Freitag, 15. Januar 2016

Konzertkritik: Feine Sahne Fischfilet in Lindau

Die Bläser setzen bei Feine Sahne Fischfilet Akzente.
                                                       Foto: Tinnitus Attacks
"Und die werden vom Verfassungsschutz beobachtet? Monchi könnte doch keiner Fliege was zuleide tun", sagt eine Konzertbesucherin und bringt damit ziemlich gut auf den Punkt, was die Mehrheit der Gäste im Club Vaudeville an diesem Abend denken dürfte. Als 2012 das dritte Album "Scheitern und Verstehen" der Band erschien, bewarb das sonst eher auf elektronische Klänge der Marke Egotronic, Frittenbude oder Saalschutz abonnierte Label Audiolith die Band damit, dass sie im Verfassungsschutzbericht mehr Platz als der NSU eingenommen habe. Wie die TAZ online berichtete, war die antifaschistische Band wegen ihrer „explizit-antistaatlichen Haltung“ im Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommerns 2011 aufgetaucht. Die Band bedankte sich artig mit einem Geschenkkorb für die Aufmerksamkeit, die ihr auf diese Weise zuteil wurde. Von der Musik leben kann die Bands allerdings noch nicht.

Monchi in Aktion.
                                          Foto: Tinnitus Attacks
In Lindau wird ab dem ersten Song gepogt. Feine Sahne Fischfilet mischen ihre dicken Gitarrenklänge mit Bläsern, ohne dabei eine Ska-Band zu sein. Trotzdem ist der Sound extrem tanzbar und mitsingtauglich. "Solange es brennt" steht am Anfang, und der Song zeigt, warum die Band beispielsweise so gut als Supportband zu den Broilers gepasst hat. Sofort steht ein Stagediver auf der Bühne, der Monchi High Fives gibt und ihn umarmt. Man macht sich ernsthaft Sorgen um den Fan, als er sich von der Bühne ins Publikum stürzt und auf dem Boden landet. Gleich darauf steht er aber wieder auf der Bühne und springt erneut. Ein anderer Fan hat dabei weniger Glück: Beim Stagediving stürzt ein junger Konzertgänger rückwärts ab und schlägt mit dem Hinterkopf auf den Boden auf. Der Abend endet im Krankenhaus, und auch die Polizei schaut beim Club vorbei. Den Ordnungshütern hatten Feine Sahne Fischfilet im Lauf des Abends den Song "Wut" gewidmet. Bei diesem Song mit dem plakativen Refrain "Niemand muss Bulle sein" zeigt sich, dass die Fans der Band durchaus in der Lage sind zu differenzieren: Unter dem Youtube-Video wird diskutiert, ob das nicht eine etwas einfache Sicht der Dinge ist. Aber keine Frage: Die Band hat Haltung und sieht sich in diesen Zeiten besonders gefordert.

Die Telecaster macht Druck.
                                           Foto: Tinnitus Attacks
Musikalisch ist hier alles im grünen Bereich. Der Bass kommt knackig auf den Punkt, das Schlagzeug gibt den Tanzrhythmus vor, die Gitarre perlt mal clean, schrubbt mal mit Distortion, und die Bläserfraktion setzt die gleißenden Akzente. Sänger Monchi bezieht in seinen Ansagen deutlich Position gegen rechts, drückt seinen Support für die kurdischen Kämpfer in Kobane aus und verneigt sich vor Freunden und Familie. Ruhige Nummern mit Songs wie "Warten auf das Meer" gibt es ebenso wie den großen Mitsing-Alarm bei "Geschichten aus Jarmen". Am Ende regnet es goldenes Konfetti - damit rechnet man ja nun nicht unbedingt bei einem räudigen Punkkonzert. Monchi zeigt sich begeistert vom Lindau-Debüt. Das beruht an diesem Abend auf Gegenseitigkeit.

Mehr Fotos findet Ihr bei Flickr.

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