Samstag, 15. November 2014

Was mir zu "Smells Like Twen Spirit" eingefallen ist

Spannung, Spaß und Spiel - oder so: Das Pascow-Box-Set.
                                                        Foto: Tinnitus Attacks
Pascow schaffen es mit ihrem neuen Album "Diene der Party" ziemlich weit nach oben in meinen Jahres-Top-Ten. Ist ja bald auch schon wieder Zeit für Jahresrückblick und so.

Was das aktuelle Werk der Punkrocker aus Gimbweiler für mich noch ein Stück wichtiger macht, ist eine persönliche Geschichte. Denn zum Song "Smells Like Twen Spirit" konnte man ja einen Text einreichen, der mit etwas Glück im Buch zur LP veröffentlicht werden sollte. Das hab ich zwar nicht geschafft, aber Pascow fanden die restlichen Texte so gut, dass sie sie nicht unter den Tisch fallen lassen wollten. Und inzwischen ist das Box-Set, das nun extra produziert wurde, da. Obwohl es erst am 7. November auf den Markt kam, ist es schon vergriffen. Das Album gibt's auf Tape (plus Download), im Buch sind die 50 Texte versammelt (unter anderem meiner) und das Ganze kommt in einer Papp-Box mit aufgesprühtem Schriftzug. Seit ich das Set hier hab, ist mir wieder klar, wie sehr mir Kassetten eigentlich fehlen. Klar, Nostalgie und so. Aber wenn man seine Jugend mit dem Zusammenstellen von Mixtapes verbracht hat, ist es echt ein ganz seltsames Gefühl, in Zeiten von Spotify und Co. mal wieder eine Kassette einzulegen.

Aber bevor ich jetzt alte Dino-Stories auspacke, lest lieber meinen Text, der in "Smells Like Twen Spirit" abgedruckt ist:

Doch schon so spät

Von Daniel Drescher

Und Du schaust auf die Uhr und stellst fest, dass die vergangenen 20 Jahre an Dir vorbeigerast sind wie ein ungebremster Expresszug. 2014 hätte Kurt Cobain seinen 47. Geburtstag gefeiert. Doch der Grunge-Musiker wurde 1994 durch seinen frühen Tod zur Ikone. Mit 27 starb er. Im Blut eine Überdosis Heroin, im Kopf eine Kugel. Cobain beging Suizid, auch wenn sich gewagte Verschwörungstheorien um sein Ableben bis heute halten.

Den damals jungen Erwachsenen, die der kanadische Schriftsteller Douglas Coup im gleichnamigen Roman so treffend als „Generation X“ portraitierte, hinterließ Cobain Songs, die ihnen aus der Seele sprachen.

Zum Beispiel "Smells Like Teen Spirit", den großen Hit mit der Textzeile, die heute noch ebenso bedeutungsschwanger klingt wie damals: "Here We Are Now, Entertain Us." Wenn Kurt Cobain diesen Song heute veröffentlichen würde, klänge das vielleicht anders. Die Welt ist eine andere. Damals – wie seltsam das klingt, wenn man selbst Anfang 30 ist – war es eine Welt ohne Smartphones. Ohne permanente Verfügbarkeit von Musik im Internet. Ohne digitalen Exhibitionismus auf Facebook und Twitter; ohne die im Sekundentakt aufschlagenden Statusmeldungen, die im besten Fall nützlich, oft genug aber auch heiße Luft sind. Vielleicht müsste der Song dann „Smells Like Twen Spirit“ und die wichtigste Textzeile heißen: "Haltet ein, es ist zu viel Entertainment." Kurt, der den Rummel um seine Person nie verstanden hat – würde er sich im Netz profilieren und feiern lassen? Würde er Selfies posten? Weiß niemand. Das Gefühl sagt: vielleicht eher nicht. Was wäre, wenn er noch leben würde? Wären Nirvana noch so groß wie Anfang der 90er, als Grunge der Klang einer Generation, der Sound einer Szene war? Und wäre der frühere Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl der – gleichwohl sympathische – Rockstar, zu dem ihn sein Erfolg mit den Foo Fighters gemacht hat? Themen für den Musiknerd-Stammtisch. Man darf es für bittere Ironie halten, dass vermutlich erst der Tod Kurt Cobains den Weg zum Riesenstatus der Foo Fighters geebnet hat. Grohl beschäftigt der Tod immer noch, wie man auf dem Foo-Fighters-Album "Wasting Light" 2011 sah: "I Cannot Forgive You Yet" formulierte er im Song "I Should Have Known". Die Zeit heilt alle Wunden? Nicht unbedingt.

Kurt Cobain wurde keine 30. Er starb in der Zeit, die mancher für die beste Zeit im Leben hält: den Goldenen 20ern. Für Kurt Cobain waren die 20er nicht nur golden, trotz Ruhmes und Rummels. Sie waren auch "blue", traurig, und "black" müssen sie auch gewesen sein, düster wie das schwarze Loch der Depression. Darin ist er versunken.

Je nachdem, wen man fragt, sind die Goldenen 20er eine historische Ära oder aber das altersmäßige Nonplusultra. Unverbaut liegt die Zukunft vor Dir. Alles scheint möglich. Der Geist der 20er. Eben noch hast Du am Abi-Ball voller Illusionen im Kopf "Freiheit!" gerufen und das Ende der Schule als Startschuss fürs richtige Leben begriffen. Gut, später stellt sich heraus, dass diese Freiheit mit Steuererklärungen erkauft sein will. Mit Autoreparaturen, mit Versicherungspolicen und Altersvorsorge. Trotzdem: Die Twens gehen mit breiter Brust durchs Leben. Ihnen gehört die Welt. Den Führerschein hast Du nicht erst seit gestern, in den USA darfst Du mit 21 endlich Alkohol trinken. Und Du hast so viel auszuprobieren – vor allem Dich selbst. Studium, erste eigene Wohnung, weg von zuhause. Geht eine Beziehung in die Brüche, sind vielleicht noch keine Kinder und keine Ehe im Spiel. Die 20er sind unbeschwert. Relativ. Nähern sie sich dem Ende, wird den meisten klar, dass "da draußen" nicht das ersehnte Rockstar-Dasein auf Dich wartet, sondern ein Job, der gemacht werden muss, damit am Ende des Monats Geld auf dem Konto landet. Du kommst zu der Erkenntnis, dass die Plattensammlung manchmal zurückstecken muss, wenn Du Dein Einkommen in Alltagskram wie Umzugskartons stecken musst. Dass Klassentreffen zu Weihnachten immer auch eine Art Status-Schwanzvergleich sind. Mein Auto, mein Haus, mein Lifestyle.

Und während die anderen um Dich herum erwachsen werden, ein Aktiendepot anlegen und heiraten, interessierst Du Dich vielleicht weiter für Bands, die Deine Freunde nur deshalb kennen, weil Du stolz deren verwaschene Tour-Shirts zur Schau trägst. Du kannst immer noch über die infantil-debilen Späße von Beavis und Butt-Head lachen, während der eine Typ aus Deiner alten Clique plötzlich keinen Spaß mehr versteht, wenn es um die heilige Pflicht der Kehrwoche geht.

Plötzlich sind sie rum, die 20er. Der Expresszug, weißt Du noch? Zu Deinem 30. schenken sie Dir dieses pseudolustige T-Shirt: „Ich bin 30 – bitte helfen Sie mir über die Straße.“ Lass Dich nicht irre machen: Die 30er sind nicht so schlecht, wie einige tun. Niemand legt einen Schalter um, der Dich plötzlich zwingt, jeden Samstag das Auto zu waschen, Jazz zu hören und den All-inclusive-Urlaub auf einer überlaufenen Baleareninsel zu buchen. Die 30er sind wirklich nicht so übel. Du bist – hoffentlich – kein Praktikant mehr, kennst Dich selbst, weißt, was Du willst und welche Kompromisse Du niemals eingehen würdest. Du stehst im Leben. Wie chaotisch das auch immer sein mag. Und wenn andere Dich schief anschauen, weil Du immer noch Poster an der Wand hast statt Picasso: egal. Mit Musik kannst Du in Würde altern. Johnny Cash hat es bewiesen. Keine Angst.

ENDE.

Eine Plattenkritik zu Pascows "Diene der Party" lest Ihr hier, einen Konzertbericht aus Lindau hier.

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