Freitag, 24. April 2015

Hörtest: Timeshares - Already Dead

Ein Fall für Holzfäller und An-der-Bar-Hocker: Wenn Timeshares ihre Gitarren bearbeiten, fallen die Späne im Sekundentakt, Riffs und Licks gesellen sich gleich dazu. Neuer Stoff für jene, die es simpel und handgemacht mögen. 

Geradezu minimalistisch kommt der Opener "State Line To State Line" an, Gitarre, Bass und Schlagzeug gehen vorwärts, aber wollen sich noch nicht so recht losreißen, um nicht gleich alles Pulver zu verschießen. "Tail Light" macht mehr Druck, und in einigen Momenten muss man an den kantigen Punkrock von Red City Radio denken. Aber Timeshares sind mehr Roots als Grass, mehr Classic Rock als Sex Pistols. Wenn eines auffällt, an dieser Band aus einem Dorf namens Suffern im Rockland County (sic) des US-Bundesstaats New York, dann das: Die vier Musiker im Jon Hernandez halten sich nicht mit virtuosen Soli und Muckerkram auf. Lieber drechseln sie Gitarrenriffs, die mit warmer Distortion und ein wenig Twang wie analog auf Tape aufgenommen wirken.

Mit Songs wie dem kompakten "The Bad Parts" haben sie Hits in der Hinterhand, die auch live bestens funktionieren dürften. Songs wie "Heavy Hangs" wecken Erinnerungen an die seligen Hüsker Dü, und an von The Replacements ist dieser Sound geschult. "Spend The Night" hat einen Beginn, der an Dave Hause "Autism Vaccine Blues" denken lässt, dreht sich dann aber Richtung The Hold Steady weg (wobei deren herrlicher Sprechgesang von Craig Finn unerreicht bleibt).

Mit ""Corner of) Park und Park" gibt's eine willkommene Rhythmus-Abwechslung: Wer hier nicht wie ein Flummi (mit Glitzer) durch die Gegend hüpfen will, dem ist nicht mehr zu helfen - oder, um es mit dem Albumtitel zu sagen, vermutlich "Already Dead". Das zweite Album des Quartetts (Debüt erschien 2009) macht vieles richtig und hat das Potenzial, Fans handgemachter Klänge aufzusammeln und ihnen viele schöne Musikmomente zu bescheren - auf Platte und sicher auch bei bierschäumenden Live-Darbietungen.

"Already Dead" von Timeshares erscheint am 1. Mai via Side One Dummy. Das Album im Stream hören kann man bei Spin online.

Live kann man die Band an diesen Terminen sehen:
30.04. BE - Ham - Pre-Groezrock Show
02.05. BE - Meerhout - Groezrock
13.05. DE - Aachen - AZ
18.05. AT - Wien - Das Bach*
19.05. AT - Graz - Sub*
20.05. AT - Timelkam - Gei*
21.05. DE - Nürnberg - K4*
22.05. DE - Wiesbaden - Hectic Fest #5*
23.05. DE - Trier - SDIYG Fest Vol. 2*
24.05. DE - Köln - AZ*
25.05. DE - Osnabrück - Ostbunker*
26.05. DE - Hannover - Stumpf*
27.05. DE - Hamburg - Molotow*
29.05. DE - Berlin - Cassiopeia#
30.05. DE - Wolfsburg - JuHa Ost*
*mit Astpai
#mit Astpai, Paper Arms

Hier noch ein Video von einer Akustik-Session:

Freitag, 17. April 2015

Konzertkritik: Lagwagon in Lindau

Das hier wollte ich Euch doch noch zeigen. Lagwagon waren am Ostersonntag im Club Vaudeville in Lindau - und es war so gut. Ich hab ein paar Leute gehört, die vom besten Konzert ihres Lebens gesprochen haben. Eigentlich war ich privat da, aber während des Konzerts sind mir dann so viele Aspekte eingefallen, dass ich die Geschichte nur noch aufschreiben musste. Lagwagon haben dann auch irgendwie Wind von der Konzertkritik bekommen und sie auf Facebook geteilt (siehe unten, lasst gern auch ein Like da). Dass bei schwaebische.de Punkrock-Konzertberichte in der Top Ten der meistgeklickten Artikel sind, kommt nicht alle Tage vor. Per Klick aufs Bild könnt Ihr meinen Artikel lesen. Ach so: Joey Cape wird erst nächstes Jahr 50. Mein Fehler.

Nice review of "Hang" or so we're told.
Posted by Lagwagon on Dienstag, 7. April 2015

Freitag, 10. April 2015

Hörtest: Hindsights - Cold Walls/Cloudy Eyes

Das ist ihr Debüt und die Musiker sind alle um die 20. Klingt aber schon recht ausgereift, was Hindsights uns hier vor den Bug knallen. 

Ok, schon klar. Brand New ist das hier nicht, und den Title Fight um die Originalitätsmedaille gewinnen Hindsights auch nicht mit ihrem Debüt "Cold Walls/Cloudy Eyes". Ach, was das minder lustige Wortspiel mit den Bandnamen soll? Naja, sowohl Brand New als auch Title Fight nennt zum Beispiel die Promoagentur in ihrer Presseinfo, damit man Hindsights einordnen kann. Und das trifft es schon ziemlich gut.

"Everything Inside Me Echoed" fängt da ganz harmlos an, erst ein melodiöser Einstieg, dann etwas cleanes Riffing, der Gesang ist noch verhalten. "Cold Walls", einer von zwei Titelsongs (ja, sowas gibt's) klingt dann eben wie ein Mix aus beiden oben genannten Bands: Title Fight zu "Shed"-Zeiten, wenn man sich etwas Härte wegdenkt, Brand New in ihrer "The Devil and God are Raging inside me"-Phase. Das ist Hardcore, aber auch sehr melodisch. Benio Baumgart (Gitarre & Gesang), Billy Hutton (Gitarre & Gesang), Miles Hay (Bass) und Jack Perry (Drums) haben ihre eigene Vision von packender Musik erschaffen, und man muss sagen, dass ihnen das über weite Strecken gut gelingt, auch wenn die Melodien irgendwann etwas origineller sein könnten. Die Musiker waren vorher alle in Bands aus dieser Musiknische aktiv, und auch mit Hindsights haben sie sich (seit Ende 2011) Gitarrensounds verschrieben, die zwischen Arschtret-Power und Emo-Introvertiertheit pendeln. Benio Baumgart sagt über das Album, es sei "das Ergebnis aus einem sechsmonatigen Schreibmarathon, gefolgt
von etlichen Fünfzehn-Stunden Tagen im Tonstudio und dem verzweifelten Versuch, endlich einen
Sinn in Angst und Depression zu finden." Die Grundstimmung ist düster, die Songs sind aber weit davon entfernt, einen runterzuziehen. Eher scheinen die Gitarren gegen die drückende Stimmung anzurennen und mit ihrer Kraft umzustoßen. Baumgart: "Diese Songs helfen mir dabei, sich mit dem
Ungleichgewicht in meinem Kopf und der Tatsache, dass ich mein ganzes Leben damit leben
muss, zu arrangieren.“ 

"Pensive" mit seiner verschleppten Rhythmik, "See You Soon" mit seiner wechselnden Dynamik, "Colour, Blind" mit seiner nachtschwarzen Aura, die in einen vorwärtspreschenden Rhythmus umkippt, sogar romantische Züge entwickelt und das flirrende Ende mit "Sore": Die Songs wirken am besten unter einem Kopfhörer, vielleicht später in der Nacht, vielleicht nach einem Glas Rotwein zuviel. In jedem Fall aber ziemlich laut. Und dann auch live, wenn das hinhaut. 

"Cold Walls/Cloudy Eyes" von Hindsights ist am 27. Februar via Beach Community erschienen. Hier noch das Video zu "Cold Walls": 

Freitag, 3. April 2015

Hörtest: Jeff Rosenstock – We Cool?

Willkommen in der Welt von Jeff Rosenstock, wo sich die Punkgitarren mit den 8-Bit-Sounds die Hand geben und man immer kurz vorm Durchdrehen scheint. Der Mann, den man vielleicht von seinem Musikprojekt „Bomb The Music Industry!“ kennt, veröffentlicht mit „We cool?“ seine neue Soloplatte. Und die entpuppt sich als Trip durch einen, öhm, trippigen Bonbonladen, in dem Dir die Jelly Beans um die Ohren fliegen.

Es geht los mit hibbeligen Gitarren, Gesang, Drumbeats. Kurz nachdem im Opener „Get Old Forever“ die Ein-Minuten-Grenze überschritten ist, explodiert der Song und rennt einen förmlich um wie der Hulk einen Gegner. Glockenspiel und Blechbläser gesellen sich zu diesem Parforce-Ritt und am Ende applaudieren die Leute. Jeff Rosenstock hat mit „We Cool?“ eine Lehrstunnde aufgenommen, die zeigt, wie Musik sein kann: Überraschend, leidenschaftlich, durchgeknallt. Nehmen wir nur „Nausea“, diesen Indiehit mit dem Konfettikotz-Video: Da gibt es mehrstimmigen Chorgesang, auch wieder Bläser, ein Klavier und einen Text zum Mitgrölen. Dann kippt die Stimmung in „Beers Again Alone“, ein schwankendes Stück mit Mundharmonika und Katerfeeling. Zuvor wurde man in „Novelty Sweater“ Zeuge, wie die knackige Basslinie von 8-Bit-Spielereien angerempelt wird und sich dazu ein Biffy-Clyro-artiger Gesang zu dieser Begegnung der dritten Art gesellt.

Diese Gameboy-Sounds tauchen auch nochmal in „Polar Bears of Africa“ auf und veredeln ja eh grundsätzlich Songs (man höre auch My Morning Jackets „Touch me I'm going to scream part 2“). „Hey Allison“ ist ein kann knapp zweiminütiger Feger, der Pogotänze geradezu provoziert. Das Album zerfasert gegen Ende, die letzten drei Songs wirken wie kauzige Songskizzen, die sich gegen gängige Schemata auflehnen. „Darkness Records“ macht den Sprung von Mitsing-Hymne über Schraddel-Orkan und lässt Streicher, Klarinetten und nochmals ein Glockenspiel den Song leise ausklingen. 36 Minuten Wahnwitz mit überbordender Gitarrenpower. Da kann man beinah ausblenden, dass sich der amerikanische Musiker auf dieser Platte mit seinen langjährigen Depressionen auseinandersetzt. 

Jeff Rosenstock hat eine bewegte musikalische Vergangenheit. Zulettzt machte er als Produzent des gefeierten Debüts der Smith Street Band von sich reden. Jetzt hat er zusammen mit Hard-Girls-Gitarrist Mike Huguenor, Kevin Higuchi (Schlagzeuger der Bruce Lee Band) und dem früheren Bomb-the-Music-Industry!-Bassisten John DeDomenici zwölf Songs live auf Tape aufgenommen. Das Ergebnis klingt knarzig, direkt und wie ein bierseliger Ritt auf einem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Genie. Denn natürlich kennt man die Zutaten, musikalische Innovationen sind es nicht, die diese Platte groß machen. Es ist der zupackende, Rock'n'Roll-Arbeiter-mäßige DIY-Ethos, der mit jeder Note mitschwingt. Der Mix von Jack Shirley (Tony Molina, Joyce Manor, Deafheaven) macht das Ganze zu einer voluminösen, irren Angelegenheit für Freunde unangepasster Punkrock-Klänge.  

"We Cool?" von Jeff Rosenstock ist am 6. März via Side One Dummy erschienen. Das Video zu "Nausea" ist hier zu sehen: 


Jeff Rosenstock - "Nausea" from Bryan Schlam on Vimeo.