Freitag, 29. Januar 2016

SZene-Hörtest: Hinds - Leave Me Alone

Ok, das Album ist schon raus und der Gig in München Vergangenheit. Aber ich wollte Euch noch meine Plattenkritik zum Hinds-Debüt zukommen lassen. Hier ist sie. Abgedruckt am 5. Januar auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen.

Freitag, 22. Januar 2016

Hörtest: Conrad Keely - Original Machines

In Conrad Keelys Hirnwindungen muss es ganz schön zugehen. Der Frontmann und Kreativkopf der Indie-Ingenieure And You Will Know Us By The Trail Of Dead ist nicht nur Komponist komplexer Klangkathedralen, sondern zeichnet auch für die fantastisch fantasievollen Artworks seiner Band verantwortlich. Jetzt also sein erstes Soloalbum - und es ist, als ob wir in seinem Skizzenbuch blättern dürfen. 

 24 Songs, eine knappe Stunde Musik: Was der gebürtige Brite mit irischen und thailändischen Wurzeln auf "Original Machines" macht, bürstet konventionelle Albumschemata etwas gegen den Strich. Das kürzeste Stück dauert gerade mal 34 Sekunden (und ist mehr ein Intermezzo als ein Song), der längste Track schafft es mit 3:48 fast an die Vier-Minuten-Grenze, ist damit aber relativ allein. Die Songsammlung spiegelt vermutlich gut wieder, welche Neuronenstürme sich in diesem Hirn abspielen. Inzwischen ist Keely nicht mehr in Texas heimisch, sondern in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. In einem Interview, das er mit sich selbst geführt hat (völlig irrer Einfall, das als Presseinfo rauszugeben, ich liebe es!), spricht Keely darüber, wie ihm Songideen auf Reisen kommen, und darüber, dass ein Song, den man auf einem Stuhl in einem Raum sitzend aufgenommen hat, eben nach einem Song klingt, den man sitzend in einem Raum komponiert hat. Hier hingegen klingt alles nach Bewegung, nach Eindrücken, die in die Kompositionen eingeflossen sind, und nach der Spontanität, die Keely abseits des durchgetakteten ...Trail Of Dead-Oeuvres genießt. Man höre nur das verspielte "Row Away", das nach Vampire Weekend auf Tranquilizern klingt, oder das beobachtende "Drive To Kampot". Vieles auf "Original Machines" wirkt angerissen, skizzenhaft, unfertig. Aber es ist eben auch ein Ansatz, der etwas anderes will, als die verkopften Kompositionen seiner Hauptband. Guided By Voices waren ja auch immer ein Einfluss von ...Trail Of Dead, und denen kommt er mit seinen Minutensongs auch ganz nahe auf diesem Album, der 1972 geborene Musiker mit  der Vorliebe für ungewöhnliche Percussionklänge. Die Stilfülle, die sich hier Bahn bricht, ist beeindruckend. Ob jazzige Elemente wie in "Nothing That I Meant (Interstellar)", das Tanzbare, Archaische in "The Jungle" oder der Flirt mit Tori Amos-mäßigen Klängen im abschließenden "Before The Swim" - hier ist ein rastloses Gemüt am Werk, das sich nicht auf den Großtaten von früher ausruhen will, sondern sich auch auf noch unerforschtes Terrain wagen will. Folgen wir ihm dabei.

"Original Machines" von Conrad Keely erscheint am heutigen Freitag via Superball Music. 

Mehr Infos unter  www.conradkeely.com.

Hier könnt Ihr noch den Song "In Words Of A Not So Famous Man" hören. 

Freitag, 15. Januar 2016

Konzertkritik: Feine Sahne Fischfilet in Lindau

Die Bläser setzen bei Feine Sahne Fischfilet Akzente.
                                                       Foto: Tinnitus Attacks
"Und die werden vom Verfassungsschutz beobachtet? Monchi könnte doch keiner Fliege was zuleide tun", sagt eine Konzertbesucherin und bringt damit ziemlich gut auf den Punkt, was die Mehrheit der Gäste im Club Vaudeville an diesem Abend denken dürfte. Als 2012 das dritte Album "Scheitern und Verstehen" der Band erschien, bewarb das sonst eher auf elektronische Klänge der Marke Egotronic, Frittenbude oder Saalschutz abonnierte Label Audiolith die Band damit, dass sie im Verfassungsschutzbericht mehr Platz als der NSU eingenommen habe. Wie die TAZ online berichtete, war die antifaschistische Band wegen ihrer „explizit-antistaatlichen Haltung“ im Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommerns 2011 aufgetaucht. Die Band bedankte sich artig mit einem Geschenkkorb für die Aufmerksamkeit, die ihr auf diese Weise zuteil wurde. Von der Musik leben kann die Bands allerdings noch nicht.

Monchi in Aktion.
                                          Foto: Tinnitus Attacks
In Lindau wird ab dem ersten Song gepogt. Feine Sahne Fischfilet mischen ihre dicken Gitarrenklänge mit Bläsern, ohne dabei eine Ska-Band zu sein. Trotzdem ist der Sound extrem tanzbar und mitsingtauglich. "Solange es brennt" steht am Anfang, und der Song zeigt, warum die Band beispielsweise so gut als Supportband zu den Broilers gepasst hat. Sofort steht ein Stagediver auf der Bühne, der Monchi High Fives gibt und ihn umarmt. Man macht sich ernsthaft Sorgen um den Fan, als er sich von der Bühne ins Publikum stürzt und auf dem Boden landet. Gleich darauf steht er aber wieder auf der Bühne und springt erneut. Ein anderer Fan hat dabei weniger Glück: Beim Stagediving stürzt ein junger Konzertgänger rückwärts ab und schlägt mit dem Hinterkopf auf den Boden auf. Der Abend endet im Krankenhaus, und auch die Polizei schaut beim Club vorbei. Den Ordnungshütern hatten Feine Sahne Fischfilet im Lauf des Abends den Song "Wut" gewidmet. Bei diesem Song mit dem plakativen Refrain "Niemand muss Bulle sein" zeigt sich, dass die Fans der Band durchaus in der Lage sind zu differenzieren: Unter dem Youtube-Video wird diskutiert, ob das nicht eine etwas einfache Sicht der Dinge ist. Aber keine Frage: Die Band hat Haltung und sieht sich in diesen Zeiten besonders gefordert.

Die Telecaster macht Druck.
                                           Foto: Tinnitus Attacks
Musikalisch ist hier alles im grünen Bereich. Der Bass kommt knackig auf den Punkt, das Schlagzeug gibt den Tanzrhythmus vor, die Gitarre perlt mal clean, schrubbt mal mit Distortion, und die Bläserfraktion setzt die gleißenden Akzente. Sänger Monchi bezieht in seinen Ansagen deutlich Position gegen rechts, drückt seinen Support für die kurdischen Kämpfer in Kobane aus und verneigt sich vor Freunden und Familie. Ruhige Nummern mit Songs wie "Warten auf das Meer" gibt es ebenso wie den großen Mitsing-Alarm bei "Geschichten aus Jarmen". Am Ende regnet es goldenes Konfetti - damit rechnet man ja nun nicht unbedingt bei einem räudigen Punkkonzert. Monchi zeigt sich begeistert vom Lindau-Debüt. Das beruht an diesem Abend auf Gegenseitigkeit.

Mehr Fotos findet Ihr bei Flickr.

Freitag, 8. Januar 2016

Hörtest: Rigna Folk - Nova Void

Eigentlich wollte ich keine "Altlasten" mit ins neue Jahr nehmen. Aber ich hab nicht alle CDs besprechen können, die eine Rezi verdient hätten. Darum reiche ich hier noch eine Besprechung eines sehr gelungenen Albums nach, das bereits Ende Oktober erschienen ist. Es dreht sich um "Nova Void", das neue Album der Ulmer Artrockband Rigna Folk. 

Rigna Folk waren 2011 die erste Band, die auf dieses Blog aufmerksam wurden und hier gefeatured werden wollten. Ein Interview erschien, immer wieder war die Band danach hier Thema. Bereits damals fand ich den dunklen, eigenwilligen Sound der vier Musiker überzeugend. Aber jetzt, wo ich "Nova Void" gehört habe, bin ich einfach nur baff. Wie sehr ist dieses Quartett gewachsen! Jede Wette, wenn man die CD einlegen und jemandem vorspielen würde, der die Band nicht kennt - der Zuhörer würde wohl eine große internationale Produktion vermuten. Und nicht eine "regionale" Band aus Ulm, wobei das Wort "regional" mir eh immer schon auf den Sack ging, denn irgendwoher müssen Bands ja kommen. Insofern sind The National auch eine regionale Band - halt aus einer anderen Region...aber zurück zur Musik.

Bereits das einminütige Intro und das anschließende Opener "Option One" wirken so souverän und zeigen eine Band, die mit einer Leichtigkeit träumerische Klangwelten erschafft. "Propaganda" verblüfft mit einem eher stilfremden Riff, bevor die Gitarrenakkorde sich auftürmen wie eine Regenwand. "Grow Beyond" gefällt mit seinem cleanen Sound und einem schwermütigen Refrain. Wenn sich Klavierklänge und oszillierende Gitarren in "Jura" umgarnen, denkt man an das Aereogramme-Nachfolgeprojekt The Unwinding Hours. Mit dem abwechslungsreichen "Kosmonavt" findet sich auch eine auf russisch gesungene Nummer auf dem Album. "Traditions" steht am Ende, eine Nummer, die  sich extrem Zeit lässt und langsam ausklingt. 

Produziert wurde das Album von Achim Lindermeier (Die Happy, Instrument, Emil Bulls). Thematisch scheint die Band mit offenen Augen durch die Welt zu gehen: "Das neue Konzept-Album thematisiert den aufkommenden Dualismus der Gesellschaft eines sterbenden Planeten", heißt es im Presseinfo. "Ideale und Glaubenssätze treffen aufeinander und die Gesellschaft teilt sich in zwei Gruppen." Damit bleiben Rigna Folk ihrem Hang zu Konzeptalben und gesellschaftskritischen Dystopien treu. Ein Wort noch zur optischen Gestaltung: Das Cover sieht mit seinem kraterigen Mond richtig gut aus, und die Bandbilder mit ihrer Twin-Peaks-Reminiszenz sind natürlich ein cooler Insider-Wink an Seriennerds und David-Lynch-Fans. Well done! 

Rigna Folk. Ein Name, der noch für viel Aufmerksamkeit sorgen dürfte. 

"Nova Void" von Rigna Folk ist am 29. Oktober erschienen. Mehr Infos unter www.rignafolk.de. Das Video zu "Altruism Overdose" gibt es hier zu sehen: