Freitag, 3. April 2015

Hörtest: Jeff Rosenstock – We Cool?

Willkommen in der Welt von Jeff Rosenstock, wo sich die Punkgitarren mit den 8-Bit-Sounds die Hand geben und man immer kurz vorm Durchdrehen scheint. Der Mann, den man vielleicht von seinem Musikprojekt „Bomb The Music Industry!“ kennt, veröffentlicht mit „We cool?“ seine neue Soloplatte. Und die entpuppt sich als Trip durch einen, öhm, trippigen Bonbonladen, in dem Dir die Jelly Beans um die Ohren fliegen.

Es geht los mit hibbeligen Gitarren, Gesang, Drumbeats. Kurz nachdem im Opener „Get Old Forever“ die Ein-Minuten-Grenze überschritten ist, explodiert der Song und rennt einen förmlich um wie der Hulk einen Gegner. Glockenspiel und Blechbläser gesellen sich zu diesem Parforce-Ritt und am Ende applaudieren die Leute. Jeff Rosenstock hat mit „We Cool?“ eine Lehrstunnde aufgenommen, die zeigt, wie Musik sein kann: Überraschend, leidenschaftlich, durchgeknallt. Nehmen wir nur „Nausea“, diesen Indiehit mit dem Konfettikotz-Video: Da gibt es mehrstimmigen Chorgesang, auch wieder Bläser, ein Klavier und einen Text zum Mitgrölen. Dann kippt die Stimmung in „Beers Again Alone“, ein schwankendes Stück mit Mundharmonika und Katerfeeling. Zuvor wurde man in „Novelty Sweater“ Zeuge, wie die knackige Basslinie von 8-Bit-Spielereien angerempelt wird und sich dazu ein Biffy-Clyro-artiger Gesang zu dieser Begegnung der dritten Art gesellt.

Diese Gameboy-Sounds tauchen auch nochmal in „Polar Bears of Africa“ auf und veredeln ja eh grundsätzlich Songs (man höre auch My Morning Jackets „Touch me I'm going to scream part 2“). „Hey Allison“ ist ein kann knapp zweiminütiger Feger, der Pogotänze geradezu provoziert. Das Album zerfasert gegen Ende, die letzten drei Songs wirken wie kauzige Songskizzen, die sich gegen gängige Schemata auflehnen. „Darkness Records“ macht den Sprung von Mitsing-Hymne über Schraddel-Orkan und lässt Streicher, Klarinetten und nochmals ein Glockenspiel den Song leise ausklingen. 36 Minuten Wahnwitz mit überbordender Gitarrenpower. Da kann man beinah ausblenden, dass sich der amerikanische Musiker auf dieser Platte mit seinen langjährigen Depressionen auseinandersetzt. 

Jeff Rosenstock hat eine bewegte musikalische Vergangenheit. Zulettzt machte er als Produzent des gefeierten Debüts der Smith Street Band von sich reden. Jetzt hat er zusammen mit Hard-Girls-Gitarrist Mike Huguenor, Kevin Higuchi (Schlagzeuger der Bruce Lee Band) und dem früheren Bomb-the-Music-Industry!-Bassisten John DeDomenici zwölf Songs live auf Tape aufgenommen. Das Ergebnis klingt knarzig, direkt und wie ein bierseliger Ritt auf einem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Genie. Denn natürlich kennt man die Zutaten, musikalische Innovationen sind es nicht, die diese Platte groß machen. Es ist der zupackende, Rock'n'Roll-Arbeiter-mäßige DIY-Ethos, der mit jeder Note mitschwingt. Der Mix von Jack Shirley (Tony Molina, Joyce Manor, Deafheaven) macht das Ganze zu einer voluminösen, irren Angelegenheit für Freunde unangepasster Punkrock-Klänge.  

"We Cool?" von Jeff Rosenstock ist am 6. März via Side One Dummy erschienen. Das Video zu "Nausea" ist hier zu sehen: 


Jeff Rosenstock - "Nausea" from Bryan Schlam on Vimeo.

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