Montag, 19. Oktober 2015

Konzertkritik: Millencolin in Lindau

Millencolin
Support: The Sigourney Weavers, Apologies I Have None
Club Vaudeville, Lindau
Donnerstag, 15. Oktober
Text und Fotos: Daniel Drescher

Vielleicht muss ich etwas persönlicher werden bei diesem Konzertbericht. Also nicht im Sinne von persönlich, wie wenn man jemanden beleidigen will. Eher im Sinne von Erinnerungen. Wobei ich mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern kann, wie ich zum ersten Mal auf Millencolin aufmerksam geworden bin. In meiner Metal-Phase zu Schulzeiten sah man eben das Logo auf Mäppchen hingekritzelt oder auf den Shirts der Skater-Fraktion. Im Physikunterricht gab es den Klassenkasper, der beim Millikan-Versuch immer versuchte, den Physiklehrer zu veralbern, indem er selbst nur vom "Millencolin"-Versuch redete. Haha.

The Sigourney Weavers rocken hart. Foto: Tinnitus Attacks
Jedenfalls war "Kingwood" wohl das erste Album, das ich mir von Millencolin holte. Ich mochte das Cover mit der Outdoor-Anmutung und hab mir das Album bei Rock am See in Konstanz mitgenommen. Dann gab's glaube ich noch einen Gitarrenworkshop in der Guitar, und die Riffs ließen sich prima mitschrubben. "Home From Home" folgte bei mir dann darauf, und Songs wie "Greener Grass" oder das Titelstück rannten bei mir zu der Zeit offene Türen ein, weil ich gerade genug von der düsteren Aggression und vom Pathos des Metal hatte. Aber in musikalischer Hinsicht bin ich Homer Simpson in der Szene, wo er einen Hund sieht, dessen Schwanz hochsteht, und er diesem hinterherrennt. Will sagen: Es gibt so viele gute Bands und so wenig Zeit, dass ich in den Jahren darauf immer wieder meinen Plattenschrank exzessiv ausgebaut hab. Von Millencolin holte ich mir "Machine 15" 2008 natürlich auch noch, "Detox" war meine Hymne. Aber "True Brue" hab ich dieses Jahr dann verpasst. Dafür sind mir in den vergangenen Jahren wie Apologies I Have None ans Herz gewachsen.
Sehr gut: Apologies I Have None.
Foto: Tinnitus Attacks

Die Londoner Punkrocker waren auch der eigentliche Grund für mich, nach Lindau zu gehen. Mit ihrem Album "London" machten es sich die drei Musiker in meiner 2012er-Bestenliste bequem. Und auch in Lindau bekam ich, was ich wollte: Songwriterische Großtaten wie "Long Gone" (diese Melodie!) und ""Sat In Vicky Park" (diese, auch, Melodie!) gaben mir die erhoffte Innenohr-Gänsehaut, die ich beim Hören diese Stücke immer bekomme. Wohliges Schaudern. Und auch die Vor-Vorband The Sigourney Weavers fand ich so überzeugend, dass ich mir ihre Vinyl-Scheibe vom Merchstand griff.

Aktivposten der Band: Mathias Färm
post, was das Zeug hält.
                       Foto: Tinnitus Attacks
Millencolin selbst? Haben mich positiv überrascht. Achtung, unnötiges Wortspiel: Alter Schwede, haben die gerockt. Das wilde Gepose von Mathias Färm hat mich in Kombi mit den schönen, alten Gitarren direkt an schwedische Rotzrocker der Marke Hellacopters erinnert (wohl weil deren Nicke Andersson auch immer die Mütze oder was er immer auf dem Kopf trägt, so tief ins Gesicht gezogen hat). Färm kniete verdammt oft am Bühnenrand und suchte den Kontakt zu den Fans, "segnete" sie mit seiner Gitarre (ich hab sie auch berührt, aber bisher ist mein Gitarrenspiel leider immer noch so rudimentär wie zuvor, keine Wunderwirkung durch Energieaustausch) und schredderte, was das Zeug hält. Nikolas Sarkevic ist nach seinem Solo-Akustikding auch wieder da, wo ihn die Fans am liebsten haben: Mit Bass am Mikro. Da krachen Klassiker wie "Penguins and Polarbears" genauso wie Songs vom neuen Album "True Brew". "Kemp", "Man Or Mouse", "Duckpond" - ja, mitsingkompatible Songs gibt's genug, und das agile Publikum - mit 600 Besuchern ist der Club fast ausverkauft - acht das auch, pogt, stürzt sich von der Bühne um auf Händen getragen zu werden und pfeift drauf, dass Freitag halt nochmal bei der Arbeit rangeklotzt werden muss. Und wieder einmal zeigt sich: Wer sich aufrafft und die Couch verlässt, hat mehr vom Abend.

Mehr Fotos gibt's auf meinem Flickr-Account.
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          Stark, immer noch: Millencolin räumen im Club Vaudeville ab.
                                                          Foto: Tinnitus Attacks


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