Freitag, 1. Mai 2015

Hörtest: Superheaven - Ours is Chrome

Da lässt sich nichts beschönigen: Die 90er waren teils gruselig. Eurodance. Boybands. Buffalos. Aber die 90er waren auch: Grunge. Kalter Krieg überwunden (dachte man). Nicht die 80er. Die US-Band Superheaven erinnert mit ihren wuchtigen Riffs und der düsteren Grundstimmung an das Seattle Anfang dieser Dekade, die so viel mehr zu bieten hatte als es Oliver Geissen je in seinen halbseidenen Sendungen einfangen könnte. 

Nach 13 Sekunden Introriff kommt der erste Haken, und der trifft. Wenn die neue Platte von Superheaven ein Film wäre, dann so einer, in dem sich der Regisseur nicht erst mit langem Vorgeplänkel aufhält. Der Zuschauer wird unvermittelt in die Handlung geworfen. So ist das auch hier. Wir finden uns mitten in meterhohen Riffs wieder, die Melancholie hängt in der Luft wie eine dicke Patschuli-Wolke. Und das war erst der Opener "I've Been Bored".

Mit dem zweiten Song "Next To Nothing" hat das Quartett aus Doylestown, Pennsylvania, einen verdammt starken Pfeil im Köcher. Wenn die Welt gerecht wäre, müsste dieser Song zu einem Hit werden wie seinerzeit "It's Been Awhile" oder "Higher" von Creed. Denn auch an deren Post-Grunge erinnern Superheaven mit diesem Song. Hört Euch nur mal die dicken Gitarren und den güldenen Schnörkel im Refrain an. Nur mit einem Unterschied: Auf den Pathos von Staind und das Sendungsbewusstsein von Creed verzichten Superheaven. Stattdessen geben sie sich ganz der Verzweiflung hin, die - jedenfalls für mich - immer die besten Grunge-Songs ausgemacht hat, ob das jetzt "Angry Chair" von Alice in Chains war oder "Burden in My Hand" von Soundgarden. Das machen schon Songtitel wie "All The Pain" und "Gushin' Blood" deutlich, und auch die Texte spiegeln das wider.

Ein paar Elemente tragen den Sound der Band: Da sind die Gitarren, die teilweise mit prächtiger Verzerrung, teilweise mit wabernder Cleanheit (Cleanesse? Cleanigkeit?) durch die Boxen bollern. Da ist der Gesang von Gitarrist und Sänger Taylor Madison. Und da sind die Melodien, die unaufdringlich wirken wie ein Partygast, der sich an der Wand entlangrobbt, weil er niemandem im Weg stehen will und hier eh niemanden kennt. Das Tempo ist fast  durchgängig gezügelt (und wirkt selbst bei schnelleren Nummern wie "Downswing" herrlich verschleppt), die Riffs sind zäh wie Lava. Wer sich beim Joggen vom MP3-Player beschallen lässt, muss für diese Platte auf entspanntes Gehen runterschalten. Mit "Poor Aileen" endet das Album programmatisch mit einem melodiösen Hit. Ein Tipp noch für perfekten Hörgenuss: laut, ok klar. Aber: Wenn es regnet, entfaltet sich der Sound am besten. Zur Not bittet einen Freund, von außen mit einem Gartenschlauch gegen Euer Fenster zu sprühen.

"Ours is Chrome" von Superheaven erscheint am 8. Mai via Side One Dummy. Hier noch das Video zu "Next To Nothing". 


Superheaven - Next To Nothing (Official Video) from SideOneDummy on Vimeo.

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