Samstag, 3. September 2016

Hörtest: Descendents - Hypercaffium Spazzinate

Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich gut amüsiert. Ganz anders als damals, als sich die Fanzösisch-Stunde zäh wie ein Kaugummi, der seinen Geschmack verloren hat, in die Länge zog. Wer die schnellste halbe Stunde (plus ein paar Zerquetschte) seines Lebens durchleben will, dem sei die neue Platte des Punkrock-Urgesteins Descendents wärmstens ans gitarrenversessene, melodieverliebte Herz gelegt.

Was Milo Aukerman, Stephen Egerton, Karl Alvarez und Bill Stevenson auf dem hyperaktiv kreativ "Hypercaffium Spazzinate" betitelten Album verzapfen, ist hochenergetischer Punkrock mit, der das gitarrenversessene, melodieverliebte Herz wärmt. Für mich zeigen sich hier deutliche Parallelen zu "Hang", dem 2014er-Überraschungshit von Lagwagon. Joey Cape und Co. ließen sich neun Jahre Zeit für ein neues Album, bei den Descendents liegt das letzte Album "Cool To Be You" sogar 12 Jahre zurück. Im selben Jahr steuerte die Band für den ersten Teil der "Rock Against Bush"-Sampler aus dem Hause Fat Wreck den Song "Sad Sate Of Affairs" bei. Seither ist mir der Name Bill Stevenson immer wieder begegnet, aber eigentlich ging es dann immer um Produktionsjobs, die er für andere Bands gemacht hat. Zu den Platten, die im legendären Blasting Room aufgenommen wurde, gehören zum Beispiel Hot Water Musics "Exister", "Tales Of Wyoming" von Teenage Bottlerocket, "Comet" von den Bouncing Souls sund natürlich auch bereits erwähntes "Hang" von Lagwagon.

Nun haben die Descendents die Blasting Room Studios natürlich auch für "Hypercaffium Spazzinate" genutzt, und der Sound ist genauso wuchtig und drückend, wie man sich das wünscht und wie auch "Everything Sucks" geknallt hat. Nix Intro, "Feel This" haut genauso rein, wie eine Punkrockshow von Null auf Hundert startet, vor dem geistigen Auge sieht man den Pogo-Pit, die Crowdsurfer, den Sänger, der am Bühnenrand kniet und das Mikro in die Menge hält. Schweiß, Bier (oder auch nicht, jeder wie er will), Verbrüderung. Wieso überrascht uns das eigentlich so, dass die "Comeback"-Alben unserer Helden dann doch so fantastisch ausfallen? Klar, auch Musiker verändern sich, aber sie verlernen ja nichts. Und dass das Alter nicht zwangsweise zum Zahnloswerden führt, sondern im Gegenteil auch etwas mit Reife und Besserwerden zu tun hat, ist doch eigentlich auch bekannt. "On Paper" ist ein fantastischer Ohrwurm, bei "Without Love" muss sich auch der härteste Iroträger eine Träne verkneifen und "Comeback Kid" ist programmatisch. Wer wissen will, wo der Punkrock seine poppige Seite her hat, wo ein wesentlicher Einfluss von Bands von Green Day bis Bad Religion herkommt, der kommt an den Descendents eh nicht vorbei - und bekommt hier ein Highlight des Jahres, al dente, hochkonzentriert, Klassikerpotenzial.

Es wird viel darüber geredet, ob Punk tot ist, ob Kommerz die Rebellion erstickt hat. Den Descendents gehen solche Diskussionen wohl am Allerwertesten vorbei. Sie machen einfach weiter, als seien sie nie weg gewesen. Danke dafür.

"Hypercaffium Spazzinate" ist am  29. Juli 2016 via Epitaph erschienen.

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