Samstag, 12. Oktober 2013

"Für mich ist Musik Erlösung": Dave Hause im Interview

Dave Hause ist einer der Gesprächspartner, die einen aufs Neue entdecken lassen, warum man das alles macht. Warum sich an der Wohnzimmerwand eben die Platten auftürmen und man nicht, sagen wir, Auto-Tuning als Hobby hat. Im Interview mit Daniel Drescher von Tinnitus Attacks spricht er über das Ende seiner Punkrockband The Loved Ones, sein neues Soloalbum „Devour“, das am 11. Oktober erschienen ist - und Literaturtipps für die Zeit auf Tour. 

Dave, wie und wann sind die Songs entstanden? Warum hat Du sie als Soloplatte veröffentlicht? 

Dave Hause beim Pirate
Satellite Festival 2012.
Foto: Daniel Drescher
Ich hatte die Hälfte dieser Songs schon, bevor ich meine erste Soloplatte „Resolutions“ gemacht habe. Eigentlich hätten die Stücke
das dritte Loved Ones-Album ergeben sollen. Ich legte sie zur Seite. Als ich dann mit „Resolutions“ getourt bin und viele gute Reaktionen darauf bekommen habe, hat mich das beflügelt. Da fand ich es sinnvoller, die Songs auf ein neues Soloalbum zu packen. Bis ich das Album zu Ende geschrieben hatte, dauerte es ein paar Jahre, aber ich bin froh, dass ich die Zeit hatte. Mir war wichtig, einen hoffnungsvollen Ton anzuschlagen. Die erste Hälfte ist inhaltlich sehr schwer. Im zweiten Teil der Platte will ich den Höher emporheben.

Heißt das denn auch, dass The Loved Ones endgültig abgehakt sind? Oder wird es in Zukunft noch Alben mit der Band geben? 

Ich bezweifle, dass wir nochmal was machen. Ganz ausschließen würde ich es nicht, wir sind Freunde und hatten viel Spaß zusammen. Aber wir sind alle mit anderen Dingen beschäftigt. Nach der zweiten Platte machten wir eine Pause, ich nahm mein Solodebüt auf. Das ist viel einfacher, es funktioniert besser. Festivalauftritte oder Benefiz-Konzerte oder sowas, das könnte schon sein, aber kein Album. Mir gefällt besser, was ich jetzt solo mache.

Gibt es auf „Devour“ einen Song, auf den du besonders stolz bist? 

In der ersten Hälfte des Albums: „The Great Depression“. Ich hab versucht, einen Song darüber zu schreiben, wie ich in den 80ern in einem Arbeiterklasse-Milieu aufgewachsen bin, mit meiner Familie, Freunde, Cousins. Es geht auch ums Älterwerden und wie sich Versprechungen, die man Dir als Kind gemacht hat, sich entwickeln. Dieser Song bedeutet mir viel. Und dann „Fathers Son“. In der Mitte der Platte fängt man an zu sehen, wie der Hunger sich auf das Leben auswirken kann. Wie schädlich er sich auf die Fähigkeit zu lieben auswirkt, auf ein soziales Miteinander. Ab „The Shine“ gibt einem die Platte dann Hoffnung und etwas Positives. Etwas zum Festhalten. Es ist wichtig, dass man kreativ ist und etwas tut, damit man auf gute Weise durch die Dunkelheit in dieser Welt kommt. Mit diesen drei Songs bin ich sehr glücklich, ich bin stolz auf die Texte.

Kannst Du mir etwas darüber erzählen, wie Du im Arbeitermilieu aufgewachsen bist und wie Dich das geprägt hat? 

Bad in der Menge: Sie feiern ihn, weil er's drauf hat.
                                                  Foto: Daniel Drescher
Bei mir und vielen meiner Freunde war es so, dass ein Elternteil gearbeitet hat. Dabei haben sie genug verdient, um die Familie zu ernähren und ein maßvolles, anständiges Haus in einem guten Viertel zu bauen. Das Schulsystem war noch nicht komplett verschlossen, es gab Hoffnung auf sozialen Aufstieg: Wenn Du hart arbeitest, kannst Du ein gutes Leben führen, wenn auch mit beschränkten Mitteln. Inzwischen ist es aber so: Beide Eltern müssen extrem hart arbeiten, um ihren Kindern eine gute Umgebung und eine gute Schule zu ermöglichen – nichts Übertriebenes, sondern mit Einschränkungen verbunden. Es ist sehr schwierig geworden. Gerade mal 20 Jahre später. Und das ist auch Teil dieses trügerischen amerikanischen Traums, der verdunstet ist. In religiöser Hinsicht bin ich evangelikal erzogen worden. Es gab viele Ideale, die an die Kinder weitergegeben wurden. Aber während man aufwächst, merkt man, dass viel von diesem religiösen Zeug nicht wahr ist. Viele Erwartungen und Ängste, die einem übergestülpt werden, sind unnötig.

Du hast offensichtlich viel an die Wirtschaft gedacht, als Du dieses Album geschrieben hast. Ich habe das Gefühl, auch die NSA-Affäre trägt dazu bei, dass man keine Illusionen mehr über die USA hat. 

Dave Hause und Chuck Ragan.
                                                   Foto: Daniel Drescher
Meine Platte ist ein persönlicher Blick auf all diese Dinge. Ich glaube klar an die Privatsphäre. Wenn es um Sozialpolitik geht, bin ich sehr liberal. Aber ich denke, diese Platte ist meine persönliche Antwort darauf, woher ich komme, wie ich dahin gekommen bin, wo ich stehe – und wie es weitergeht. Ja, es gibt viel Desillusion, und viel Herzeleid, viel Frustration. Und viel davon kommt daher, weil es schwierig ist, gute persönliche Beziehungen aufzubauen, wenn man diesen großen Hunger hat. Dieser Hunger wird kulturell verstärkt: Unsere Prioritäten liegen darauf, mehr zu bekommen, mehr zu tun, essen, trinken, Frauen, Geld. Am Ende ist es eine unausgewogene, haltlose Situation. Es gibt Sozialkritik in den Songs, aber letztendlich ist es eben meine persönliche Sicht. Und am Ende gibt es vielleicht Hoffnung.

Können Musiker positive Veränderungen direkt herbeiführen? Oder ist es eher ihr Beitrag, dass sie Menschen inspirieren und ermutigen, die ihrerseits etwas Gutes tun wollen? 

Ich glaube schon, dass Musiker etwas bewirken können. Viele meiner Helden haben darüber geschrieben, wie sich die Welt verändern kann, wenn man sich gegenseitig mit Respekt behandelt und gemeinschaftlich denkt. Bob Marley, Joe Strummer, Ian MacKaye. Sie haben mein Denken geprägt. Kunst und Kultur halten der Gesellschaft einen Spiegel vor und lassen sie einen mit mehr Empathie und Verständnis sehen. Manchmal ist es aber auch gut, einfach nur seinen Hintern zu schütteln. Für mich ist Musik Erlösung. Ich hoffe, dass die Menschen das mitnehmen. Aber es ist auch direkter Rock, der als Soundtrack zum Autofahren funktioniert. Kreative Menschen sind das Herz der Kultur, finde ich. Es wäre schön, wenn Menschen etwas Positives davon mitnehmen und sich dadurch die Welt ein Stück zum Besseren wandelt.

Lass uns etwas über die Aufnahmen sprechen. Du hast das Album in den Grandmaster Recorder Studios aufgenommen. Hier waren schon die Foo Fighters, die Nine Inch Nails...Dein Producer Andrew Alekel hat bereits für berühmte Künstler produziert. Wie war es für Dich, dort mit ihm zu arbeiten? 

Das Plattencover der 2. Soloschreibe.  Foto: Rise Records
Es war wirklich großartig. Eine Situation, in der ich mich sofort wohlgefühlt habe, Davor war ich sehr aufgewühlt. Ich hab Songs geschrieben, die aus schwierigen Situationen entstanden sind, hab getourt... Die Aufnahmen hätten nicht einfacher sein können. Andrew ist ein Experte. Er weiß, wie man einen Sound hinbekommt, den man will, e
r arbeitet sehr effizient. Er versteht den kreativen Prozess. Und jeder, der auf der Platte mitwirkt, war so großzügig mit seiner Zeit. Es war sehr einfach, sehr gute Takes in sehr kurzer Zeit hinzubekommen. Das war eine große Freude. Das Studio ist natürlich auch toll. Ein sehr schöner Ort mit holzvertäfelten Wänden... hatte etwas von einem Piratenschiff.

Du hattest Gesellschaft von Musikern, die Du vom Touren kennst. Man hängt zwischen den Shows rum, lebt im Tourbus miteinander. War es anders mit ihnen, jetzt wo Ihr gemeinsam im Studio wart? 

Es war ganz anders. Manche kannte ich auch noch nicht. Andrew und Mitchell Townsend, der koproduzierte, waren bei Resolutions mit dabei. Aber Bob Thompson, den Bassisten, kannte ich noch nicht. Seine Band Big Drill Car war mir ein Begriff. Aber ich hatte noch nie mit ihm gearbeitet. Dave Hidalgo von Social Distortion kannte ich schon, und als Fan von My Morning Jacket kannte ich Bo Koster auch. Es war unglaublich, wie sie alle als Band harmoniert haben. Es war beinah unheimlich, weil ich nicht wusste, was man erwarten sollte. Nach ein paar Tagen hatten wir alles zusammen.

Frank Turner, Dallas Green und Du – Ihr hattet alle Bands und seid jetzt solo unterwegs. Man könnte meinen, die Szene werde individueller. Aber dann ist alles so familiär, mit Dir und Chuck Ragan und so. Wie nimmst Du das alles wahr? 

Diese Adern. Foto: Daniel Drescher
Ich habe großes Glück, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Das ist sehr ermutigend und sehr familiär. Ich glaube, es ist einfach eine Frage, wie man seine Musik präsentieren will. Manchmal fehlt es mir, in einer Band zu sein. Doch je älter ich werde und je klarer meine Vorstellung wird, ist es einfacher, solo zu sein, weil man das Sagen hat. Aber es ist auch riskanter und ein bisschen unheimlich, es allein zu machen, weil man die ganze Verantwortung hat. Wenn man die Bühne betritt, und es ein paar mal funktioniert, ist es das ein Hochgefühl. Und man kann dem etwas anderes abgewinnen. Ich will schon eine Band mit einbringen, und ich will nicht immer das Gleiche machen. Deshalb waren die Loved Ones auch am Ende. Es war Routine. Ich wollte mehr Spontaneität. Ich möchte mir die Optionen offen halten. Ich meine, ich hab mit einer Band aufgenommen, auch auf Festivals muss eine Band mit auf der Bühne sein.

Ich musste unweigerlich an Bruce Springsteen denken, als ich Dein Album gehört habe. Er scheint viele zu beeinflussen, nicht nur The Hold Steady. Was macht ihn so groß? 

Er ist seiner Arbeit sehr verpflichtet und seiner langfristigen Vision. Bruce schaute schon früh auf seine Karriere. Er hat so viel gute Arbeit abgeliefert. Dieser Mann ist ein Beispiel, was du machen kannst wenn Du willst. Er hat an seiner Vision festgehalten und arbeitet sehr hart. Das findet seinen Nachhall mit mir als arbeitender Musiker, der vielleicht keine Hitsingle im Radio haben wird. Zumindest noch nicht jetzt. Er zeigt, dass man eine lange Karriere und eine lange Beziehung zu seinem Publikum haben kann. Deshalb sehe ich zu ihm auf.

Brian Fallon von The Gaslight Anthem hast kürzlich über das Songwriting gesagt, in ihm sei etwas, das raus wolle. Was ist Deine Motivation beim Songs schreiben? 

Jeder, der das so lange tut wie wir, hat etwas in sich, das ihn antreibt. Man kann eine Platte aufnehmen, auf Tour gehen, und es legt sich. Aber es kommt immer wieder zurück. Ob es eine existenzielle Krise ist, oder ob man die Welt aufrütteln weil, weil sie nicht so ist wie man sie sich vorstellt. Man will ein Zeichen setzen. Das treibt viele Musiker an.

Erinnerst Du Dich an Deine ersten musikalischen Schritte? 

Ja, sehr deutlich. Die ersten Shows, die ich mit Bands gespielt habe, die erste Soloshow, die erste Gitarrenstunde...die erste Band, in die ich mich verliebt habe. Musik ist mein Dreh- und Angelpunkt. Manchmal kann es Chaos in Deinem Leben verursachen und Dich sehr einsam machen. Denn die Menschen, die Du liebst, sind zuhause, machen normale Sachen, feiern Geburtstage, Jahrestage, und Du bist auf Tour. Aber es ist trotzdem so ein großartiges Leben, das mir die Musik ermöglicht, dass es das wert ist.

Wie alt warst Du, als Du zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand genommen hast? 

Da war ich zwölf.

Und was war die erste Band, in die Du Dich verliebt hast? 

Das war eine lokale Pop-Rock-Band namens The Hooters. Die haben diesen Song „All You Zombies“ gemacht. Das war ihr erster Hit. Die waren in Philly in den 80ern echt groß und haben die Leute begeistert. Ich war acht und fand dass sie cool aussahen, gut klangen. Ihre Musik hab ich rauf und runter gespielt. „Thriller“ von Michael Jackson hatte es mir auch angetan. Und aus irgend einem Grund fand ich Lionel Ritchie gut. Meine Eltern waren etwas schockiert wie sehr ich auf Musik stand.

Haben Dich Deine Eltern unterstützt?

Absolut. Mein Vater ist selber Gitarrist, ein großartiger Musiker. Er liebt und respektiert die Musik und hat mich immer unterstützt. Auch heute tut er das noch.

Du hast erwähnt, wie schwierig es ist, Privat- und Tourleben unter einen Hut zu bringen. Hast Du eigentlich Kinder und Familie? 

So cool kennt man sonst nur Mike Ness. Foto: Jen Maler
Nein, nicht mehr. Ich hatte das schon mal. Es ist sehr schwierig, die richtige Balance zu finden. Mir sind viele Menschen sehr wichtig, die ich lange Zeit zuhause gelassen habe. Meine unmittelbare Familie, Nichten, Neffen. Man muss sein bestes geben, um sie alle immer wieder zu
sehen.

Hast Du eine spezielle Art, Dir auf Tour die Zeit zu vertreiben? 

Ich lese gerne, verbringe aber auch gern Zeit mit Freunden. Durch das viele Touren hab ich Freunde in so vielen Städten, die ich nicht so oft sehe wie ich gern wollte, so dass ich sie dann treffe, wenn ich unterwegs bin. Ich schreibe viele Songs, aber die Pausen sind kurz. Und ich lese auch gern. Es ist eine gute Zeit, um Bücher zu lesen.

Gibt es was Essenzielles, was Du empfehlen würdest? 

Wenn man Musik mag: „Waging Heavy Peace“, die Autobiografie von Neil Young. Alles von Cormac McCarthy, wenn man einen modernen amerikanischen Autor lesen will. Und ich liebe „God Delusion“ von Richard Dawkins. Ein atheistisches Manifest, das mir sehr geholfen hat, mit Angst und schuld fertigzuwerden. Den Rolling Stone lese ich gerne wegen der politischen Artikel. Sie haben den Finger am Puls der Zeit.

Kannst Du eigentlich von der Musik leben? 

Ja, leben schon, aber eher ärmlich. Aber die beste Lebensweise, die ich bisher kennengelernt habe.

Was würdest Du beruflich machen, wenn Du nicht Musiker wärst? 

Ich bin Zimmermann. Zu Loved-Ones-Zeiten habe ich mit einem Freund Häuser umgebaut, neue Küchen rein und so. Ich bin begabt, mach es aber nicht so gerne. Ich hab es getan, weil ich es tun musste.



Fragen, Interview, Text: Daniel Drescher@Tinnitus Attacks
Fotos: Dave Hause live beim Pirate Satellite Festival 2012 (4): Copyright Daniel Drescher / Tinnitus Attacks. Promo-Shot: Jen Maler. Platten-Cover: Rise Records

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen