Freitag, 1. Juli 2016

Galerie der Klassiker: Iron Maiden - Brave New World

Was für ein Monat, was für Wochen, die hinter mir liegen. Rockavaria, Rock am Ring, Southside. Jedesmal Regen, zweimal Abbruch. Aber auch ein paar musikalische Eindrücke. In München beim Rockavaria wurde mir zum Beispiel wieder mal bewusst, wie fantastisch Iron Maiden eigentlich sind. Bruce Dickinson ist eine meiner Lieblingsstimmen aller Zeiten, und nebenbei fliegt der Teufelskerl noch ein Flugzeug, neben dem die Maschinen von Staatsmännern popelig aussehen

Aus diesem Anlass grabe ich heute tief in der Mottenkiste und bringe zum Vorschein: eine Plattenkritik zum 2000er-Album "Brave New World". Erschienen damals in unserer Schülerzeitung, den Thalamus. Was damals anders war: Es gab viel mehr Metal-Ignoranten. Wo Heavy Metal heute im Feuilleton stattfindet und Arte Dokus über Wacken sendet, stieß ich damals mit meinem missionarischen Eifer immer wieder auf verschlossene Ohren. Tja. Wer lag richtig? Genug geredet. So hab ich mich vor 16 Jahren über Iron Maidens Comeback ausgelassen: 

"Nicht eine zweite Platte habe ich in der letzten Zeit derartig gespannt erwartet wie den neuen Silberling der NWoBHM-Legende Iron Maiden. Tränen haben wir vergossen, Tränen des Glücks, als die Nachricht von der Rückkehr der verlorenen Söhne Adrian Smith (g.) und Sangesgott Bruce "Air Raid Siren" Dickinson (v.) uns erreichte. Was haben wir gebangt, dass der neue Longplayer ein Aufguss alter Chosen werden würde. Was haben wir gebetet, dass Maiden nicht dasselbe passiert wie Judas Priest mit ihrem "Jugulator"-Klogriff.

Spätestens jetzt darf er kommen - der freudige Aufschrei: "Brave New World" ist genau das Album geworden, das eigentlich nach "Seventh Son Of A Seventh Son" hätte kommen müssen. Maiden haben es tatsächlich geschafft, an ihre alten Heldentaten anzuknüpfen und einen würdigen Abschied des alten Jahrtausends einzuhämmern. Intelligenterweise haben die Eisernen Jungfrauen mit "The Wicker Man" zwar erstmal einen gutklassigen Song als Single und Opener ausgewählt, auf dem Album selbst steht aber genügend noch stärkeres Material, das den guten Eindruck dieser Auskopplung eindrucksvoll bestätigt: Da wäre zum einen das von ruhigen Gitarrenklängen eingeleitete "The Ghost Of The Navigator", eine atmosphärische Midtemponummer, die sich mit der Textzeile "Nothing's Real Until You Feel" in meinem Hirn eingenistet hat. Die von dezenten Streichern untermalte Semi-Ballade "Blood Brothers" mit Bruce' bardenhaftem Gesang und der dramatischen Steigerung. Der schnelle Nackenbrecher "The Mercenary" mit seinem eingängigen Refrain und den cleveren Breaks. Das auf einem typischen Adrian-Smith-Riff basierende "The Fallen Angel". Die absoluten auditiven Cumshots stellen allerdings die beiden zehnminütigen Epen "Dream Of Mirrors" (Ohrwurmrefrain) und "The Nomad" (Opus á la "Rime Of The Ancient Mariner" oder "Alexander The Great") dar. Auf Letzterem gibt es eine der unverkennbar besten Gesangsleistungen von Göttersohn Dickinson zu hören, die sich perfekt mit den orientalischen Einflüssen ergänzt, die das Stück zu einem der außergewöhnlichsten der zum Sextett gewachsenen Band machen. Mit "Out Of The Silent Planet" servieren Iron Maiden schließlich noch eine Mitsinghymne von derartiger "Run To The Hills"-Qualität, dass auch der schwächere Abschluss mit "The Thin Line Between Love and Hate" den ausgezeichneten Gesamteindruck nicht schmälern kann, den das Flaggschiff des britischen Heavy Metal anno 2000 auf den geneigten Hörer macht. Dafür dürfte auch die glasklare und bombenharte Produktion von Kevin Shirley nicht ganz unbedeutend sein. Gitarren, Gesang, Schlagzeug und Steve Harris' unverwechselbares Bassspiel stehen vollkommen gleichberechtigt und transparent nebeneinander. 

In Anbetracht all dieser Tatsachen kann ich euch diese Platte nur wärmstens ans Herz legen, die allen Nörglern und Zweiflern ("Die machen das doch nur wegen dem Geld") den Wind aus den Segeln nehmen dürfte. Die Spielfreude hört man hier an allen Ecken und Enden. In diesem Sinne: Up The Irons"! Man sieht sich auf den Metal-2000-Festivals!"

P.S.: Mir ist klar, dass eher Platten wie "The Number Of The Beast" in einer Klassiker-Galerie auftauchen könnten. Aber nur bei "Brave New World" weiß ich eben noch genau, wie ich damals in den Müller-Markt rannte am Erscheinungstag und die CD mit einem noch unbeschrifteten Preisschilddirekt vom Lieferwägelchen schnappte und dann in den tragbaren CD-Player einlegte, draußen vor dem Laden aufdrehte und sofort in diese Platte verliebt war. Und meistens sind es doch diese Erinnerungen, die Platten und Musik so bedeutsam für einen machen. Insofern. 

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