Sonntag, 20. Januar 2013

Sonntags-Soirée: Earthbend - Serenity

Es gibt Bands, da muss man persönlich werden, wenn man über sie schreibt. Earthbend sind so eine. Schade, dass das hier vermutlich das letzte Lebenszeichen ist, was die Finsterwalder von sich geben. Ein Nachruf. 

Es war einfach niedlich, als ich sie 2008 im Kulturladen in Konstanz gesehen habe. Sie waren noch auf der Suche nach einer Übernachtungsgelegenheit, hatten ein Pappschild gemalt, man könne sich bei ihnen melden, wenn man was wüsste. Fans beäugten es, ärgerten sich, dass sie nicht aus der Gegend kamen oder nur ein viel zu kleines Studentenzimmer anzubieten hätten. Ich ärgerte mich, dass ich nicht in Konstanz wohne. Dann gingen Earthbend auf die Bühne, und fegten allen Ärger weg. Mit ihrem wohlüberlegten Rock, der abwechselnd proggig, zupackend und groovend daherkam, schraubten sie mir ein breites Grinsen ins Gesicht. "Dragon Lady" kannte ich schon, aber das Album "Harmonia" musste an dem Abend mindestens noch mit. Und jetzt also "Serenity". Heißt soviel wie Gemütsruhe. Und so klingt es auch.

Ein Song über eine weitere geheimnisvolle Frau eröffnet das Album, die "Gypsy Queen" ist ein melodischer Rockbrocken. Dann folgt das 70er-Donnerschlag-Riff im Titelsong. Trotzdem, um retro zu sein, sind Earthbend viel zu schlau, auch wenn Mike Patton sie da vielleicht in der Wolfmother-Ecke sehen würde. Dass die Band für ihr neues Album wieder mit Kurt Ebelhäuser zusammengearbeitet hat, merkt man "Jitter Jive" deutlich an: Diese Chöre, die hatten Blackmail auf "Tempo Tempo" entdeckt und seitdem nicht nur den Donots vermacht ("Stop The Clocks"). Blackmail-Mastermind und Soundkoryphäe Kurt Ebelhäuser ist voller Euphorie über seine Produktion: Mir sagte er kürzlich in einem Interview, das in der nächsten SLAM erscheint, dass er mit dem Album sehr glücklich ist. Kann man verstehen, wenn man sich diese Wucht zu Gemüte führt. Oder "Airplane": Man kann sich richtig vorstellen, wie Kurt Ebelhäuser dem Gitarristen und Sänger André Kunze da nochmal und nochmal auf die Finger schaut, als er die ersten Töne spielt und zu noch mehr Gefühl auffordert. In einigen Songs packt er auch selbst die Gitarre aus, Olli Wong (Gods of Blitz) ist inzwischen als Bandmitglied Nummer Vier mit an Bord. Mit den aufgelösten Blitzgöttern haben Earthbend eines gemeinsam: Sie rocken nicht so albern modern wie manch andere, sondern haben ihren Schmelz in den 70er-Jahren aufgesammelt. Dazu kommt, dass sie große Melodien schreiben, ohne pathetisch oder albern zu wirken. Und was ist das mit diesem entrückten Sample in "Steamers"? Sehr cool. Und wie dann "Aftermath" nochmal alle Register zieht - auch wenn der Name sinnig ist. Denn:

Jetzt kommt der Wermutstropfen. Es wird keine Live-Shows geben. Man hat den Eindruck, so richtig weiß die Band noch nicht, ob es weitergehen soll. Immerhin: Ursprünglich sollte das Album nur als Download erscheinen. Auf Facebook verkündete die Band, sich mal zu überlegen, "Serenity" auch als Vinyl anzubieten - eine Kostenfrage. Tja. "Vollbremsung" heißt es, von Auflösung mag noch keiner sprechen, aber wer weiß schon, was passieren wird? Eins ist klar: Es wäre verdammt schade um diese multitalentierte Band. Können wir vielleicht irgendwas machen? Eine Petition starten? Eine Kickstarter-Offensive zünden? Mitstreiter dürfte es genügend geben.

Ach ja: An jenem Abend in Konstanz haben mich Earthbend umgehauen. Blackmail nicht. Knapp zwei Monate nach dem Auftritt trennten sie sich von ihrem Sänger Aydo Abay. Hinterher ist man immer schlauer, aber ohne Scheiß: Dass etwas mit der Kommunikation nicht stimmt, merkte man da schon. Da wurde aber alles gut, Ihr dürft Euch auf "II" freuen. Nur das ist eine andere Geschichte. Demnächst auch auf Tinnitus Attacks zu lesen.

"Serenity" von Earthbend ist am 13. Januar via Noisolution erschienen. Mehr unter www.earthbend.de.

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