Sonntag, 28. Dezember 2014

Jahresrückblick 2014, Teil 1: Die zu kurz Gekommenen

Jedes Jahr das Gleiche: Auch wenn Musik die höchste Priorität hat, man kommt nicht dazu, sich alles anzuhören, was einen interessiert. Bei mir kam dieses Jahr noch dazu, dass sich die wichtigste berufliche Veränderung meines Lebens abgespielt hat. Eine sehr positive Veränderung. Kennt Ihr das, wenn Ihr lange auf etwas hinarbeitet und das Ziel dann endlich erreicht? So eine Veränderung. Und klar, man bekommt mit, dass Band A und Band Y neue Alben bringen, aber dann kommt schon  wieder was anderes und plötzlich ist das Jahr rum. Aus diesem Grund würdige ich auf Tinnitus Attacks jedes Jahr auch die zehn Alben, die unterm Jahr an mir vorbeigegangen sind, die ich aber noch unbedingt hören, haben, kaufen muss. Teils stehen sie schon in meinem Regal, teils hab ich mal reingehört - jedenfalls kommen hier die zehn Alben, die mit etwas mehr Zeit auch auf Tinnitus Attacks besprochen worden wären. Woulda shoulda coulda. 

10.) Manchester Orchestra - Cope 
Mit ihrem Album "Mean Everything To Nothing" hab ich sie lieben gelernt, die Alterantive-Rocker aus Atlanta, Georgia. Die clever komponierten Ausbrüche wie in "Shake it Out" und das Nirvana-Feeling bei "In My Teeth" hatten mich überzeugt. "Simple Math" hab ich auch im Schrank stehen, aber "Cope" ging an mir vorbei. Wie immer kann man sich nicht erklären, warum. Unmissverständlich und erbarmungslos soll das Album laut Frontmann Andy Hull sein, jeder Song ein Schlag gegen den Kopf. Nun denn. Es kann losgehen - wartet, ich setz nur noch eben meine Brille ab.

9.) The War On Drugs - Lost in The Dream
Den Vorgänger "Slave Ambient" hab ich mit dem grandiosen Song "Baby Missiles" durch das britische Uncut-Magazin entdeckt. Das diesjährige Werk von Adam Granduciel war mir zwar präsent, und es hieß, 80er meets Bob Dylan, hieß es, und ich wäre bereit gewesen, mich drauf einzulassen. Kurt Vile hat die Band aus Philadelphia 2009 verlassen und ist solo unterwegs. Macht nix. The War on Drugs rollen erst Synthie-Teppiche aus, auf denen sich dann Bruce Springsteen mit gezogenem Stecker austoben darf. So ungefähr klingen Songs wie "Burning" in meinen Ohren.

8.) Pianos Become the Teeth - Keep You 
Moment. Klangen die noch auf dem letzten Album "The Lack Long After" nicht wie der Traum jedes trotzigen Teenagers, der nach einem Streit die Treppe hinaufrennt und seine Zimmertür krachend ins Schloss wirft und einen passenden Soundtrack dazu braucht? Wenn der 2011er-Output der "The Wave"-Vertreter aus Baltimore, Maryland, noch der Zwist mit den Eltern war, klingt "Keep You" wie die Melancholie nach einem gebrochenen Herzen. Plötzlich denkt man an The National und ihre verschleppten Minidramen. Auch La Dispute traten 2014 eher leise, Title Fight werden nächstes Jahr auf ihrem neuen Album neue Wege beschreiten - Hardcore wie in "harte Schale, weicher Kern".

7.) Maximo Park - Too Much Information
Sie waren die Band der Stunde vor zehn Jahren und erinnern uns daran, wie schnell Trends kommen und gehen können. Die New Wave of British New Wave schenkte uns Bands wie Franz Ferdinand, Bloc Party und eben Maximo Park. Aber auf Album Nummer vier ("The National Health") machten sich
Ausfallerscheinungen breit (nachdem "Quicken the Heart" auch schon schwächere Momente hatte). Album Nummer fünf ging an mir vorbei, und die Dringlichkeit von Hitsingles wie "Our Velocity" scheint das, was ich gehört habe, auch nicht mehr zu besitzen. Vielleicht sollte man es einfach dabei belassen. Aber ich möchte ein Ohr riskieren.

6.) The Rural Alberta Advantage - Mended With Gold
Wäre mein Flieger nicht ein paar Tage zu früh gegangen, hätte ich sie in einem intimen Club sehen können. Die Indie-Rockband aus Toronto hat es sich mit ihren Alben "Hometowns" und "Departing" in meinem Plattenschrank bequem gemacht. Der folk- und americana-infizierte Sound des Trios klingt nach Wehmut, langen Straßen, endlosen Fahrten und echten Gefühlen. Songs wie "Terrified" lassen einen mit einem Gefühl zurück, das das englische Wort eerie wohl am besten beschreibt. Download geht hier nicht. Diese Musik verlangt das kratzig-warme Vinyl-Feeling. Dann erst entfalten The Rural Alberta ihre ganze wohltuende Wirkung.

5.) Cloud Nothings - Here and Nowhere Else
Manchmal versteh ich es einfach nicht. 2012 waren die Cloud Nothings mit "Attack on Memory" noch auf Platz 2 meiner Jahres-Top-Ten. Dieses Jahr hat mich das halbstündige Nachfolgewerk "Here And Nowhere Else" auf den ersten Höreindruck nicht so von den Socken gehauen, dafür ist es mit ein paar Hördurchläufen aber noch kräftig gewachsen. Es bleibt dabei: Die Cloud Nothings sind meine neuen Thermals. Und Dylan Baldi der sympathische Schraddelmeister mit einer charakteristischen Stimme und den schluffigsten Gitarrenriffs.

4). Mad Caddies - Dirty Rice
Als Fan der eher punkrockig angehauchten Stücke der Mad Caddies hab ich mir bereits mit "Keep It Going" und den relaxteren Stücken darauf schwer getan. Oberflächlicher Höreindruck bei Dirty Rice dann: Och. Muss nicht sein. Nur kam dann das Konzert in Lindau. Und da funktionierte das eben prächtig. "Oha, Dangerous - ein Michael-Jackson-Cover?" Nein, ein eigener Song - und neben Stücken wie "Shoot Out The Lights" gibt's ja dann wenigstens auch noch einige wenige schnellere Sachen wie "Bring It Down". Passt schon. Wir werden alle älter.

3.) Antemasque - Antemasque
Als ein Musik-Insider (gibt's!) mir die Platte empfahl, zögerte ich zu lange. Klar, in der Indie-Disco kann man "One Armed Scissor" von At The Drive In mitsingen, und The Mars Volta kennt man auch irgendwie. Aber oberste Prio hatte das nie. Jetzt hab ich sie endlich auch gehört und muss sagen: Ja. Was diese beiden Herren da veranstalten, trifft meinen Geschmack ziemlich exakt. Die sehr offensichtlichen Led-Zeppelin-Vibes in "Drown All Your Witches", das Hit-Potenzial von "Hanging In The Lurch" - kein Wunder, dass Antemasque in den Bestenlisten überall weit vorn mitmischen.

2.) Se Delan - The Fall
Über eine News, die ich für finestvinyl geschrieben habe, bin ich auf das Seitenprojekt von Justin Greaves (Crippled Black Phoenix) gestoßen. Gemeinsam mit Belinda Kordic hat der Kreativkopf diese dräuende Platte aufgenommen, die mit ihren Pianoklängen und dem langsamen Tempo perfekt in den Herbst und den Winter passt. Da denkt man, passiert eigentlich gar nicht viel, aber man kann sich nicht satthören an den Songs, man fühlt sich an die 90er erinnert, an gothische Nächte, an schwarze Kerzen - und das kann ja nicht unbedingt ein Fehler sein.

1.) The Menzingers - Rented World
Was ist das immer mit den Mezingers? Ihr Album "On The Impossible Past" verpasste ich erst, dann wuchs es umso mehr in meine Ohren und Hirnwindungen hinein. Beim Pirate Satellite Festival in Stuttgart waren The Menzingers, dieses amerikanische Punkrock-Glücksquartett, dieses Jahr mein Highlight. Und dann servieren sie uns auch noch so feine Hymnen wie "I Don't Wanna Be An Asshole Anymore". Auch wenn die Klasse des Vorgängers nicht ganz erreicht wird: Das Album lohnt sich, weil es eben The Menzingers sind.

Jedes Jahr kommen welche zu kurz: So sah die Liste 2013, 2012 und 2011 aus. 

Eine Spotify-Playlist mit Songs von diesen zehn Alben findet Ihr an dieser Stelle

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