und Thin Lizzy gesehen. Und auch mit Chris Cornell verbinde ich viele Erinnerungen. Die jüngsten sind erst ein paar Wochen alt, denn vor Kurzem hab ich mir "Down On The Upside" endlich in einem Plattenladen gekauft, eine Platte, die mich schon lange begleitet, aber aus unerfindlichen Gründen noch nicht in physischer Form in meinem Schrank stand. Denn es war diese Platte, mit der ich 1996 Soundgarden für mich entdeckt habe. Zuvor kannte ich zwar Hits wie "Black Hole Sun" (das verstörende Video lief bei MTV rauf und runter) oder "Jesus Christ Pose" (dazu musste Robert Palmer mal in einem Viva-Porträt was sagen). Doch richtig gepackt haben mich erst Songs wie "Blow Up The Outside World" und "Burden In My Hand" mit ihrer packenden Mischung aus Härte und Emotion.

Doch an dieser Stelle soll es um Audioslave gehen und um das Debüt dieser - darf man sie Supergroup nennen? 3/4 Rage Against The Machine und die eindringlichste Stimme des Grunge - Gott, das klingt wie ein schmieriger Werbeslogan (und ist ein bisschen respektlos gegenüber dem noch lebenden Eddie Vedder, aber auch den bereits verstorbenen Größen Kurt Cobain, Layne Stayley und Scott Weiland). Ich war ziemlich aufgeregt, als ich die selbstbetitelte Platte 2002 in Händen hielt. Zu dem Zeitpunkt stand ich extrem auf Led Zeppelin und Black Sabbath und wollte mich mehr in den 70er-Sound vertiefen. Rage Against The Machine waren Dauergäste in meiner Stereoanlage (also natürlich nicht die Band selbst, dafür war das Gerät zu klein, harhar).

Jedenfalls: Die Platte eingelegt und dann ging es los mit diesen abgefahrenen Gitarrensounds, die so typisch sind für Tom Morello. Der Drumbeat legt vor, und dann endlich setzt dieses kreiselnde Gitarrenriff ein und bereitet den Weg für die unerreichte Stimme von Chris Cornell. "Cochise" war einer der ersten Songs, die ich mir auf der Gitarre versucht habe beizubringen. Die "Guitar" erklärte genau, wie das Noisegate den Ton am Anfang erzeugt (war es so? In meiner Erinnerung jedenfalls). Das war etwas Neues, und klar, RATM klangen irgendwie an hier, aber es war trotzdem kein Abklatsch, sondern etwas Eigenes. Das eindringliche "Show Me How To Live", das melancholische "Shadow On The Sun", das lagerfeurige "I'm The Highway", das, ähm, explosive "Exploder" - das waren Großtaten von Songs, die mir einmal mehr klar machten, warum ich auf Gitarre, Bass und Drums stehe und nicht auf Ibiza-Discokack, Technogeballer oder Plastikschrott.

Wie unersetzlich Chris Cornell mit seinem Stimmumfang von fast vier Oktaven ist, fiel mir dann beim diesjährigen Rock im Park auf, wo ich für die Schwäbische Zeitung als Fotograf im Einsatz war (hier geht's zur Bildergalerie). Die Prophets of Rage holten für ein Cover von "Like A Stone" Serj Tankjan von System Of A Down auf die Bühne. Ich halte SOAD für eine fantastische Band und Tankjan für einen guten Sänger, aber er traf die Töne nicht komplett und man wollte ihm immer einen Schubs geben, damit er diese Differenz von ca. einem Viertelton noch geregelt bekommt.

Album Nummer zwei von Audioslave euphorisierte mich auch noch, aber nicht mehr so stark wie das Debüt. "Revelations" hab ich bis heute nicht gehört. Aber das ist das Schöne an Musik: Sie ist auch noch da, wenn Ihre Schöpfer uns verlassen haben. Sie bleibt und will entdeckt werden.

Das selbstbetitelte Debüt von Audioslave ist am 18. November 2002 via Epic (Sony Music) erschienen. 

Sonntag, 28. Mai 2017

Konzertkritik: John K Samson in Reutlingen

Was für ein Ende einer Tour. Am letzten Abend seiner musikalischen Europa-Reise steht John K Samson ohne Drummer auf der Bühne, der Club ist nicht so voll wie er sein könnte. Und trotzdem - oder gerade deshalb - wird der Konzertabend im Franz K in Reutlingen den Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben. Drei Erkenntnisse eines ungewöhnlichen Konzertabends. 

1.) Ich muss mich intensiver mit dem Schaffen von Christine Fellows auseinandersetzen. 

Christine Fellows.          Foto: Daniel Drescher
Christine Fellows ist seit vielen Jahren der wichtigste Mensch im Leben von John K Samson. Einerseits als Ehefrau, andererseits als musikalische Weggefährtin. Und das nicht erst seitdem sie an dem aktuellen Soloalbum "Winter Wheat" beteiligt war. In Reutlingen steht sie nicht nur mit ihrem Ehepartner gemeinsam auf der Bühne, sondern bestreitet auch das Vorprogramm. Und das tut sie auf eine hinreißende Art. Wie sie zu simplen Akkorde auf der Ukulele singt, das ist unscheinbar und doch groß. Kein Wunder, dass diese zwei zusammengehören wie Drink und Schirmchen: Die Art der beiden, Songs zu schreiben, ist zwar sehr ähnlich, aber doch jeweils eigenständig. Christine hat auch einen ganz eigenen Charme, outet sich als Deutschland-Fan und lacht einfach darüber, wenn mal ein Einsatz nicht klappt oder die Technik streikt. 

2.) Ob The Weakerthans oder John K Samson ist im Grunde egal - denn gemeinsam haben alle Songs die wundervolle Seele des Poeten aus Winnipeg. 

John K Samson.     Foto: Daniel Drescher
Songs der 2015 traurigerweise aufgelösten The Weakerthans (da war das letzte Studioalbum Reunion Tour auch schon acht Jahre alt) finden sich ganz selbstverständlich im Set wieder - so wie Jason Tait und Greg Smith auch auf "Winter Wheat" mitgespielt haben und nun auf Tour dabei sind. Wobei Jason bereits zurückreisen musste (seiner Familie nach einem Einbruch beistehen). Aber der Reihe nach. "One Great City" macht den Anfang mit seiner Mitsing-Zeile "I Hate Winnipeg". Die Geschichte dieses Songs ist übrigens wesentlich vielschichtiger - und das Stück nicht als Hasslied zu interpretieren. Mittendrin dürfen sich Fans Songs wünschen, und klar, dass da Sachen wie "Our Retired Explorer" dabei sind. Ohne Drummer sind die Songs anders, zumindest die, die im Original durchaus vom Schlagzeug vorangetrieben oder akzentuiert werden. John überlegt immer mal wieder, wie man den Anfang machen soll, lässt die Konzertgänger einzählen - und es entsteht etwas Intimes, ganz Einzigartiges, weil der Club auch nur zu etwa einem Drittel gefüllt ist. Johns Talent, über Gefühle zu schreiben, aber völlig klischeefrei zu texten, und unverbrauchte Melodien zu kreieren, kann man in jedem Stück bewundern. Ob das nun "Plea From A Cat Named Virtute" heißt (bester Song meiner Ansicht nach) oder "17th Street Treatment Centre" (diese entwaffnend ehrliche Auseinandersetzung mit Depressionen), ist am Ende zweitrangig. Zum Weinen schön sind alle Stücke aus der Feder dieses nachdenklichen Poeten, der da nebenbei mit den Aufklebern auf seinen Gitarren ("Sign out" und "log off") den Abschied von social media propagiert. 

3.)  John K Samson macht Musik, weil er Musik machen will. Der Rest ist nicht so wichtig. 

Greg Smith.      Foto: Daniel Drescher
Regelmäßig taucht er in Bestenlisten auf, wenn es darum geht, welche Musiker aus Kanada wie einflussreich sind. Er selbst ist überzeugt davon, dass die Weakerthans nie eine Stadionrockband geworden wären, aber es ist dennoch davon auszugehen, dass die Fans der von Post-Punk und Indierock geprägten Musik nicht müde geworden wären. Dennoch entschied sich Samson dafür, das Ganze ein paar Levels zurückzufahren. Er könne vor einem kleineren Publikum besser spielen, die Weakerthans seien Gefahr gelaufen, eine Maschinerie zu werden, sagte er mir im Januar in Winnipeg. Dass er trotzdem Musik machen will, seine poetischen Texte in behutsame Klänge gießen will, das steht außer Frage. Hoffen wir, dass John K Samson noch viele dieser kleinen Geschichten einfallen, die so wertvoll sind. 

Mehr Fotos gibt es hier: 
John K Samson in Reutlingen

Sonntag, 14. Mai 2017

Hörtest: Sour Mash - Taste The Meat

Wenn Du vom Bodensee bist, kennst Du Sour Mash. Du musst den Namen mal gehört haben oder die Band aus Singen schon einmal irgendwo live gesehen haben. Mein früherer Chef nennt sie die beste Band der Welt. Nun muss ich gestehen: Das tat er schon vor mehr als fünf Jahren, ich kannte den Namen - aber live gesehen hab ich die Band tatsächlich vor wenigen Wochen zum ersten Mal. Der Eindruck: eine Band, in der die Mitglieder exzellent aufeinander eingespielt sind, ihre Instrumente extrem souverän beherrschen und denen egal ist, ob sie vor 5, 50, 500 oder 5000 Nasen spielen. Die Energie, die Rezzo, Parler, Mänzer, Mülle, Schiwago und Welse versprühen, fand ich fantastisch. Und die Stimme von Sänger Rezzo lässt einen sofort an Eddie Vedder denken. Die eigenen Songs wussten bestens zu gefallen, und die Auswahl der Coverversionen an jenem Abend sprach für sich: Motörheads "Ace of Spades", "Diggin' the Grave" von Faith No More und "South of Heaven" von Slayer - das zeugt von Geschmack. 

Was macht man, wenn der Gig gut ist? CD mitnehmen. In dem Fall die neue EP "Taste The Meat". Und jüngst auf einer Autofahrt von München zurück Richtung See läuft dieser Silberling - und beschert mir eine extrem unterhaltsame Fahrt. Alice Cooper hat mal gesagt, jeder Song, der Dich zum schneller als erlaubt fahren animiert, sei ein guter Song. Ich werde mich nun nicht selber belasten, aber sagen wir so: Auf der Autobahn muss man sich ja nun nicht sklavisch an ein festes Limit halten. Mein Favorit auf der Platte ist der Opener: "Nervous Breakdown" hat einen Refrain, der hymnisch, aber nicht pathetisch ist und sich richtig fies im Ohr bzw. im Hirn festsetzt. Danach wird es langsamer und grooviger, "Murderer" gefällt mit zweistimmigen Gitarrenharmonien. Der Titelsong tobt sich zwischen Distortion in der Strophe und cleanen Gitarren im Chorus aus. Reizvoll ist an den Songs, dass sich die Einflüsse aus Grunge, Punk und Crossover zu einem Ganzen vereinen, das inspiriert und ehrlich wirkt. "Get Away" zeigt das gut. "F.A.T." überrascht mit Pizzicato-Streicherkeyboard, "Breadcrumbs" setzt sich mit dramatischem Refrain im Ohr fest. Nach 20 Minuten ist alles vorbei, die Repeat-Taste muss ran - und es bleibt die Freude über eine Band, die ohne Rücksicht auf Trends den Sound spielt, der ihr passt. Regionale Bands klingt immer so nach Kneipennacht - Sour Mash, behaupte ich, legt man auf, und es klingt eher nach internationaler Produktion. 

Mehr Infos gibt's auf Facebook und auf der offiziellen Internetseite der Band

Montag, 24. April 2017

Konzertkritik: Ghost in München, April 2017

I ain't afraid of no Ghosts. Eine Textzeile, die so ziemlich jedes in den 80ern aufgewachsene Kind mitsingen konnte. Traf auf mich auch zu, also das Mitsingen. Die Zeile an sich - nun ja. Paranormal Activity 2 fand ich schon ziemlich gruselig, The Ring damals auch und Drag Me To Hell hat mich wirklich ausgefreakt. Ich bin eher so der Zombie-Splatter-Typ, wenn es um Horror geht. Psychohorror mit Alltagssymbolen ist viel verstörender als Kunstblut. 

Aber ich schweife ab. Ghost sind auch eher die Kategorie aus dem Titelsong zur Zeichentrickserie "Ghostbusters". Denn auch wenn die schwedische Band vordergründig Dod und Deibel beschwört, mit okkulter Symbolik spielt und jedes Konzert als Ritual bezeichnet, sind Papa Emeritus III. und seine Nameless Ghouls doch eigentlich eine harmlose Rockband, deren provokantes Satanismus-als-Weltreligion-Gedankenspiel in punkto evil niemals mit unserer abgefuckten Realität mitthalten kann. Darüber habe ich mich kürzlich auch schon mit dem Bandgründer im Interview unterhalten

Wer steckt hinter den Ghouls-Masken? Ist es am Ende egal?
Der Einstieg ist mit "Square Hammer" und "From The Pinnacle To The Pit" grandios gewählt. Es sind die stärksten Songs der aktuellen EP "Popestar" und des 2015er-Albums "Meliora", mit denen die Band in ihr Set einsteigt. Vom ersten Ton an ist die Band präsent. Die Nameless Ghouls posen in ihren schwarzen Soutanen und ihren anthrazitfarbenen Dämonenmasken um ihr Leben, überragt von drei Backdrops mit sakralen (bzw. wohl eher blasphemischen) Bildern.  


Der Trick bei Ghost besteht darin, poppige Refrains wie "He Is" unterzujubeln - und gleichzeitig eine Art Lobpreismusik unter umgedrehten Vorzeichen zu machen. Grandios "Year Zero", dieser tanzbare und doch hart rockende Hymnus. Auf Effekte verzichten Ghost weitgehend, etwas Kunstnebel, irgendwann Konfetti, dafür immer wieder atmosphärische Lichtstimmungen. Der Klang leidet etwas unter dem typischen Zenith-Sound. Dafür macht die Band mächtig Spaß und gibt sich sehr agil. Sind das neue Musiker? An ein paar Stellen meint man, andere Akzente zu bemerken, aber das kann auch den Schlagzeilen der letzten Tage geschuldet sein - wüsste man das nicht, würde man wahrscheinlich nichts merken. Euphorische Reaktionen ernetete auch "Ghuleh (Zombie Queen)", sich ja gegen Ende in einen derart fantastischen Höhepunkt schraubt. Apropos: Bevor die Zugabe "Monstrance Clock" ertönt, sorgt Papa Emeritus III mit seiner Ansage über weibliche Orgasmen Lacher.

Papa Emeritus III will Dich für seine Anhängerschar. 
Das Augenzwinkern, mit dem Ghost zuwerke gehen, war im Lauf des Abends schon da nicht zu übersehen, als der zuerst im Anti-Papstgewand und später im Dandy-Look auftretende Sänger mit dem Publikum "Ja"- und "Nein"-Mitsingspielchen veranstaltet. Hier wird die Eigenironie überdeutlich, mit der Ghost ihren Hobbysatanismus pflegen. Aber in Zeiten, in denen es ernsthaft Menschen gibt, die Darwin aus den Schulbüchern streichen wollen, ist Religionskritik etwas, das nach wie vor seine Berechtigung hat. Und Ghost machen dabei eine ziemlich gute Figur, gerade weil sie ihre Message subtiler verpacken als manch andere Kapelle. Dazu gehört ja auch der Trick, dass das 15-minütige Lied vor der Show den Namen "Miserere Mei" trägt und ein astreines Stück Kirchenmusik von Allegri ist. Satanische Kombo bringt Metaller dazu, christlich-chorale Klänge aus dem 17. Jahrhundert zu hören - nicht schlecht oder? 

Das Zenith (in das das eigentlich im Kesselhaus geplante Konzert verlegt wurde) war übrigens nicht gerade übervoll. Wo Anfang April bei den Broilers drangvolle Enge herrschte, war diesmal ein Teil der Halle abgehängt, Platz zum Headbangen fand sich genug. Auch mal eine feine Sache, wenn man nicht ständig angerempelt wird. Die Vorband verströmte übrigens eher gepflegte Langeweile. Zombi sind ein amerikanisches Duo, das mit seinem Mix aus hypnotischen Synthieklängen und Beats an die Musik und die Filme von John Carpenter erinnert. Passt aber natürlich zum Konzept: Die Streifen findet man heute wohl nicht mehr gruselig - da schließt sich dann der Kreis zu den Ghostbusters.

Text und Fotos: Daniel Drescher

Mehr Fotos aus München findet Ihr hier:   
Ghost in München 2017