Mittwoch, 30. Dezember 2015

Jahresrückblick: Tinnitus Attacks' Top Ten Platten 2015

Ich weigere mich eigentlich konsequent, keine neuen Bands zu entdecken und mich auf dem auszuruhen, was ich bereits kenne. Trotzdem ist 2015 für mich eher ein Jahr gewesen, in dem ich viele Bands in dieser Bestenliste habe, die mich schon lange begleiten. Aber es sind auch Musiker dabei, die ich jetzt erst liebgewonnen habe. Wie bereits in den Jahren zuvor gilt: Der Wertung in dieser Top Ten liegt ein zutiefst pseudomathematischer Koeffizient zugrunde. Zahl der Hördurchläufe mal Grad der Faszination, und das irgendwie so korreliert. Mit einem Klick auf Bandnamen und Albumtitel gelangt Ihr zur Rezi, die dazu jeweils erschienen ist.

10.) Anna von Hausswolff - The Miraculous


Die Dame war mir komplett unbekannt. Und ich dachte auch nicht, dass mich ein Album, auf dem eine 29-Jährige Orgel spielt, so dermaßen von den Socken hauen kann. Aber hat es. Was Anna von Hausswolff hier auffährt, ist so eigen, so tiefsinnig, so schön und so verwunschen, dass es kaum eine passende Schublade dafür geben kann. Und wenn, werde ich den Tisch eigenhändig aus dem Fenster schieben und seine Überreste mit einer Axt kleinhacken. Dieses Album braucht keine Genregrenzen, sie stehen einem nur im Weg, wenn man die Genialität der jungen Frau erfassen will. Hoffentlich kommt da noch ganz viel.


9.) Teenage Bottlerocket - Tales Of Wyoming

Die Band gibt es ja auch schon länger. Aber beim Pirate Satellite Festival in Stuttgart sind sie mir dann aufgefallen. Und zwar gleich so, dass eine Platte mitmusste. Darauf sind so fiese Ohrwürmer wie "They Call Me Steve", die Minecraft-Hymne mit dem Video, das genauso ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Oder "I Found The One", das Liebeslied, das sicher niemals im Radio gespielt werden wird wegen seiner unsagbar romantischen Textzeilen. Und "Haunted House". Punkrock kann so simpel und effektiv sein. Leider hat die Geschichte der Band dieses Jahr eine traurige Wendung genommen. Drummer Brandon Carlisle fiel ins Koma und starb am 7. November.

8.) Iron Maiden - The Book Of Souls

Kann das wirklich wahr sein, dass es keine Besprechung auf dem Blog gab? Ich war mir sicher, dass ich Euch von der Grandiosität vorgeschwärmt habe, auch wenn hier Innovation keine Rolle spielt und die Band sich natürlich auch bei sich selbst bedient, man fragen darf, ob es gleich ein Doppelalbum sein musste und ob es progressiv ist, die immer gleichen Gitarrenfiguren herunterzugniedeln. Aber: "The Empire Of The Clouds" sag ich nur. Ein 18 Minuten langes Epos, das Bläser und Streicher auffährt, was auch noch gut geht, und was einer der besten Songs der Briten ever ist. Schade, dass ihn die Metalinstitution vielleicht nie live darbieten wird.

7.) Modest Mouse - Strangers To Ourselves

Modest Mouse und ich, das ist eine reine und langlebige Liebe. Seit Jahren begleiten mich die kauzigen Songs der Band um Frontmann Isaac Brock, der so herrlich manisch wie kaum jemand anderes seine Lyrics ins Mikro kotzt. "Strangers To Ourselves" ist das erste Lebenszeichen seit viel zu langer Zeit, und obwohl viel passiert ist, haut hier eigentlich alles hin. Und mit Songs wie "Lampshades" und dem übergroßen Stampfer "The Ground Walks, With Time In A Box" setzen sich Modest Mouse auch in einem Jahr, in dem Indierock dated scheint, in Ohr und Herz fest.


6.) Courtney Barnett - Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

Eins der  besten Indierockalben des Jahres. Die Australierin klingt, als ob Nirvana eine Frau am Mikro hätten und plötzlich auch mal gute Laune hätten zur Abwechslung. Mit ihrem rumpeligen Sound und den cleveren Texten hat sich die 27-Jährige viele Freunde gemacht. Kein Wunder, bei Songs wie dem bedrückend wahren "Depreston" oder "Nobody Really Cares If You Don't Go to the Party". Und den Preis für die beste Textzeile des Jahres hatte sie mit "Give Me All Your Money And I'll Make Some Origami Honey" ja eh schon sicher.

5.) Belle & Sebastian - Girls in Peacetime Want To Dance

Was ich mit dieser Band verbinde, spielte sich nächtens auf dem Southside Festival ab, vergangenes Jahr war das. Die Band stand auf der roten Zeltbühne. Und ich stand davor. Ein breites Grinsen im Gesicht. Was diese Band an positiven Emotionen und Glückshormonen in dieses Zelt zauberte, das fand ich einzigartig. Bis dahin kannte ich vielleicht ein zwei Lieder der Band. Als dann dieses Album zum Besprechen da war, war klar: Muss sein. Das Cover sieht nach einem Theaterstück in einem Wes-Anderson-Film aus, die Songs sind wie damals in der Nacht: glücklich machend.

4.) Enter Shikari - The Mindsweep

Mit ihrem vierten Studioalbum haben sich Enter Shikari einen großen Schritt nach vorne gemacht. Auf "The Mindsweep" lenken die Briten ihren Krawallsound in geordnetere Bahnen. Das heißt aber nur, dass die Hölle dann eben in einem Moment losbricht, in dem es zuvor fast schon sanftmütig zuging auf dieser Platte. Angefixt hat mich auch in diesem Fall eine News, die ich für finestvinyl geschrieben habe. Der Song "Never Let Go Of The Microscope" erinnerte mich an Dredg und ihr "Sang Real". Das Konzert in München war Spitze. und bei Rock am Ring nachts im Zelt - reife Leistung.

3.) Faith No More - Invictus

Begleiten mich seit den 90ern. Erinnerungen an einen Campingurlaub, bei dem der Walkman streikt und ich das Tape mit "King For A Day" drauf per Bleistift vorspule, bis Schluss war, weil der Walkman das Band gefressen hat. "Album of The Year" war 1998 dann nicht der große Wurf, hatte aber mit "Ashes To Ashes" einen meiner ewigen Lieblingssongs. Als dann 2014 klar wurde, dass Faith No More wieder was Neues machen....Herzrasen. Und sie haben nicht enttäuscht. Mike Pattons Stimme ist bei alldem natürlich wieder der offensichtliche Hingucker - oder besser Hinhörer. Wie er in "Cone Of Shame" seine Künste zur Schau stellt - andere würde man Angeber nennen, aber er ist einfach so gut. Wenn diese Reunion gefloppt wäre, das hätte mir das musikalische Herz gebrochen.

2.) Baroness - Purple


Die ganze Geschichte mit dem Busunglück und der Beinah-Armamputation von Sänger John Baizley brauch ich hier wohl nicht nochmal aufrollen. Dafür eine eigene Geschichte: Wien 2013, ich bin im Gasometer und endlich versteh ich den Hype. Vorher immer auf Spiegel Online gesehen und dann über die "Yellow & Green" eingestiegen, die ich immer noch fantastisch finde. Aber Purple - das hat Eier, Herz und Hirn. "Try To Disappear" hat es mir besonders angetan, aber natürlich auch "Chlorine & Wine" und hier besonders ein Moment. Der epische Männerchor bei Zählerstand 5:41. Im Video sieht John Baizley übrigens so niedlich aus, als er sich da reinhängt.

1.) Ghost - Meliora

Mein Song des Jahres heißt "From The Pinnacle To The Pit". Wenn der Refrain dieses grandiosen Metal-Stampfers aufzieht wie die strahlende Morgensonne, knie ich vor meiner Stereoanlage nieder und bin ganz Ohr. Früher dachte ich, dass das ne Kaspertruppe mit schwachen Songs ist. Seit "Meliora" und einer unfassbar großartigen Show im Backstage in München ist mir klar: Ghost sind die nächsten Kiss, so groß kann diese Band werden (und sie lässt sich fotografisch überragend in Szene setzen). Wenn die Fans laustark "He Is" mitsingen und vermutlich auch Ministranten im Publikum (war ja in Bayern) plötzlich zu kleinen Okkultisten mutieren, das war schon unfassbar. Die Songs sind einfach zu gut, um einen kaltzulassen. Kein Album lief bei mir öfter, keine Refrains hab ich lautstärker mitgebrüllt als die von Powergranaten wie "Absolution" oder "Majesty". Entschuldigt mich. Ich muss jetzt "From The Pinnacle To The Pit" auflegen.

Eine Playlist bei Spotify gibt's an dieser Stelle.

Wie es in den Jahren vorher aussah, erfahrt Ihr per Klick aufs Jahr: Jahresrückblicke aus 2014, 2013, 2012 und 2011. Die zehn zu kurz gekommenen Platten in 2015 gibt's an dieser Stelle.

Dienstag, 29. Dezember 2015

Jahresrückblick 2015, Teil 1: Die zu kurz Gekommenen

Es ist gute Sitte geworden, dass an dieser Stelle nicht nur die Platten auftauchen, zu denen Besprechungen auf Tinnitus Attacks gelaufen sind. Bevor es die Jahres-Topliste gibt, kommen hier auch die Platten zum Zuge, die ich unbedingt noch nachholen will. Da ich beruflich ziemlich ausgelastet bin und dann und wann doch auch nochmal ein wenig Sport machen möchte, kam ich auch 2015 nicht zu allem, was eigentlich eine Rezi hier verdient hätte. Also, los geht's: Die zu kurz Gekommenen. Diesmal in nicht priorisierter Reihenfolge. 

Titus Andronicus - The Most Lamentable Tragedy: 
Die letzten beiden Platten der Rockband aus New Jersey hab ich mir geholt. Dieses Mal hab ich es verpasst. Schande über mich. Die fünfaktige Rockoper (drei LPs!) ist den sechs Musikern wohl richtig grandios gelungen, zumindest hab ich nirgends etwas Negatives dazu lesen können. Dass das Cover aussieht wie eine vertrackte Lektüre aus dem Englisch-LK, hat mich nicht abgeschreckt. Aber irgendwie hat es eben nicht hingehauen mit uns zweien. Ich hol das nach. Versprochen.




A Place To Bury Strangers - Transfixation
Bin drauf aufmerksam geworden, weil ich eine News für finestvinyl zu dieser Platte geschrieben habe. Und ich war. haha Wortspiel, angefixt, als ich reingehört habe. Dieser unmittelbare, ruppige Sound nahm mich gefangen. Die New Yorker haben auf ihrem vierten Album erneut eine Mischung aus noisigen Attacken und introvertiertem Shoegaze, den ich absolut goutieren kann. Klarer Fall, da muss der Plattenhändler des Vertrauens nochmal ran. Einmal in Schwarz bitte!



Alberta Cross - Alberta Cross
Das Debüt "Broken Side Of Time" war fantastisch. Was waren das für Songs. "Taking Control". "Leave Us and Forgive Us". Und alle eigentlich. Das darauf folgende "Songs Of Patience" fand ich dann nur so ok, aber nicht aufregend. Jetzt das dritte Studiowerk, und ich muss den Schweden, die so nach Americana klingen, unbedingt noch eine Chance geben, hab ich beschlossen. Wer weiß, was ich sonst verpasse. Das Cover erinnert mich übrigens fatal an "Hollywood Town Hall" von The Jayhawks.



Rocky Votolato - Hospital Handshakes
Ich kann nicht erklären, warum ich dieses Album verpasst hab. Mangelndes Interesse kann es nicht sein. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft "True Devotion", das 2010er-Album des texanischen Songwriters. Und zu "Television Of Saints" gab es hier ja auch eine Besprechung auf dem Blog. Jedenfalls kürzlich reingehört, und da war sie wieder, diese aufrichtige Stimme. Welche Schwierigkeiten der Mann, der drei Jahre älter ist als ich, in der Zwischenzeit hatte, muss ich ergründen. Zusammen mit diesem Album.




Craig Finn - Faith In The Future
Ich liebe The Hold Steady. Ich liebe Craig Finn. Der Meister des Geschichtenerzählens im Rock nimmt mich jedes Mal aufs Neue mit seiner unnachhamlichen Stimme mit, und sein Soloalbum "Clear Heart Full Eyes" war dank Songs wie "No Future" ziemlich klasse. Auf "Faith In The Future" (jetzt also doch?) hat er sich mit dem 11. September beschäftigt. Ist dieses Album also sein "Extremely Loud and Incredibly Close"? Ich werde es herausfinden.




Steveb Wilson - Hand. Cannot. Erase. 
Wenn es um Prog geht, bin ich dieses Jahr eher bei meinen alten Bekannten Spock's Beard gelandet und hab mich wieder gefragt, was für ein Gott das sein soll, der einem begnadeten Sänger wie Neal Morse sagt, er soll die Band verlassen, um fortan nur noch Lobpreismucke zu machen. Aber ich schweife ab. Steven Wilson ist ein Prog-Lehrmeister, hat mit Porcupine Tree und seinen Solosachen Geschichte geschrieben. Soloalbum Nummer Vier wartet nun darauf, von mir ergründet zu werden. Her mit den Kopfhörern. Dafür schlag ich mir gern Nächte um die Ohren.



V.A. - Original Songs From The Shit Musical Home Street Home
Ein Punkmusical von Fat Mike mit Gastbeiträgen von Fat-Wreck-Künstlern und wichtigen Punkrockern wie The Descendents, Mad Caddies, Dropkick Murphys und Frank Turner? Bin dabei. Nur leider etwas zu spät. Aber was soll's. Punks kommen ja auch nicht auf die Minute genau zum Konzert oder?
Ash - Kablammo! 
Als ich damals "Oh Yeah" gehört hab, war es um mich geschehen. 1996 war das, das Album hieß "1977". Dann irgendwann die "Meltdown" in die Hände bekommen, ach ja richtig, das war 2004, und die Songs wie "Orpheus" waren dann auch der Soundtrack zum wundervoll großartigen Zombiespaß "Shaun Of The Dead". Tim Wheelers Weihnachtsalbum, auf dem er Emmy The Great begleitet, ist ja auch so spitze, vielleicht DAS Weihnachtsalbum (zumindest auf jeden Fall für mich). Und jetzt was Neues von Ash? Her damit.




Idlewild - Everything Ever Written
Einfach mal eine Platte des Covers wegen interessant finden - check: Idlewild muss ich mir eigentlich mal zu Gemüte führen. Die schottische Indierockband hat auch schon ihr siebtes Album draußen. Und das Cover sieht so nach anheimelndem Sound aus, der für Fans von Lemony-Snicket-Büchern genauso gedacht ist wie für Anhänger von Maurice Sendaks "Where The Wild Things Are", dass ich ein Ohr riskieren werden muss. Müssen werde? Egal. Kaufen halt.




Beirut - No No No
Ihr 2011er-Album "The Rip Tide" schaffte es in meine Bestenliste des Jahres. Das war Sehnsuchtssound für Sehnsuchtsmomente. Aber das neue Werk hab ich tatsächlich noch nicht gehört, bis auf den Titelsong, der etwas nervig klingeltonmäßig daherkommt. Aber mal schauen, was bei genauerer Betrachtung passiert. Denn Zack Condon ist ein begnadeter Songwriter, der relevante Musik macht. Mal schauen, ob das diesmal auch für diese Platte und mein Verhältnis zu ihr gilt.




Alle Jahre sind zu kurz: So sah die Liste 2014, 2013, 2012 und 2011 aus. 

Freitag, 18. Dezember 2015

SZene-Hörtest: Baroness - Purple

Was für ein Album. Baroness haben mich vor drei Jahren schon mit "Yellow & Green" umgehauen. Das Album war für mich der erste Kontakt mit den avantgardistischen Metallern aus Georgia. Muss man dazu sagen, weil die Platte ja anders war als die Vorgänger, softer, Pink Floydiger, aber ich fand es genau richtig. Um Rot und Blau kümmer ich mich noch, versprochen. Aber jetzt - "Purple" - wow. Ich bin wirklich beeindruckt. Meine Plattenkritik ist diese Woche auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr sie lesen.

Einen Stream der Platte gibt es bei Spiegel Online.

Freitag, 11. Dezember 2015

Konzertkritik: Ghost in München

Ghost in München - das war das Konzerthighlight dieses Jahr für mich. Und an großartigen Gigs war 2015 wahrlich kein Mangel. Enter Shikari in München, Lagwagon in Lindau, Boysetsfire auch in Lindau...die Liste ließe sich ergänzen. Aber Ghost haben vergangenen Freitag alles gekillt.

Hier meine Konzertkritik aus der Schwäbischen Zeitung, erschienen am Dienstag auf der SZeneseite. Per Klick aufs Bild könnt Ihr sie lesen. Mehr Fotos findet Ihr unter www.schwaebische.de/ghost.


Freitag, 4. Dezember 2015

Hörtest: Foo Fighters - Saint Cecilia EP

Die heilige Cäcilia, das weiß man als Ex-Ministrant und katholisch erzogener Mensch, ist die Patronin der Kirchenmusik. Und, das mang weniger geläufig sein, die Namensgeberin eines Hotels in Austin, Texas, das die Foo Fighters vor einiger Zeit in ein Aufnahmestudio verwandelt haben. Das Resultat hat die letzte verbliebene Giga-Rockband des Planeten gratis in Netz gestellt - verbunden mit dem Aufruf, für die Opfer von Paris zu spenden. Den Brief, den Dave Grohl zur Platte ins Netz stellen wollte, hat er nach den Anschlägen um einige aktuelle Zeilen ergänzt. Er hoffe, dass die Songs ein wenig Licht ins Dunkel brächten. Er findet die richtigen Worte, Die Stücke sollen uns daran erinnern, dass Musik Leben ist, und dass Hoffnung und Heilung Hand in Hand mit Liedern gehen. Ja, Musik ist Leben, es ist unser Leben. Also widmen wir uns dem, was unser Leben ausmacht: der Musik.

Und die ist auch auf der "Saint Cecilia EP" gewohnt großartig. Die Songs seien teilweise schon älter, kann man der ausführlichen Erzählung auf der Internetseite lesen. Und wie diese Stunden im Hotel der heiligen Cäcilie waren, das muss ziemlich besonders gewesen sein. Gleich in den ersten Sekunden darf Grohl seine unvergleichliche Stimme erklingen lassen (klar, hat er sich ja auch selbst erlaubt), die Gitarre ist von Anfang an mit palm mute-Figuren da, dann kommt das typische obertonreiche Rockriffing, und ein Keyboard sprenkelt Farbe an die Wand. Der Bass folgt den Vocals im Refrain auf Schritt und Tritt, Taylor Hawkins bringt die Drums auf den Punkt - bestens. Klar, wer den Foo Fighters das uramerikanische Feeling und die simplen Melodien krumm nimmt, der wird hier nicht glücklich. Aber was wissen die schon? "Sean" sprintet noch einen Tick schneller drauf los und verströmt echtes 90er-Jahre-Flair, hätte auch auf "Colour & The Shape" stehen können. Das ruppige "Savior Breath" erinnert an derbere Kaliber wie "Gas Chamber" oder "White Limo", mit "Iron Rooster" ist eine zurückgenommene Ballade dabei. "The Neverending Sigh" bleibt dann in der Tradition von Songs wie "I Am A River", ein wuchtig stampfender Hymnus zum Ende. Fanherz was willst Du mehr? 

Auf der Internetseite der Foo Fighters kann man sich die EP in MP3. WAV nud FLAC-Dateien runterladen, und man kann sie auch auf Vinyl vorbestellen - im Bundle mit einem Shirt und einem Schlüsselanhänger zum Beispiel. 

Samstag, 28. November 2015

The Weight in Dornbirn

The Weight in Dornbirn: Energiegeladener Rock, mit Euphorie und Spielfreude vorgetragen. Das Konzert im Spielboden zeigte die Live-Qualitäten der Band, die derzeit in Vorarlberg an ihrem Debüt schraubt. Eine Platte, auf die man sich freuen kann. Hier meine Bilder von der Show. Per Klick aufs Bild kommt Ihr zu meiner Fotogalerie auf Flickr.

The Weight live in Dornbirn

Freitag, 13. November 2015

Darf ich vorstellen: The Weight

Ich glaube schon, dass wenn ich mir eine Dekade aussuchen könnte, die ich musikalisch miterleben dürfte, also dass ich dann die 70er nehmen würde. Led Zeppelin, Black Sabbath, Cream, The Who - ja doch, das wäre definitiv die Zeit, in die ich mich zurückbeamen würde, um das ein oder andere Konzert zu erleben. The Weight aus Österreich wären bei diesem Trip in die Vergangenheit vermutlich dabei - stehen aber mit beiden Beinen (bzw. allen acht bei vier Bandmitgliedern) in der Gegenwart. Ich hab das Quartett, das gerade an seinem Debütalbum schraubt, kürzlich in Dornbirn getroffen und etwas für die SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung geschrieben. Hier könnt Ihr meinen Artikel lesen. Einfach aufs Bild klicken.

Hier noch das Video zu "The Doctor":

Freitag, 6. November 2015

Hörtest: Coheed & Cambria - The Color Before The Sun

Coheed & Cambria ohne ihre Weltall-Geschichten? Das geht - und war vielleicht ohnehin nötig. Denn auf den vergangenen Alben machte sich doch etwas Leere im Raumfahrer-Anzug breit. 

Es war das Jahr 2005, als bei Rock am See in Konstanz superbe Bands wie Social Distortion und NoFX auftraten. Plötzlich stand am Mikro ein großer, muskulöser Typ im engen T-Shirt. Das war aber nicht das auffälligste an ihm. Mein musikalischer Partner in Crime - nennen wir ihn hier sicherheitshalber Geraldo - und ich waren noch etwas weiter von der Bühne entfernt, sahen aber, dass das Mikrofon in einen überdimensionalen Lockenkopf förmlich hineinwuchs. Und aus diesem Haarball - bzw. dann aus den Lautsprecherboxen der Bühne - drang eine Stimme, die mich als Rush-Fan elektrisierte, weil ich dachte, Geddy Lees Zwilling zuzuhören.

Und die Dinge, von denen er da sang. Kampfstationen, Jackhammer, blutrote Sommer, ein Alptraum, der endet, wenn man den Abzug betätigt - das war neu. Klar, das aktuelle Album mit dem unfassbaren Namen "Good Apollo I'm Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness" musste gleich mit, aber dann ging es erstmal zurück zu den Vorgängern "The Second Stage Turbine Blade" und "In Keeping Secrets of Silent Earth: 3". Das war Prog, das war Emo, aber vor allem war das verdammt gut gemachte Musik mit einem verdammt nerdigen Science-Fiction-Konzept. Ich muss zugeben, dass die Treffsicherhheit der Band nach dem 2005er-Album, mit dem ich die Band für mich entdeckt habe, nachließ. Vier Alben, die man sich zwar anhörte, die aber nicht mehr die Begeisterung der drei ersten bei mir wecken konnten.

Aber mit Album Nummer acht ist die Euphorie bei mir zurück - und die Band hat ihre Space-Sage um das Ehepaar Coheed und Cambria Kilgannon über Bord geworfen. Stattdessen wagt sich Wuschelkopf-Mastermind Claudio Sanchez zum ersten Mal an persönliche Texte und widmet etwa seiner Frau ein Liebeslied ("From Here To Mars"). Auch die Geburt seines ersten Sohnes hat sich auf das Album ausgewirkt. Ihm widmet er mit "Atlas" eine der stärksten Nummern der Platte. Mit dem dramatischen Break und der Textzeile "'Cause Boy, Everything's About To Go Down" hat sich der Song in meinem Kopf festgesetzt. Schon lustig: Das Feeling ist exakt wie auf den ersten drei Alben, aber die Themen sind eben persönlicher. Später wird sich Sanchez' Sprößling an diesen Textzeilen freuen können: "So sleep tight, little Atlas cause when your daddy goes off just you know
That you’re the weight of his anchor, the love that is guiding him home".

Noch ein bisschen mehr Exegese. Bereits die ersten Zeilen von "Island" wirken wie ein sich Umschauen, ein Reality Check, ein Zurechtrücken: "I’m just a big dud, foolish from the start", heißt es da. Und: "I live inside this head and I’m at war. Hero and villain, at same time keeping score. And I’m not sure what I’m to do inside these walls. Not anymore. With my own life." Sanchze schließt zum Glück nicht aus, dass die Geschichte um die Amory Wars weitererzählt wird. Aber für dieses Album musste die Band eben mal über den Tellerrand des selbstgestrickten Kosmos herausblicken. Auch der Prog-Anteil wurde auf diesem Album zurückgefahren, zugunsten von eingängigen Songs, die auf Eingängigkeit und Power setzen anstatt das progressive Moment der Überwältigung zu setzen. Das tut dem Album aber gut. Das Ende mit dem folkig-orchestralen "Peace To The Mountain" mit seinen Geigen und Blechbläsern ist eine neue Facette im Klangkosmos der Band.

Schuld am unsanften Erwachen in der Realität dürfte auch die Episode mit dem zerstörten Haus sein, das sich im Cover widerspiegelt: Im Presseinfo zur Platte heißt es, die Pächter, die Sanchez' Haus im Hinterland gemietet hatten, hätten es zerstört zurückgelassen.

Aufgenommen haben die Musiker ihr neues Werk mit Jay Joyce (Cage the Elephant, Eric Church) in den Neon Cross Studios in Nashville. Joyce hat dem Album eine transparente, bissige und druckvolle Produktion verliehen. Erstmals wurde die Platte live im Studio eingespielt, Overdubs sollen nur vereinzelt eine Rolle gespielt haben. Neben Claudio Sanchez sind auf „The Color Before The Sun“ Gitarrist Travis Stever, Bassist Josh Eppard und Schlagzeuger Zach Cooper zu hören.

Klarer Fall: Ich bin wieder an Bord. Man kann ja auch nicht immer Star Wars gucken.

"The Color Before The Sun" ist am 16. Oktober erschienen (300 Entertainment / ADA). 2016 kommt die Band auf Tour, hier die Termine:

22.01 - ES - Madrid - BUT
23.01 - ES - Barcelona - Razzmatazz 2
25.01 - FR - Paris - La Maroquinerie
26.01 - DE - Köln - Live Music Hall
27.01 - DE - Berlin - SO 36
29.01 - DE - Munich - Theaterfabrik
31.01 - UK - Cardiff - University
01.02 - UK - Manchester - The Ritz
02.02 - UK - London - O2 Forum

Und hier noch das Video zu "Island":


Coheed and Cambria - Island [Official Video] from Coheed and Cambria on Vimeo.

Freitag, 30. Oktober 2015

Death Cab For Cutie im Interview

Death Cab For Cutie ohne Chris Walla - kann das funktionieren? Man wird sehen, wie sich das nächste Album gestaltet. Im Interview hat mir Jason McGerr erzählt, wie es dazu kam, dass sich der Kreativkopf der US-Indielieblinge verabschiedet hat. Veröffentlicht wurde es am 10. Oktober im Wochenendjournal der Schwäbischen Zeitung. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen.

Freitag, 23. Oktober 2015

Boysetsfire im Interview: "Unsere Supporter bedeuten uns alles"

"Sorry, wir schaffen es nicht. Wir hatten eine Buspanne, alle Presse ist abgesagt": Als ich an diesem Samstagabend in Lindau Boysetsfire-Tourmanager Oise am Mobiltelefon hab, muss er das geplante persönliche Interview kurzerhand absagen. Wir haben Glück, dass die Band es zum Konzert schafft. Wegen einer Buspanne saßen Boysetsfire über zehn Stunden lang fest. Der Auftritt in Lindau ist grandios, die Stimmung fantastisch. Ein Bericht und eine Fotostrecke von mir sind bei der Lindauer Zeitung erschienen. Hier reiche ich Euch nun noch das Interview nach. Bassist Robert Ehrenbrand hat mir meine Fragen per Mail beantwortet.

Tinnitus Attacks: Ein paar Fragen zu Eurem aktuellen Album: Die Songs wirken deutlich positiver, optimistischer als auf „While A Nation Sleeps“, auch die weiße Farbe deutet in diese Richtung. Woher kommt dieser Stimmungswechsel? 

Immer mit vorn dabei: Wenn Nathan Gray sich stimmlich
verausgabt, ist Basser Robert Ehrenbrand nicht weit.
                                                   Foto: Daniel Drescher
Robert Ehrenbrand:  Ich denke wir haben uns als Band und Familie „gefunden“, wenn Du so willst...nach langen Jahren des Ausprobierens, Kämpfens und zwischen den Stühlen Sitzens haben wir nun völlige Freiheit genau das zu tun wie, wann, wo wir es wollen. Eigenes Label, eigene Booking Agentur, eigene Produktion der Platten etc. Ich finde das neue Album feiert dieses „sich Finden“ bzw. „den Karren aus dem Dreck ziehen“. Der hoffnungsvolle Unterton ist definitiv nicht zu leugnen.

Tinnitus Attacks: Die Textzeile „With Just One Match Our Hearts Catch Fire“ kann man sich gut als Tattoomotiv vorstellen. Präsentieren Euch Eure Fans oft Tätowierungen, die von Lyrics oder Artworks Eurer Band inspiriert sind? Wie ist das, wenn man sowas sieht? Habt Ihr Tattoos, die von Musikern inspiriert sind und wenn ja welche? 

Robert: Wir haben wirklich unglaublich tolle Supporter und ohne diese Menschen wären wir nicht da wo wir jetzt sind. Sie gehören fest zu diesem „Family Spirit“ den wir leben als Band. Sie gehören fest dazu! Die Tattoos bedeuten uns wahnsinnig viel, daher versuchen wir auch die Motive zu teilen auf unseren Social-Media-Kanälen, einfach weil dieser Treuebeweis unglaublich schön ist. An dieser Stelle Danke an all diejenigen die sich BSF in dieser Weise verewigt haben!!! Ich selbst habe vor allem indische/religiöse Motive an mir, aber auch ein THE SMITHS Tattoo vom Song HOW SOON IS NOW sowie ein "TRUE BELIEVER"-Tattoo, dass meiner Zeit in New Jersey mit den BOUNCING SOULS gewidmet ist. Ich war zwar kein Bandmitglied aber sehr nahe an der Band dran aufgrund meiner damaligen Lebensituation. Wir sind immer noch enge Freunde und das Tattoo ist daher auch entsprechend wichtig für mich.

Tinnitus Attacks: Ihr habt dem Album den Titel Boysetsfire gegeben. Mit der Selbstbetitelung setzen Bands oft ein Signal. Welches geht bei Euch von dieser Benamung aus? 

Robert in Aktion. Foto: Daniel Drescher 
Robert: Wir wollten einfach den vollen Fokus auf unsere Familie, unsere Band, unsere Musik und unseren starren Schädel richten, der wie immer durch die Wand will...das neue Album zelebriert unsere Bandfamilie und daher passt der Name zu 100 Prozent.

Tinnitus Attacks: Ihr habt gerade die Tour zum Album hinter Euch. Wie ist sie gelaufen? 

Robert: Im positivsten Sinne jenseits aller Erwartungen. Einfach genial, außer ein paar Stimmproblemen aufgrund einer Krankheit bei Nathan definitiv eine Traumtour! Nebenbei haben wir etwa ca  Mal "Straight Outta Compton" im Tourbus geschaut...also noch dazu eine waschechte Movietour!

Tinnitus Attacks: Wie fühlt es sich an, so begeistert wieder von den Fans aufgenommen werden, nachdem Ihr von 2007 bis 2010 pausiert habt? 

Robert: Ich denke die Pause war wichtig und hat uns gelehrt, dass wir nie wieder ohne die Band sein wollen...sollten wir wieder eine Pause brauchen, nehmen wir sie uns, aber auflösen wird sich BSF nicht mehr. Was uns unsere Supporter bedeuten hatte ich ja schon geschrieben: ALLES!

Tinnitus Attacks: Habt Ihr die nächsten Jahre durchgeplant? Oder lasst Ihr die Dinge lieber auf Euch zukommen? 

Robert: Wir planen nicht mehr lange voraus sondern genießen einfach die Zeit zusammen wannauchimmer wir sie haben. 2016 spielen wir viele Festivals und erfreuen uns weiterhin der neuen Platte.

Tinnitus Attacks: Eure Texte drehen sich oft um die Selbstbestimmung des Individuums. Wie kann das der Einzelne im Alltag umsetzen – trotz Job-Tretmühle und anderen Zwängen? 

Robert: Das muss der Einzelne für sich selber entscheiden, da fängt es nämlich schon an. Wir wollen nichts vorgeben, aber zu positiver Veränderung, Selbstbestimmung und dem Nutzen jedes Tages anregen. Darum geht es uns. Nicht darum, Schritte oder gar Philosophien vorzukauen...wir trauen unseren Fans sehr viel Gedanken, Ideen und Entscheidungswillen zu.

Tinnitus Attacks: Ihr seid bekannt für Eure enge Verbindung zu den Fans. Wie weit geht das, seid Ihr z.B. mit manchen Fans befreundet? Wo zieht Ihr die Grenze? 

Im Rampenlicht: Robert und Boysetsfire genießen die
Momente auf der Bühne. Foto: Daniel Drescher
Robert: Über so etwas denken wir nicht wirklich nach...es ergibt sich was sich ergibt und klar kennen wir viele Leute auch persönlich. Da gibt es keine Grenzen oder so...wir nutzen auch das Wort Fan nicht so viel, da es eine Hierarchie widerspiegelt, die wir nicht leben. Alle Menschen, die uns unterstützen sind uns wichtig. Punkt.

Tinnitus Attacks: Beim Southside hast Du mir 2013 erzählt, dass Dein Sohn Pogues, Earth Crisis und Hosen gut findet und Deine Tochter „Stups der kleine Osterhase“ hört. Wie gestaltet sich die musikalische Sozialisation inzwischen? 

Robert: Meine Tochter ist mittlerweile bei meiner Lieblingsband GLASVEGAS angelangt und wir hören im Auto nichts anderes mehr, hahaha.

Montag, 19. Oktober 2015

Konzertkritik: Millencolin in Lindau

Millencolin
Support: The Sigourney Weavers, Apologies I Have None
Club Vaudeville, Lindau
Donnerstag, 15. Oktober
Text und Fotos: Daniel Drescher

Vielleicht muss ich etwas persönlicher werden bei diesem Konzertbericht. Also nicht im Sinne von persönlich, wie wenn man jemanden beleidigen will. Eher im Sinne von Erinnerungen. Wobei ich mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern kann, wie ich zum ersten Mal auf Millencolin aufmerksam geworden bin. In meiner Metal-Phase zu Schulzeiten sah man eben das Logo auf Mäppchen hingekritzelt oder auf den Shirts der Skater-Fraktion. Im Physikunterricht gab es den Klassenkasper, der beim Millikan-Versuch immer versuchte, den Physiklehrer zu veralbern, indem er selbst nur vom "Millencolin"-Versuch redete. Haha.

The Sigourney Weavers rocken hart. Foto: Tinnitus Attacks
Jedenfalls war "Kingwood" wohl das erste Album, das ich mir von Millencolin holte. Ich mochte das Cover mit der Outdoor-Anmutung und hab mir das Album bei Rock am See in Konstanz mitgenommen. Dann gab's glaube ich noch einen Gitarrenworkshop in der Guitar, und die Riffs ließen sich prima mitschrubben. "Home From Home" folgte bei mir dann darauf, und Songs wie "Greener Grass" oder das Titelstück rannten bei mir zu der Zeit offene Türen ein, weil ich gerade genug von der düsteren Aggression und vom Pathos des Metal hatte. Aber in musikalischer Hinsicht bin ich Homer Simpson in der Szene, wo er einen Hund sieht, dessen Schwanz hochsteht, und er diesem hinterherrennt. Will sagen: Es gibt so viele gute Bands und so wenig Zeit, dass ich in den Jahren darauf immer wieder meinen Plattenschrank exzessiv ausgebaut hab. Von Millencolin holte ich mir "Machine 15" 2008 natürlich auch noch, "Detox" war meine Hymne. Aber "True Brue" hab ich dieses Jahr dann verpasst. Dafür sind mir in den vergangenen Jahren wie Apologies I Have None ans Herz gewachsen.
Sehr gut: Apologies I Have None.
Foto: Tinnitus Attacks

Die Londoner Punkrocker waren auch der eigentliche Grund für mich, nach Lindau zu gehen. Mit ihrem Album "London" machten es sich die drei Musiker in meiner 2012er-Bestenliste bequem. Und auch in Lindau bekam ich, was ich wollte: Songwriterische Großtaten wie "Long Gone" (diese Melodie!) und ""Sat In Vicky Park" (diese, auch, Melodie!) gaben mir die erhoffte Innenohr-Gänsehaut, die ich beim Hören diese Stücke immer bekomme. Wohliges Schaudern. Und auch die Vor-Vorband The Sigourney Weavers fand ich so überzeugend, dass ich mir ihre Vinyl-Scheibe vom Merchstand griff.

Aktivposten der Band: Mathias Färm
post, was das Zeug hält.
                       Foto: Tinnitus Attacks
Millencolin selbst? Haben mich positiv überrascht. Achtung, unnötiges Wortspiel: Alter Schwede, haben die gerockt. Das wilde Gepose von Mathias Färm hat mich in Kombi mit den schönen, alten Gitarren direkt an schwedische Rotzrocker der Marke Hellacopters erinnert (wohl weil deren Nicke Andersson auch immer die Mütze oder was er immer auf dem Kopf trägt, so tief ins Gesicht gezogen hat). Färm kniete verdammt oft am Bühnenrand und suchte den Kontakt zu den Fans, "segnete" sie mit seiner Gitarre (ich hab sie auch berührt, aber bisher ist mein Gitarrenspiel leider immer noch so rudimentär wie zuvor, keine Wunderwirkung durch Energieaustausch) und schredderte, was das Zeug hält. Nikolas Sarkevic ist nach seinem Solo-Akustikding auch wieder da, wo ihn die Fans am liebsten haben: Mit Bass am Mikro. Da krachen Klassiker wie "Penguins and Polarbears" genauso wie Songs vom neuen Album "True Brew". "Kemp", "Man Or Mouse", "Duckpond" - ja, mitsingkompatible Songs gibt's genug, und das agile Publikum - mit 600 Besuchern ist der Club fast ausverkauft - acht das auch, pogt, stürzt sich von der Bühne um auf Händen getragen zu werden und pfeift drauf, dass Freitag halt nochmal bei der Arbeit rangeklotzt werden muss. Und wieder einmal zeigt sich: Wer sich aufrafft und die Couch verlässt, hat mehr vom Abend.

Mehr Fotos gibt's auf meinem Flickr-Account.
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          Stark, immer noch: Millencolin räumen im Club Vaudeville ab.
                                                          Foto: Tinnitus Attacks


Freitag, 9. Oktober 2015

Hörtest: A Tale Of Golden Keys - Everything Went Down As Planned

So schön kann Melancholie sein: A Tale Of Golden Keys erinnern einen mit ihrem Debütalbum "Everything Went Down As Planned" daran, warum man Moll-Töne Dur-Klängen vorzieht. Zugleich schaffen die drei Männer es mit ihrem Sound, dem Indie neue Impulse einzuimpfen. Muss man gehört haben. 

Ganz fein fängt es an, sanft tupfendes Klavier, die Stimme von Sänger Hannes Neunhoeffer, Drums, der samtig-voluminöse Bass. "All Of This" ist der stimmungsvolle Einstieg in ein Album, dessen verblüffende Bandbreite und Virtuosität sich einem am besten unter dem Kopfhörer erschließt. Zu später Stunde kann man Songwriter-Großtaten wie den Titelsong oder das federnde "Writings on The Wall" am meisten genießen. Vokalist Hannes Neunhoeffer, Bassist Florian Dzialjo und Schlagzeuger Jonas Hauselt beweisen, dass im Land der flirrenden Gitarren noch nicht alles gesagt ist. Müsste man die Stimmung dieser Platte mit Filmbildern beschreiben, kämen einem wohl die Bilder von "Vanilla Sky" in den Kopf (also zumindest bei mir ist das so). Einerseits durchdrungen von einer Grundtraurigkeit, andererseits aber auf eine anheimelnde Art, die einen gefangen nimmt. Ähnlich die Sigur Ros lassen sie etwa im etwas über sechs Minuten dauernden "Travelling Lights" den Song ausufern und Töne einfach sekundenlang stehen und so besser wirken. Immer mal wieder rücken Streicher ins Bild ("Another Chapter"), dann wieder rafft sich der Song zur Tanzfläche hin auf ("Three Weeks"). Das fuzzige "Waves" gemahnt gar an die Silversun Pickups, die sich mit Platten wie "Carnavas" ins Herz der Indiefraktion spielten. 

Das Trio stammt aus einem kleinen Ort bei Nürnberg und ist in Nürnberg beheimatet. Dass man nicht zwingend aus den großen Metropolen kommen muss, um ganz toll zu sein, wissen wir ja schon, siehe Get Well Soon (Erolzheim bei Biberach) oder Pascow (Gimbweiler). Auch A Tale Of Golden Keys beweisen das. Man darf davon ausgehen, dass diese Band Gehör finden wird. 2011 trat das Trio bereits bei Rock im Park auf, dieses Jahr auf der Expo in Mailand. Das Grand Hotel Van Cleef konnte sich ebenso für die Band erwärmen wie viele Fans, die die Band bereits auf Tour gesehen haben. Wer die Chance hat, sie auf dieser Tour jetzt live zu sehen - nicht entgehen lassen. 

"Everything Went Down As Planned" erscheint am 23. Oktober via Trickers. Mehr Infos unter  www.facebook.com/atogk. Hier das Video zu "All Of This": 


Freitag, 25. September 2015

SZene-Hörtest: Boysetsfire - Boysetsfire

Sie haben sich nochmal getoppt. Ich war ja hellauf begeistert von "While A Nation Sleeps" (zum Hörtest hier entlang). Aber was Boysetsfire auf ihrem selbstbetitelten neuen Album machen, hat mich erst recht überzeugt. Diese verdammt hohe Hitdichte, diese Melodien, und diese Stimme, die uns aufruft, nicht aufzugeben. Aber bevor ich jetzt hier nochmal eine Plattenkritik schreibe, lest doch einfach, was ich für die Schwäbische Zeitung geschrieben hab. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Artikel lesen, der am Dienstag auf der SZene-Seite erschienen ist.

Ein Interview, das ich mit Boysetsfire zum 2013er-Album "While A Nation Sleeps" geführt hab, lest Ihr an dieser Stelle. Mitte Oktober gibt's auf dem Blog hier dann noch eins zum neuen Album.

Samstag, 19. September 2015

Neuer Bildband, neue FURT-DVD: Farin Urlaub im Interview

Interview Nummer Drei mit dem großen Blonden: Diesmal hat mir Farin Urlaub etwas über seinen neuen Fotoband "Afrika" erzählt (Doppel-Band, bringt fast neun Kilo auf die Waage!), zudem ging es um seine neue FURT:-DVD "Danger!". Und auch gegen Rechts findet der FU-Fighters-Chef klare Worte. Ich sag nur "Arschlochland".

Erschienen ist das Interview in der heutigen Wochenendbeilage der Schwäbischen Zeitung. Per Klick aufs Bild könnt ihr das Ganze lesen. Ihr könnt uns auch gern auf schwäbische.de einen Klick dalassen.

Die Interviews von 2011 und 2006 findet Ihr per Klick auf die Jahreszahl.

Hier noch ein Video von "3000" von der Live-DVD.


Freitag, 18. September 2015

SZene-Hörtest: Against Me! - 23 Live Sex Acts

Live-Alben waren für mich immer eine zweischneidige Sache: Für Mixtapes kamen sie früher nie in Frage, weil man die Songs nicht richtig zwischen andere Stücke packen konnte. Zudem sind sie irgendwie eine Erinnerung für Menschen, die dabei waren, haben aber bei der Produktion das Problem, dass man sich mit zu sterilem Sound und zuviel Nachbearbeitung den Vorwurf des Glattbügelns einhandelt. Wenn die Aufnahmen hingegen "naturbelassen" bleiben, kann halt auch mal der ein oder andere falsche Einsatz dabei sein.

Inzwischen seh ich das alles gelassener. Es gibt großartige Live-Alben, ich denke vor allem an Iron-Maiden-Veröffentlichungen, bei denen das Publikum die Gitarrenspuren von "Fear of the Dark" mitsingt.

Against Me! haben jetzt die zweite Livescheibe ihrer Karriere veröffentlicht. "23 Live Sex Acts" ist wirklich gut geworden. Eine Plattenkritik aus meiner Feder ist am Dienstag auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschiene. Per Klick auf das Bild könnt Ihr sie lesen.

Freitag, 11. September 2015

Hörtest: Grave Pleasures - Dreamcrash

Es wäre doch wirklich ein Grund für Trauergesänge gewesen, wenn mit dem Ende von Beastmilk eine der vielversprechendsten Bands der letzten Jahre zu Grabe getragen worden wäre. Lang lebe Grave Pleasures - die mit "Dreamcrash" einen ziemlich überzeugenden Nachfolger zum Beastmilk-Kracher "Climax" abgeliefert haben.

Nostalgie - ist das was Schlechtes? Wenn Musik sich rückwärts orientiert, muss man das gleich als innovationslos verteulfen? Mein Vater sagte immer: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne." Alles schon mal dagewesen. In diesem Fall ziehen vor meinem geistigen Auge Szenen aus dem "The Crow"-Comic vorbei. Ich fühle mich dezent an The 69 Eyes und ihren Goth'n'Roll erinnert. Grave Pleasures sind das Herbstlaub, das sich dunkel verfärbt, wenn Deine Gedanken nur schwarz genug sind. Und man konnte ja Böses ahnen, als Gitarrist  Johan “Goatspeed” Snell ausstieg. Aber: Die Veränderungen im Bandgefüge haben die Finnen gut weggesteckt.

"Crisis" könnte im Grunde auch auf einem Interpol-Album stehen und erinnert melodisch sogar an Maximo Park. "Future Shock" ist wohl das "Ace of Spades" aller Düsterherzen, und "Crying Wolves" ist ein sinistrer Hit, der von drängelnden Drums angetrieben wird. Auf "Lipstick on Your Tombstone" dürften Alkaline Trio neidisch sein, "No Survival" bringt den Pott am Schluss sicher heim. Gitarristin Linnea Olsson spinnt metallisch-tritonische Riffs, während der Bass sich dezent, aber wahrnehmbar ins Gesamtbild mischt. Über dem raumgreifenden Sound der Band thront die Stimme von Mat "Kvohst" McNerney, unverkennbar, mal waidwund aufheulend, mal energisch und wütend. Oh, und dann gibt es da ja noch "New Hip Moon". Wetten, dazu sehen wir uns die Tage auf der Tanzfläche des Indieclubs um die Ecke? Jede Wette.  Die Produktion von Tom Dalgety (Killing Joke, Royal Blood) verleiht dem Album genügend Punch, aber auch die nötige Luft zum Atmen.

Klarer Fall: Beastmilk sind Geschichte, aber die Trauer währte nur kurz. Grave Pleasures sind quicklebendig und machen wirklich auf morbide Weise Spaß.

"Dreamcrash" von Grave Pleasures ist am 4. September via Columbia erschienen. hier noch das Video zu "Crying Wolves".

Freitag, 4. September 2015

Rock am See: Tito & Tarantula springen für Skinny Lister ein

Ersatz gefunden: Skinny Lister haben gestern für Rock am See in Konstanz abgesagt. In einem Statement der Veranstalter hieß es gestern auf Facebook: "Grund für die kurzfristige Absage sind bürokratische Hürden: Zwei Bandmitglieder haben ihre Pässe bei einer ausländischen Botschaft zur Bearbeitung eingereicht und nicht rechtzeitig zurückerhalten." Man bemühe sich um adäquaten Ersatz.

Den haben Koko & DTK Entertainment nun gefunden: Tito & Tarantula stehen anstelle der britischen Folkrocker auf der Bühne. Naheliegend, weil die Tex-Mex-Rocker am Donnerstagabend im Kulturladen aufgetreten sind. Frag einfach die Band, die gerade in der Stadt ist. Sehr gut! 

Ich bin dann auch in ein paar Stunden unterwegs nach Konstanz. Von der Schwäbischen Zeitung aus machen wir einen Live-Blog, schaut doch mal rein! Videos, Fotos und mehr gibt's auch unter schwaebische.de/rockamsee2015. Wir sehen uns am See.

Hier noch ein Auftritt von Tito & Tarantula von 2012 bei ZDF kultur.

Freitag, 28. August 2015

SZene-Hörtest: Ghost, Kadavar, Imperial State Electric, The Sword

So Herrschaften, letzte Woche an dieser Stelle noch angerissen, warum die neuen Platten von Ghost, Kadavar, Imperial State Electric und The Sword mich begeistern, hier gibt es jetzt das Retrorock-Special aus meiner Feder. Erschienen am Dienstag auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung. Vier Platten, ein VÖ-Datum, ein Text - und viele gute Riffs. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen. Falls es zu klein ist: in neuem Tab öffnen und zoomen, die Auflösung reicht.

Freitag, 21. August 2015

Happy Retrorock Day!

Verdammt. Da wollte ich "Das kann kein Zufall sein" googeln, weil ich dachte, der Satz muss doch in Akte X vorkommen. Und der erste Treffer, den das Netz ausspuckt, ist ein Video von Helene Fischer. Aber daraus lässt sich wenigstens eine gute Überleitung basteln. Die Mitglieder der schwedischen Rockband Ghost haben keine Namen und keine eigenen Gesichter, sie heißen einfach nur "Nameless Ghoul" und tragen Masken. Verstehen Sie?

Jedenfalls: Ghost veröffentlichen heute ihr neues Album "Meliora". Und das ist ein absoluter Höhepunkt im Musikjahr 2015. Zumindest, wenn man auf große Melodien und Metal steht. Boris Kaiser vom Rock Hard Magazin schreibt in seiner Plattenkritik zurecht, dass alleine die gesungene Zeile "You Are Cast Out From The Heavens To The Ground" den Kauf der Platte wert ist. Das seh ich genauso, ich bin völlig verliebt in den Song "From The Pinnacle To The Pit" mit seiner hymnischen Melodieführung.


Aber nicht nur Ghost veröffentlichen heute ein neues Album. Es scheint, als ob sich die Retrogötter verschworen hätten, um alle wichtigen Platten des Jahres auf diesen Tag zu legen. 

Da sind The Sword, die auf "High Country" die bisher deutlichste Modifikation ihres Sounds angehen.


Da haben wir Imperial State Electric, Nicke Anderssons Post-Hellacopters-Band, die mit "Honk Machine" Classic Rock und soulige Momente zusammenbringt.


Und Kadavar, die mit "Berlin" den stärksten Release ihrer Karriere hinlegen und Riffs aus dem Ärmel schütteln, die energiegeladen, vertraut aber trotzdem unverbraucht sind und das Zeug zu Klassikern haben.


Eine ausführliche Geschichte dazu gibt's nächste Woche von mir in der Schwäbischen Zeitung. Bis dahin zieh ich mir einfach nochmal "From The Pinnacle To The Pit" rein - ungefähr 50 Mal. 

Freitag, 14. August 2015

Frank Turner im Interview: "Unglaublich, wie konservativ die Leute sein können."

Dieser Frank Turner. Ob auf Platte oder live: Er hat mich bisher noch jedesmal überzeugt. Das gilt auch für das aktuelle Album "Positive Songs for Negative People". Zu seinem neuen Werk haben meine Kollegin Chrissi und ich den Briten befragt. Das Resultat ist am Samstag, 8. August, in der Wochenendbeilage der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen. Rezi zur Platte aus der Feder von Chrissi gibt's obendruff.

Freitag, 7. August 2015

Der angepisste Bruder von Frau Potz: "Die Leute denken immer, ich bin der Ober-Veganer-Punk."

Verzeiht mir die Untätigkeit vergangene Woche, aber ich musste Hamburg erforschen. Großartige Stadt im Übrigen. Was ich Euch allerdings keineswegs vorenthalten wollte, ist das Resultat eines Interviews, das ich kürzlich mit Felix Schönfuss (Escapado, Frau Potz, Adam Angst) geführt habe. Ich hab einen Fließtext draus gemacht, weil man dem ein oder anderen ja vielleicht nochmal erklären sollte, welche Geschichte zu dieser Band geführt hat. Der Artikel ist am Samstag, 25. Juli, in der Wochenendbeilage der Schwäbischen Zeitung erschienen. Langer Rede kurzer Sinn: Per Klick aufs Bild könnt Ihr mein Werk lesen.

Freitag, 24. Juli 2015

Konzertkritik: Red City Radio in Lindau

Red City Radio im Club Vaudeville in Lindau: Da hat man mal wieder gesehen, dass intime Clubgigs immer noch das beste sind, wenn es um bierschäumenden Punkrock geht. Meinen Artikel, der heute in der Lindauer Zeitung erschienen ist, könnt Ihr per Klick aufs Bild lesen. Mehr Fotos von mir gibt's unter schwaebische.de/redcityradio

Freitag, 17. Juli 2015

The Weakerthans - ein Nachruf

Wenn Bands sich auflösen, ist es ja nicht so, dass ich losheule. Was damals bei Take That los war - nein, so eine Reaktion hab ich bei mir noch nie beobachtet, wenn Musiker ihre Trennung beschließen. Aber bei The Weakerthans ist es dann doch schlimmer für mich als bei vielen anderen Bands, die sich bereits getrennt haben. Fühlt sich auch seltsam an: Am Freitag vor zwei Wochen hier an dieser Stelle noch die "Reconstruction Site" in der Galerie der Klassiker besprochen, ein paar Tage später ist die Band Geschichte.

Mit einem Tweet verkündete Schlagzeuger Jason Tait die Trennung. Gut, man kann sich jetzt im Nachhinein die Zeichen so zusammenreimen, dass es absehbar war. Kein neues Album seit dem 2007er "Reunion Tour". Eine Internetseite, die immer noch das Artwork dazu zeigt un als neueste News den Garage Sale im Februar 2014 anzeigt. John K. Samsons Soloalbum "Provincial" (wobei sowas nicht immer eine Trennung bedeuten muss). Seisdrum. Jetzt haben sich die Kanadier nach 18 Jahren für das Aus entschieden und wir müssen damit klarkommen.

Für mich waren The Weakerthans nie eine gewöhnliche Indierockband. Sie waren immer mehr als das. Dabei ging der Reiz vor allem von John K. Samsons Texten und seiner unglaublichen Stimme aus. Samson ist jemand, der Sprache in ihrer vollen Schönheit genießt und sich nie auf Plattitüden zurückgezogen hat. Wie er Stimmungen, Orte und Menschen beschreibt, das ist poetisch und nie in Klischees verhaftet. Dafür schätze ich ihn, und ich denke, dass er auch weiter Musik machen wird, in welcher Form wir diese auch immer zu hören bekommen werden.

Wie ich die Band entdeckt hab, das hab ich ja letzte Woche schon in der Galerie der Klassiker erzählt. Nach und nach hab ich mir dann alle Platten geholt, und wenn sie bei mir laufen, ist das eine andere Intensität des Zuhörens. Diese Musik atmet, sie umhüllt einen, man hört sie nicht nur einfach. Trösten wir uns also auf diese Art: Es wird nichts Neues mehr kommen, aber wir haben "Fallow". Wir haben "Left and Leaving". Wir haben "Reconstruction Site". Wir haben "Reunion Tour". Und vielleicht gibt es das, was der Titel der letztgenannten verheißt, ja irgendwann einmal.

P.S.: Dass Jason Tait in seinem Tweet ausgerechnet "Abide with me" postet, das Lied, das ich mir für meine Beerdigung wünsche...


Freitag, 10. Juli 2015

Weekly Wrap-up #4

Einen zauberhaften guten Morgen zusammen. Heute gibt's mal wieder ein Weekly Wrap-up mit den News, die mich diese Woche angesprungen haben.

Wir fangen an mit was fürs Auge: Die Beasteaks haben von ihrem Auftritt in der Wuhlheide in Berlin ein 360-Grad-Video veröffentlicht. Man kann sich auf der Bühne bewegen, als stünde man mittendrin. Ziemlich coole Sache.



Zudem gibt's noch ein paar neue Clubtermine. Heute um 10 Uhr beginnt der Verkauf auf www.beatstuff.de.

11.08.15 D - Jena - Kassablanca
Einlass 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr
VVK-Preis: 32,50 €, inkl. VVK-Gebühr und CO2-Ausgleich

13.08.15 D - Landshut - Alte Kaserne
Einlass 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr
VVK-Preis: 32,50 €, inkl. VVK-Gebühr und CO2-Ausgleich

18.08.15 D - Krefeld - Kulturfabrik
Einlass 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr
VVK-Preis: 32,50 €, inkl. VVK-Gebühr und CO2-Ausgleich

ALLE TERMINE:
16.07. D - Kiel - Die Pumpe (sold out)
17.07. D - Cuxhaven - Deichbrand Festival
05.08. SI - Tolmin - Punk Rock Holiday
07.08. D - Eschwege - Open Flair Festival
08.08. D - Püttlingen - Rocco Del Schlacko
09.08. D - Rothenburg o.d.t. - Taubertal Festival
11.08. D - Jena - Kassablanca
13.08. D - Landshut - Alte Kaserne
14.08. AT - Wien - Open Air Arena
15.08. HU - Budapest - Sziget Festival
18.08. D - Krefeld - Kulturfabrik
20.08. B - Kiewit/Hasselt - Pukkelpop
21.08. CH - Winterthur - Musikfestwochen
22.08. CH - Gampel - Open Air Gampel
25.08. GB - London - Koko
13.09. D - Berlin - Lollapalooza

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Weiter geht's mit Punkrock: Die inzwischen in Berlin beheimateten Radio Havanna spielen im November weitere Konzerte ihrer "Unsere Stadt brennt Tour 2015". In Deutschland haben sie als Supportband dabei die Punkrocker von Three Chord Society dabei.

Die nächsten Festival Termine:

RADIO HAVANNA - Festival-Sommer
17.07. DE - Erlau - Rock Gegen Rechts
22.07. AT  - Innsbruck - Summer Punkrock Festival
24.07. DE - Herrenberg - 48er Festival
31.07. DE - Anröchte - Big Day Out
01.08. DE - Trebur - Trebur Open Air
12.09. DE - Emsdetten - Detten Rockt
18.09. DE - Trier - Laut Gegen Rechts
19.09. DE - Kassel - Pogomenta Festival
26.09. DE - Bad Mergentheim - Bad Mergentheim Gegen Rechts

RADIO HAVANNA - „Unsere Stadt brennt Tour 2015“
präsentiert von Pro Asyl, Fuze Magazine, Slam Magazine, Allschools und Sea Watch
Support: Three Chord Society*
20.11. DE - Braunschweig - B58*
21.11. DE - Bochum - Bahnhof Langendreer*
22.11. DE - Köln - Sonic Ballroom*
24.11. DE - Trier - Lucky Luke*
25.11. DE - Weinheim - Cafe Central*
26.11. DE - Dresden - Groove Station*
27.11. DE - Stuttgart - Zwölfzehn
28.11. IT   - Antholz-Mittertal - Antholz Festival
10.12. AT - Wien - Arena
11.12. DE - Bayreuth - Glashaus
25.12. DE - Erfurt - Gänsebratenpogo @ Engelsburg



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The Fratellis haben einen neuen Song vom kommenden Album "Eyes Wide, Tongue Tied" veröffentlicht, den man bei Vevo hören kann. "Baby Don't You Lie To Me" klingt unverwechselbar nach den Schotten, die mit Songs wie "Henrietta" und "Chelsea Dagger" so unverwüstliche Pubhymnen geschrieben haben und hier mit ihrem Debüt "Costello Music" vor einiger Zeit in der Galerie der Klassiker aufgetaucht sind. Das gesamte neue Album kommt dann am 21. August.

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Ein neues Video haben Feine Sahne Fischfilet veröffentlicht. Das waren die, die im Verfassungsschutzbericht mal mehr Platz eingeräumt bekamen als der NSU. "Wut" vom aktuellen Album "Bleiben oder gehen" zeigt den simplen, aber effektiven Klangkosmos der Band und setzt sich kritisch mit der Rolle der Polizei auseinander.




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Idle Class wurden für ihr Debüt "The Drama’s Done" ziemlich gefeiert. Jetzt naht ihr Nachfolgewerk "Of Glass and Paper", das am 25. Septembrer veröffentlicht wird.

Die erste Single "The Drama Continues" gibt's hier zu hören:



Tourtermine:

IDLE CLASS live 2015
05.08. DE - Trier - ExHaus*
09.08. DE - München - Strom*
29.08. DE - Herne - KAZ Open Air
* mit The Menzingers

"Of Glass And Paper" Tour 2015
26.09. DE - Münster - Gleis 22
27.09. DE - Osnabrück - Bastard Club
28.09. DE - Göttingen - T-Keller
29.09  DE - Hamburg - Molotow
30.09. DE - Kiel - Schaubude
01.10. DE - Braunschweig - B58
02.10. DE - Berlin - Cassiopeia
03.10. DE - Hannover - Lux
04.10. DE - Zittau, Emil
06.10. AT - Graz - Sub
07.10. AT - Wien - Das Bach
08.10. DE - München - Backstage
09.10. DE - Köln - Sonic Ballroom
10.10. DE - Aachen - AZ
24.10. DE - Düsseldorf - Pitcher

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Auch unsere Lieblings-Classicrocker von "Imperial State Electric" kommen mit einem neuen Album um die Ecke. "Honk Machine" setzt sich am 21. August in Bewegung. Hier der Clip zu "All Over My Head". Schon witzig, in einem Interview sagte Nicke Andersson mal, das ihm der Sound von "Rock'n'Roll is dead" im Nachhinein zu glatt war. Eine Rückkehr zu den ungestümen Anfangstagen seiner ursprünglichen Schwedenrockband ist das hier aber auch nicht. Trotzdem cool!

Freitag, 3. Juli 2015

Galerie der Klassiker: The Weakerthans - Ressurection Site

Eigentlich wollte ich mir ja hitzefrei nehmen heute. Oder zumindest die fünf besten norwegischen Black-Metal-Videoclips posten, mit denen man kühlen Kopf bewahren kann. 29 von 33 angesagten Grad sind schon erreicht. Aber dann - dieses Album hier ist bei mir so mit Ohren, Herz und Hirn verwachsen (ugh, wie man sich das bildlich wohl vorstellen muss?), dass mir nichts anderes übrig bleibt als drüber zu schreiben. 

Ich erzähl kurz, wie es anfing. Ein Epitaph-Sampler mit Videoclips. Darauf dann "The Reasons", der Kurzfilm. Ein großartiger Clip mit Musical-Anklängen und 50er-Jahre-Flair. Dann diese Lyriczeile: "I Know You Might Roll Your Eyes At This But I'm So Glad That You Exist." Textstellen, die einem noch Jahre später im Hirn herumspuken, gibt es zuhauf auf diesem dritten Album der Kanadier. "Plea From A Cat Named Virtute" ist in seiner Komplettheit zitierbar. Wenn Du auf diesem Blog surfst, ist das vielleicht gar nichts Neues für Dich, weil Du ohnehin gute Musik goutierst, aber: Dieser Song ist aus der Perspektive einer Katze geschrieben, die ihrem selbstmitleidigen Besitzer die Leviten liest. Das ist so fantastisch, dass einem gar nichts mehr einfällt. Der Song wurde von vielen Musikern gecovert, Frank Turner etwa. Den Nachfolgesong "Virtute The Cat Explains Her Departure" (von Reunion Tour 2007) hat Steven Page von den Barenaked Ladies neu interpretiert.

Zu den Klassikern gehören aber auch der Titelsong und das nachtblaue "Psalm For The Elks Lodge Last Call". Plus das wunderbare Intro/Outro, dessen Melodie auch noch an einer Stelle mitten in der Platte erklingt. Ein roter Faden mit einer überwältigenden Melodie. Was den Sound der Weakerthans aus der Masse heraushebt, ist vor allem John K. Samsons warme, samtige Stimme. Der Obersympath schreibt meiner Ansicht nach die wunderschönsten Lyrics, die sind nämlich eigentlich mehr Poesie als Songtexte. Denn oft erschöpfen sich Songtexte ja in argen Plattitüden. Samson hingegen spielt mit Sprache, malt mit ihr Bilder, erzeugt Kopfkino, weckt Emotionen. Und nichts ist ausgelutscht, keine Phrase, die man anderswo schon dutzendmal gehört hat. So muss es doch sein. Noch ein Beispiel gefällig? "When the bus-shelter windows and napkin-dispensers surprise with distorted reflections, it's never the someone you're hoping to recognize." Ist das nicht schön und unfassbar wahr? Ich finde ja.

Doch auch der musikalische Reichtum ist es, der diese Platte so zeitlos und grandios macht. Stephen Carroll greift neben Gitarre auch noch zur Lap Steel und Pedal Steel, Jason Tait darf neben dem Schlagzeug noch ein Glockenspiel und Keyboards bedienen. Folk und Country-Klänge mischen sich ebenso ins Bild wie angezerrte Gitarren. Alles in allem ist es ein sehr bedächtiges Album. Und mit "One Great City!" hat Ex-Propaghandi-Bassist John K. Samson seiner Heimatstadt Winnipeg eine ironisch-liebevolle Hommage komponiert, die zum Klassiker avanciert ist.

Das einzige, was ich den Kanadiern zum Minivorwurf mache, ist: Sie bringen eindeutig zu wenige Alben raus. Aber vielleicht höre ich gerade deshalb die existierenden Alben immer und immer wieder und weiß: sie sind eigentlich alle Musik, die ich brauche.

"Reconstruction Site" von The Weakerthans ist am 25. August 2003 via Burning Heart erschienen. Hier noch das Video zu "The Reasons".


The Weakerthans - The Reasons from The Field on Vimeo.

Montag, 22. Juni 2015

Southside 2015: Tiefenentspannt im Süden

Einen wunderschönen guten Morgen! Die erste Nacht im eigenen Bett wieder gut überstanden? Oder gerade aus dem Zelt gekrabbelt und dieses wehmütige Gefühl bekommen, wenn sie um Dich herum den Campingplatz räumen? Das Southside 2015 ist Vergangenheit, aber in zwei Tagen ist es nur noch ein Jahr, bis das Southside 2016 über die Bühnen geht (dann vom 24. bis 26. Juni).

Zum fünften Mal hab ich dieses Jahr für die Schwäbische Zeitung über das Festival berichtet, bei dem das Publikum sehr viel entspannter ist als ich es anderswo schon erlebt hab. Mein Nachbericht ist heute im Journal-Ressort der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs rechts stehende Zeitungsseitenbild könnt Ihr ihn lesen. Die Fotos stammen von Thomas Melcher, der uns seit vielen Jahren mit wunderschönen Fotos vom Southside versorgt. Gebündelte Berichterstattung zum Southside gibt's unter schwaebische.de/southside2015.

Auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung am Dienstag gibt es auch nochmal Berichterstattung vom Southside. Wer in Erinnerungen der Vorjahre schwelgen will: Klickt auf 2011, 2012, 2013 und 2014, um die Nachberichte zum Southside aus diesen Jahren zu lesen.

Montag, 15. Juni 2015

Pascow im Interview: "Wir hätten keine Lust, das jetzt noch mainstreamiger zu machen"

"Das ist Gimbweiler, nicht L.A." singen Pascow. Die Punkrocker aus dem kleinen Dorf Gimbweiler haben sich in den vergangenen Jahren mit Alben wie "Alles muss kaputt sein" und dem aktuellen Longplayer "Diene der Party" einen Namen gemacht. Am Wochenende sind Alex, Ollo, Sven und Flo in Aulendorf aufgetreten. Ein idyllisches im Schussental gelegenes Städtchen, von oberschwäbischer Beschaulichkeit geprägt und kaum 10 000 Einwohner habend. Tags zuvor waren sie noch in Karlsruhe. Bevor sie das "Irreal" mit ihrem schweißtreibenden Punkrock zur Sauna gemacht haben, nahmen sich die vier Musiker Zeit für ein Interview mit Daniel Drescher von Tinnitus Attacks. 

Tinnitus Attacks: Ihr habt am Freitag in Karlsruhe gespielt. Was verschlägt Euch in die oberschwäbische Provinz? Wie kommt der Auftritt in Aulendorf zustande? 

Ollo: Wir kommen aus einer Ortschaft, die noch viel kleiner ist.

Alex: Eine gewisse Grundsympathie ist da.

Ollo: Vor drei Jahren haben wir eine Weihnachtstour gemacht, nachdem „Alles muss kaputt sein“ erschienen war. Oliver (Inhaber des „Irreal“ in Aulendorf – Anm. d. Red.) hat uns ein paar mal angeschrieben und es hat nie geklappt. Aber auf dieser Tour hatten wir noch einen Termin frei. Dann sind wir mit Null Erwartungen hergefahren und es war ein Highlight auf dieser Fünf-Sechs-Tage-Tour. Es war so grundsympathisch alles und es hat einfach gepasst. Und bei diesem Fünferblock, den wir jetzt gespielt haben, dachten wir uns, wir spielen nochmal da wo wir ganz lange nicht mehr waren oder wo wir schon lange mal hin wollten. Und weil wir eh nach Davos wollten, wo wir vor zwölf oder 13 Jahren zuletzt waren, da liegt Aulendorf ja auf dem Weg. Da können wir das auch mal wieder machen.

Tinnitus Attacks: „Diene der Party“ ist schon ein paar Tage draußen und wurde noch stärker wahrgenommen als ihre Vorgänger. Was hat sich mit der Platte für euch verändert? 

Alex: Das stimmt schon. Es war wirklich so, dass es nochmal ein Stück vorwärts ging und dass ein paar Leute mehr, auch außerhalb der Punkrockszene, die Platte auf dem Schirm hatten. Dass Leute außerhalb unseres Dunstkreises auf usn aufmerksam geworden sind, ging bei „Alles muss kaputt sein“ los.  Aber das war mit der aktuellen Platte nochmal stärker. Es gab Leute, die uns für eine Newcomerband gehalten haben und dachten, dass das unsere erste oder zweite Platte ist. Auch die Konzerte sind etwas größer geworden.

Idylle in Aulendorf : "Eine gewisse Grundsympathie
ist vorhanden."                     Foto: Melanie Braith
Ollo: Wir haben auch gemerkt, dass sich die Aufmerksamkeit, die wir mit „Alles muss kaputt sein“ bekommen haben, verfestigt hat. Bei „Alles muss kaputt sein“ war die Wirkung anfangs gar nicht so groß was Konzerte angeht. Als „Diene der Party“ dazu kam, haben wir in Berlin vor 600 Leuten gespielt, wo wir vorher vor 150 aufgetreten sind. Das ist schon eine deutliche Steigerung.

 Sven: Das war für uns überraschend. Die Läden, die unser Booker Umberto vorgeschlagen und dann auch gebucht hat...als wir gesehen haben, wieviel Leute da eigentlich reingehen, dachten wir, das kriegen wir vielleicht halbvoll, das war's dann. Aber das war echt eine Überraschung, als dann alle Locations voll waren. Ich dachte vor dem Konzert: Jetzt spielt als nächstes eine große Band – das waren dann aber wir. Mit The Baboon Show waren wir ja auf Tour, und das war dann wirklich so: Backstage war man in so Katakomben, dann bist du hoch und hast geschaut, auf die Bühne, in die Menge...

Alex: ...und bist wieder runter (lacht).

Sven: Ne, das war schon...wie so ein Traum...irreal halt.

Tinnitus Attacks: Was an „Diene der Party“ auffiel, waren zum einen die zugänglicheren Texte. Aber auch: Wie viele unverbrauchte Riffs und Gitarrenparts man auf einer Punkrock-Platte abfeuern kann. Gerade so zweistimmige Parts in „Zeit des Erwachens“. Wie kommt man denn auf etwas, was nicht abgegriffen klingt?

Alex: Man darf sich nicht selbst in einen Käfig setzen. Bei manchen Stellen, gerade bei zweistimmigen Gitarrenparts, haben wir gedacht: Alter, kann man das machen? Das ist eine Punkrockplatte, da kannst Du doch keine Iron-Maiden-Sachen machen. Aber dann haben wir's im Studio gemacht, fanden es im ersten Moment lustig und im Kontrast zu den ernsten Texten und dem ganzen Song war es dann doch stimmig.

Ollo: Da spielt die Vorgeschichte auch eine Rolle. Wir haben relativ lang an dieser Platte gearbeitet, zumindest am ersten Teil. Da waren wir so richtig in der Krise. Es war nicht klar, ob die Platte überhaupt erscheint und ob es die Band noch länger geben wird. Das war, als wir im Sommer ein Open Air mit den Ärzten und den Toten Hosen gespielt haben. So richtig aus dem Quark gekommen sind wir nicht, hatten alle viel Arbeit. Aber als wir an dem Punkt waren, wo wir gesagt haben Arschbacken zusammen, Platte aufnehmen, da war auch so eine gewisse Narrenfreiheit da. Ok, kann sein, dass es die letzte Platte ist oder sie erscheint nie, wenn sie uns nicht gefällt. Also sind wir musikalisch kompromissloser geworden und haben textlich die Hosen heruntergelassen. „Lettre Noir“ ist ja für uns ein plakativer Song.

Tinnitus Attacks: Auf den es vermutlich auch Reaktionen gab? 

Alex: Wir haben uns da wirklich auf Reaktionen eingestellt, aber da kam eigentlich recht wenig, es gab ein zwei Mails, aber wir hatten mit einem Shitstorm gerechnet. Freiwild haben ja doch ihre Fanbase.

Ollo: Das Positive scheint zu sein, dass die Schnittmenge zwischen Pascow-Fans und Freiwild-Fans gleich Null ist.

Tinnitus Attacks: Wie muss man sich das bei der Themenwahl vorstellen? Wann sagt Ihr: Das wollen wir in einem Song aufgreifen? 

Alex: Das ist ein Stück weit Zufall. Wenn wir einen Song schreiben, sing ich einfach irgendwas, noch ohne Text. Und dann ist da so ein Satz, den ich gern in dem Text unterbringen würde. Wenn der reinpasst, bau ich den Text drumherum. Vor „Diener der Party“ habe ich die Texte mit anderen Sätzen ergänzt, ob sie dann Sinn machen, war mir egal. Dieses Mal hab ich schon überlegt, wenn ich den Satz hier singe, dann hat das den und den Sinn, dann muss der ganze Text dazu passen. Das war beim Songwriting und Texten anders.

Tinnitus Attacks: Wie kam es, dass die Texte jetzt nicht mehr so kryptisch sind wie bisher? 

Keine Frage.                      Foto: Daniel Drescher
Alex: Das war eine bewusste Entscheidung. Am Anfang, als wir damit anfingen, habe ich das Gefühl gehabt, dass das etwas relativ Neues war. So Deutschpunk à la Knüppel aus dem Sack hat man genug gehört. Was kann man anders machen war die Frage. Aber mittlerweile gab es in den vergangenen Jahren ein paar Bands, die das auch so gemacht haben, und gut gemacht haben. Nur hatte ich das Gefühl, dass es durch ist. Bei der fünften Platte nochmal das Gleiche machen wollten wir auch nicht. Es hat länger gedauert und war anstrengender, aber es hat sich gelohnt. Wir sind alle zufrieden damit. Ich hab die Texte diesmal auch vorher rumgeschickt. Bis dahin wusste keiner bis zu den jeweiligen Aufnahmen, was ich so singe.

Flo: Bei „Lettre Noir“ war es eine Diskussion: Wollen wir das so aufnehmen? Da hat Alex gemerkt, dass wir zu einem Konsens kommen müssen, weil wir alle dahinter stehen müssen.

Tinnitus Attacks: Wenn man sich die Themen auf dem Album anschaut, Flüchtlingspolitik etwa. Wie hat sich das seither entwickelt? 

Alex: Gerade bei dem Song „Zeit des Erwachens“ war es erschreckend. Wir haben den Text geschrieben, als das gerade gar kein großes Thema war. Dann kam die Platte raus und es ging los. Man hat es ständig gehört. Das kam einem vor wie die Geister, die man rief. So etwas kann man nicht planen, aber es ist erschreckend, wie einen die Realität mit so einem Horrorszenario einholen kann.

Tinnitus Attacks:  Wie politisch empfindet Ihr die Punkszene aktuell? Und kann Musik überhaupt etwas ändern? 

Alex: Ganz unterschiedlich. Es gibt eine politische Punkszene, aber es gibt auch eine Szene, die das nicht so ganz konkret macht.

Ollo: Wo die Musik im Vordergrund steht und nicht die Politik.

Alex: Ich glaub insgesamt schon, dass viele in der Szene stärker sensibilisiert sind als noch vor zehn Jahren.

Ollo: Auch durch gesellschaftliche Themen wie Stuttgart 21 und das Wutbürgertum. Viele setzen sich mit gewissen Themen auseinander. Aber dass die Punkszene politischer geworden ist, glaube ich nicht. Auch da gibt es Politikverdrossenheit, wie in anderen Gesellschaftsschichten auch.

Alex: Ich glaub, innerhalb der Punkszene es gibt auch kleine Subszenen, wo es stärker politisch zugeht. Aber das war auch schon immer so.

Pascow in Aktion.
                Foto: Daniel Drescher
Tinnitus Attacks: Wo seht Ihr Euch selber? 

Alex: Wir sehen und schon als politische Band. Daraus haben wir auch nie einen Hehl gemacht. Als Band hast du auch eine gewisse Verantwortung, was Du auf der Bühne sagst, aber auch wie Du Dich verhältst. Es kann nicht schaden, sich dieser Verantwortung zu stellen. Sich immer hinter etwas zu verstecken unter dem Deckmantel unpolitisch zu sein, das ist auch nicht toll.

Tinnitus Attacks: Gibt es schon Pläne oder Songs für ein neues Album? 

Alex: Wir haben schon einige Baustellen. Aber es gibt noch ein anderes Projekt, das ansteht, zu dem wir aber noch nichts sagen dürfen. Es wird etwas anderes geben als eine neue Platte. Es ist etwas, das für uns auch totales Neuland und mit viel Aufwand verbunden ist. Das haben wir vorgeschoben, um Zeit zu haben. Aber wir sind dabei, neue Songs zu schreiben.

Tinnitus Attacks: Wie seid Ihr zum Punk gekommen? Warum macht Ihr diese Art von Musik und nicht, sagen wir, Deutschrap?

Alex: Jeder von uns hat da seine eigene Erfahrung mit Punk gemacht.Wir sind alle keine Neulinge. Aber wir sind alle erst so richtig durch die Band in die Punkszene reingerutscht. Jeder von uns hat die Punkmusik gekannt und gut gefunden. Aber was es alles in der Szene gibt, haben wir erst mit der Band gelernt...AJZs, alternative Wohnprojekte, Leute, die ihr Leben komplett anders führen, der ganze Crust-Kram...

Alex, Ollo, Sven und Flo mit Daniel (links) von Tinnitus
Attacks.                           Foto: Melanie Braith
Ollo: Musikalisch waren es die ganz klassischen Einstiegsdrogen. Hosen, Ärzte, Brieftauben, Bad Religion, was man in den 90ern hatte, Misfits.

Alex: Der erste Song ist enstanden, als Ollo mit einer Misfits-CD zu mir kam. Und ich so: Das ist gut! Und gar nicht so schwer zu spielen. Der Proberaum war im selben Gebäude, wo wir auch gewohnt haben. Es gab eine Vorgängerband von Pascow, und der erste Song war eigentlich ein Misfits-Abklatsch.

Tinnitus Attacks: Euer Name ist aus „Friedhof der Kuscheltiere“ entlehnt. Woher kommt die Begeisterung für Stephen King, auf den ja auch „Castle Rock“ anspielt? 

Ollo: Ich glaube, es wäre übertrieben zu sagen, dass wir Fans sind. Der Name Pascow, das war auch so ein Zufall. Alex sagte zu mir: Wenn wir mal eine neue Band machen, soll die Pascow heißen.

Alex: Ich hab das Buch mit 14 gelesen und gesagt: Wenn ich mal eine Band hab, soll die so heißen. Dann gab es noch ne andere Band mit einem viel schlimmeren Namen. Und als die sich aufgelöst hat, konnte man mit dem Pascow-Ding kommen. Das mit den „Goonies“ und „Stand by Me“ gab es ja auch immer, das war schon auf der ersten Platte Thema. „Castle Rock“ ist der Ort, wo sich letztere Geschichte abspielt, und auch der Name der Produktionsfirma von Stephen Kings Filmen.

O'llo: Diese Kindergang-Romantik, die diesen Themen anhaftet, da findet man sich auch selber drin. Wir sind auch in einem kleinen Dorf aufgewachsen und durch die Wälder gestreift. Das ist ein Stück Identität.

Tinnitus Attacks: Ihr seid viel auf Tour. Könnt Ihr von der Musik leben? 

Alex: Wir leben nicht davon. Es war mal kurz ein Wochenende lang Thema als wir gefragt wurden, ob wir uns das vorstellen können. Aber uns war schnell klar: Nein, das wollen wir nicht.

Ollo: Wir haben uns auch zu alt dafür gefühlt und in den eigenen Jobs zu gefestigt. Ein Vorteil ist aber die musikalische Freiheit. Morgen können wir mit Cembalo und Triangel auf die Bühne gehen und haben keine finanziellen Nachteile davon.

Sven: Auch abseits vom Komponieren zu tun, was man will, das geht so viel besser. Wenn man davon leben will und die Miete reinbekommen muss... Wenn Du ein Konzert angeboten bekommst, auf das Du gar keine Lust hat, aber Deine Familie ernähren musst, musst du Kompromisse eingehen. Und wenn man ständig auf Tour wäre, verliert man vielleicht auch den Spaß daran.

Punkrocksauna im Irreal.             Foto: Daniel Drescher
Alex: Als wir zu „Alles muss kaputt sein“ so extrem viel getourt sind, war das auch ein bisschen so. Da haben wir jedes Wochenende gespielt, saßen immer im Bus und dachten: Das ist immer das gleiche, Du machst Deinen Job. Die Konzerte waren richtig gut, aber da hatten wir keinen Bock mehr drauf. Und ohne jetzt tiefstapeln zu wollen: Um von der Musik leben zu können, muss man auch Mainstream sein. Das sind wir nicht. Für unsere Verhältnisse sind wir schon weit gekommen, aber wir hätten keine Lust, das jetzt noch mainstreamiger zu machen. Wir haben ja auch Muff Potter kommen und gehen sehen. Die haben es ja auch versucht und es hat ein paar Jahre lang gut geklappt, aber ich vergesse nie das Interview mit Nagel: Nachdem Muff Potter aufgehört haben oder als sie in den in den letzten Jahren vom Major weg waren, wurden sie gefragt, warum sie das alles machen, mit der Band touren, dieses Festival, das Konzert spielen, Ihr seid doch eine Punkband, da sagte er: Was sollen wir denn machen? Von uns hat keiner einen Job, wir haben immer nur Musik gemacht seit wir 16 sind. Wir haben immer alles auf eine Karte gesetzt und jetzt müssen wir halt. Das war für mich ein Erkenntnismoment. Es ist so leicht wenn man als Hobbypunk Muff Potter etwas vorwirft, aber die hatten ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet. Dann musst Du das ganz anders bewerten.

Tinnitus Attacks: Was hört ihr eigentlich so privat? 

Ollo: Ganz unterschiedlich...im Bandbus...

Alex: ...läuft nur Schrott (lacht).

Tinnitus Attacks: Ok, definiere Schrott.

Alex: Schrott ist immer das, was die anderen hören.

Tinnitus Attacks: Das trifft es ziemlich gut.  

Ollo: Das kommt immer drauf an wer fährt und Musik macht. Sven kommt eher so aus der Rock- und Metal-Abteilung.

Sven: Ich hör auch alles, was weiß ich, Funk etwa, was es mir gerade sehr angetan hat, ist Lisa and the Lips, da singt die Sängerin von den Bellrays, mehr so Oldschool-Soul, das finde ich geil. Aber auch aktuelle Rockbands aus Schweden oder Skandinavien allgemein, oder gern mal Death Metal. Gestern hab ich mir eine alte Sepultura gekauft. Was halt Gitarren hat und cool ist aus meiner Sicht.

Alex: Auch viel Punk und Hardcore.

Flo: Wenn Hardcore, dann aber ohne diesen ganzen Proll- und Machofaktor. Das geht definitiv gar nicht, aber ansonsten geht das schon ganz gut.

Alex: Worauf wir uns einigen können, und das ist auch die Quintessenz der Band: Wir stehen alle auf gute Songs. Wenn ein Song eine gute Melodie hat und funktioniert, dann ist es relativ egal, welche Musikrichtung es ist. Wenn Dich ein Song packt, dann packt er Dich.

Aufgeschrieben von: Daniel Drescher.

Nachtrag: Das Konzert selbst im Irreal war dann richtig irre. Nachdem die Vorband "Patrick F. Patrick" ihren Job gut gemacht hatte, verwandelten Pascow den kleinen Raum mit rund 50 Nasen in eine hitzige Punkrocksauna. Fenster geschlossen, wir sind ja nicht in der Großstadt und die Anwohner brauchen ihren Schlaf - und das Set mit neuen Songs wie "Lettre Noir" und alten Schoten der Marke "Trampen nach Norden" war ein Fest. Als Alex' Brillenband (Punkrock!) schlapp machte, ließ er sich die Sehhilfe am Kopf festtapen, das half aber auch nichts. Ein intensiver, denkwürdiger Abend! Danke Pascow! Jederzeit wieder.