Freitag, 5. Februar 2016

Galerie der Klassiker - Doppel: Rodriguez - Cold Fact/Coming From Reality

Wer den Film "Searching For Sugar Man" noch nicht gesehen hat, sollte das zuerst erledigen, bevor er diese Kritik hier liest. Achtung, Spoiler-Alarm!

Schon lange stand die Musikdoku auf meiner Agenda. Vor zwei Wochen hab ich sie endlich gesehen. Und was ich da sah, hat mich wirklich umgehauen. Ich dachte, ich sehe eine Mockumentary. Die Story des Sängers und Gitarristen Sixto Rodriguez, der in den 70ern in Südafrika zum Superstar wird, davon aber im weit entfernten Detroit nichts mitbekommt, schien mir einfach zu unglaublich, um wahr zu sein. Als die Zeitzeugen und Akteure des Films auftraten, dachte ich mir: Wow, super gecastet, sehr gut rübergebracht, wirkt fast echt. Vor allem die kleinen Animationsszenen, in denen Rodriguez durch eine Stadt läuft, verstärkten meinen Eindruck. Das ist das Gute, wenn man etwas vergessen hat, was man mal über einen Film wusste: Man kann eine völlig neue Erfahrung machen. 

Auch die Musik schien mir unwirklich. Sie erinnerte mich an Bob Dylan, ähnlich drängend Sixtos Stimme, aber weniger knarzig und nachlässig. "They Just Don't Make 'Em Like That Anymore" zuckte es durch meinen Kopf, da blitzten Streicher auf, um Akzente zu setzen, da darf die Gitarre mal fuzzig dröhnen, bevor dann wieder filigranes Akustikspiel die Regie übernimmt. 

"Cold Fact" ist das Debüt, das Rodriguez 1970 veröffentlichte. In den USA war die Platte zunächst ein Misserfolg. Dabei hat die Platte musikalisch unglaublich viel zu bieten. Da ist der starke Einstieg mit "Sugar Man", einer Oder an "Silver Magic Ships" und "Sweet Mary Jane", Sie verstehen? Stücke wie "Crucify Your Mind" verströmen ein ganz eigenes Feeling und können dem grandiosen Dylan ohne weiteres das Wasser reichen. Unfassbar genug. Der "Establishment Blues" wurde zum Soundtrack der Anti-Apartheidbewegung in Südafrika - aber da Rodriguez sich 1971 schon wieder zurückzog aus der Musik, bekam er von seinem Erfolg nichts mit. Der 2012 erschienene Dokumentarfilm brachte dem Künstler dann große Aufmerksamkeit - der "Anvil"-Effekt. Zurecht, denn Songs wie "Inner City Blues" mit seinen Streicher- und Bläser-Einsprengseln gehören zum Besten, was in den 70ern veröffentlicht wurde. Es wirkt, als ob sich ein Dimensionsriss aufgetan hätte und diese Göttergaben wie aus einem divinen Dachboden auf unsere Erde gefallen sind. 

"Coming From Reality" ist keinen Deut schwächer. "Climb Up On My Music" eröffnet das Album, und mit E-Piano dem Duell von E- und Akustik-Gitarren zeigt es Einflüsse von Santana. Vielleicht. Meine eindeutigen Highlights auf diesem Longplayer sind allerdings "Sandrevan Lullaby-Lifestyles" mit seiner schmelzenden Geige und den Harfenklängen (fast schon wie aus einem Wes Anderson-Film), das melancholische "Cause" mit seinen einleitenden Textzeilen "Cause I Lost My Job Two Weeks Before Christmas" und der Groover "Can't Get Away", der alles vereint, was man an den 70ern liebt und in manchen Momenten fast schon wie das Intro zu einer Serie aus der damaligen Zeit wirkt. 

Natürlich hat man beim Hören der Platten die Bilder von Detroit im Schnee im Kopf, die Bilder von den bescheidenen Verhältnissen, in denen Rodriguez heute noch lebt. Aber die Platten funktionieren auch ohne den Film - logisch, sonst wäre er ja auch kein Superstar. Trotzdem: Wenn Ihr die Chance habt, dieses fantastische Stück zu sehen, das zeigt, wie seltsam das Musikbusiness macnhmal funktioniert (oder auch nicht funktioniert), tut es. Ihr werdet es nicht bereuen. 

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