Montag, 29. Dezember 2014

Jahresrückblick 2014, Teil 2: Die besten Platten des Musikjahres

Große Neuentdeckungen hat mir das Jahr 2014 nicht gebracht. Die vergangenen zwölf Monate waren eher davon geprägt, dass sich alte Bekannte zu neuer Größe erhoben haben. Das spiegelt sich dann auch in meiner Jahres-Top-Ten wieder. Und wie auch schon in den Jahren davor gilt: Der Wertung liegt ein höchst pseudomathematischer Koeffizient zugrunde. Zahl der Hördurchläufe mal Grad der Faszination, und das irgendwie so korreliert. Mit einem Klick auf Bandnamen und Albumtitel gelangt Ihr zur Rezi, die auf dem Blog erschienen ist.

10.) The Hold Steady - Teeth Dreams
Taufrisch sind die nicht mehr. Aber The Hold Steady machen auf "Teeth Dreams" so vieles richtig. Krachende Rocker wie "Spinners" zum Beispiel, die kriegst Du nicht mehr aus dem Kopf. Craig Finn bleibt der erzählstärkste Pub-Poet ("Let the city live your life for you tonight"), Tad Kubler zimmert ihm die kantigen Riffs dazu und Neuzugang Steve Selvidge schiebt das Schiff in Richtung Classic Rock der Marke Thin Lizzy. Gut, dass sie die Kurve gekriegt haben - denn es war nicht sicher, ob es dieses Album geben wird. Und auf goldenem Vinyl - meine Herren, fühlt sich das gut an. 

9.) Opeth - Pale Communion
Bin mal wieder spät dran. Manche Bands sind schon ewig da, man hört auch immer wieder, wie gut sie sein sollen, aber an Bord kommt man dann eben erst irgendwann. Ich hab auch keine Ahnung, ob ich mir den Backkatalog erarbeiten muss oder ob das jetzt so passt. Jedenfalls haben mich die ersten Töne des Openers "Eternal Rains Will Come" (was für eine Verheißung) an meiner Prog-Schwachstelle erwischt. Und es wurde auch nicht schlechter die Minuten danach. Die Death-Metal-Vergangenheit ablegen, das kann ja problematisch sein. Opeth jedenfalls tut es gut. 

8.) Lagwagon - Hang 
Mir war klar, dass Lagwagon große Klasse sind. Dass sie aber eines meiner Top-Ten-Alben dieses Jahr abliefern, hätte ich nicht gedacht. Nur war "Hang" einfach zu gut. Der voluminöse Sound (natürlich von Bill Stevenson, dem Descendents-Drummer, der in seinem Blasting Room Studio schon so viele Platten veredelt hat). Die Songs, die perfekt Härte und Melodie kombinieren. Joey Capes Kunst, Musik und Text so zu verzahnen, dass sie auch substanziell als Akustiktracks durchgehen würden, aber mit Stromgitarre eben noch cooler wirken. Ein beeindruckendes Spätwerk. 

Chuck Ragan hat auch ein neues Album dieses Jahr veröffentlicht, das hat mir gefallen. Aber dieses Live-Album war der Hammer. So viel Musik. So viel Haltung. So viele gute Worte. Chuck Ragan nimmt alle mit. Songwriter wie Kollegen Tim Vantol, der mit auf die Bühne kommt. Mütter, denen er einen Song widmet ("Geraldine"). Und alle, die eben zu seinem Konzert kommen und eine gute Zeit haben sollen. Dazu neue Stücke wie "Bedroll Lullaby" mit seiner Steel-Gitarre, alte Hits wie "Rotterdam" und sogar was von Hot Water Music ("Drag My Body").  

Melancholie in Reinform. Interpol waren schon immer die Band, zu deren Musik man eine Schachtel Zigaretten wegziehen, eine Flasche Rotwein dazu leeren und mit sich selbst über Weltschmerz und andere Nettigkeiten sinnieren möchte. Die charakteristische Stimme von Paul Banks prägt auch "El Pintor". Songs wie "All The Rage Back Home" preschen nach vorne, es gibt aber auch innehaltendere Momente, die einen einwickeln. Am besten nachts im Auto hören, Freibad-tauglich ist diese Platte nicht. 

5.) Against Me! - Transgender Dysphoria Blues
Keine einfache Platte. Wenn einem die Band wegbricht und das Leben auf dem Kopf steht, ist das nicht ohne. Laura Jane Grace (ehemals Tom Gabel) zeigt auf ihrem ersten Album seit dem Transgender-Coming-Out, dass sie sich vom Umbruch in der Band nicht hat irritieren lassen. Das Album behandelt diesen mutigen Schritt, der auch in der ach so toleranten Punkszene für genügend hässliche Kommentare gesorgt hat (und Brian Fallon von The Gaslight Anthem ein sehr sympathisches Statement abnötigte). Songs wie "Dead Friend" kennt mancher schon von Akustik-Darbietungen. Ein wichtiges Album. 

4.) Beatsteaks - dto. 
Mit "Boombox" hatte ich sie abgeschrieben. Jetzt sind sie wieder da, Berlin's Finest, die Beatsteaks, und ignorieren die Stilgrenzen zwar noch mehr, haben dabei aber die überzeugenderen Songs im Köcher. Das jubilierende "Make A Wish", aber auch Groove-Granaten wie "Gentleman of the Year" und die beiden Schlussnummern "Creep Magnet" und "I Never Was" sind so gelungen, dass man sich einfach nur freuen kann. "Good Night" sagt Sänger Arnim zum Schluss. Hoffentlich müssen wir nicht so lange schlafen, bis die nächste Platte da ist. 

3.) Bob Mould - Beauty & Ruin
Hüsker Dü und so, Bob Mould ist einer der Großen. Und seine Soloalben sind richtig richtig gut. Auch "Beauty & Ruin". Wer ein Album so nennt und sich auf dem Cover in alt und jung zeigt, hat eh schon gewonnen. Aber dann auch noch Songs wie "I Don't Know You Anymore" rauszuhauen - das kann nicht jeder. Dave Grohl wusste das natürlich und hatte sich den Gastauftritt des Rockveteranen schon auf "Wasting Light" gesichert. Doch Mould solo ist auch eine Offenbarung. Da kommt noch mehr, ganz sicher. 

2.) Kraftklub - In Schwarz
Anfangs hatte ich meine Zweifel. Die Refrains wirkten hingeschludert, wenig durchdacht. Dann aber mehr und mehr Hördurchgänge. Die Songs wuchsen. Die Texte eh. "Schüsse in die Luft", diese elegante Sozialkritik. Oder "Meine Stadt ist zu laut", der die Gentrifizierung so auf den Punkt bringt. Das Konzert im Atomic Café in München setzte allem dann die Krone auf. 300 Menschen auf engstem Raum - das Shirt nach wenigen Minuten so nass als hätte man es in Wasser getunkt. Auch wenn es dann nur 30 Grad (oder wie viel waren es?) waren. Jetzt warten alle auf das Dritte.  

1.) Pascow - Diene der Party
Die besten Texte. Die coolsten Riffs. Die fetteste Produktion. Pascow aus Gimbweiler haben  ihr Meisterwerk abgeliefert. Das sag ich nicht, weil mich das Buchprojekt so beeindruckt hat. Die Platte wirkt aber so lange bei mir nach. Mit Songs wie "Fluchen und Fauchen", Songzeilen wie "Scheiß auf Außenseiterromantik, die nie echt war und sich immer nur selbst dient". Besser war deutschsprachiger Punkrock 2014 einfach nicht - und lange davor auch nicht. Danach - wird man sehen. Meine Zweifel hab ich.

Eine Playlist auf Spotify findet Ihr an dieser Stelle

Wie es in den Jahren vorher aussah, erfahrt Ihr per Klick aufs Jahr: Jahresrückblicke aus 2013, 2012 und 2011. Die zehn zu kurz gekommenen Platten in 2014 gibt's an dieser Stelle.

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