Samstag, 1. November 2014

Hörtest: Lagwagon - Hang

"Lagwagon sind die amerikanischen Die Ärzte", meinte ein guter Freund auf dem Southside Festival vor ein paar Jahren zu mir. Joey Cape und seine Band stand auf der Bühne, spielten großartige Songs wie die Trennungs-Schnauzbart-Anekdote "Razor Burn" und meinen persönlichen Favoriten "Falling Apart" - und zwischendurch gab es genauso schwachsinnige Ansagen wie bei den Berlinern BelaFarinRod. Lagwagon waren für mich immer eine coole Band, Joey Cape ein begnadeter Songwriter. Sein Soloalbum "Bridge" enthält einen Song, der wirklich einer meiner ewigen Favoriten ist: "The Ramones Are Dead", eine herzenswärmende Betrachtung über Plattenläden und Musikliebe. Live hab ich ihn im Club Vaudeville vor ein paar Jahren erlebt (mit Jon Snodgrass und Chad Rex zusammen). Also: Gute Band, solide Platten, ein paar schöne Erinnerungen. 

Aber: Dass mich das neue Album dermaßen umhaut, hätte ich nicht erwartet. "Hang" ist das erste Studioalbum seit neun Jahren. In der Zwischenzeit hat Joey Cape unter den Bannern von Bad Astronaut, Scorpios und Bad Loud Alben veröffentlicht, er ist mit "Me First and the Gimme Gimmes" für die coolsten Coverversionen ever verantwortlich und auch als Labelmacher und Produzent tätig. "Hang" ist eine Überraschung. In jeder Hinsicht. Punkrock pur, aber dabei verzichten Lagwagon auf stumpfe Klischees, platte Polka-Rhythmik und ausgelutschte Parolen. Uns allen war doch immer klar, das Joey Cape ein großartiger Songwriter ist. Aber auf "Hang", das ist echt nochmal ne Schippe obendrauf. Die Songs sind so versiert und clever aufgebaut. Wie bei "In Your Wake" plötzlich ein cleaner Gitarrenpart kommt, nur um dann die Schrauben wieder anzuziehen und zu explodieren - wow.

Die Gitarrenarbeit ist dann auch das, was "Hang" weit aus der Masse der Veröffentlichungen raushebt. Das Riffing in "Made Of Broken Parts" oder die fast schon metallische Twin-Guitar-Passage ab Minute fünf in "Obsolete Absolute". Dann "One More Song", mit dem Joey Cape seinem im Juli 2012 vestorbenen Freund Tony Sly (No Use For A Name) Tribut zollt: Der Titel schöpft laut Label aus dem Schlussgesang von Sly’s Solotrack "LIVR Let Die". Label/Promoagentur Uncle M zitiert Joey Cape dazu: "Die letzten Tage, die wir zusammen auf Tour waren, hat er ein Lied geschrieben und für mich gespielt, und es war unbeschreiblich", sagt Cape über die Inspiration des Songs. "Was ist mit diesem Lied passiert? Ich kann mich nicht entsinnen. Ich kann mich nicht gut genug daran erinnern, um zu sagen, "das ist das letzte Lied, das Tony je geschrieben hat."

Tod, Trauer, Verlust und Alter - große Themen, die das Album verhandelt. Und es wirkt auch so, als seien die Songs erwachsener, reifer, ausgeklügelter. Das kommt wohl mit der Zeit. Trotzdem haben Lagwagon ihre gute Laune nicht verloren und schaffen es, dem Zuhörer ein breites Grinsen aufs Gesicht zu musizieren. Und wenn mit "You Know Me" die Platte ausklingt, ist klar: Eben hast Du eine der besten Platten dieses Jahres gehört.

"Hang" von Lagwagon ist am 31. Oktober erschienen. Im Youtube-Kanal von Fat Wreck Chords könnt Ihr die Songs des Albums hören. 

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