Mittwoch, 10. April 2013

Konzertkritik: Imperial State Electric in Stuttgart

Imperial State Electric
Support: Satan Takes A Holiday
Universum, Stuttgart
Montag, 8. April.
Text und Fotos: Daniel Drescher

Wer braucht schon das Stadion? Ich meine, habt Ihr Euch das mal ernsthaft angeschaut? Grauenvoll angepasste, musikalisch fehlgeleitete Pärchen sitzen au
f der Tribüne, machen von ihrem Sitzplatz aus Handyfotos, halten Leuchtstäbe in die Luft und führen im Rausgehen nach dem Konzert Dialoge wie: „Och, dieser Chris Martin hat so viel Charisma....“ - und Chris Martin, das war das stecknadelgroße Köpfchen in drölf Kilometern Entfernung. Stadion stinkt. Sowas braucht niemand. Vor allem nicht, wenn es Clubs wie das Universum gibt. Geschätzte 50 bis 80 Menschen stehen vor der Bühne, es herrscht intimes Wohnzimmerflair, ein paar Meter weiter entfernt rauscht die Stadtbahn durch die Gleise. Wie praktisch. Aus der Quasi-U-Bahn-fallen und im Club sein. Daran könnte man sich gewöhnen. Wer braucht da noch einen neuen Bahnhof? Sehen die Demonstranten auch so, die draußen zum 167. Mal gegen S21 auf die Straße gehen, „Wo sind all die Blumen hin“ singen und mit Fahrrädern von Kundgebung zu Kundgebung ziehen. Alles junge Anarchos, versteht sich...NICHT. Aber ich schweife ab, und das sind die Eindrücke, die man mitnimmt, wenn man vor Konzerten noch eben in der Stadt umherpirscht.

Nicke Andersson.                Foto: TA
Auf der Bühne steht einer, der kein Rockstar im klassischen Sinne ist – und es auch niemals darauf angelegt hat, wenn wir „Rockstar“ mit „MTV-Cribs-Angeber“ gleichsetzen. Nicke Andersson ist eher so ein Schicksal zuteil geworden wie das eines Literaten aus vergangenen Jahrhunderten: Die wurden ja oft auch zu Lebzeiten unterschätzt, schlugen sich so durch – und später feierte man sie dann. Mit den Hellacopters hat Nicke Andersson beispielsweise eine wirklich wichtige Rock'n'Roll-Band gehabt, die weit mehr Musiker geprägt hat als man denken mag – auch wenn die Plattenverkäufe nicht platinverdächtig waren. Oder Entombed. Oder. Nicke ist ein Rock'n'Roll-Held. Und ein Kiss-Nerd. Mit Imperial State Electric huldigt er seit drei Jahren seiner Vision von guter Gitarrenmusik, und wer da den Weg ins Universum gefunden hat, muss schon mal per se einen guten Musikgeschmack haben.

Kann man eigentlich sagen, dass Imperial State Electric eine Allstar-Band sind? Mir kommt es jedenfalls so vor. Denn neben Nicke ist da ja auch noch Dolf de Borst an Bord, Chef der Datsuns, einer ebenfalls ziemlich alles könnenden Rockkapelle. Der sieht oft fast nix vor lauter Haaren im Gesicht und zählt mit Abstand zu den coolsten Schnurrbartträgern des Planeten. Wie er da mit seinem E-Bass steht – jedesmal denke ich, er hat eine steinzeitliche Waffe bei sich, die Kopfplatte wirkt jedesmal so wuchtig. Und mit Tobias Egge hat Nicke seinen Gegenpart gefu
Satan Takes A Holiday. Foto: TA
nden – die beiden sind die größten Kiss-Fans, die man sich vorstellen kann, und passend dazu hat Tobias natürlich die Iceman-Ibanez umgeschnallt, die auch schon Paul Stanley spielte. Mit ihrem speziell geschnittenen Cutaway sieht sie jedesmal aus, als ob ein Ausrufezeichen aus der Gitarre purzeln würde. Und das passt. Was Nicke und Co. machen, ist ein Statement. Nicht umsonst heißt ihr noch aktuelles Album „Pop War“. Krieg gegen Plastik-Pop, gegen Musik als Fastfood-Produkt, das keinen Wert mehr hat wenn keiner dafür zahlt – da erscheint Nickes Kopfbedeckung in einem neuen Licht. Aber im Grunde ist alles ganz friedlich. Auch wenn Songtitel wie „Throwing Stones“ anderes vermuten lassen. Nach und nach spielt sich die Band in den buchstäblichen Rausch, die Riffs fallen wie Flexspäne. Kompliment auch an den Soundtechniker: Fred Estby hat das Album „Pop War“ abgemischt und verpasst der Band einen transparenten, druckvollen Sound, heftig laut, aber nie übersteuert. Nur mehr Licht hätte gut getan. Der Gig erinnert daran, dass Nicke einer der besten Rockgitarristen ist, den man je sehen wird. Er hat alles aufgesogen, was mit diesem Phänomen zu tun hat. Das gilt auch für die Vorband Satan Takes A Holiday. Die werfen auch die Frage auf, woher Kraftklub nochmal die Idee mit weißen Oberteilen und Hosenträgern haben und peitschen mit ihrem Desert-Rock-Bastard ordentlich Staub aus den Lampen.

Übrigens wird es auch bald ein neues Album von Imperial State Electric geben. „Reptile Brain Music“ soll es heißen, ist fertig aufgenommen, was noch fehlt, ist ein Veröffentlichungstermin. Auch davon gibt es schon was zu hören, aber auch das aktuelle Album ist mit „Can't Seem To Shake It Off My Mind“ oder dem extrem nach „Rock'n'Roll Is Dead“ klingenden „Sheltererd In The Sand“ vertreten. Und dann kommt es, wie es kommen muss. Es wird immer besser, intensiver, heavier. Die Rock-Energie kristallisiert sich auf engstem Raum, wäre das hier eine Comic-Verfilmung, würde aus Nickes Gitarre ein Blitz in den Himmel zucken, als ob Marvels Thor seinen Hammer benutzt, um ein Gewitter zu entfachen. Wie gesagt: Stadion ist Unsinn.

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