Sonntag, 22. Oktober 2017

Hörtest: Iron Chic - You Can't Stay Here

Das Jahr 2016 war einschneidend für die US-Punkrockband Iron Chic. Gitarrist Rob McAllister starb plötzlich und unerwartet und hinterließ seine Frau Marisa und seine Tochter Ramona. Auf ihrer neuen Platte "You Can't Stay Here" verarbeiten Frontmann und Sänger Jason Lubrano und seine Band den frühen Tod des Musikers - und versprühen dabei eine trotzig-positive Power, die das Leben feiert.

"You Can't Stay Safe / You Can't Stay Here": Wahre Worte, die Iron Chic im Quasi-Titelsong ihres neuen Albums "You Can't Stay Here" singen. Dass nichts ist, wie es bleibt, und es keine Option ist, sich im sicheren Rückzugsort einzurichten, gilt privat ebenso wie politisch. Jason Lubrano hat der Tod seines musikalischen Weggefährten geschockt. „Ich habe schon vorher mit Verlust umgehen müssen“, wird er im Presseinfo zitiert. „Mein Vater starb als ich 21 war, aber er war sehr krank und wir wussten, dass es kommen würde, so konnte ich es besser verarbeiten. Bei Rob war es anders, denn es war das erste Mal, dass ein enger Freund im selben Alter wie ich starb. Der Verlust von Rob durchdringt jeden Aspekt des Albums.“ Das schlägt sich besonders in den Texten nieder. "Be careful with what you love/Have faith in humanity" heißt es in dem Stück, und wie auch in den anderen Liedern sind die Lyrics keine prätentiös verklausulierten Angebertexte, sondern simpel gehaltene Formeln, die viel Wahrheit in sich tragen. 

Während die Texte von Songs wie "Invisible Ink" dabei sehr düster sind, wirkt die Musik wie ein Kontrast dazu. Iron Chic klingen lebensfroh und erinnern mit ihrem wuchtigen Sound und den extrem mitsingkompatiblen Harmonien mehr als einmal an die Donots. Das deutet sich bereits im Opener "A Headache With Pictures" an und zieht sich durchs ganze Album. Der Tod mahnt die Lebenden. Iron Chic vertonen das auf euphorisierende Weise. Gerade weil das Leben kurz ist.

"You Can't Stay Here" ist am 13. Oktober via Side One Dummy erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "My Best Friend (Is A Nihilist)". 

Samstag, 7. Oktober 2017

Hörtest: Cold Reading - Sojourner

File under: Hat eine große Zukunft. Das Schweizer Quartett "Cold Reading" macht einen extrem souveränen Mix aus Post-Hardcore und Indie, der Emo und Pop atmet. Die neue EP "Sojourner" folgt auf das 2015er-Debüt "Fractures and Fragments" - und zeigt die Band als echte Hoffnungsträger in diesem Genre, dem ein paar neue Impulse nicht schaden könnten.

Noch bevor man genauer auf den Text des Openers hört, wird klar: Etwas ist im Umbruch, und das hier ist der Soundtrack dazu. Den Wunsch zum Neuanfang, zum Reboot der eigenen Biografie - dieses Gefühl ist hier unglaublich gut in Noten gegossen. "Books & Comfort" ist ein euphorisierender Hit, wie gemacht für die große Festivalbühne, aber gleichermaßen tauglich für die Indiedisco. Mike (Gesang & Keyboards), Chris (Gitarre und Gesang), Arthur (Bass und Gesang) und Marc (Schlagzeug) wirken auch auf dieser EP wie ein bestens aufeinander eingespieltes Team. Davon, dass sich die Band den Gesang aufteilt, profitiert der Sound in punkto Abwechslung.

Der Titeltrack lässt mit seinen flächigen Synthies in den ersten Sekunden Twin-Peaks-Feeling aufkommen und auch textlich sind durchaus Parallelen zu David Lynchs und Mark Frosts verstörendem Serienmeilenstein erkennbar (liegt aber vielleicht auch daran, dass ich immer noch ständig über die kürzlich zu Ende gegangene 3. Staffel nachdenke). Musikalisch gefällt der Song mit seinen cleanen Gitarrenfiguren und dem dramatischen Refrain.

"Roads and Peril" nimmt nach einem ruhigen Intro Fahrt auf und entwickelt sich zu einem von pulsierendem Bass angetriebenen Ohrwurm. "Scratches" lässt die EP dann mit sanfteren Tönen ausklingen, die Melancholie aufkommen lassen. Nicht nur, weil man der Band gern noch länger als 20 Minuten zugehört hätte. Aber wie gesagt: Da kommt sicher noch mehr.

"Soujourner" ist am 22. September via KROD Records als LP und digital erschienen. Mehr Infos gibt's auf der Internetseite der Band. Dort kann man die EP auch bestellen oder downloaden.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Konzertkritik: Dave Hause And The Mermaid in Lindau

Dave Hause And The Mermaid 
Frank Iero And The Patience 
The Homeless Gospel Choir
The Paceshifters
Club Vaudeville, Lindau
30. September 2017

Dave Hause.                Foto: Tinnitus Attacks
Die einzige Frage, die sich nach diesem Abend noch stellt: Warum erst 2017? Dave Hause passt perfekt in den Club Vaudeville, und es wird wohl auch nicht sein letztes Gastspiel in Lindau gewesen sein. Die Show, die der amerikanische Songwriter aus Philadelphia vor mehreren hundert Konzertgängern runterreißt, zeigt, warum Hause zu den Besten in der Punkrock-meets-Acoustic-Sparte zählt. Dave euphorisiert, schwelgt, leidet und ja, rockt, auf der Bühne, und nichts davon ist gekünstelt oder aufgesetzt. Fun Fact vorweg: Den ersten und letzten Song seines aktuellen 2017er-Albums "Bury Me In Philly" vertauscht er live, mit dem Titelstück "Bury Me In Philly" beginnt ein fantastischer Auftritt, der mit "With You" dann unglaublich energisch endet (und was dazwischen passiert, erzähl ich gleich noch). Wie Dave Hause da nochmal aufdreht, über die Bühne stürmt - man könnte ihm ewig dabei zusehen. Und der Song ist einfach so wahr. "Dance With Me We'll All Be Dead Soon" - seltener wurde das Memento Mori eindringlicher in Songform gegossen. Überhaupt würde man sich wünschen, dass mehr Künstler es machten wie Dave, dass sie etwas zu sagen hätten und imstande wären, so bedeutsame Songs we "We Could Be Kings" (vom 2013er-Album "Devour") zu schreiben, das auch an diesem Abend in Lindau zu den Glanzlichtern gehört. Die neuen Stücke reihen sich bestens ein, die Absage ans Zögern in "The Flinch" mit seinem Auf-geht's-Introriff etwa oder das wütende "Dirty Fucker", das - man ahnt es wegen des T-Shirts am Merchstand mit Trump-Konterfei - an diesem Abend dem 45. Präsidenten der Vereinigen Staaten (klingt das nicht immer noch unfassbar?) gewidmet ist. 

Kayleigh Goldsworthy.              Foto: Tinnitus Attacks
Natürlich kommt auch "The Mermaid" zum Zug, und Kayleigh Goldsworthy spielt dazu die Melodica. "The Mermaid" heißt ja auch die aktuelle Band, mit der Dave tourt, und diese Truppe harmoniert bestens. Goldworthy spielt abwechselnd Keyboard, Gitarre und Mandoline. Wie dankbar er für das gute Verhältnis zu seinem Bruder Tim ist, hat Dave mir dieses Jahr bereits im Interview erzählt. Tim wirkt auf mich introvertierter als Dave, setzt aber mit seinem Gitarrenspiel Akzente (und einmal an diesem Abend, ich weiß nicht mehr, bei welchem Song, gibt es sogar Triple-Gitarrenpower, was den Distortion-Junkie in mir extrem freut). Drummer Kevin Conroy guckt man ebenfalls gern zu, wenn er die Felle verdrischt und gemeinsam mit Basser Miles Bentley die rhythmische Fahrspur modelliert. Und noch ein Fun Fact: Die Meerjungfrau auf dem weißen Shirt unterscheidet sich von der Starbucks-Dame in zwei Punkten: Dollarzeichen statt Stern auf dem Kopf und ein böser statt ein lachender Mund. Nur falls sich jemand gefragt hat.  

Songtechnisch bleiben an diesem Abend kaum Wünsche offen. Bei "C'mon Kid" erschrickt man kurz, weil das mal "der" Hit von Dave war, das Ganze aber auch schon sechs Jahre her ist und die Zahl der fantastischen Stücke aus der Hause'schen Feder um ein ganzes Stück angewachsen ist. Und dabei war ja schon "Revelations" keine schwache Platte, wie Dave in Lindau dann unter anderem mit "Time Will Tell" und "Prague" untermauert. Ein großer Auftritt. 

Frank Iero.               Foto: Tinnitus Attacks 
Zuvor zeigte Frank Iero and the Patience (Patients?), dass Emo nicht tot ist. Ich fühle mich mehr als einmal an die 2013 zu Grabe getragenen My Chemical Romance erinnert, bei denen Iero früher die Rhythmusgitarre bediente, und lasse mich aufklären, dass in den USA Frank Iero der Headliner ist und Dave Hause sein Support. Vor dem Club hatten an diesem Tag eine Handvoll Hardcore-Fans aus den Niederlanden gecampt und warteten seit 9 Uhr morgens auf ihr Idol. Mein Fazit: Wird nicht mein neuer Lieblingsmusiker, ist aber definitiv unterhaltsam. 

Derek Zanetti.            Foto: Tinnitus Attacks
Wenig mitbekommen (aber immer noch mehr als von den verpassten Paceshifters) habe ich leider von The Homeless Gospel Choir, aber nachdem ich auf Youtube "Everyone" gesehen und gehört habe, finde ich das ziemlich schade. Derek Zanetti (grandioses Outfit!) ist mit seinen Protestsongs eine wichtige Stimme unserer Zeit. "I'm Not On MTV" steht auf den gelben Buttons mit dem brennenden Fernseher, die am Merchstand zu kriegen sind, wo Derek mich mit seiner supersympathischen Art noch mehr gewinnt als zuvor schon auf der Bühne. Wer braucht schon MTV? Diese Musikszene lebt doch sehr sehr gut - auch ohne Fernsehsender. 

Mehr Bilder vom Konzertabend in Lindau findet Ihr auf meiner Flickr-Seite. 
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Dave Hause in Lindau

Mittwoch, 27. September 2017

Konzertkritik: Joey Cape in Lindau

Joey Cape, Zach Quinn, Donald Spence, Brian Wahlstrom
Club Vaudeville, Lindau
25. September 2017

"Aber die haben ja gar kein Schlagzeug dabei!" Der Kollege - sozialisiert mit dem melodiös-harten Skatepunk der 1990er-Jahre - ist nach einem Blick auf die Tourankündigung unschlüssig, ob er sich den akustischen Abend in Lindau geben soll oder nicht. Ich argumentiere: Joey Cape ist einer der besten Songwriter der Erde, ach, des Universums. Egal ob mit Distortionpedal und Punkrock oder mit Akustikgitarre und der puren Wirkung seiner Stimme. Lagwagon finde ich gleichermaßen fantastisch wie Joeys Solosachen und seine anderen Projekte.

Joey Cape in Lindau.        Foto: Daniel Drescher
Es war klar, dass dieser Moment kommen würde: Joey Cape kündigt "One More Song" an, den Song vom 2014er-Überraschungsalbum "Hang". Das Stück ist Tony Sly gewidmet, dem 2012 mit 41 Jahren viel zu früh verstorbenen Frontmann von No Use For A Name. Cape und Sly verband eine tiefe Freundschaft, die sich auch musikalisch in zwei gemeinsamen Akustik-Platten manifestierte (und nicht nur da, sondern etwa auch bei den Scorpios). Das Tourposter von 2010 hängt gerahmt an meiner Wand, da traten Lagwagon und No Use For A Name im Club Vaudeville auf. Viele Fans und Freunde von Sly können immer noch nicht begreifen, dass er nicht mehr da ist. Cape geht es nicht nur um den einen Song mehr, den die Welt hätte hören können. "Ein Tag mehr mit ihm wäre einfach schön gewesen", sagt Cape und stimmt dann die Akustikversion dieses Liedes an, das einem auf schmerzliche Weise begreifbar macht, dass man keinen Menschen im Leben für selbstverständlich halten sollte. Natürlich kommt auch "International You Day" von No Use For A Name zum Zug, das Cape als eines der besten Liebeslieder der Welt bezeichnet. Der Refrain von Tony Slys Stück indes lässt sich durch dessen Tod wieder mit einer neuen Bedeutung hören. "Without You My Life Is Incomplete, My Life Is Absolutely Gray". Verlust ist bitter, und Zeit heilt nicht alle Wunden.

Donald Spence, Brian Wahlstrom, Joey Cape und Zach Quinn
 (von links) auf der Bühne.          Foto: Daniel Drescher
Auf der aktuellen "One Week Records" Tour ist Joey mit Pears' Zach Quinn (Gitarre und Gesang) sowie Donald Spence (Gitarre und Gesang) von Versus The World und Brian Wahlstrom (Piano) von Scorpios unterwegs. Die Idee der "One Week Records" ist, in sieben Tagen zehn Songs aufzunehmen, wie Joey auf der Internetseite dazu schreibt. Er lädt die Musiker dazu in sein Haus ein, lässt sie dort wohnen, isst und trinkt mit ihnen. Es ginge ihm darum, zu hören, wie der Künstler klingt, und nicht das Studio, in dem aufgenommen wird. Was das konkret heißt, zeigt sich an diesem Abend sehr schön: Im Zusammenspiel mit den anderen Musikern offenbaren die Stücke völlig neue Facetten - und werden manchmal auch mutwillig mit anarchischem Humor aufgemischt. So etwa, als Zach Quinn (der "Sohn" von Joey Cape, guter Gag) während "Violins" zwar nicht auf der Bühne steht, den Gitarrenpart aber aus dem Off dann doch spielt. Diesmal allerdings nicht auf der Klampfe, sondern mit seiner Stimme. Ohnehin sorgt Zach Quinn - übrigens der Anwärter auf den Titel "Frisur des Abends" - immer wieder für die Lacher. Wenn er zum Beispiel allein auf der Bühne steht und mit übertriebener Southern-Blues-Stimme vom "Butt Train" singt. Apropos Arsch: Quinns angekündigtes Musical über den Jungen, der seinen Hintern verloren hat, wird sicher ein Hit. Kunden, die das gekauft haben, kauften auch: Andrew Lloyd Webber. Nicht. Brian Wahlstrom zeigt ebenfalls als grandioser Entertainer, als er bei Quinns Cover-Impro "My Heart Will Go On" singt - auf Italienisch. Als am Ende des Sets alle gemeinsam auf der Bühne stehen und jeweils einen eigenen Song spielen, beeindruckt Donald Spence mit "The Black Ocean". Brauch ich auf Platte!
Die Lindauer Setlist. 
Und dann sind es bei Joey Cape auch Momente wie der, als er Timo Keck (Fire Ants From Uranus) auf die Bühne holt. Er bedauere es, wenn Vorbands spielen, die sich niemand anschaut, sagt Cape dazu. Drum bindet er Musiker aus der Region lieber in das Konzert ein. Es ist solche Demut, die authentische Musiker von arroganten Rockstars unterscheidet. Keck macht seine Sache richtig gut und erntet verdienten Beifall.

20 Songs stehen auf der Setlist, und irgendwann zeigt der Blick auf die Uhr: Es ist spät geworden. Doch bei Songs wie "Alien 8" und "Violins" macht das wohl keinem etwas aus. Mit "To All My Friends" endet der Auftritt. Am Ende hat's auch dem vormals skeptischen Kollegen gefallen. Und das ganz ohne Schlagzeug.





Mehr Fotos seht Ihr in meiner Flickr-Galerie per Klick aufs Bild:

Joey Cape in Lindau

Samstag, 16. September 2017

Herbst im Plattenrausch: Rezis zu Foo Fighters, Hot Water Music, Prophets of Rage und The National

Der Herbst ist meine Lieblingsjahreszeit. Nicht nur, weil es dann Spaß macht, die alten Sachen von Type O wieder rauszukramen. Sondern auch, weil ich meistens schon am Überlegen bin, was in meine Jahres-Top-Ten an Platten kommt - und der Herbst immer nochmal wichtige Veröffentlichungen bereithält.

So auch der September. Allein der Tag gestern: Neues von den Foo Fighters, Hot Water Music und Prophets of Rage. Anfang das Monats die neue The National. All diese Platten habe ich für die SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung besprochen. 
Meine Besprechung der Foo Fighters könnt Ihr hier per Klick aufs Bild lesen. Spoiler-Warnung: Es ist kein Verriss. 

Zu den weiteren Rezis auf schwäbische.de hier entlang: 






Freitag, 25. August 2017

Rock-Tribut in bewegten Bildern: The Weight und ihr fantastisches neues Video "Trouble"

Wie aufwändig, wie kreativ, wie liebevoll: The Weight zollen ihren musikalischen Vorbildern in ihrem neuesten Video Tribut. Im Clip zu "Trouble" stellt die österreichische Rockband die Plattencover von Meilensteinen der Rockgeschichte nach. Das ist grandios in Szene gesetzt vom Wiener Kunst- und Designkollektiv Atzgerei und man fragt sich ständig: Wie haben die das gemacht? Der Clip funktioniert als visuelles Kunstwerk, eignet sich aber auch für Easteregg-Sucher. Da waren eben The Who, das waren die Beatles, hier Led Zeppelin - ah Moment, das kenn ich nicht, und was ist das nochmal? In einer Zeit, in der Videoclips nicht mehr den gleichen Stellenwert haben wie zu MTV-Zeiten, kommt "Trouble" verdammt erfrischend daher.

Der Song ist ein Vorbote des ersten Studioalbums, das The Weight am 17. November im RadioKulturhaus des ORF präsentieren werden. Eine Bilderstrecke vom Auftritt des Quartetts beim letztjährigen U&D findet Ihr hier auf meinem Blog, einen Bericht über die Band an dieser Stelle.

Hier das Video (in der Beschreibung gibt es noch ganz viele Tourdaten): 

Samstag, 19. August 2017

Hörtest: At the Drive In - Inter Alia

At The Drive In sind so etwas wie Schutzheilige eines Musikgenres: Für Ihre Anhänger haben die Ton gewordenen Großtaten fast Kultcharakter, und für viele Fans war diese Post-Hardcore-Band lang etwas, das man aus Erzählungen kennt, aber nicht selbst erlebt hat. 17 Jahre nach ihrem Meilenstein "Relationship Of Command" mit dem Überhit "One Armed Scissor" legte die Band nun im Mai diesen Jahres ein neues Werk vor. 2001 hatte sich das Kollektiv getrennt, die Kreativköpfe Omar Rodriguez und Cedric Bixler waren seither (bis 2013) mit The Mars Volta aktiv (Antemasque muss man natürlich auch erwähnen), während Jim Ward mit Sparta durch die Botanik rockte. 2012 fanden At The Drive In dann wieder zusammen, spielten umjubelte Live-Shows - und zeigen nun mit "Inter Alia", wie anstrengend, fordernd und facettenreich Gitarrenmusik sein kann.

Wenn man nun konstatiert, dass At The Drive In quasi da weitermachen, wo sie mit "Relationship of Command" aufgehört haben, ist das eine zwiespältige Sache. Denn qualitativ ist das zwar ein Kompliment, andererseits heißt es aber auch, dass sich die Band nicht weiterentwickelt hat, oder? Doch legt man die musikalische Klasse der Platten zugrunde, die Bixler und Rodriguez in der Zwischenzeit veröffentlicht haben, kann das gar nicht sein. Dass "Inter Alia" nicht den gleichen Überraschungseffekt liefert der 2000er Klassiker, ist auch klar. Was die Platte aber definitiv von anderen abhebt, ist dieses surreale Gefühl: 40 Minuten lang hat man hier das Gefühl, vorgeführt zu bekommen, was möglich ist, wenn jemand ernsthaft Musik machen und eigene Visionen vertonen will anstatt sich gängigen Schemata zu unterwerfen. Wir beklagen uns doch immer, wie eintönig die moderne Popmusik mit ihren Einheitssongwritingfabriken ist. Hier haben wir ein Album, das deutlich macht, wie es auch sein könnte.

"No Wolf Like The Present" mit seinen Gitarrendissonanzen, die wie kleine Störsender dazwischenfunken macht den Anfang. "Continuum" begeistert mit Gesang wie Parolen durchs Megafon gerufen, Phaser-Gitarreneffekt und einem irren Flüsterintermezzo. "Governed By Contagions" tönt unheilbringend in den Strophen und bösartig im Refrains, fantastisch. Bei "Pendulum In A Peasant Dress" wirkt der Bass extrem prägnant, während "Incurably Innocent" von einem genialen Anfang lebt. Der Song wirkt zudem wie die Antithese zu einem Powermetalstück, denn Gitarren und Gesang sind extrem nah beieinander und hier braucht es nur den Gesang von Cedric Bixler und keine dick aufgetragenen Männerchöre mit aufgesetztem Pathos und Pomp, um zu begeistern. Nur so ein Gedanke, kein Diss von einem, der selbst als Metalnerd aufgewachsen ist. Extrem überraschend wirkt "Ghost-Tape No. 9". Der langsame Rhythmus stellt einen angenehmen Kontrast zu den ansonsten treibenden Beats auf dem Album dar. Irgendwie sehe ich immer Bilder aus der aktuellen dritten Staffel von David Lynchs Serienmonster Twin Peaks vor mir, Schwarzweißtöne und Sepiafarben vor dem geistigen Auge.

Eine Platte, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. Lohnt sich dann aber auch.

"Inter Alia" ist am 5. Mai 2017 bei Rise Records erschienen. Hier noch das Video zu "Governed By Contagions": 

Samstag, 12. August 2017

SZene-Hörtest: Nine Inch Nails - Add Violence

Es ist schon ein bisschen her, dass meine Besprechung der neuen Nine Inch Nails-EP "Add Violence" in der Schwäbischen Zeitung erschienen ist (27. Juli, SZene-Seite). Aber da mich dieses Stück Musik nachhaltig beeindruckt hat, könnt Ihr hier meine Zeilen zu den fünf neuen Songs aus dem House Reznor lesen.

Besonders das letzte Lied auf der Platte, "The Background World", mit seinen minutenlangen Loops, die von Mal zu Mal zerschossener klingen, hat es mir angetan. Und ja, ich weiß, dass es 52 Schleifen sind, und dass Trent Reznor 52 Jahre alt ist. Für den Soundgenuss finde ich das allerdings fast schon egal.

Samstag, 22. Juli 2017

Was heißt schon retro? Wolfmother im Interview

Als Wolfmother vor 12 Jahren (auch schon wieder...) ihr Debüt veröffentlichten, war das für mich ein Meilenstein. Nicht umsonst hab ich die Platte hier schon in der Galerie der Klassiker besprochen. Dieses Jahr konnte ich beim Southside Kreativlockenkopf Andrew Stockdale treffen und interviewen. Was dabei herausgekommen ist, könnt Ihr per Klick aufs Bild lesen. Erschienen am vergangenen Dienstag auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung.

Samstag, 8. Juli 2017

Hörtest: Kraftklub - Keine Nacht Für Niemand

Ich bin etwas im Verzug mit dem Besprechen musikalischer Neuerscheinungen. Bei der Arbeit ist viel los (siehe meine Berichterstattung zu Rock im Park oder Southside), ein bisschen Sport muss auch sein und hin und statt vorm Laptop sitzen geh ich auch mal gern in den Wald. Und dann sehe ich: Oh, die neue At The Drive In ist raus. Die neue Body Count wollte ich auch noch besprechen, eine wichtige politische Platte in diesen Zeiten. Mist, die Cloud Nothings hab ich auch noch nicht hier vorgestellt. Aber ich hol auf. Und die nächsten Monate halten auch noch etliche verdammt wichtige Platten bereit - ich sag nur Queens Of The Stone Age und Foo Fighters. Na jedenfalls: Jetzt fange ich mal an, aufzuholen, was zu kurz kam in den vergangenen Monaten. Den Anfang machen Kraftklub mit Studioalbum Nummer 3.


Vorweg: Der Überraschungseffekt ist weg, soviel war klar. Die flirrenden Gitarren, die tanzbaren Rhythmen, dazu Felix Brummers lässig-gelangweilter Sprechgesang: in Fleisch und Blut übergegangen, mit der musikalischen DNA der hiesigen Indierockszene verschmolzen. Das ist aber nicht negativ gemeint, nein, denn die Mixtur hat sich bewährt. Wer auf die großen Festivals geht, kam in den vergangenen Jahren nicht an Kraftklub vorbei, und die Shows waren immer energiegeladen und überraschend. Ob die Band beim Ring mit einer fahrbaren Hebebühne in der Menschenmenge auftauchte oder zur Präsentation von "In Schwarz" mit Drama und Feuerwerk beim Southside beeindruckte - Kraftklub haben Bock, spielen lieber mit Genre-Konventionen statt einfach nur
Shows.

Mit "Keine Nacht Für Niemand" fügen sie ihrem bisherigen Songkaleidoskop ein paar neue Facetten hinzu. Luftiger, variabler wirken die Nummern - das ist auf einem Album nicht in jedem Moment zwingend, macht sich aber im Live-Kontext dafür sehr gut. Mit "Fan von Dir" kann ich weniger anfangen, und "Dein Lied" könnte von mir aus auf den platten Provokationskniff verzichten. Dafür gibt es mit "Hausverbot (Chrom & Schwarz)" einen Song, der sich irgendwie nach 60er/70er-Protestsogns anfühlt und einen Ton Steine Scherben-Vibe atmet, was ja zum eben jener Band Tribut zollenden Wortspiel-Albumtitel passt. Und es gibt auch sonst viel zu entdecken, kleine Anspielungen, Referenzen, etwa, wenn in "Sklave" plötzlich eine Melodie aus "Small Town Boy" von Bronski Beat auftaucht. Dass das Stück in seiner Arbeitswelt-Kritik gleichzeitig die SM-Blödeleien von Die Ärzte rezitiert ("Bitte Bitte") gehört da genauso dazu wie das Zitat mit den Möbeln, die für den Tanzboden weichen müssen ("Venus"). Die erste Single "Fenster" ist ein gleichermaßen sarkastisches wie wütendes Statement in Richtung der Wutbürger/Lügenpresse-Fraktion und wird durch einen Gastvocals von Farin Urlaub geadelt. In "Am Ende" steuert Sven Regener (Element Of Crime) ein paar Gesangszeilen bei.

Das Schöne an Kraftklub ist auch, wie sich die Band Classic-Rock-Riffing aneignet ohne peinlich zu sein ("Hallo Nacht") oder Rock'n'Roll-Gitarren und Kopfstimme einsetzt ("Liebe zu Dritt") und trotzdem etwas völlig Eigenes aus diesen Versatzstücken kreiert. Fazit: Nicht das beste Album der Band, aber Fans werden es ins Herz schließen und können bedenkenlos zugreifen.

"Keine Nacht für Niemand" ist am 2. Juni 2017 bei Vertigo Berlin (Universal Music) erschienen. Hier das Video zu "Sklave":

Samstag, 1. Juli 2017

Hörtest: London Grammar - Truth Is A Beautiful Thing

Gitarre, Schlagzeug, Bass: Die Grundzutaten für Musik, mit der ich etwas anfangen kann. Geht es um Verzerrte E-Gitarren, muss der Regler nicht mehr auf elf stehen, aber etwas Distortion hat noch nie geschadet. Umso überraschter war ich von mir selbst, dass mir die neue Platte von London Grammar gefällt. Aber dieser Sound ist einzigartig. Meine Plattenkritik ist am 20. Juni auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Hörtest: The Scandals - Lucky Seven

Purer schweißtreibender Rock, robust wie eine Bartheke und süffig wie das Bier aus dem Zapfhahn dahinter. The Scandals zeigen mit "Lucky Seven", wie man mitreißende Gitarrenmusik macht - auch wenn sie das Rad lediglich etwas weiterdrehen statt es neu zu erfinden. 

Selten habe ich einer Platte in letzter Zeit so sehr angehört, wo sie sich geographisch verorten lässt. Vom ersten Ton dieser fünf Songs umfassenden EP an ist sofort die Assoziation da: New Jersey. Allerdings denkt man nicht an den wohl prominentesten Musiker aus diesem Bundesstaat, an Bruce Springsteen. Dafür an die Band, die als vom Boss inspiriert gilt, aber eben inzwischen auch schon zum Einfluss für viele andere geworden ist: The Gaslight Anthem. Deren Frontmann Brian Fallon hat passenderweise auch den Job des Produzenten für diese Handvoll neuer Songs übernommen. Jared Hart, Sänger der Scandals, ist mit Fallon wiederum in dessen Solobegleitband The Crowes aktiv.

The Scandals wurden ein Jahr vor TGA gegründet, aber meines Wissens klangen sie auf früheren Aufnahmen etwas räudiger als auf der neuen EP. Das soll aber alles nicht negativ gemeint sein. Im Gegenteil. Die Songs gefallen mit ihrer ungebremsten Euphorie und man kann sich richtig vorstellen, wie die Meute in einem kleinen Club dazu pogt, schwitzt und das Bier verschüttet.

Der Opener und Titeltrack gefällt mit seinem lässigen und geradezu klassischen Songintro. "Emerald City" erinnert an Red City Radio, die übrigens nicht aus dem Garden State kommen. "Hostage" lehnt sich zwischendurch sogar ganz entspannt zurück, nur um gleich darauf mit einem sehr coolen Hi-Hat-Wirbel den Song wieder voranzutreiben. "Birthmarks" wirkt mit seinen sehnsüchtigen Gitarren fast schon countryesk, während "Calling Cards" von seinen dynamischen Stimmungs- und Rhythmuswechseln lebt.

"Lucky Seven" von The Scandals ist am 28. April via Panic State/Say-10 Records erschienen. Hier hört Ihr "Hostage": 

Sonntag, 11. Juni 2017

Galerie der Klassiker: Audioslave - dto.

Ich saß  in einem Café am Flughafen von Manchester, um nach Wales weiterzureisen, als ich von Chris Cornells Tod erfuhr. 52. Es war surreal, es konnte nicht sein. Aber es war wahr. Bevor er Suizid beging, trat er im Fox Theatre in Detroit auf. Ich kenne den Ort. 2004 hab ich dort Deep Purple und Thin Lizzy gesehen. Und auch mit Chris Cornell verbinde ich viele Erinnerungen. Die jüngsten sind erst ein paar Wochen alt, denn vor Kurzem hab ich mir "Down On The Upside" endlich in einem Plattenladen gekauft, eine Platte, die mich schon lange begleitet, aber aus unerfindlichen Gründen noch nicht in physischer Form in meinem Schrank stand. Denn es war diese Platte, mit der ich 1996 Soundgarden für mich entdeckt habe. Zuvor kannte ich zwar Hits wie "Black Hole Sun" (das verstörende Video lief bei MTV rauf und runter) oder "Jesus Christ Pose" (dazu musste Robert Palmer mal in einem Viva-Porträt was sagen). Doch richtig gepackt haben mich erst Songs wie "Blow Up The Outside World" und "Burden In My Hand" mit ihrer packenden Mischung aus Härte und Emotion.

Doch an dieser Stelle soll es um Audioslave gehen und um das Debüt dieser - darf man sie Supergroup nennen? 3/4 Rage Against The Machine und die eindringlichste Stimme des Grunge - Gott, das klingt wie ein schmieriger Werbeslogan (und ist ein bisschen respektlos gegenüber dem noch lebenden Eddie Vedder, aber auch den bereits verstorbenen Größen Kurt Cobain, Layne Stayley und Scott Weiland). Ich war ziemlich aufgeregt, als ich die selbstbetitelte Platte 2002 in Händen hielt. Zu dem Zeitpunkt stand ich extrem auf Led Zeppelin und Black Sabbath und wollte mich mehr in den 70er-Sound vertiefen. Rage Against The Machine waren Dauergäste in meiner Stereoanlage (also natürlich nicht die Band selbst, dafür war das Gerät zu klein, harhar).

Jedenfalls: Die Platte eingelegt und dann ging es los mit diesen abgefahrenen Gitarrensounds, die so typisch sind für Tom Morello. Der Drumbeat legt vor, und dann endlich setzt dieses kreiselnde Gitarrenriff ein und bereitet den Weg für die unerreichte Stimme von Chris Cornell. "Cochise" war einer der ersten Songs, die ich mir auf der Gitarre versucht habe beizubringen. Die "Guitar" erklärte genau, wie das Noisegate den Ton am Anfang erzeugt (war es so? In meiner Erinnerung jedenfalls). Das war etwas Neues, und klar, RATM klangen irgendwie an hier, aber es war trotzdem kein Abklatsch, sondern etwas Eigenes. Das eindringliche "Show Me How To Live", das melancholische "Shadow On The Sun", das lagerfeurige "I'm The Highway", das, ähm, explosive "Exploder" - das waren Großtaten von Songs, die mir einmal mehr klar machten, warum ich auf Gitarre, Bass und Drums stehe und nicht auf Ibiza-Discokack, Technogeballer oder Plastikschrott.

Wie unersetzlich Chris Cornell mit seinem Stimmumfang von fast vier Oktaven ist, fiel mir dann beim diesjährigen Rock im Park auf, wo ich für die Schwäbische Zeitung als Fotograf im Einsatz war (hier geht's zur Bildergalerie). Die Prophets of Rage holten für ein Cover von "Like A Stone" Serj Tankjan von System Of A Down auf die Bühne. Ich halte SOAD für eine fantastische Band und Tankjan für einen guten Sänger, aber er traf die Töne nicht komplett und man wollte ihm immer einen Schubs geben, damit er diese Differenz von ca. einem Viertelton noch geregelt bekommt.

Album Nummer zwei von Audioslave euphorisierte mich auch noch, aber nicht mehr so stark wie das Debüt. "Revelations" hab ich bis heute nicht gehört. Aber das ist das Schöne an Musik: Sie ist auch noch da, wenn Ihre Schöpfer uns verlassen haben. Sie bleibt und will entdeckt werden.

Das selbstbetitelte Debüt von Audioslave ist am 18. November 2002 via Epic (Sony Music) erschienen. 

Sonntag, 28. Mai 2017

Konzertkritik: John K Samson in Reutlingen

Was für ein Ende einer Tour. Am letzten Abend seiner musikalischen Europa-Reise steht John K Samson ohne Drummer auf der Bühne, der Club ist nicht so voll wie er sein könnte. Und trotzdem - oder gerade deshalb - wird der Konzertabend im Franz K in Reutlingen den Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben. Drei Erkenntnisse eines ungewöhnlichen Konzertabends. 

1.) Ich muss mich intensiver mit dem Schaffen von Christine Fellows auseinandersetzen. 

Christine Fellows.          Foto: Daniel Drescher
Christine Fellows ist seit vielen Jahren der wichtigste Mensch im Leben von John K Samson. Einerseits als Ehefrau, andererseits als musikalische Weggefährtin. Und das nicht erst seitdem sie an dem aktuellen Soloalbum "Winter Wheat" beteiligt war. In Reutlingen steht sie nicht nur mit ihrem Ehepartner gemeinsam auf der Bühne, sondern bestreitet auch das Vorprogramm. Und das tut sie auf eine hinreißende Art. Wie sie zu simplen Akkorde auf der Ukulele singt, das ist unscheinbar und doch groß. Kein Wunder, dass diese zwei zusammengehören wie Drink und Schirmchen: Die Art der beiden, Songs zu schreiben, ist zwar sehr ähnlich, aber doch jeweils eigenständig. Christine hat auch einen ganz eigenen Charme, outet sich als Deutschland-Fan und lacht einfach darüber, wenn mal ein Einsatz nicht klappt oder die Technik streikt. 

2.) Ob The Weakerthans oder John K Samson ist im Grunde egal - denn gemeinsam haben alle Songs die wundervolle Seele des Poeten aus Winnipeg. 

John K Samson.     Foto: Daniel Drescher
Songs der 2015 traurigerweise aufgelösten The Weakerthans (da war das letzte Studioalbum Reunion Tour auch schon acht Jahre alt) finden sich ganz selbstverständlich im Set wieder - so wie Jason Tait und Greg Smith auch auf "Winter Wheat" mitgespielt haben und nun auf Tour dabei sind. Wobei Jason bereits zurückreisen musste (seiner Familie nach einem Einbruch beistehen). Aber der Reihe nach. "One Great City" macht den Anfang mit seiner Mitsing-Zeile "I Hate Winnipeg". Die Geschichte dieses Songs ist übrigens wesentlich vielschichtiger - und das Stück nicht als Hasslied zu interpretieren. Mittendrin dürfen sich Fans Songs wünschen, und klar, dass da Sachen wie "Our Retired Explorer" dabei sind. Ohne Drummer sind die Songs anders, zumindest die, die im Original durchaus vom Schlagzeug vorangetrieben oder akzentuiert werden. John überlegt immer mal wieder, wie man den Anfang machen soll, lässt die Konzertgänger einzählen - und es entsteht etwas Intimes, ganz Einzigartiges, weil der Club auch nur zu etwa einem Drittel gefüllt ist. Johns Talent, über Gefühle zu schreiben, aber völlig klischeefrei zu texten, und unverbrauchte Melodien zu kreieren, kann man in jedem Stück bewundern. Ob das nun "Plea From A Cat Named Virtute" heißt (bester Song meiner Ansicht nach) oder "17th Street Treatment Centre" (diese entwaffnend ehrliche Auseinandersetzung mit Depressionen), ist am Ende zweitrangig. Zum Weinen schön sind alle Stücke aus der Feder dieses nachdenklichen Poeten, der da nebenbei mit den Aufklebern auf seinen Gitarren ("Sign out" und "log off") den Abschied von social media propagiert. 

3.)  John K Samson macht Musik, weil er Musik machen will. Der Rest ist nicht so wichtig. 

Greg Smith.      Foto: Daniel Drescher
Regelmäßig taucht er in Bestenlisten auf, wenn es darum geht, welche Musiker aus Kanada wie einflussreich sind. Er selbst ist überzeugt davon, dass die Weakerthans nie eine Stadionrockband geworden wären, aber es ist dennoch davon auszugehen, dass die Fans der von Post-Punk und Indierock geprägten Musik nicht müde geworden wären. Dennoch entschied sich Samson dafür, das Ganze ein paar Levels zurückzufahren. Er könne vor einem kleineren Publikum besser spielen, die Weakerthans seien Gefahr gelaufen, eine Maschinerie zu werden, sagte er mir im Januar in Winnipeg. Dass er trotzdem Musik machen will, seine poetischen Texte in behutsame Klänge gießen will, das steht außer Frage. Hoffen wir, dass John K Samson noch viele dieser kleinen Geschichten einfallen, die so wertvoll sind. 

Mehr Fotos gibt es hier: 
John K Samson in Reutlingen

Sonntag, 14. Mai 2017

Hörtest: Sour Mash - Taste The Meat

Wenn Du vom Bodensee bist, kennst Du Sour Mash. Du musst den Namen mal gehört haben oder die Band aus Singen schon einmal irgendwo live gesehen haben. Mein früherer Chef nennt sie die beste Band der Welt. Nun muss ich gestehen: Das tat er schon vor mehr als fünf Jahren, ich kannte den Namen - aber live gesehen hab ich die Band tatsächlich vor wenigen Wochen zum ersten Mal. Der Eindruck: eine Band, in der die Mitglieder exzellent aufeinander eingespielt sind, ihre Instrumente extrem souverän beherrschen und denen egal ist, ob sie vor 5, 50, 500 oder 5000 Nasen spielen. Die Energie, die Rezzo, Parler, Mänzer, Mülle, Schiwago und Welse versprühen, fand ich fantastisch. Und die Stimme von Sänger Rezzo lässt einen sofort an Eddie Vedder denken. Die eigenen Songs wussten bestens zu gefallen, und die Auswahl der Coverversionen an jenem Abend sprach für sich: Motörheads "Ace of Spades", "Diggin' the Grave" von Faith No More und "South of Heaven" von Slayer - das zeugt von Geschmack. 

Was macht man, wenn der Gig gut ist? CD mitnehmen. In dem Fall die neue EP "Taste The Meat". Und jüngst auf einer Autofahrt von München zurück Richtung See läuft dieser Silberling - und beschert mir eine extrem unterhaltsame Fahrt. Alice Cooper hat mal gesagt, jeder Song, der Dich zum schneller als erlaubt fahren animiert, sei ein guter Song. Ich werde mich nun nicht selber belasten, aber sagen wir so: Auf der Autobahn muss man sich ja nun nicht sklavisch an ein festes Limit halten. Mein Favorit auf der Platte ist der Opener: "Nervous Breakdown" hat einen Refrain, der hymnisch, aber nicht pathetisch ist und sich richtig fies im Ohr bzw. im Hirn festsetzt. Danach wird es langsamer und grooviger, "Murderer" gefällt mit zweistimmigen Gitarrenharmonien. Der Titelsong tobt sich zwischen Distortion in der Strophe und cleanen Gitarren im Chorus aus. Reizvoll ist an den Songs, dass sich die Einflüsse aus Grunge, Punk und Crossover zu einem Ganzen vereinen, das inspiriert und ehrlich wirkt. "Get Away" zeigt das gut. "F.A.T." überrascht mit Pizzicato-Streicherkeyboard, "Breadcrumbs" setzt sich mit dramatischem Refrain im Ohr fest. Nach 20 Minuten ist alles vorbei, die Repeat-Taste muss ran - und es bleibt die Freude über eine Band, die ohne Rücksicht auf Trends den Sound spielt, der ihr passt. Regionale Bands klingt immer so nach Kneipennacht - Sour Mash, behaupte ich, legt man auf, und es klingt eher nach internationaler Produktion. 

Mehr Infos gibt's auf Facebook und auf der offiziellen Internetseite der Band

Montag, 24. April 2017

Konzertkritik: Ghost in München, April 2017

I ain't afraid of no Ghosts. Eine Textzeile, die so ziemlich jedes in den 80ern aufgewachsene Kind mitsingen konnte. Traf auf mich auch zu, also das Mitsingen. Die Zeile an sich - nun ja. Paranormal Activity 2 fand ich schon ziemlich gruselig, The Ring damals auch und Drag Me To Hell hat mich wirklich ausgefreakt. Ich bin eher so der Zombie-Splatter-Typ, wenn es um Horror geht. Psychohorror mit Alltagssymbolen ist viel verstörender als Kunstblut. 

Aber ich schweife ab. Ghost sind auch eher die Kategorie aus dem Titelsong zur Zeichentrickserie "Ghostbusters". Denn auch wenn die schwedische Band vordergründig Dod und Deibel beschwört, mit okkulter Symbolik spielt und jedes Konzert als Ritual bezeichnet, sind Papa Emeritus III. und seine Nameless Ghouls doch eigentlich eine harmlose Rockband, deren provokantes Satanismus-als-Weltreligion-Gedankenspiel in punkto evil niemals mit unserer abgefuckten Realität mitthalten kann. Darüber habe ich mich kürzlich auch schon mit dem Bandgründer im Interview unterhalten

Wer steckt hinter den Ghouls-Masken? Ist es am Ende egal?
Der Einstieg ist mit "Square Hammer" und "From The Pinnacle To The Pit" grandios gewählt. Es sind die stärksten Songs der aktuellen EP "Popestar" und des 2015er-Albums "Meliora", mit denen die Band in ihr Set einsteigt. Vom ersten Ton an ist die Band präsent. Die Nameless Ghouls posen in ihren schwarzen Soutanen und ihren anthrazitfarbenen Dämonenmasken um ihr Leben, überragt von drei Backdrops mit sakralen (bzw. wohl eher blasphemischen) Bildern.  


Der Trick bei Ghost besteht darin, poppige Refrains wie "He Is" unterzujubeln - und gleichzeitig eine Art Lobpreismusik unter umgedrehten Vorzeichen zu machen. Grandios "Year Zero", dieser tanzbare und doch hart rockende Hymnus. Auf Effekte verzichten Ghost weitgehend, etwas Kunstnebel, irgendwann Konfetti, dafür immer wieder atmosphärische Lichtstimmungen. Der Klang leidet etwas unter dem typischen Zenith-Sound. Dafür macht die Band mächtig Spaß und gibt sich sehr agil. Sind das neue Musiker? An ein paar Stellen meint man, andere Akzente zu bemerken, aber das kann auch den Schlagzeilen der letzten Tage geschuldet sein - wüsste man das nicht, würde man wahrscheinlich nichts merken. Euphorische Reaktionen ernetete auch "Ghuleh (Zombie Queen)", sich ja gegen Ende in einen derart fantastischen Höhepunkt schraubt. Apropos: Bevor die Zugabe "Monstrance Clock" ertönt, sorgt Papa Emeritus III mit seiner Ansage über weibliche Orgasmen Lacher.

Papa Emeritus III will Dich für seine Anhängerschar. 
Das Augenzwinkern, mit dem Ghost zuwerke gehen, war im Lauf des Abends schon da nicht zu übersehen, als der zuerst im Anti-Papstgewand und später im Dandy-Look auftretende Sänger mit dem Publikum "Ja"- und "Nein"-Mitsingspielchen veranstaltet. Hier wird die Eigenironie überdeutlich, mit der Ghost ihren Hobbysatanismus pflegen. Aber in Zeiten, in denen es ernsthaft Menschen gibt, die Darwin aus den Schulbüchern streichen wollen, ist Religionskritik etwas, das nach wie vor seine Berechtigung hat. Und Ghost machen dabei eine ziemlich gute Figur, gerade weil sie ihre Message subtiler verpacken als manch andere Kapelle. Dazu gehört ja auch der Trick, dass das 15-minütige Lied vor der Show den Namen "Miserere Mei" trägt und ein astreines Stück Kirchenmusik von Allegri ist. Satanische Kombo bringt Metaller dazu, christlich-chorale Klänge aus dem 17. Jahrhundert zu hören - nicht schlecht oder? 

Das Zenith (in das das eigentlich im Kesselhaus geplante Konzert verlegt wurde) war übrigens nicht gerade übervoll. Wo Anfang April bei den Broilers drangvolle Enge herrschte, war diesmal ein Teil der Halle abgehängt, Platz zum Headbangen fand sich genug. Auch mal eine feine Sache, wenn man nicht ständig angerempelt wird. Die Vorband verströmte übrigens eher gepflegte Langeweile. Zombi sind ein amerikanisches Duo, das mit seinem Mix aus hypnotischen Synthieklängen und Beats an die Musik und die Filme von John Carpenter erinnert. Passt aber natürlich zum Konzept: Die Streifen findet man heute wohl nicht mehr gruselig - da schließt sich dann der Kreis zu den Ghostbusters.

Text und Fotos: Daniel Drescher

Mehr Fotos aus München findet Ihr hier:   
Ghost in München 2017

Sonntag, 9. April 2017

Ghost im Interview: "Es gibt nichts Dunkleres als blinden Glauben"

Melodie und Mummenschanz – das sind die elementaren Zutaten, mit denen sich die schwedische Rockband Ghost seit fast zehn Jahren einen Namen in der Rock- und Metalszene (und auch etwas darüber hinaus) gemacht hat. Die Maskenträger stehen in der Tradition von Bühnenshow-Künstlern wie Alice Cooper. Im Interview spricht „A Nameless Ghoul“, wie die anonymen Bandmitglieder lediglich heißen, über das nächste Album, Religionskritik als Bandkonzept – und wie schwer es ist, heutzutage noch zu schockieren.

Ihr seid gerade auf Tour und habt ein neues Album in der Mache. Wann werden wir es hören können?

Wir werden das Album Anfang nächsten Jahres herausbringen, im Herbst nehmen wir es auf. Eigentlich wollten wir anfangs nur in Europa Konzerte geben, aber es sind noch welche in Süd- und Nordamerika hinzugekommen, so dass das Album später erscheint als geplant.

Euer 2015er-Album „Meliora“ war von dystopischen Motiven geprägt. Habt Ihr bereits ein Konzept für das nächste Album?

Ja, ist ist fast komplett ausgearbeitet. Es wird eine Art Antwort auf „Meliora“ sein. Darauf ging es um die Abwesenheit Gottes. Wenn der Herr aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Sagen wir einfach: Auf der nächsten Platte kehrt Gott zurück...die Party ist vorbei.

Dann wird es für Euch nicht einfacher, oder?

Oh, aber es ist sehr inspirierend. Es gibt nichts Dunkleres als blinden Glauben.

Für Eure Fans macht das den Reiz aus: Ihr spielt mit religiösen Themen und versteht Euch ja quasi als "Lobpreisband" unter umgekehrten Vorzeichen, quasi wenn Satanismus und Christentum die Plätze tauschen würden.

Wenn man ins Philosophieren kommt über das Konzept von Gut und Böse sowie Religion, ist das ein schwieriges Thema. Es ist eben nicht so einfach, dass die gute Seite immer gut ist. Nichts hat mehr Schmerz verursacht als organisierte Religion. Es ist unglaublich, wie viel Leid Religion für ihre Anhänger und ihre Gegner mit sich bringt. Dabei soll sie eigentlich das Leben der Menschen verbessern – aber sie macht soviel kaputt. Ich sage nicht, dass Du unterdrückt bist, nur weil Du einen Glauben hast. Aber die organisierten Religionen sind dazu da, um Menschen zu kontrollieren, das ist kein Geheimnis. Es ist für lange Zeit eine große Hürde für viele Menschen gewesen. Das neue Album dreht sich um die Idee, dass Dinge auseinanderfallen, welche Rolle Gott dabei spielt und wie sich Menschen gegenseitig anklagen, dass sie diese Wut verursachen. Der Tag des Zorns, wenn Gott zurückkehrt – das ist unser Thema.

Der Flirt mit okkulter Symbolik war immer ein Bestandteil von Rockmusik, und immer gab es Kritiker und Eltern, die dachten, ihre Kinder seien auf dem direkten Weg zur Hölle. Heutzutage könnt Ihr noch so böse posen – die Realität mit all ihrem Terror überholt Euch rechts. Wie geht Ihr damit um?

Ich denke, es gibt einen großen Unterschied zwischen heute und den Anfängen der kommerziellen Rockmusik. Als Bands in den 60ern mit Okkultismus kokettierten, waren Eltern ganz anders drauf. Meine Mutter war in den 50ern und 60ern ein Teenager, sie war Teil der Hippiebewegung. Und heute – fragt Jugendliche, die 15, 20 Jahre alt sind – da hören die Eltern selbst Heavy Metal. Der krasse Graben zwischen Kindern und Eltern ist nicht mehr da. Wir wollten nie auf dieselbe Weise provozieren wie die Bands aus den 60ern. Aber das ist heute auch viel schwieriger. Alice Cooper und Black Sabbath hatten es leichter. Eben, die Realität ist schräger als die Fiktion. Die Menschen finden Erleichterung in der Kunst. Das ist das einzig Gute an dem Chaos, das wir derzeit erleben: Donald Trump ist Präsident – und es ist eigentlich gut für die Kunst. Sorry, aber das ist so.

Wenn man sich die Punkrockszene in den USA anschaut, trifft das wohl zu...in der Zeit von Obamas Präsidentschaft ist die Szene ziemlich eingeschlafen, aber jetzt hat sie wieder einen Gegner.

Exakt. So wie zu Präsident Reagans Zeiten. Es werden definitiv bessere Zeiten kommen.

Um Euren Sänger, der angeblich mit jedem Album ausgetauscht wird, haben sich Legenden gebildet, und auch sonst wird viel darüber spekuliert, wer bei Ghost mitwirkt. Gibt es auch zum neuen Album Wechsel in der Besetzung?

Wir hatten immer Besetzungswechsel. Es gab von Anfang an wenig Verbindungen zwischen der Band Ghost, die Alben aufnimmt, und der Band Ghost, die auf der Bühne steht. Und beim Tour-Lineup gab es andauernd Veränderungen. Ich denke, der einzige Grund, warum die Leute jetzt darüber diskutieren, ist, weil sie es eben bemerkt haben. Ich sehe das wie eine Besetzung bei einer Theateraufführung. Die verändert sich ja auch. Aber das ist auch natürlich: Es gibt nur wenige Bands, deren Lineup sich nicht verändert über die Jahre.

Welche Qualifikation muss man mit sich bringen, wenn man in die Robe des Ghouls schlüpfen will? Mit Maske und Soutane spielen, das kann nicht jeder, oder?

Heutzutage muss es jemand sein, der sehr ans Touren gewöhnt ist. Wir haben in der Vergangenheit mal den Fehler gemacht, einen Freund mit auf Tour zu nehmen, der noch nie weg von zu Hause war. Das endet normalerweise nicht gut. Auf Tour sein ist ein sehr spezieller Lebensstil, auf den man vorbereitet sein muss. Da bin ich also sehr wählerisch. Es muss jemand sein, der es gewöhnt ist, in großen Locations aufzutreten, das aber auch nicht für selbstverständlich hält. Sobald Du das tust, wird es schwierig.

Warst Du von Anfang an dabei?

Ich hab die Band 2008 gegründet und 2006 schon Musik für Ghost geschrieben. Bis 2010 war gar niemand außer mir in dieser Band, als das erste Album erschien. Von den Mitgliedern, die jemals mit dieser Band auf Tour waren, hat niemand auf „Opus Eponymous“ mitgespielt.

Gut zu wissen! Ich wusste ja nur, dass ich mit einem Nameless Ghoul rede... Eigentlich macht den Reiz bei Ghost ja auch aus, dass man nicht weiß, wer unter euren Kutten steckt. Im Netz wird viel über eure Identität gerätselt. Es würde den Mythos ankratzen, wenn ihr euch zu erkennen geben würdet, oder?

Es kommt darauf an, wie man sich selbst enthüllen würde. Ich selbst bin Ghost vollkommen verpflichtet, es liegt in meiner Verantwortung, die Bandmitglieder zu beschäftigen. Ich habe wenig Zeit für anderes – aber ich würde nie von jemand anderem das gleiche Engagement bei Ghost erwarten. Im Gegenteil, ich habe über die Jahre eher darauf bestanden, das die Musiker ihre anderen Projekte und Bands weiterbetreiben. Ghost lässt einem nicht viel Raum für den traditionellen Band-Lebensstil. Also ist es besser, wenn die Musiker ihr eigenes Ding machen können – aber ich erwarte auch nicht, dass sie dass dann unter Pseudonym tun. Wenn ich abseits von Ghost Musik mache, will ich das ja auch nicht anonym machen. Die Masken gehören zu Ghost, das ist unser theatralisches Konzept. Aber es gibt auch keinen Grund, sich zu offenbaren. Es wird nie den Moment geben, in dem wir die Masken auf der Bühne abnehmen. Das ist ein Unterschied zu einer Internetrecherche, bei der Du bei Wikipedia nachschauen kannst, wie groß ich bin. Es ist nicht verboten, zu wissen, wer ich bin oder wer Schlagzeug auf unseren Alben gespielt hat.

Aber würdest du mir deinen Namen verraten, wenn ich Dich jetzt danach fragen würde?

Nein, meinen wahren Namen nicht.

Ihr habt 2016 den Grammy für die „Best Metal Performance“ gewonnen. Euer Sänger nahm eine Reporterin aufs Korn, die wenigsten Leute dort kannten Euch. Wie war das – und was würde dieses Erlebnis toppen?

Ich nehme es niemandem übel, wenn er unsere Band nicht kennt. Vor allem nicht im Grammy-Umfeld. Das kann man nicht erwarten. Ich denke sogar, dass es gut so ist, auch wenn ich kein Geheimnis daraus mache, dass Ghost so groß werden sollen wie möglich. Denn dann können wir die Show spielen, die wir verwirklichen wollen, auf den großen Bühnen, die wir dafür brauchen. Jeder Künstler, der sagt, dass er seine Band so klein wie möglich halten will, lügt. Dass uns niemand kannte, ist ein gutes Zeichen: Wir sind wohl doch noch nicht so Mainstream wie etwa Nicki Minaj.

Und wo bewahrt Ihr den Grammy auf?

Bei mir im Bücherregal.

Fotos: Daniel Drescher (Ghost, Backstage München, Dezember 2015).

Ghost sind aktuell auf Tour:

09.04. Wiesbaden - Schlachthof
23.04. München - Zenith
25.04. Berlin - Huxley's Neue Welt

Sonntag, 26. März 2017

Das ist keine Plattenkritik - aber trotzdem eine Empfehlung (und zwar für "Payola" von den Desaparecidos)

Der Kumpel, der Dich auf die lebenswichtige Band und ihr bislang von Dir zu unrecht veschmähtes Früh- und überhaupt Gesamtwerk aufmerksam macht; das Plattencover, das Dich im Plattenladen anspringt und zu einer neuen musikalischen Entdeckung führt, die genauso gut ist wie der optische Eindruck; die Plattenkritik im Musikmagazin, die Dich neugierig macht - klassische Wege, seinen akustischen Horizont zu erweitern.

Aber diesmal war es anders. Denn zwei ungewöhnliche Faktoren kommen zusammen: Eigentlich hätte ich die Band auf die drei oben beschriebenen Arten kennenlernen müssten. Sie fällt ins Beuteschema musikalischer Freunde, über das Cover wäre ich mindestens gestolpert - und in der einschlägigen Musikpresse gab es gute bis sehr gute Rezensionen.

Trotzdem muss ich zu meiner Schande gestehen: "Payola", das 2015er (und zweite) Album der amerikanischen Band Desaparecidos, ist bislang an mir vorbeigegangen. Und als ich google, seh ich: Am Mikro steht niemand Geringeres als Conor Oberst, besser bekannt als Fronter der Indiefolkband Bright Eyes. Ein Blick in das Internetlexikon zeigt auch, dass es Gastauftritte von Tim Kasher (Cursive) und Laura Jane Grace (Against Me!) gibt. 

Der Gag ist: Ich bin kein übermäßiger Nutzer von Streamingdiensten. Ich mag meine Musik im Regal, bin mit CDs und Mixtapes aufgewachsen und finde den Gedanken schön, dass Musik auf Vinyl für die Ewigkeit konserviert werden können. Doch den einen Song, "The Left Is Right", habe ich in meinem Spotify-Account (ja, hab ich...aber wie gesagt, kaufen ist trotzdem wichtig!) entdeckt. War Teil irgendeiner Playlist und ich speicherte ihn mir ab. Die Tage schwappte er wieder in mein Bewusstsein, ich hörte das ganze Album dazu, erwartete eine politische Punkrocktruppe mit spanischen Lyrics und Ska-Einschlag - und bekam einen fantastischen Mix aus Punkrock, Emo und Conor Oberst (politisch ist das Album übrigens durchaus, und zwar nicht zu knapp). Ich hab sie noch nicht genug gehört, um hier eine Plattenkritik nachzuliefern (zwei Jahre nach Erscheinen auf dem Punkrocklabel Epitaph). Aber trotzdem: Vielleicht geht es ja ein paar Leuten genauso wie mir - und für den Fall möchte ich nicht, dass man von mir sagen kann, ich hätte Euch nicht Bescheid gesagt. 

Hier sehr Ihr die Videos zu "City on the Hill" und "Golden Parachutes": 


Und hier könnt Ihr das Album in voller Länge streamen:  
  

Sonntag, 19. März 2017

Galerie der Klassiker: Foo Fighters - The Colour And The Shape

Wow. Am Freitag hat mein Blog seinen sechsten Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass gibt es hier heute einen weiteren Teil in der "Galerie der Klassiker". 

"Big Me" fand ich zum Totlachen, diesen so herrlich überdrehten Mentos-Tribute-Clip. Schon damals hab ich mir gedacht: Dieser Typ, der bei den Foo Fighters am Mikro steht, den würde ich unbedingt mal gern als Hauptdarsteller in einem Film sehen. Jahrzehnte später ist Dave Grohl zwar immer noch lieber hinterm Mikro als vor der Kamera und ich hab noch keinen Fiction-Spielfilm im Regal, in dem Dave auftrumpft, aber mit "Back And Forth" und "Sonic Highways" hab ich wenigstens einen Doku und eine Serie, in der man erleben kann, wie cool und einflussreich, aber auch menschlich und demütig dieser Musiker geblieben ist.

Jedenfalls: Wir schrieben das Jahr 1997, ich stand auf Heavy Metal, In Flames hatten mich ein Jahr zuvor mit "The Jester Race" umgehauen, meinen Orchesterkollegen hielt ich stolz "Lingua Mortis" von Rage unter die Nase und krähte "Seht Ihr, ich hör Metal und spiel Geige, das geht fantastisch zusammen, aber hallo!" Und eigentlich war ich ein Anhänger des - heute würde man sagen Narrativs, dass Grunge den Metal gekillt hat (was Tenacious D ja dann mit "The Metal" widerlegt haben). Die Foo Fighters konnte ich aber relativ unbefangen angehen, denn ich hatte zwar von Kurt Cobain gehört und mir war auch klar, dass er ein Mythos und eine Legende war, aber Dave Grohl war halt der Drummer und das wusst ich zwar vielleicht irgendwoher, aber es war mir damals noch ziemlich egal. Denn das Video zu "Monkey Wrench" hat mich umgehauen. Dieser Typ, der da mit dem Monsterschnauzer und dem Kinnbart in den Aufzug steigt, in dem dann eine Muzak-Version von "Big Me" läuft (wie eigenironisch, genial!) - ich wusste, dass ist jemand Besonderes.

Also musste die Single her, dann das Album. "The Colour And The Shape", so etwas hatte ich noch nicht gehört. Jeder Song war unfassbar gut. Das wuchtige "Hey, Johnny Park!" mit seinen dynamischen Wechseln zwischen cleanen Gitarren und ruhigen Passagen und den übermütigen Dezibel-Passagen. "My Poor Brain" mit seinem Bubblegum-Steroid-Kontrast. Es waren Stücke wie diese, die mich später in einem absoluten Nerdgespräch zur Überzeugung brachten, dass die Foo Fighters der Hulk wären, wenn Bands Superhelden wären. (Interpol mit "Our Love To Admire" und speziell der Opener "Pioneer To The Falls" hätte ich damals hingegen als Batman gesehen).

"Up In Arms" war auch eine grandiose Überraschung, weil auf der Single von "Monkey Wrench" nur eine Version war, in der der Song die ganze Zeit so ruhig ist wie am Anfang - hier aber explodiert das Stück nach nicht ganz einer Minute und dann kommt wieder dieser unwiderstehliche Punch, der mich an die Wand gepustet hat. Groß auch das triumphale "My Hero", Und anders als anderen Platten geht diesem Album nie die Puste aus. Da bäumt sich "February Stars" nach knapp drei Minuten auf, den Bandklassiker "Everlong" fand ich ursprünglich gar nicht soo besonders (ich glaube, das Video hat mich verstört). Und "Walking After You" wiegt einen dann in falsche Sicherheit, denn die akustische Ballade beendet das Album nicht, wie man meinen könnte, sondern "New Way Home" tut es. Hier ziehen die Foo Fighters wirklich nochmal alle Register und bringen einen Meilenstein nach Hause der auch 20 Jahre nach seinem Erscheinen unantastbar ist. Kaum eine Band hat mich in meinem Leben über einen so langen Zeitraum begleitet wie die Foo Fighters. Das Schöne daran ist, dass "The Color And The Shape" zwar ein Klassiker ist, die Band es aber mit ihren darauffolgenden Alben auch immer wieder geschafft hat, zu überraschen. Und "Wasting Light" war meiner Ansicht nach ein Album, das diesen Klassiker wenn nicht übertroffen, so zumindest das selbe Niveau erreicht hat.

"The Color And The Shape" ist am 20. Mai 1997 erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "Monkey Wrench" in einer Live-Fassung bei David Letterman:

Sonntag, 5. März 2017

"Ich bin auf der Seite der Armen und der Arbeiter": Dave Hause im Interview

Wie ich mich 2012 in Dave Hause verliebt habe, das konntet Ihr hier ja kürzlich an dieser Stelle schon lesen, als ich "Bury Me In Philly" besprochen habe. Herzchen in den Augen hatte ich dieser Tage dann auch, als ich Dave interviewen konnte. Es war der Abend Show in Köln am vergangenen Mittwoch. Ein Telefonat über Familienbande, den unvermeidlichen Donald Trump und musikalische Einflüsse jenseits von Punkrock. 

Dave, Dein neues Album „Bury Me In Philly“ ist frisch veröffentlicht. Lass uns über die Entstehung dieser Platte sprechen. 

Es hat eine Weile gedauert, bis ich wusste, worüber ich für das neue Album schreiben sollte. Seit dem letzten Album, seit 2013, ist viel passiert. Auf „Devour“ ging es um das raue Erwachen, das Erwachsenwerden, die Diskrepanz zwischen den Versprechungen und Deinem tatsächlichen Leben, wenn Du erstmals 30 bist. Ich hatte eine Scheidung hinter mir, es war eine schwierige Platte. Aber nachdem die Platte erschienen war, stellte ich fest, dass ich ein internationales Publikum habe und dass mein Leben besser geworden ist. Ich traf eine wundervolle Frau und zog nach Kalifornien. Bis dahin habe ich über die Schwierigkeiten des Lebens geschrieben, jetzt knackten wir die Charts, die Zahl der Fans wuchs. Ich hatte Angst, ob die Leute etwas damit anfangen können, wenn ich jetzt positivere Songs schreibe. Das brauchte Zeit.

Dein Bruder Tim war an der Platte maßgeblich beteiligt, richtig?

Dave Hause und Chuck Ragan (@PSF 2013). 
Ja, das stimmt. Ich hab die neuen Songs meinem Bruder gezeigt, und er mochte die Stücke, in denen es um meinen Umzug Richtung Westen ging und die Ambivalenz dieses Wegs. Ich war zum Beispiel nicht sicher, ob ich dort reinpasse. Tim hat Songs wie „Bury Me in Philly“, „Without You“ und „Divine Lorraine“ sofort verstanden. Er war sehr begeistert davon und half mir etwa mit den Texten. Anfangs arbeitete ich noch mit einem anderen Produzenten zusammen, der mich mehr in Richtung Country bugsieren wollte. Das wollte ich aber nicht, ich wollte mir und meinen Wurzeln treu bleiben. Und das ist eben klassischer Rock’n’Roll, damit bin ich aufgewachsen, ich liebe diesen Sound noch immer. Also zeigten wir die Songs Eric Bazilian von The Hooters, mit dem ich mich angefreundet habe, und er war sehr angetan von den Liedern. Weil er die Platte mit uns aufnehmen wollte, wechselten wir den Produzenten und gingen zu Eric ins Studio in Philadelphia. Eric wiederum brachte William Wittmann als Koproduzenten mit ins Spiel, den man durch seine Arbeiten mit Cyndi Lauper kennt und der zum Beispiel „Say It Isn’t So“ von The Outfield poduziert hat. Als das Team stand, ging es dann sehr schnell.

Was ist das Thema auf „Bury Me In Philly“, welche Geschichten erzählt das Album? 

Ich versuche immer, Begegnungen wiederzuspiegeln und mit dem Herzen bei der Sache zu sein. Mache Dinge, über die sich singe, sind mir wirklich passiert, manche Stücke versuchen einfach, ein Gefühl auf den Punkt zu bringen.

Die Wahl des Produzenten ist eine Überraschung. Eric Bazilian und The Hooters kennt man vielleicht durch ihren 80er-Jahre-Radiohit „Johnny B“. Ist die Punkrockszene, der Du entstammst und die Dich nach wie vor feiert, musikalisch toleranter geworden? Es hätte früher sicher Fans gegeben, die mit seiner Handschrift auf dem Album nichts hätten anfangen können. 

Dave Hause und Dan Adriano (@PSF 2013). 
Ich habe schon das Gefühl, dass Rock-Einflüsse von den 1980er-Jahren bis zurück in die 1960er-Jahre inzwischen auch in den Punkrock Einzug gehalten haben. Denn das ist auch die Musik, mit der viele meiner gleichaltrigen Musikerkollegen aufgewachsen sind. Selbst wenn du Punkrock spielst, ist es unvermeidlich, dass Du zu den Grundlagen zurückkehrst, die Dich ursprünglich für Musik begeistert haben. Wenn es Bryan Adams und Tom Petty waren, dann werden diese Facetten irgendwann in Deiner Musik auftauchen, während Du Dich weiterentwickelst, und das muss man auch zulassen. Es ist ein authentischer Teil meiner musikalischen Identität und es wegzulassen, wäre verrückt. Es gibt so großartige Musik aus dieser Zeit. Ich wollte immer nur Musik machen, Punkrock sehe ich eher als Ethik, diese Furchtlosigkeit und das Do-it-yourself-Ding, das ist Punk für mich. Ich hab mich nie dafür interessiert, mich mit meiner Musik szenespezifischen Regeln zu unterwerfen. Ich kann mich da gut mit dem Ansatz identifizieren, den Joe Strummer (Frontmann von The Clash - Anm. d. Redaktion) hatte. Er spielte am Ende seines Lebens World Music. Und das hab ich vom Punkrock gelernt: offen und stürmisch zu sein.

Zumal es ja nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn Punkrocker zwar ganz rebellisch sein wollen, aber bei ihrer Musik plötzlich sehr konservativ sind...

Ich habe immer ein Problem damit gehabt. Als ich angefangen habe Punk zu hören, habe ich das getan um zu rebellieren, denn ich ging auf eine christliche Schule. Aber dann waren im Punk da auch plötzlich all diese Regeln. Von meiner christlichen Erziehung habe ich nicht alles abgelehnt, sondern die besten Dinge übernommen. Ich meine, die Person Jesus ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man als Mensch sein sollte. Aber Hölle, Verdammnis und ein rachsüchtiger Gott, das finde ich wahnsinnig. Beim Punkrock finde ich sehr cool, wenn Menschen sich dazu entscheiden, ihre Musik auf eigene Faust zu produzieren und sich nicht reinreden lassen. Aber ich möchte nicht dazu gezwungen sein, meine Jacke mit Killernieten zu versehen und nur noch zu brüllen und rasend schnell zu spielen. Für mich geht es darum, die besten Ideen zu finden, sich weiterzuentwickeln und etwas eigenes zu machen.

Zumal Szenegrenzen heute ja ohnehin durchlässiger geworden sind. 

Jeder, der heute professionell Musik macht, ist in der Regel an allen möglichen Stilen interessiert. Es ist uninteressant, nur eine Richtung zu haben. Die Vorlage für Rock’n’Roll, wenn es eine gab, waren die Beatles, und die waren auch von allen möglichen Sachen beeinflusst, wie man nach wie vor in Interviews mit Paul McCartney und Ringo Starr sehen kann. Diese Wildheit und Liebe zur Musik war seit jeher mein Antrieb. Ich bin nicht an Leuten interessiert, die mir sagen, wie ich etwas machen soll. Zum Beispiel wenn jemand mir sagt, ich soll langsamer spielen und mehr Nashville-Sound machen – was zum Geier, ich bin aus Philadelphia. Oder jemand sagt mir: Wenn Du in die Songwriting Hall Of Fame willst, musst Du das und das machen. Wenn ich da reinkomme, dann doch bitte nicht, weil ich mir ein Banjo aufschwatzen habe lassen. Das wäre konträr zu dem, was ich für richtig halte.

Nochmal zurück zu Deinem Bruder: Wie hat die Arbeit mit Tim auf Euer familiäres Verhältnis beeinflusst? Es ist ja etwas anderes, wenn man Feedback zu Musik und Texten von jemandem bekommt, der einem nahe steht, oder? 

Diese Erfahrungen gemeinsam zu machen, hat ganz klar unsere Beziehung positiv beeinflusst. Und umgekehrt wird durch diese Veränderung des Verhältnisses die kreative Arbeit angenehmer. Mein Bruder ist 15 Jahre jünger als ich. Es gibt keine Geschwisterrivalität, wie es sonst der Fall sein kann, wenn man ungefähr im gleichen Alter ist. Wir sind auch in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Es gab da eine große Kluft zwischen uns, und durch die Musik hat sich das geändert. Viele Unterschiede werden ausradiert, wenn Du zur Gitarre greifst und gemeinsam an Musik arbeitest. Es bringt die Leute zusammen und Tim hat einen sehr positiven Zugang zur Musik, er glaubt wirklich an sie und ist eher ein spiritueller Mensch. Ihm geht die Ganze Punkrock-Mentalität ab, er will einfach nur den bestmöglichen Song schreiben. Diese Freiheit ist sehr inspirierend.

In einem Interview hast du mir vor drei Jahren gesagt, dass dir das Buch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins extrem geholfen hat, mit religiösen Schuldgefühlen und Ängsten umzugehen. Auf „Bury Me In Philly“ greifst du mit „Shaky Jesus“ erneut Motive des Glaubens zu verarbeiten. Um was geht es in dem Song genau? 

Dieser Song dreht sich um das Gefühl, das Du bekommst, wenn die Dinge gut laufen und Du eine falsche Vorstellung hast, warum das das so ist. Das ist sehr gefährlich für den Menschen. Wenn mich Jesus liebt, kann ich dann dies und jenes von ihm verlangen? Kann er meinen Song retten, vielleicht sogar mein Leben? Wenn man etwas verbessern will, sollte man selbst daran arbeiten und nicht auf jemanden warten.

Stichwort Ideologie und rechter Rand: Es heißt, Trumps Wahlsieg hätte Dich schwer getroffen. 

Ich war überzeugt davon, dass Trump keine Chance hat. Ich bin überzeugt davon, dass da im Hintergrund viele schmutzige Dinge gelaufen sind. Hillary Clinton bekam fast drei Millionen Stimmen mehr. Und die Art, wie das System funktioniert, ist wirklich dreckig. Das Ganze ist sehr entmutigend. Ich glaube an das Gute im Menschen und daran, dass wir gemeinsam viel erreichen können, dass wir Menschen mitnehmen können, denen es nicht so gut geht wie dir und mir. Ich bin auf der Seite der Armen und der Arbeiter. Trump ist ein klassischer Profitmacher. Und ein Typ, der Leuten einen Streich spielt, die das mit sich machen lassen. Du musst verantwortungsvoll mit den Menschen umgehen, die Dir folgen und die zu Dir aufsehen. Das tut Trump nicht, er ist der Typ, der andere abzockt um seine Macht zu erhalten. Wir Humanisten haben viel Arbeit vor uns, und auch in Europa sieht es düster aus, wenn man etwa Holland oder Frankreich nimmt. In Deutschland schlagt Ihr seit langer Zeit die Finsternis zurück, und das macht Ihr ziemlich gut.

Trump hat Unterstützer, die tatsächlich glauben, dass er für den „kleinen Mann“ einsteht, aber in seinem Kabinett sind etwa viele millionenschwere Unternehmer. Was wird passieren, wenn die Menschen erkennen, dass es ihm nicht um sie geht? 

Es gibt Menschen, die Trump noch blind folgen. Aber ich hoffe, dass die Menschen Widerstand leisten und sich für die Armen und die Arbeiter einsetzen. Ich weiß nicht, ob seine Unterstützer nicht zu stolz sein werden, um einen Fehler zuzugeben. Seine Umfragewerte sind wirklich schlecht, es läuft nicht gut für ihn. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht voraussehen, aber ich sehe eine zunehmende Welle der Opposition gegen Trump und wofür er steht. Das ist nicht, wie Amerika sein sollte, und es gibt viele Menschen, die Gutes tun.

Du selbst hast Dich den Protesten am Wochenende nach der Amtseinführung angeschlossen. 

Ja, ich war beim „Love Over Hate“-Protest dabei und beim Frauenmarsch. Ich bin zwar jetzt mit dem neuen Album auf Tour, aber ich werde definitiv meinen Teil dazu beitragen, dagegenzuhalten.

Frank Turner hat einen neuen Song namens „Sand In The Gears“ veröffentlicht, der sich sehr kritisch mit Trump auseinandersetzt. Wird Trump auch Deine Musik prägen? 

Das ist wohl unvermeidlich. Es geht darum, immer mit dem Herzen zu schreiben. Und dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Insofern wird es seinen Weg in meine Texte und Musik finden. Über viele Aspekte davon habe ich bereits auf „Devour“ geschrieben, vielleicht war es einfach zu früh für Songs wie „The Great Depression“ und „We Could Be Kings“. Wir werden sehen. Obama war nicht perfekt. Er hat Dinge getan, die waren miserabel. Aber er hat auch viel Gutes bewirkt. Und mir kommt es so vor, als hätten wir unter ihm viele Schritte nach vorn gemacht und jetzt machen wir ein paar Schritte zurück. Aber wir werden wieder vorwärts gehen. Ich hoffe, dass es nicht das Ende des amerikanischen Experiments ist. Das wäre gruselig.

Du setzt Dich auf Deinem neuen Album auch mit Social Media und Smartphone-Nutzung auseinander, im Opener und im Titelsong. Du selbst nutzt soziale Medien stark, um mit Deinen Fans in Kontakt zu sein. Wie stehst Du zu dem Thema? 

Dave Hause beim Pirate Satellite Festival 2013. Von links:
Laura Jane Grace (damals noch Tom Gabel), Joe Ginsberg,
Chuck Ragan, Dave Hause, Jon Gaunt, Dan Adriano.
                                                Foto: Tinnitus Attacks
Ich denke, es ist wie mit jedem Werkzeug, das wir Menschen erfunden haben. Es kann für Gutes genauso genutzt werden wie für schlechte Zwecke. Für mich ist es sehr nützlich, etwa, wenn noch 100 Tickets für eine Show übrig sind. Oder wenn es darum geht, die Fans über eine neue Platte zu informieren. An Social Media kommt keiner vorbei, egal, wie ich darüber denke. Man muss eben vorsichtig damit sein. Ein Problem im Netz ist sicherlich der Narzissmus, und die meisten guten Dinge passieren meiner Ansicht nach erst, wenn man nicht nur auf sich selbst schaut, sondern andere Menschen wahrnimmt. Es ist gut, in die Natur zu kommen, in der Gegenwart liebender Menschen zu sein, es ist gut, nett zu sein. Und man muss für sich herausfinden, wie man es eben sinnvoll nutzt. Ich habe aber keine Theorie dazu, das wäre, als hätte ich eine Theorie über Autos. Wir kommen damit herum, aber wir verbrennen fossile Brennstoffe, es hat gute und schlechte Seiten.

Für Dich ist es auch eine Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu bleiben während Du tourst, oder?

Ja, es ist super, wenn ich meine Freundin vermissen oder mit meinem Vater und meinen Schwestern sprechen will. Du kannst das Kind eben nicht mit dem Bade ausschütten.

Du bist mit Deiner Freundin nach Kalifornien gezogen. Willst Du bald Vater werden? 

Seit ich mit dem Trinken aufgehört habe und meine Verlobte getroffen habe, finde ich die Idee, Kinder zu haben, viel schöner als früher. Chuck Ragan ist vor ein paar Jahren Vater geworden und viele Gleichaltrige sind jetzt Eltern, Dan Adriano von Alkaline Trio etwa ist sehr glücklich mit seiner Familie. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bald ein Thema für meine Verlobte und mich wird.

Du hast vorhin The Loved Ones erwähnt. Gibt es über die Reunion-Shows hinaus Pläne, etwa für ein neues Album mit der Band? 

Es gibt ein paar Songs, die sind härter als mein Solomaterial. Das könnte schon ein Album geben, aber das hängt auch vom Terminplan der anderen ab. Das letzte Mal wurde dann eben „Devour“ draus, weil wir nicht touren wollten. Ich will aber eigentlich kein Album aufnehmen und dann nicht damit touren. Denn dann nimmt todsicher niemand davon Notiz. Aber die zehn Shows mit der Band zu spielen, hat schon gereizt. Wenn die Jungs 100 Shows spielen wollen, dann wäre ich interessiert. Aber ich mag auch, was ich jetzt mache. The Loved Ones sind Geschichte. Ich hab inzwischen mehr Platten mit meinen Solosachen verkauft und mehr Konzerte als Solokünstler gespielt. Mein Bruder ist mit dabei, ich hab das Sagen, und The Loved Ones sind einfach Vergangenheit. Ich bin nicht an Nostalgie interessiert.

Gibt es Pläne, mal wieder eine Revival-Tour mit Chuck Ragan zu machen? 

Ja, wir wollen in den kommenden eineinhalb Jahren ein oder zwei Shows spielen, wohl auf Festivals. Chuck hat mir gerade gemailt, aber mehr kann ich noch nicht sagen.

Samstag, 18. Februar 2017

Hörtest: The Menzingers - After The Party

"Eins bleibt immer gleich, nach dem Feuerwerk wird aufgeräumt", hat ein weiser Mann namens Benjamin Griffey, besser bekannt als Casper, einmal gesagt (bzw gesungen, gerappt, gesprochen oder wie auch immer in "Nach der Demo ging's bergab" auf "Hinterland"). Auch die britischen Indierocker von Bloc Party widmeten sich auf "A Weekend in The City" dem Exzess und dem Kater danach. The Menzingers ziehen den Kreis noch etwas weiter: "After The Party" reflektiert das Älterwerden, das Erwachsenwerden - und wie man sich trotz aller Konventionen, die das Leben mit sich bringt, sein Ich bewahrt. 

"We're turning 30 now, and there's this idea that that's when real life comes on. In a way this album is us saying, 'We don't have to grow up or get boring — we can keep on having a good time doing what we love."
- Greg Barnett

Greg Barnett bei einem Auftritt in Lindau.
                                 Foto: Daniel Drescher/Tinnitus Attacks
Was The Menzingers ausmacht, ist die Kombination aus Melodien, die man nicht mehr abschütteln kann, und Texten, die prägnant und slogan-like (im Sinne von tätowierfähig) und zugleich tiefsinnig sind. "Waiting for your life to start then you die / Was your heart beating in the first place?" ist zum Beispiel so eine Textzeile, die sich in "House On Fire" findet. Ein Song als Memento Mori, als Mahnung, nicht zu zögern und abzuwarten. Das ist die Story auf "After The Party". Gleich im Opener "Tellin' Lies", wo sich die Frage stellt: "Where are we gonna go now that our twenties are over?" In der Tat, was? Wachstumsschmerz ist ein Thema, mit dem sich viele Bands auseinandersetzen, aber Greg Barnett und Tom May (die Stimmen der Band) packen es in Texte, die einfach gut erzählt sind. Das wird besonders auch in "Your Wild Years" deutlich. Die Rückkehr in ein Kinderzimmer, eingelagerte Erinnerungen in Schachteln, die Zeit, die vergeht. Und irgendwie ist das Leben immer wie ein langer Roadtrip, daher auch eine Referenz zu Jack Kerouac in "Lookers".

Daneben finden sich auch viele religiöse Anspielungen, am offensichtlichsten natürlich in "Bad Catholics", das vom Wiedersehen mit einer verflossenen Liebe bei einer Kirchenpicknick handelt. In "Boy Blue", wo es heißt "No Empty Seats In Eternity". Aber auch in "Black Mass": Da erzählen The Menzingers vom Aus einer Liebe, der Traualtar als Ort des Opfers, massig Interpretationsspielraum. Am Ende der Platte steht aber die Erkenntnis: "After The Party, It's Me And You." Aus dem egoistischen Ich der 20er wird das Wir, das Verantwortung für einen anderen Menschen übernimmt. Ein tröstlicher Gedanke.

Tom May beim Gig in  Lindau (Oktober 2016).
Foto: Daniel Drescher/Tinnitus Attacks
Und dann ist "After The Party" eben auch noch ein Album, das zwar fast schon poppige Melodien hat ("Charlie's Army"), aber eben auch immer den Distortion-Hammer schwingt, bevor es zu nett wird. "On The Impossible Past" war ein moderner Klassiker, es ist nicht zuviel gesagt, das 2010er-Album der Band so zu nennen. Songs wie "Burn After Writing" brannten sich nachhaltig ins musikalische Herz und Hirn ein, kein schwacher Song auf diesem Album. "After The Party" (mit einem grandiosen Cover versehen noch dazu ) kann bestehen neben dieser Platte und überflügelt seinen okayen Vorgänger "Rented World" deutlich.

Seinen Platz in den Bestenlisten der Punkrock-Szene dürfte "After The Party" jedenfalls schon sicher haben.

"After The Party" von The Menzingers ist am 3. Februar via Epitaph Europe erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "Lookers".