Montag, 15. Juni 2015

Pascow im Interview: "Wir hätten keine Lust, das jetzt noch mainstreamiger zu machen"

"Das ist Gimbweiler, nicht L.A." singen Pascow. Die Punkrocker aus dem kleinen Dorf Gimbweiler haben sich in den vergangenen Jahren mit Alben wie "Alles muss kaputt sein" und dem aktuellen Longplayer "Diene der Party" einen Namen gemacht. Am Wochenende sind Alex, Ollo, Sven und Flo in Aulendorf aufgetreten. Ein idyllisches im Schussental gelegenes Städtchen, von oberschwäbischer Beschaulichkeit geprägt und kaum 10 000 Einwohner habend. Tags zuvor waren sie noch in Karlsruhe. Bevor sie das "Irreal" mit ihrem schweißtreibenden Punkrock zur Sauna gemacht haben, nahmen sich die vier Musiker Zeit für ein Interview mit Daniel Drescher von Tinnitus Attacks. 

Tinnitus Attacks: Ihr habt am Freitag in Karlsruhe gespielt. Was verschlägt Euch in die oberschwäbische Provinz? Wie kommt der Auftritt in Aulendorf zustande? 

Ollo: Wir kommen aus einer Ortschaft, die noch viel kleiner ist.

Alex: Eine gewisse Grundsympathie ist da.

Ollo: Vor drei Jahren haben wir eine Weihnachtstour gemacht, nachdem „Alles muss kaputt sein“ erschienen war. Oliver (Inhaber des „Irreal“ in Aulendorf – Anm. d. Red.) hat uns ein paar mal angeschrieben und es hat nie geklappt. Aber auf dieser Tour hatten wir noch einen Termin frei. Dann sind wir mit Null Erwartungen hergefahren und es war ein Highlight auf dieser Fünf-Sechs-Tage-Tour. Es war so grundsympathisch alles und es hat einfach gepasst. Und bei diesem Fünferblock, den wir jetzt gespielt haben, dachten wir uns, wir spielen nochmal da wo wir ganz lange nicht mehr waren oder wo wir schon lange mal hin wollten. Und weil wir eh nach Davos wollten, wo wir vor zwölf oder 13 Jahren zuletzt waren, da liegt Aulendorf ja auf dem Weg. Da können wir das auch mal wieder machen.

Tinnitus Attacks: „Diene der Party“ ist schon ein paar Tage draußen und wurde noch stärker wahrgenommen als ihre Vorgänger. Was hat sich mit der Platte für euch verändert? 

Alex: Das stimmt schon. Es war wirklich so, dass es nochmal ein Stück vorwärts ging und dass ein paar Leute mehr, auch außerhalb der Punkrockszene, die Platte auf dem Schirm hatten. Dass Leute außerhalb unseres Dunstkreises auf usn aufmerksam geworden sind, ging bei „Alles muss kaputt sein“ los.  Aber das war mit der aktuellen Platte nochmal stärker. Es gab Leute, die uns für eine Newcomerband gehalten haben und dachten, dass das unsere erste oder zweite Platte ist. Auch die Konzerte sind etwas größer geworden.

Idylle in Aulendorf : "Eine gewisse Grundsympathie
ist vorhanden."                     Foto: Melanie Braith
Ollo: Wir haben auch gemerkt, dass sich die Aufmerksamkeit, die wir mit „Alles muss kaputt sein“ bekommen haben, verfestigt hat. Bei „Alles muss kaputt sein“ war die Wirkung anfangs gar nicht so groß was Konzerte angeht. Als „Diene der Party“ dazu kam, haben wir in Berlin vor 600 Leuten gespielt, wo wir vorher vor 150 aufgetreten sind. Das ist schon eine deutliche Steigerung.

 Sven: Das war für uns überraschend. Die Läden, die unser Booker Umberto vorgeschlagen und dann auch gebucht hat...als wir gesehen haben, wieviel Leute da eigentlich reingehen, dachten wir, das kriegen wir vielleicht halbvoll, das war's dann. Aber das war echt eine Überraschung, als dann alle Locations voll waren. Ich dachte vor dem Konzert: Jetzt spielt als nächstes eine große Band – das waren dann aber wir. Mit The Baboon Show waren wir ja auf Tour, und das war dann wirklich so: Backstage war man in so Katakomben, dann bist du hoch und hast geschaut, auf die Bühne, in die Menge...

Alex: ...und bist wieder runter (lacht).

Sven: Ne, das war schon...wie so ein Traum...irreal halt.

Tinnitus Attacks: Was an „Diene der Party“ auffiel, waren zum einen die zugänglicheren Texte. Aber auch: Wie viele unverbrauchte Riffs und Gitarrenparts man auf einer Punkrock-Platte abfeuern kann. Gerade so zweistimmige Parts in „Zeit des Erwachens“. Wie kommt man denn auf etwas, was nicht abgegriffen klingt?

Alex: Man darf sich nicht selbst in einen Käfig setzen. Bei manchen Stellen, gerade bei zweistimmigen Gitarrenparts, haben wir gedacht: Alter, kann man das machen? Das ist eine Punkrockplatte, da kannst Du doch keine Iron-Maiden-Sachen machen. Aber dann haben wir's im Studio gemacht, fanden es im ersten Moment lustig und im Kontrast zu den ernsten Texten und dem ganzen Song war es dann doch stimmig.

Ollo: Da spielt die Vorgeschichte auch eine Rolle. Wir haben relativ lang an dieser Platte gearbeitet, zumindest am ersten Teil. Da waren wir so richtig in der Krise. Es war nicht klar, ob die Platte überhaupt erscheint und ob es die Band noch länger geben wird. Das war, als wir im Sommer ein Open Air mit den Ärzten und den Toten Hosen gespielt haben. So richtig aus dem Quark gekommen sind wir nicht, hatten alle viel Arbeit. Aber als wir an dem Punkt waren, wo wir gesagt haben Arschbacken zusammen, Platte aufnehmen, da war auch so eine gewisse Narrenfreiheit da. Ok, kann sein, dass es die letzte Platte ist oder sie erscheint nie, wenn sie uns nicht gefällt. Also sind wir musikalisch kompromissloser geworden und haben textlich die Hosen heruntergelassen. „Lettre Noir“ ist ja für uns ein plakativer Song.

Tinnitus Attacks: Auf den es vermutlich auch Reaktionen gab? 

Alex: Wir haben uns da wirklich auf Reaktionen eingestellt, aber da kam eigentlich recht wenig, es gab ein zwei Mails, aber wir hatten mit einem Shitstorm gerechnet. Freiwild haben ja doch ihre Fanbase.

Ollo: Das Positive scheint zu sein, dass die Schnittmenge zwischen Pascow-Fans und Freiwild-Fans gleich Null ist.

Tinnitus Attacks: Wie muss man sich das bei der Themenwahl vorstellen? Wann sagt Ihr: Das wollen wir in einem Song aufgreifen? 

Alex: Das ist ein Stück weit Zufall. Wenn wir einen Song schreiben, sing ich einfach irgendwas, noch ohne Text. Und dann ist da so ein Satz, den ich gern in dem Text unterbringen würde. Wenn der reinpasst, bau ich den Text drumherum. Vor „Diener der Party“ habe ich die Texte mit anderen Sätzen ergänzt, ob sie dann Sinn machen, war mir egal. Dieses Mal hab ich schon überlegt, wenn ich den Satz hier singe, dann hat das den und den Sinn, dann muss der ganze Text dazu passen. Das war beim Songwriting und Texten anders.

Tinnitus Attacks: Wie kam es, dass die Texte jetzt nicht mehr so kryptisch sind wie bisher? 

Keine Frage.                      Foto: Daniel Drescher
Alex: Das war eine bewusste Entscheidung. Am Anfang, als wir damit anfingen, habe ich das Gefühl gehabt, dass das etwas relativ Neues war. So Deutschpunk à la Knüppel aus dem Sack hat man genug gehört. Was kann man anders machen war die Frage. Aber mittlerweile gab es in den vergangenen Jahren ein paar Bands, die das auch so gemacht haben, und gut gemacht haben. Nur hatte ich das Gefühl, dass es durch ist. Bei der fünften Platte nochmal das Gleiche machen wollten wir auch nicht. Es hat länger gedauert und war anstrengender, aber es hat sich gelohnt. Wir sind alle zufrieden damit. Ich hab die Texte diesmal auch vorher rumgeschickt. Bis dahin wusste keiner bis zu den jeweiligen Aufnahmen, was ich so singe.

Flo: Bei „Lettre Noir“ war es eine Diskussion: Wollen wir das so aufnehmen? Da hat Alex gemerkt, dass wir zu einem Konsens kommen müssen, weil wir alle dahinter stehen müssen.

Tinnitus Attacks: Wenn man sich die Themen auf dem Album anschaut, Flüchtlingspolitik etwa. Wie hat sich das seither entwickelt? 

Alex: Gerade bei dem Song „Zeit des Erwachens“ war es erschreckend. Wir haben den Text geschrieben, als das gerade gar kein großes Thema war. Dann kam die Platte raus und es ging los. Man hat es ständig gehört. Das kam einem vor wie die Geister, die man rief. So etwas kann man nicht planen, aber es ist erschreckend, wie einen die Realität mit so einem Horrorszenario einholen kann.

Tinnitus Attacks:  Wie politisch empfindet Ihr die Punkszene aktuell? Und kann Musik überhaupt etwas ändern? 

Alex: Ganz unterschiedlich. Es gibt eine politische Punkszene, aber es gibt auch eine Szene, die das nicht so ganz konkret macht.

Ollo: Wo die Musik im Vordergrund steht und nicht die Politik.

Alex: Ich glaub insgesamt schon, dass viele in der Szene stärker sensibilisiert sind als noch vor zehn Jahren.

Ollo: Auch durch gesellschaftliche Themen wie Stuttgart 21 und das Wutbürgertum. Viele setzen sich mit gewissen Themen auseinander. Aber dass die Punkszene politischer geworden ist, glaube ich nicht. Auch da gibt es Politikverdrossenheit, wie in anderen Gesellschaftsschichten auch.

Alex: Ich glaub, innerhalb der Punkszene es gibt auch kleine Subszenen, wo es stärker politisch zugeht. Aber das war auch schon immer so.

Pascow in Aktion.
                Foto: Daniel Drescher
Tinnitus Attacks: Wo seht Ihr Euch selber? 

Alex: Wir sehen und schon als politische Band. Daraus haben wir auch nie einen Hehl gemacht. Als Band hast du auch eine gewisse Verantwortung, was Du auf der Bühne sagst, aber auch wie Du Dich verhältst. Es kann nicht schaden, sich dieser Verantwortung zu stellen. Sich immer hinter etwas zu verstecken unter dem Deckmantel unpolitisch zu sein, das ist auch nicht toll.

Tinnitus Attacks: Gibt es schon Pläne oder Songs für ein neues Album? 

Alex: Wir haben schon einige Baustellen. Aber es gibt noch ein anderes Projekt, das ansteht, zu dem wir aber noch nichts sagen dürfen. Es wird etwas anderes geben als eine neue Platte. Es ist etwas, das für uns auch totales Neuland und mit viel Aufwand verbunden ist. Das haben wir vorgeschoben, um Zeit zu haben. Aber wir sind dabei, neue Songs zu schreiben.

Tinnitus Attacks: Wie seid Ihr zum Punk gekommen? Warum macht Ihr diese Art von Musik und nicht, sagen wir, Deutschrap?

Alex: Jeder von uns hat da seine eigene Erfahrung mit Punk gemacht.Wir sind alle keine Neulinge. Aber wir sind alle erst so richtig durch die Band in die Punkszene reingerutscht. Jeder von uns hat die Punkmusik gekannt und gut gefunden. Aber was es alles in der Szene gibt, haben wir erst mit der Band gelernt...AJZs, alternative Wohnprojekte, Leute, die ihr Leben komplett anders führen, der ganze Crust-Kram...

Alex, Ollo, Sven und Flo mit Daniel (links) von Tinnitus
Attacks.                           Foto: Melanie Braith
Ollo: Musikalisch waren es die ganz klassischen Einstiegsdrogen. Hosen, Ärzte, Brieftauben, Bad Religion, was man in den 90ern hatte, Misfits.

Alex: Der erste Song ist enstanden, als Ollo mit einer Misfits-CD zu mir kam. Und ich so: Das ist gut! Und gar nicht so schwer zu spielen. Der Proberaum war im selben Gebäude, wo wir auch gewohnt haben. Es gab eine Vorgängerband von Pascow, und der erste Song war eigentlich ein Misfits-Abklatsch.

Tinnitus Attacks: Euer Name ist aus „Friedhof der Kuscheltiere“ entlehnt. Woher kommt die Begeisterung für Stephen King, auf den ja auch „Castle Rock“ anspielt? 

Ollo: Ich glaube, es wäre übertrieben zu sagen, dass wir Fans sind. Der Name Pascow, das war auch so ein Zufall. Alex sagte zu mir: Wenn wir mal eine neue Band machen, soll die Pascow heißen.

Alex: Ich hab das Buch mit 14 gelesen und gesagt: Wenn ich mal eine Band hab, soll die so heißen. Dann gab es noch ne andere Band mit einem viel schlimmeren Namen. Und als die sich aufgelöst hat, konnte man mit dem Pascow-Ding kommen. Das mit den „Goonies“ und „Stand by Me“ gab es ja auch immer, das war schon auf der ersten Platte Thema. „Castle Rock“ ist der Ort, wo sich letztere Geschichte abspielt, und auch der Name der Produktionsfirma von Stephen Kings Filmen.

O'llo: Diese Kindergang-Romantik, die diesen Themen anhaftet, da findet man sich auch selber drin. Wir sind auch in einem kleinen Dorf aufgewachsen und durch die Wälder gestreift. Das ist ein Stück Identität.

Tinnitus Attacks: Ihr seid viel auf Tour. Könnt Ihr von der Musik leben? 

Alex: Wir leben nicht davon. Es war mal kurz ein Wochenende lang Thema als wir gefragt wurden, ob wir uns das vorstellen können. Aber uns war schnell klar: Nein, das wollen wir nicht.

Ollo: Wir haben uns auch zu alt dafür gefühlt und in den eigenen Jobs zu gefestigt. Ein Vorteil ist aber die musikalische Freiheit. Morgen können wir mit Cembalo und Triangel auf die Bühne gehen und haben keine finanziellen Nachteile davon.

Sven: Auch abseits vom Komponieren zu tun, was man will, das geht so viel besser. Wenn man davon leben will und die Miete reinbekommen muss... Wenn Du ein Konzert angeboten bekommst, auf das Du gar keine Lust hat, aber Deine Familie ernähren musst, musst du Kompromisse eingehen. Und wenn man ständig auf Tour wäre, verliert man vielleicht auch den Spaß daran.

Punkrocksauna im Irreal.             Foto: Daniel Drescher
Alex: Als wir zu „Alles muss kaputt sein“ so extrem viel getourt sind, war das auch ein bisschen so. Da haben wir jedes Wochenende gespielt, saßen immer im Bus und dachten: Das ist immer das gleiche, Du machst Deinen Job. Die Konzerte waren richtig gut, aber da hatten wir keinen Bock mehr drauf. Und ohne jetzt tiefstapeln zu wollen: Um von der Musik leben zu können, muss man auch Mainstream sein. Das sind wir nicht. Für unsere Verhältnisse sind wir schon weit gekommen, aber wir hätten keine Lust, das jetzt noch mainstreamiger zu machen. Wir haben ja auch Muff Potter kommen und gehen sehen. Die haben es ja auch versucht und es hat ein paar Jahre lang gut geklappt, aber ich vergesse nie das Interview mit Nagel: Nachdem Muff Potter aufgehört haben oder als sie in den in den letzten Jahren vom Major weg waren, wurden sie gefragt, warum sie das alles machen, mit der Band touren, dieses Festival, das Konzert spielen, Ihr seid doch eine Punkband, da sagte er: Was sollen wir denn machen? Von uns hat keiner einen Job, wir haben immer nur Musik gemacht seit wir 16 sind. Wir haben immer alles auf eine Karte gesetzt und jetzt müssen wir halt. Das war für mich ein Erkenntnismoment. Es ist so leicht wenn man als Hobbypunk Muff Potter etwas vorwirft, aber die hatten ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet. Dann musst Du das ganz anders bewerten.

Tinnitus Attacks: Was hört ihr eigentlich so privat? 

Ollo: Ganz unterschiedlich...im Bandbus...

Alex: ...läuft nur Schrott (lacht).

Tinnitus Attacks: Ok, definiere Schrott.

Alex: Schrott ist immer das, was die anderen hören.

Tinnitus Attacks: Das trifft es ziemlich gut.  

Ollo: Das kommt immer drauf an wer fährt und Musik macht. Sven kommt eher so aus der Rock- und Metal-Abteilung.

Sven: Ich hör auch alles, was weiß ich, Funk etwa, was es mir gerade sehr angetan hat, ist Lisa and the Lips, da singt die Sängerin von den Bellrays, mehr so Oldschool-Soul, das finde ich geil. Aber auch aktuelle Rockbands aus Schweden oder Skandinavien allgemein, oder gern mal Death Metal. Gestern hab ich mir eine alte Sepultura gekauft. Was halt Gitarren hat und cool ist aus meiner Sicht.

Alex: Auch viel Punk und Hardcore.

Flo: Wenn Hardcore, dann aber ohne diesen ganzen Proll- und Machofaktor. Das geht definitiv gar nicht, aber ansonsten geht das schon ganz gut.

Alex: Worauf wir uns einigen können, und das ist auch die Quintessenz der Band: Wir stehen alle auf gute Songs. Wenn ein Song eine gute Melodie hat und funktioniert, dann ist es relativ egal, welche Musikrichtung es ist. Wenn Dich ein Song packt, dann packt er Dich.

Aufgeschrieben von: Daniel Drescher.

Nachtrag: Das Konzert selbst im Irreal war dann richtig irre. Nachdem die Vorband "Patrick F. Patrick" ihren Job gut gemacht hatte, verwandelten Pascow den kleinen Raum mit rund 50 Nasen in eine hitzige Punkrocksauna. Fenster geschlossen, wir sind ja nicht in der Großstadt und die Anwohner brauchen ihren Schlaf - und das Set mit neuen Songs wie "Lettre Noir" und alten Schoten der Marke "Trampen nach Norden" war ein Fest. Als Alex' Brillenband (Punkrock!) schlapp machte, ließ er sich die Sehhilfe am Kopf festtapen, das half aber auch nichts. Ein intensiver, denkwürdiger Abend! Danke Pascow! Jederzeit wieder. 

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