Samstag, 17. Januar 2015

Hörtest: Atlas Losing Grip - Currents

Verdammt. Der Kapitän geht von Bord. Rodrigo Alfaro, Sänger und Fronter von Atlas Losing Grip, ist vor der Veröffentlichung des neuen Albums ausgestiegen. "Currents" zeigt neue Seiten der schwedischen Punkrocker, aber glücklicherweise auch alte Stärken. 

Das Intro von "Sinking Ship" ist Metal-Pathos in Reinform. In cleane Noten zerlegte Akkorde, dazu gesellen sich ein paar verzerrte Gitarren, dann stimmen Bass und Schlagzeug mit ein - so klingt Metallicas "Battery" auch, bevor es zur alles zerschrotenden Thrash-Abrissbirne wird. Was Atlas Losing Grip dann im ersten Song ihres neuen Albums loswerden wollen, ist ein Aufruf zu Selbstbestimmung. Freier Wille. Keine Ausreden. Dabei zitieren die schwedischen Punkrocker um Rodrigo Alfaro den indischen Widerstandskämpfer und Politiker Jawaharlal Nehru ebenso wie die kanadischen Progressivrocker Rush ("Free Will"). Alfaros Stimme ist so markant wie eh und jeh, der Song macht einmal mehr klar, dass Gott für den ehemaligen Frontmann der Satanic Surfers nur ein Mythos ist, den man nicht zu seiner Lebensgrundlage machen sollte.

Ein gängiger Musikerwitz besagt, dass diejenigen Punk spielen, die nicht genug geübt haben, um Metal zu machen. Atlas Losing Grip führen beide Musikstile zusammen. So steigert sich "Nemesis" etwa gegen Ende in einen kleinen Rausch, "Closure" setzt dann genau solche Akustikgitarren ein, die auch Powermetaller wie Jag Panzer punktuell verwenden (man höre "Chain of Command" auf "The Age Of Mastery"). "Kings and Fools" hat nicht nur klassische Punk-Instrumentation zu bieten, Trompete und Flügel kommen - dezent - zum Einsatz.  Bei "Downwind" gibt es ganz klassische Twin-Gitarren, bevor der Song in den Punkrockmodus schaltet. Soliert werden darf auch mal - weil man kann. Hymnische gehaltene Songs, aufbauende Texte, Ein winziges Elektro-Spielerei erlaubt sich die Band in "Through The Distance", aber das fällt wirklich nicht ins Gewicht. Wer Namedropping betreiben will, kommt an Bad Religion, No Use For A Name und Iron Maiden nicht dabei. Und dann ist immer noch Zeit für Experimente wie "Cold Dirt" und das letzte, fast zehnminütige Lied auf dem Album, "Ithaka", die musikalisch auch in neue Richtungen drängen. Verständlich, dass man als Band auch mal neue Sounds ausprobieren möchte - am besten klingen Atlas Losing Grip aber, wenn sie drauflosholzen. "Ithaka" evoziert dabei die Melancholie, die auch aus den Akustikgitarren der schwedischen Death-Metal-Superstars In Flames sprach (auf den ersten paar Alben halt).

Die Texte sind sehr persönlich gehalten, immer wieder kommen maritime Metaphern zum Einsatz (das Cover ziert ja auch ein Leuchtturm), so etwa in "Cast Anchor". Anders als "State of Unrest" wirkt das Album nicht so dringlich, an manchen Stellen fast schon introspektiv.

Auch wenn das Album nicht so stark ist wie "State of Unrest" - den Abgang von Rodrigo Alfaro bedauern viele.  In einem Statement auf Facebook heißt es dazu: "Rodrigo is no longer a part of ALG since a couple of weeks back. We decided to part ways after long discussions back and forth about touring schedules, commitment and the fact that we see the band differently and live different lives, which determines how much one can be on tour or not. (...)".

Es gibt auch bereits einen Ersatz. Niklas Olsson übernimmt das Mikro, in einem Videoclip zum Album und dem Lyric-Video zu "Cynosure" kann man sich ein Bild von seiner Stimme machen.

"Currents" von Atlas Losing Grip ist am 16. Januar erschienen. Mehr Infos auf der offiziellen Internetseite

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