Sonntag, 28. April 2013

Platten-Plädoyer: Vinyl vs. Wolke - 1:0

Die aktuelle Diskussion um die Drosselungspläne der Telekom zeigt: Wir sind abhängig von der Geschäftspolitik der Internetanbieter. Was bedeutet das für den Musiksammler? Wem seine Plattenkollektion wichtig ist, muss um Autonomie bestrebt sein – und das nicht nur wegen der Telekom-Pläne. Wer Musik zum Beispiel als digitale Datei aus der Hand gibt, muss mit Gängelung oder sogar Zensur rechnen. Ein Plädoyer für akustische Selbstbestimmung. 

Wenn die Telekom allen Protesten zum Trotz auf ihrem Vorhaben beharrt, sind auch diejenigen ernsthaft mit einem Problem konfrontiert, die das Internet als Musikquelle nutzen. Streaming verursacht Datenverkehr. Familien, in denen mehrere Mitglieder den Internetanschluss nutzen, laden schnell mal erhebliche Datenmengen runter. Und auch im Musikjournalismus gilt: Immer mehr läuft digital. Dass Platten verschickt werden, ist die Seltenheit. Häufiger muss man sich die Dateien herunterladen oder sie streamen. Wenn die Grenze erreicht ist, kann man das vergessen – und seine Arbeit nicht mehr machen? Geniale Idee. 

Vinyl: das einzig Wahre, aus mehreren Gründen. Foto: TA
Die Lagerung von Musik in der Cloud ist übrigens auch keine gute Idee. Nicht nur wegen der anfallenden Datenmengen. Man gibt die Kontrolle über Dateien auf, für die man eine Verantwortung hat. Wir haben gesehen, wie leicht Hacker etwa die Nutzerdaten der Sony-Playstation-Nutzer hacken konnten. Die Cloud wäre mir viel zu unsicher. Und wenn der Eingriff nicht von Hackern kommt – dann vielleicht von Anbietern.  Vergangenes Jahr sorgte Apple für Schlagzeilen, als das Unternehmen die Cloud-Dateien von Benutzern austauschte: Der iTunes-Riese ersetzte Stücke, in denen anstößige Worte vorkamen, durch zensierte Versionen. Sorry, lieber Anbieter: Ich bin selber groß und weiß, was ich mir zumuten kann. Und wenn Anti-Flag zum Beispiel in ihrem Song „Fuck Police Brutality“ nun mal das Four-letter-word erwähnen, ist es eben nicht in Ordnung, ein „Pieeep“ an dessen Stelle zu setzen. Wo ist die Grenze? Vom Verfassungsschutz beobachtete Bands wie „Feine Sahne Fischfilet“ werden dann komplett aus der Cloud gelöscht und ihr Benutzer rückt ebenfalls ins Zwielicht? Wir wissen, wie schnell Musiker für Banalitäten auf dem Index landen können. Auf Festplatten schützen wir unsere Daten mit Firewall und Virenschutz. In der Cloud überlassen wir anderen die Kontrolle. 

Nun könnte man argumentieren, dass doch eigentlich gerade die Punk- und Indie-Szene, in der immer so laut nach Vernunft, Nachhaltigkeit und Gegenkultur gerufen wird, Cloud, MP3s und Streams lieben müsste. Keine Plastikhüllen, keine CD-Rohlinge, keine riesigen Erdölscheiben – ökologischer geht’s ja wohl nicht, oder? Nun ja. Auch für die Bereitstellung von Daten muss man Energie aufwenden. MP3s kommen ja nicht aus dem Nirvana. Sie lagern auf Rechnern, Streams laufen ebenso über die Server von irgendwelchen Anbietern, für deren Betrieb wird Strom benötigt. MP3-Player werden nie verrotten, und die Diskussion über fair hergestellte Smartphones sollte man ebenfalls nicht vergessen. 

Ich gebe zu: Die Gründe für Vinyl waren anfangs rein pragmatischer Natur. CDs halten nicht ewig, das ist bekannt. Zwar war ich mir nie ganz im Klaren, ob Gerüchte über silizumfressende Bakterien, die den Silberscheiben langsam aber sicher den Garaus machen, ernstzunehmen sind oder ins Reich der Verschwörungstheorien gehören. Aber trotzdem: Was wäre, wenn eines Tages die CD nicht mehr geht? Mit der „St. Anger“ von Metallica ging es so: Die CD läuft, aber die DVD hat ihre Tonspur eingebüßt. Warum sollte es mit CDs nicht auch so gehen? All das Geld, das man in Musik steckt, in den Sand gesetzt  – ein schrecklicher Gedanke. Und auch Digitalisierung ist keine Lösung. Denn zum einen geht beim Konvertieren in MP3-Format Soundqualität verloren, die „lossless“-Variante in anderen Formaten braucht viel mehr Speicherplatz. Und vom zeitlichen Aufwand mal abgesehen: Wer würde das Risiko eingehen, Musik zu digitalisieren, die CDs zu verschleudern – und am Ende im Fall eines (externen) Festplattencrashs komplett ohne seine Sammlung dazustehen? Nicht mal Minimalisten, die gerne in klinisch wirkenden Apartments leben und auch ihre Bücher per E-Reader lesen wollen, würden sich auf so eine Unsicherheit einlassen. Vinyl soll – bei entsprechender Pflege – ewig abspielbar sein. Knackpunkt: die Verfügbarkeit eines adäquaten Abspielgeräts. Aber trotzdem: Als ich vor einigen Jahren in einer Synagoge in Berlin stand und dort eine Aufnahme einer Bar-Mizwa ausgestellt war, hat mich das wirklich beeindruckt. Die Aufnahme stammte aus den 20er-Jahren und man könnte sie sich heute noch anhören. Die Vinyl-Verkäufe steigen seit einiger Zeit wieder. Für mich aus diesem Gedanken heraus völlig nachvollziehbar. 

Wer Musik wirklich hört, sich mit ihr beschäftigt, in ihr Lebensinhalt und Passion sieht, und nicht nur morgens auf der Fahrt zur Arbeit das Radio anschaltet und in der Kategorie „Musikgeschmack“ ein pseudotolerantes „Eigentlich alles“ angibt, wird an den Punkt kommen, wo er sich die Frage stellt: Wie wichtig ist mir Musik? Meine Antwort steht jedenfalls fest. Zu wichtig als dass ich sie aus der Hand geben würde. 

1 Kommentar:

  1. Einen wichtigen Punkt -- zumindestens für mich -- gegen Clouddienste bzw. gegen das Kaufen von digitalen Produkten (MP3s, Ebooks, etc.) im Allgemeinen ist DRM. Sprich Kopierschutzmaßnahmen. Klar Kopierschutz mag ja legitim sein, aber er beschneidet ja auch mich gewissen Rechten. Nämlich das Recht, meine gekaufte Musik auf beliebig vielen Geräten abzuspielen. So oft ich will. Und vor allem: so lange ich will. Denn wer garantiert mir, dass ich meine kopiergeschützte Musikdatei wirklich "bis in alle Ewigkeit" anhören kann und nicht nur, bis es dem Verkäufer zu mühselig wird, die zur Überprüfung des Kopierschutzes nötige Infrastruktur (Server, spezielle Abspielsoftware etc.) zu unterhalten? Niemand. Genau. Daher bleibe ich bis auf weiteres bei meinen auf totem Holz gedruckten Büchern bzw. bei meiner auf größeren und kleineren Scheiben gelagerten Musik.

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