Donnerstag, 26. Dezember 2013

Jahresrückblick 2013, Teil 1: Die zu kurz Gekommenen

So viele Platten, so wenig Zeit. Wenn ich fürs Musikhören und das Schreiben darüber bezahlt würde, wäre ich nicht nur reich, sondern könnte auch alles, aber auch wirklich alles hier unterbringen, was ich gut finde. Da dem aber nicht so ist, fallen manche Platten unter den Tisch. Am Jahresende-Wrap-Up kommen aber nochmal die Releases auf den Tisch, die hier auch hätten stattfinden sollen. Zehn Stück, die im Schrank stehen, aber nicht die erforderliche Aufmerksamkeit bekamen.

10.) Vampire Weekend - Modern Vampires of the City
Die ersten beiden Alben der New Yorker Indiefüchse waren nichts weniger als Meisterwerke. Mit dem dritten Album spielen sie weiter in der Oberliga. Denn so oft man diese Platte auch hört, mit Entdecken ist man nie am Ende. Die Songs halten so unglaublich viele Details und Spielereien parat, dass man es auch nach Monaten noch nicht komplett erfasst hat. "Unbelievers" mit seinem Jubel-Moment ab 2:29, das hibbelige "Diane Young", das zwischen stressig und relaxt hin und her pendelnde "Ya Hey" - alles Songs, die zeigen, dass die Musikstreber noch lange nicht zuende erzählt haben, was sie uns sagen wollten. Gut so.

9.) Obits - Beds & Bugs
Wie konnte ich nur irgendwann mal in meiner schon ewig zurückliegenden Jugend davon ausgehen, dass Gitarren nur rocken, wenn sie bis zum Anschlag verzerrt sind? Hätte ich das weiter geglaubt, wären schrammelige Rockbiester wie das 2013er-Album der Obits spurlos an mir vorbeigegangen. Dem Rockgott sei es gedankt, dass dem nicht so ist. Die Obits sind ja im Grunde eine Supergroup, Rick Froberg war früher bei den Hot Snake
s und Drive Like Jehu, aber was erzähl ich Euch. Herrlich ruppiger Garagenrock mit Stones-Rotzfaktor. Bonuspunkte gibt's für die schnieke Aufmachung und das orange-transparente Vinyl in der "Loser Edition".

8.) The Joy Formidable - Wolf's Law
Fängt an wie ein Soundtrack zu einem Fantasyfilm oder Online-RPG. Aber dann kommen die Schraddelgitarren und Sängerin Ritzy Bryan und Du weißt Bescheid. Wobei epische Momente beileibe nicht zukurz kommen, und man etwa bei "Bats" Angst um die Gitarre hat. Der Song lässt Dich in einer Batcave stehen und tausende schwarze Tierchen um Deinen Kopf wirbeln. Heiliges Batmobil! Muss das live reinhauen. Das Trio aus Wales gilt ja nicht erst seit diesem vierten Album als Macht. Aber den Status dürften die nach London umgesiedelten Mucker locker zementieren. Abgehen in drei, zwei, eins...

7.) Coheed and Cambria - The Afterman: Descension
Verdammt, was mach ich falsch. Seit ein paar Jahren komm ich nicht mehr hinterher und nicht mehr mit. Irgendwann, das verspreche ich Dir, Claudio Sanchez, setze ich mich in Ruhe hin und arbeite alle Nerd-Scheiben durch, die Du uns beschert hast. Ich nehm die Sci-Fi-Story auseinander und verinnerliche sie. Und wenn sie verfilmt wird, dann bin ich der erste, der die Kinotickets ordert. Aber bis dahin muss ich immer hinterherhinken, obwohl 2005 die Scheiben der Prog-Wasauchimmer-Zauberer rauf und runter liefen. Und sie machen ja immer
noch gute Musik. Wie dieses Album eigentlich beweist.

6.) The Swellers - The Light Behind Closed Doors
"Klingt doch alles gleich", muss man sich immer anhören, wenn eine neue Holzfällerbartkarohemden-Band im Plattenschrank heimisch wird. Moment, sag ich dann. The Swellers haben gar keine Bärte. Trotzdem klingen sie nicht, als ob sie noch grün hinter den Ohren sind. Nach der famosen "Running out of places to go"-EP vergangenes Jahr ist nun das neue Album des Quartetts aus Flint, Michigan, da. An mir etwas vorbeigegangen, dieses Punkrock-Wurzelholz. Wir haben da was nachzuholen.

5.) Kevin Devine - Bubblegum & Bulldozer
Zwei Alben von Kevin Devine sind besser als eines: Was Anhänger des amerikanischen Sängers und Songwriters denken, dürfte auch für den Mittdreißiger die Devise gewesen sein. "Between The Concrete and Clouds" war 2011 ein absolutes Highlight. Diese Doppelpackung hier ist nicht so hitverdächtig, aber dafür sehr sehr vielschichtig. Immer wieder kam mir beim Hören Nada Surf in den Sinn. Jedenfalls: Muss mit.

4.) Bill Callahan - Dream River
Wäre Musik Literatur, würde man in VorApocalypse" war ja auch schon so ein Hammer. Mit "Dream River" hat er sich aber nochmal gesteigert. "I really am lucky man flying this small plane". Folk mit tanzbaren Rhythmen verzahnt, aber nicht das Discogehopse, sondern eher wiegend-elegisch. Von Dauer.
lesungen an den Unis über Bill Callahan etwas lernen können. Und wie Wein wird auch der Singer/Songwriter aus Maryland mit jedem Album noch besser. "

3.) Okkervil River - The Silver Gymnasium
"The Stage Names" war ganz großes Kino 2007. Ein Jahr später schien "The Stand ins" immer noch genügend Songs zu haben, um nachhaltig zu faszinieren. Aber "I Am Very Far" war mir 2011 dann zumindest im Rückblick doch etwas zu seltsam. Gut, dass "The Silver Gymnasium" wieder an alte Stärken anknüpft. Will Sheff hat mit dieser Retrospektive von Kindheit und Jugend ein herzerwärmendes Album geschrieben, das erst auf Vinyl seine volle Schönheit entfacht. Dann kann man nämlich im Artwork versinken, als sei man in Charlies Schokoladenfabrik gelandet.

2.) Mazzy Star - Seasons of your day
Ach, war das schön damals,
als "Among my swan" zum Herbstsoundtrack verregneter Nachmittage wurde. Dann hängten Hope Sandoval und David Roback ihre Band an den Nagel. Keiner rechnete damit, dass sie nochmal auftauchen würden. Sind sie aber dann doch. Und haben uns mit "Seasons of your day" eine Lavalampe von einem Album geschenkt, das so gar nicht in unsere von hektischen Twitter-Updates und Facebook-Feeds passt. Entschleunigung als musikalisches Prinzip. Wunderschön. Zuhören neu lernen. Aber keinesfalls im Auto. Sonst driftet Ihr in den Weltraum ab.


1.) Superchunk - I Hate Music
Genialer Titel schon mal. Superchunk sind auch so eine Band, die ich eigentlich viel zu spät entdeckt habe. Die Indierocker aus North Carolina sind bereits seit 1989 unterwegs. "I Hate Music" ist erst ihr zehntes Album überhaupt. Und wieder sind da diese Titel, die klingen, als hätten Rush die Thermals eingepackt und mit ihnen eine lustige Punkrockparty organisiert. "Me & You & Jackie Mittoo" zum Beispiel. Mein Highlight: "Out Of The Sun". Und das Plattencover ist eine Prophezeiung für mich. Aber das würde den Rahmen sprengen.

Die zu kurz Gekommenen: So sah's letztes und vorletztes Jahr aus.
Die besten Platten des Jahres folgen in Kürze. 

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