Samstag, 23. Mai 2015

Hörtest: Anti-Flag - American Spring

Jahr Nummer 22. Album Nummer neun. Anti-Flag bleiben relevant und fügen ihrem Schaffenskanon auf „American Spring“ neue Hymnen und wichtige Kritikpunkte hinzu. Und wenn man sich die Welt so anschaut, ist eh klar: Wir brauchen Bands wie die amerikanischen Punkrocker. 

Allein schon die Story zum Video der ersten Single „Fabled World“. Das Lyric-Video wurde von einem Russen gefilmt und von einem Amerikaner betextet. Klare Kritik äußerten sie an Politikern, die andere Länder zum Feindbild hochstilisieren. Auf Absolute Punk war zu lesen, dass die Band mitten in der aktuellen Krise in Russland und der Ukraine war und auf ihrer Reise in dem Glauben bestärkt wurden, dass die durchschnittlichen Bürger ähnliche Hoffnungen und Träume hätten – und mehr Gemeinsamkeiten als die Politiker ihrer Länder. Es sind genau solche Gesten, die so wichtig sind. Bei allem, was derzeit auf der Welt schief läuft, haben Anti-Flag dann auch auf einen Schwerpunkt oder ein Konzept verzichtet. Thematisch setzen sie sich mit vielen Missständen auseinander, und natürlich gibt es auch zu jedem Song einen erklärenden Essay. Weiterführende Literatur, Medientipps und Anlaufstellen für Menschen, die aktiv werden wollen, sind auch wieder im Booklet aufgeführt – soweit, so bekannt.

Mit „The General Strike“ schienen Anti-Flag ein neues Feuer zu entzünden (passend das Cover dazu mit den Streichhözern). Zuvor war mit „The Bright Lights of America“ ein schwaches Album und mit „The People Or The Gun“ ein durchschnittliches erschienen. Doch seit der rohen Streik-Platte läuft der Laden wieder. Und mit „American Spring“ machen Anti-Flag nachdrücklich deutlich, warum sie gebraucht werden. Die drastische Kritik am amerikanischen Drohnekrieg im düsteren „Sky is Falling“. Die Warnung vor der Kluft zwischen Arm und Reich in „The Great Divide“. Das Unverständnis über sorglose Umweltverschmutzung in „The Debate is Over“. Die Songs sind groß, haben Punch und Melodie und es gibt auch einige neue Klassiker fürs Live-Set. Unbestrittener Favorit meinerseits ist da das aus dem Rahmen fallende „Brandenburg Gate“. Ich dachte zuerst, es sei vielleicht ein Cover eines alten Protestsongs, den ich nicht kenne. Als Gast ist Tim Armstrong von Rancid mit dabei, und was es mit dem Song auf sich hat, hat mir Chris #2 in einem Interview kürzlich erzählt (Online-Langversion klicken, da ist die Frage drin). Und auch bereits erwähnter Opener „Fabled World“ wird sich nahtlos zwischen Klassiker wie „Turncoat“ und „One Trillion Dollars“ einfügen. Stark auch „Without End“ (entstand unter Beteiligung von Tom Morello, der auch auf dem Song zu hören ist) mit seinem Groove, der schon im Wohnzimmer argen Hüpfdrang befeuert.

Anti-Flag erfinden sich mit „American Spring“ innerhalb ihrer stilistischen Grenzen nochmal neu und bieten dem Erwartungsdruck die Stirn. Punk, der nicht platt ist, nicht nur anprangert, sondern auch sagt, wie die Welt besser wäre, musikalisch in euphorische Songs verpackt – jap, es macht Spaß, dieser Band beim Altern zuzusehen. Das sehr starke Artwork ist dann schlussendlich die Sahnehabue oben drauf.

„American Spring“ von Anti-Flag ist am 22. Mai via Spinefarm erschienen. Mehr Infos:  www.anti-flag.com.  

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