Freitag, 30. Oktober 2015

Death Cab For Cutie im Interview

Death Cab For Cutie ohne Chris Walla - kann das funktionieren? Man wird sehen, wie sich das nächste Album gestaltet. Im Interview hat mir Jason McGerr erzählt, wie es dazu kam, dass sich der Kreativkopf der US-Indielieblinge verabschiedet hat. Veröffentlicht wurde es am 10. Oktober im Wochenendjournal der Schwäbischen Zeitung. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen.

Freitag, 23. Oktober 2015

Boysetsfire im Interview: "Unsere Supporter bedeuten uns alles"

"Sorry, wir schaffen es nicht. Wir hatten eine Buspanne, alle Presse ist abgesagt": Als ich an diesem Samstagabend in Lindau Boysetsfire-Tourmanager Oise am Mobiltelefon hab, muss er das geplante persönliche Interview kurzerhand absagen. Wir haben Glück, dass die Band es zum Konzert schafft. Wegen einer Buspanne saßen Boysetsfire über zehn Stunden lang fest. Der Auftritt in Lindau ist grandios, die Stimmung fantastisch. Ein Bericht und eine Fotostrecke von mir sind bei der Lindauer Zeitung erschienen. Hier reiche ich Euch nun noch das Interview nach. Bassist Robert Ehrenbrand hat mir meine Fragen per Mail beantwortet.

Tinnitus Attacks: Ein paar Fragen zu Eurem aktuellen Album: Die Songs wirken deutlich positiver, optimistischer als auf „While A Nation Sleeps“, auch die weiße Farbe deutet in diese Richtung. Woher kommt dieser Stimmungswechsel? 

Immer mit vorn dabei: Wenn Nathan Gray sich stimmlich
verausgabt, ist Basser Robert Ehrenbrand nicht weit.
                                                   Foto: Daniel Drescher
Robert Ehrenbrand:  Ich denke wir haben uns als Band und Familie „gefunden“, wenn Du so willst...nach langen Jahren des Ausprobierens, Kämpfens und zwischen den Stühlen Sitzens haben wir nun völlige Freiheit genau das zu tun wie, wann, wo wir es wollen. Eigenes Label, eigene Booking Agentur, eigene Produktion der Platten etc. Ich finde das neue Album feiert dieses „sich Finden“ bzw. „den Karren aus dem Dreck ziehen“. Der hoffnungsvolle Unterton ist definitiv nicht zu leugnen.

Tinnitus Attacks: Die Textzeile „With Just One Match Our Hearts Catch Fire“ kann man sich gut als Tattoomotiv vorstellen. Präsentieren Euch Eure Fans oft Tätowierungen, die von Lyrics oder Artworks Eurer Band inspiriert sind? Wie ist das, wenn man sowas sieht? Habt Ihr Tattoos, die von Musikern inspiriert sind und wenn ja welche? 

Robert: Wir haben wirklich unglaublich tolle Supporter und ohne diese Menschen wären wir nicht da wo wir jetzt sind. Sie gehören fest zu diesem „Family Spirit“ den wir leben als Band. Sie gehören fest dazu! Die Tattoos bedeuten uns wahnsinnig viel, daher versuchen wir auch die Motive zu teilen auf unseren Social-Media-Kanälen, einfach weil dieser Treuebeweis unglaublich schön ist. An dieser Stelle Danke an all diejenigen die sich BSF in dieser Weise verewigt haben!!! Ich selbst habe vor allem indische/religiöse Motive an mir, aber auch ein THE SMITHS Tattoo vom Song HOW SOON IS NOW sowie ein "TRUE BELIEVER"-Tattoo, dass meiner Zeit in New Jersey mit den BOUNCING SOULS gewidmet ist. Ich war zwar kein Bandmitglied aber sehr nahe an der Band dran aufgrund meiner damaligen Lebensituation. Wir sind immer noch enge Freunde und das Tattoo ist daher auch entsprechend wichtig für mich.

Tinnitus Attacks: Ihr habt dem Album den Titel Boysetsfire gegeben. Mit der Selbstbetitelung setzen Bands oft ein Signal. Welches geht bei Euch von dieser Benamung aus? 

Robert in Aktion. Foto: Daniel Drescher 
Robert: Wir wollten einfach den vollen Fokus auf unsere Familie, unsere Band, unsere Musik und unseren starren Schädel richten, der wie immer durch die Wand will...das neue Album zelebriert unsere Bandfamilie und daher passt der Name zu 100 Prozent.

Tinnitus Attacks: Ihr habt gerade die Tour zum Album hinter Euch. Wie ist sie gelaufen? 

Robert: Im positivsten Sinne jenseits aller Erwartungen. Einfach genial, außer ein paar Stimmproblemen aufgrund einer Krankheit bei Nathan definitiv eine Traumtour! Nebenbei haben wir etwa ca  Mal "Straight Outta Compton" im Tourbus geschaut...also noch dazu eine waschechte Movietour!

Tinnitus Attacks: Wie fühlt es sich an, so begeistert wieder von den Fans aufgenommen werden, nachdem Ihr von 2007 bis 2010 pausiert habt? 

Robert: Ich denke die Pause war wichtig und hat uns gelehrt, dass wir nie wieder ohne die Band sein wollen...sollten wir wieder eine Pause brauchen, nehmen wir sie uns, aber auflösen wird sich BSF nicht mehr. Was uns unsere Supporter bedeuten hatte ich ja schon geschrieben: ALLES!

Tinnitus Attacks: Habt Ihr die nächsten Jahre durchgeplant? Oder lasst Ihr die Dinge lieber auf Euch zukommen? 

Robert: Wir planen nicht mehr lange voraus sondern genießen einfach die Zeit zusammen wannauchimmer wir sie haben. 2016 spielen wir viele Festivals und erfreuen uns weiterhin der neuen Platte.

Tinnitus Attacks: Eure Texte drehen sich oft um die Selbstbestimmung des Individuums. Wie kann das der Einzelne im Alltag umsetzen – trotz Job-Tretmühle und anderen Zwängen? 

Robert: Das muss der Einzelne für sich selber entscheiden, da fängt es nämlich schon an. Wir wollen nichts vorgeben, aber zu positiver Veränderung, Selbstbestimmung und dem Nutzen jedes Tages anregen. Darum geht es uns. Nicht darum, Schritte oder gar Philosophien vorzukauen...wir trauen unseren Fans sehr viel Gedanken, Ideen und Entscheidungswillen zu.

Tinnitus Attacks: Ihr seid bekannt für Eure enge Verbindung zu den Fans. Wie weit geht das, seid Ihr z.B. mit manchen Fans befreundet? Wo zieht Ihr die Grenze? 

Im Rampenlicht: Robert und Boysetsfire genießen die
Momente auf der Bühne. Foto: Daniel Drescher
Robert: Über so etwas denken wir nicht wirklich nach...es ergibt sich was sich ergibt und klar kennen wir viele Leute auch persönlich. Da gibt es keine Grenzen oder so...wir nutzen auch das Wort Fan nicht so viel, da es eine Hierarchie widerspiegelt, die wir nicht leben. Alle Menschen, die uns unterstützen sind uns wichtig. Punkt.

Tinnitus Attacks: Beim Southside hast Du mir 2013 erzählt, dass Dein Sohn Pogues, Earth Crisis und Hosen gut findet und Deine Tochter „Stups der kleine Osterhase“ hört. Wie gestaltet sich die musikalische Sozialisation inzwischen? 

Robert: Meine Tochter ist mittlerweile bei meiner Lieblingsband GLASVEGAS angelangt und wir hören im Auto nichts anderes mehr, hahaha.

Montag, 19. Oktober 2015

Konzertkritik: Millencolin in Lindau

Millencolin
Support: The Sigourney Weavers, Apologies I Have None
Club Vaudeville, Lindau
Donnerstag, 15. Oktober
Text und Fotos: Daniel Drescher

Vielleicht muss ich etwas persönlicher werden bei diesem Konzertbericht. Also nicht im Sinne von persönlich, wie wenn man jemanden beleidigen will. Eher im Sinne von Erinnerungen. Wobei ich mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern kann, wie ich zum ersten Mal auf Millencolin aufmerksam geworden bin. In meiner Metal-Phase zu Schulzeiten sah man eben das Logo auf Mäppchen hingekritzelt oder auf den Shirts der Skater-Fraktion. Im Physikunterricht gab es den Klassenkasper, der beim Millikan-Versuch immer versuchte, den Physiklehrer zu veralbern, indem er selbst nur vom "Millencolin"-Versuch redete. Haha.

The Sigourney Weavers rocken hart. Foto: Tinnitus Attacks
Jedenfalls war "Kingwood" wohl das erste Album, das ich mir von Millencolin holte. Ich mochte das Cover mit der Outdoor-Anmutung und hab mir das Album bei Rock am See in Konstanz mitgenommen. Dann gab's glaube ich noch einen Gitarrenworkshop in der Guitar, und die Riffs ließen sich prima mitschrubben. "Home From Home" folgte bei mir dann darauf, und Songs wie "Greener Grass" oder das Titelstück rannten bei mir zu der Zeit offene Türen ein, weil ich gerade genug von der düsteren Aggression und vom Pathos des Metal hatte. Aber in musikalischer Hinsicht bin ich Homer Simpson in der Szene, wo er einen Hund sieht, dessen Schwanz hochsteht, und er diesem hinterherrennt. Will sagen: Es gibt so viele gute Bands und so wenig Zeit, dass ich in den Jahren darauf immer wieder meinen Plattenschrank exzessiv ausgebaut hab. Von Millencolin holte ich mir "Machine 15" 2008 natürlich auch noch, "Detox" war meine Hymne. Aber "True Brue" hab ich dieses Jahr dann verpasst. Dafür sind mir in den vergangenen Jahren wie Apologies I Have None ans Herz gewachsen.
Sehr gut: Apologies I Have None.
Foto: Tinnitus Attacks

Die Londoner Punkrocker waren auch der eigentliche Grund für mich, nach Lindau zu gehen. Mit ihrem Album "London" machten es sich die drei Musiker in meiner 2012er-Bestenliste bequem. Und auch in Lindau bekam ich, was ich wollte: Songwriterische Großtaten wie "Long Gone" (diese Melodie!) und ""Sat In Vicky Park" (diese, auch, Melodie!) gaben mir die erhoffte Innenohr-Gänsehaut, die ich beim Hören diese Stücke immer bekomme. Wohliges Schaudern. Und auch die Vor-Vorband The Sigourney Weavers fand ich so überzeugend, dass ich mir ihre Vinyl-Scheibe vom Merchstand griff.

Aktivposten der Band: Mathias Färm
post, was das Zeug hält.
                       Foto: Tinnitus Attacks
Millencolin selbst? Haben mich positiv überrascht. Achtung, unnötiges Wortspiel: Alter Schwede, haben die gerockt. Das wilde Gepose von Mathias Färm hat mich in Kombi mit den schönen, alten Gitarren direkt an schwedische Rotzrocker der Marke Hellacopters erinnert (wohl weil deren Nicke Andersson auch immer die Mütze oder was er immer auf dem Kopf trägt, so tief ins Gesicht gezogen hat). Färm kniete verdammt oft am Bühnenrand und suchte den Kontakt zu den Fans, "segnete" sie mit seiner Gitarre (ich hab sie auch berührt, aber bisher ist mein Gitarrenspiel leider immer noch so rudimentär wie zuvor, keine Wunderwirkung durch Energieaustausch) und schredderte, was das Zeug hält. Nikolas Sarkevic ist nach seinem Solo-Akustikding auch wieder da, wo ihn die Fans am liebsten haben: Mit Bass am Mikro. Da krachen Klassiker wie "Penguins and Polarbears" genauso wie Songs vom neuen Album "True Brew". "Kemp", "Man Or Mouse", "Duckpond" - ja, mitsingkompatible Songs gibt's genug, und das agile Publikum - mit 600 Besuchern ist der Club fast ausverkauft - acht das auch, pogt, stürzt sich von der Bühne um auf Händen getragen zu werden und pfeift drauf, dass Freitag halt nochmal bei der Arbeit rangeklotzt werden muss. Und wieder einmal zeigt sich: Wer sich aufrafft und die Couch verlässt, hat mehr vom Abend.

Mehr Fotos gibt's auf meinem Flickr-Account.
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          Stark, immer noch: Millencolin räumen im Club Vaudeville ab.
                                                          Foto: Tinnitus Attacks


Freitag, 9. Oktober 2015

Hörtest: A Tale Of Golden Keys - Everything Went Down As Planned

So schön kann Melancholie sein: A Tale Of Golden Keys erinnern einen mit ihrem Debütalbum "Everything Went Down As Planned" daran, warum man Moll-Töne Dur-Klängen vorzieht. Zugleich schaffen die drei Männer es mit ihrem Sound, dem Indie neue Impulse einzuimpfen. Muss man gehört haben. 

Ganz fein fängt es an, sanft tupfendes Klavier, die Stimme von Sänger Hannes Neunhoeffer, Drums, der samtig-voluminöse Bass. "All Of This" ist der stimmungsvolle Einstieg in ein Album, dessen verblüffende Bandbreite und Virtuosität sich einem am besten unter dem Kopfhörer erschließt. Zu später Stunde kann man Songwriter-Großtaten wie den Titelsong oder das federnde "Writings on The Wall" am meisten genießen. Vokalist Hannes Neunhoeffer, Bassist Florian Dzialjo und Schlagzeuger Jonas Hauselt beweisen, dass im Land der flirrenden Gitarren noch nicht alles gesagt ist. Müsste man die Stimmung dieser Platte mit Filmbildern beschreiben, kämen einem wohl die Bilder von "Vanilla Sky" in den Kopf (also zumindest bei mir ist das so). Einerseits durchdrungen von einer Grundtraurigkeit, andererseits aber auf eine anheimelnde Art, die einen gefangen nimmt. Ähnlich die Sigur Ros lassen sie etwa im etwas über sechs Minuten dauernden "Travelling Lights" den Song ausufern und Töne einfach sekundenlang stehen und so besser wirken. Immer mal wieder rücken Streicher ins Bild ("Another Chapter"), dann wieder rafft sich der Song zur Tanzfläche hin auf ("Three Weeks"). Das fuzzige "Waves" gemahnt gar an die Silversun Pickups, die sich mit Platten wie "Carnavas" ins Herz der Indiefraktion spielten. 

Das Trio stammt aus einem kleinen Ort bei Nürnberg und ist in Nürnberg beheimatet. Dass man nicht zwingend aus den großen Metropolen kommen muss, um ganz toll zu sein, wissen wir ja schon, siehe Get Well Soon (Erolzheim bei Biberach) oder Pascow (Gimbweiler). Auch A Tale Of Golden Keys beweisen das. Man darf davon ausgehen, dass diese Band Gehör finden wird. 2011 trat das Trio bereits bei Rock im Park auf, dieses Jahr auf der Expo in Mailand. Das Grand Hotel Van Cleef konnte sich ebenso für die Band erwärmen wie viele Fans, die die Band bereits auf Tour gesehen haben. Wer die Chance hat, sie auf dieser Tour jetzt live zu sehen - nicht entgehen lassen. 

"Everything Went Down As Planned" erscheint am 23. Oktober via Trickers. Mehr Infos unter  www.facebook.com/atogk. Hier das Video zu "All Of This":