Sonntag, 17. November 2013

Hörtest: Matt Pryor - Wrist Slitter

Zum Glück hat es Matt Pryor weder auf der Ökofarm noch im Imbisswagen ausgehalten. Ansonsten hätten wir diese Songs hier wohl nie gehört. Abgesehen von dieser egoistischen Betrachtung: Manchmal muss man wohl was ganz Anderes machen, um zu merken, was einem wichtig ist. Vielleicht klingt das düster betitelte "Wrist Slitter" deshalb so positiv. 

Die ersten Assoziationen sind dunkel. Zerknittertes Papier, wie ein Abschiedsbrief wirkt das Albumcover. Matt Pryor, den viele von Bands wie The Get Up Kids oder The New Amsterdams kennen, mag zwar nicht suizidgefährdet sein. Doch er hätte um ein Haar seine musikalische Karriere zu Grabe getragen. Denn bei einem Blick auf seine bisherige Biografie fiel ihm auf, dass er schlechte Karten bei einer Bewerbung hätte. "Seit ich 18 bin, bin ich als Musiker unterwegs", zitiert ihn das Liebhaber-Label Arctic Rodeo Recordings im Presseinfo. Da sei ihm klar geworden, dass er gar nichts anderes machen könne: "Mein ganzes Erwachsenenleben habe ich damit verbracht, mir etwas in dieser Richtung aufzubauen, und nun soll ich einfach alles über Bord werfen und von vorne anfangen?" 

Die neu entdeckte Lust an der Musik springt uns im Opener "The House Hears Everything" entgegen, wenn die Klänge einer Dixieland-Kapelle wie aus der Ferne an das Ohr dringen. Dann schmeißt sich das erste Gitarrenriff an Dich heran, der Song braucht keine Fahrt aufzunehmen, weil er von Anfang an nicht stillstehen kann - und Matt Pryor klingt wie einer, der Bock hat. Seine Mannschaft spielt die meiste Zeit nach vorne. Drummer Bill Belzer und Bassist Eric McCann sind mit dabei, man kennt sich von "The New Amsterdams". Im Titelsong plötzlich ein Banjo, "O-Brother-Were-Art-Thou"-Feeling. Dazwischen Songs, die auch Daria gefallen hätten, jener unterbewerteten Zynikerin, die nach Beavis and Butthead ihr eigenes Spin-off bekommen hat: "Before My Tongue Becomes A Sword" erfreut mit einem Text, den man gern an manche Zeitgenossen mailen würde. Vom Weltschmerz des Vorgängers "May Day" ist nicht viel geblieben. Am melancholischsten wirken da noch "As Perfect As We'll Ever Be" mit seinen Celloklängen, in die sich dann auch noch andere Streicher mischen, und "There Is No Us". Aber die Regel sind Songs wie "Say What You're Gonna Say", die temporeich und aufmunternd wirken. Es endet wie es begann: "Won't Speak To Me" verabschiedet sich mit Dixie-Klängen. Und der Songtitel gilt nicht für mich und diese Platte. 

"Wrist Slitter" von Matt Pryor ist am 15. November via Arctic Rodeo Recordings erschienen. Mehr unter www.matt-pryor.com. Hier noch der Opener "The House Hears Everything": 

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