Freitag, 3. Juli 2015

Galerie der Klassiker: The Weakerthans - Ressurection Site

Eigentlich wollte ich mir ja hitzefrei nehmen heute. Oder zumindest die fünf besten norwegischen Black-Metal-Videoclips posten, mit denen man kühlen Kopf bewahren kann. 29 von 33 angesagten Grad sind schon erreicht. Aber dann - dieses Album hier ist bei mir so mit Ohren, Herz und Hirn verwachsen (ugh, wie man sich das bildlich wohl vorstellen muss?), dass mir nichts anderes übrig bleibt als drüber zu schreiben. 

Ich erzähl kurz, wie es anfing. Ein Epitaph-Sampler mit Videoclips. Darauf dann "The Reasons", der Kurzfilm. Ein großartiger Clip mit Musical-Anklängen und 50er-Jahre-Flair. Dann diese Lyriczeile: "I Know You Might Roll Your Eyes At This But I'm So Glad That You Exist." Textstellen, die einem noch Jahre später im Hirn herumspuken, gibt es zuhauf auf diesem dritten Album der Kanadier. "Plea From A Cat Named Virtute" ist in seiner Komplettheit zitierbar. Wenn Du auf diesem Blog surfst, ist das vielleicht gar nichts Neues für Dich, weil Du ohnehin gute Musik goutierst, aber: Dieser Song ist aus der Perspektive einer Katze geschrieben, die ihrem selbstmitleidigen Besitzer die Leviten liest. Das ist so fantastisch, dass einem gar nichts mehr einfällt. Der Song wurde von vielen Musikern gecovert, Frank Turner etwa. Den Nachfolgesong "Virtute The Cat Explains Her Departure" (von Reunion Tour 2007) hat Steven Page von den Barenaked Ladies neu interpretiert.

Zu den Klassikern gehören aber auch der Titelsong und das nachtblaue "Psalm For The Elks Lodge Last Call". Plus das wunderbare Intro/Outro, dessen Melodie auch noch an einer Stelle mitten in der Platte erklingt. Ein roter Faden mit einer überwältigenden Melodie. Was den Sound der Weakerthans aus der Masse heraushebt, ist vor allem John K. Samsons warme, samtige Stimme. Der Obersympath schreibt meiner Ansicht nach die wunderschönsten Lyrics, die sind nämlich eigentlich mehr Poesie als Songtexte. Denn oft erschöpfen sich Songtexte ja in argen Plattitüden. Samson hingegen spielt mit Sprache, malt mit ihr Bilder, erzeugt Kopfkino, weckt Emotionen. Und nichts ist ausgelutscht, keine Phrase, die man anderswo schon dutzendmal gehört hat. So muss es doch sein. Noch ein Beispiel gefällig? "When the bus-shelter windows and napkin-dispensers surprise with distorted reflections, it's never the someone you're hoping to recognize." Ist das nicht schön und unfassbar wahr? Ich finde ja.

Doch auch der musikalische Reichtum ist es, der diese Platte so zeitlos und grandios macht. Stephen Carroll greift neben Gitarre auch noch zur Lap Steel und Pedal Steel, Jason Tait darf neben dem Schlagzeug noch ein Glockenspiel und Keyboards bedienen. Folk und Country-Klänge mischen sich ebenso ins Bild wie angezerrte Gitarren. Alles in allem ist es ein sehr bedächtiges Album. Und mit "One Great City!" hat Ex-Propaghandi-Bassist John K. Samson seiner Heimatstadt Winnipeg eine ironisch-liebevolle Hommage komponiert, die zum Klassiker avanciert ist.

Das einzige, was ich den Kanadiern zum Minivorwurf mache, ist: Sie bringen eindeutig zu wenige Alben raus. Aber vielleicht höre ich gerade deshalb die existierenden Alben immer und immer wieder und weiß: sie sind eigentlich alle Musik, die ich brauche.

"Reconstruction Site" von The Weakerthans ist am 25. August 2003 via Burning Heart erschienen. Hier noch das Video zu "The Reasons".


The Weakerthans - The Reasons from The Field on Vimeo.

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