Donnerstag, 27. Dezember 2012

Jahresrückblick 2012, Teil 1: Die zu kurz Gekommenen

Einen Tag mit 48 Stunden bitte. Bei der Masse an Veröffentlichungen, einem Vollzeitjob, einem Nebenjob beim SLAM und einem Blog, das jeden Tag aktuell sein soll, bleiben manche Platten auf der Strecke. Manche hab ich auch erst die Tage bekommen. Hier ein Überblick über das, was auf Tinnitus Attacks 2012 noch nicht besprochen wurde, aber es sonst wohl auch in die reguläre Top-Liste (die morgen kommt) geschafft hätte. 

10.) The Vaccines – Come Of Age
Das Debüt begeisterte letztes Jahr riesig, dieses Jahr konnte der Nachfolger nicht so ganz mithalten. Ein klassischer Fall von Nerd-Macke, weil man das Entdeckungs-Erlebnis nicht mehr wiederholen kann bei einem Zweitling. Trotzdem gut. „No Hope“ klingt wie Bob Dylan auf Speed, „I Always Knew“ nach Surf-Western. Während der Erstling noch Ramones und Joy Division verknotete,  schielt man nun auf die 60er und macht dabei eine durchaus gute Figur. Aber das ganz Zwingende, das einen letztes Jahr überrannte, finde ich diesmal nicht. Aber vielleicht auch hier noch ein paar Durchläufe mehr und ich klinge dann ganz anders. Kann man nicht ausschließen. Das ist das Problem mit diesen Listen. Sie sind meist ein Momentaufnahme. Aber Fotos ja auch.

9.) Japandroids – Celebration Rock
Alle reden darüber. Ich bin nicht so richtig warm geworden damit bisher, aber oft brauchen Platten auch eine Weile, bis sie richtig zünden, manche legt man zur Seite und&ieht sie Jahre später wieder raus. Mir ist schon klar, warum sie in vielen Listen ganz vorne landet. Ich werde ihr noch ein paar Durchläufe geben. Zunächst hat mich verwirrt, dass das Cover aussieht wie das auf der Platte vorher. Gitarrenarbeit ist Oberliga. Und da ich mich eh noch stärker in die kanadische Musikszene einarbeiten will, lege ich sie einfach noch ein paar mal auf. Star Trek: The Next Generation fand ich am Anfang auch nur so lala und später genial. Oh verdammt. Geoutet.

8.) Benjamin Gibbard – Former Lives
Death Cab For Cutie waren letztes Jahr hier Nummer eins in dieser Liste. Ben solo schafft es nicht ganz so weit, sein Solodebüt ist aber trotzdem sehr passabel. Bei „Somethings Rattling (Cowpoke)“ werden Calexico-Texmex-Gourmets hellhörig, zu „A Hard One To Know“ zeigt sich die textliche Brillanz: „You Change Your Signals Like A Traffic Light“, ja, die Frau muss wohl keine einfach Partie sein. Nach Ausflügen in die Mainstream-Welt der Twilight-Soundtrackbeiträge wird dieses Album sicher nicht ganz so viel Aufmerksamkeit bekommen, dafür ist es anspruchsvoller, ein bisschen beschaulicher und ein geeigneter Zwischenmahlzeit, bevor hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft ein neues Death-Cab-Album naht.

7.) The Unwinding Hours – Afterlives
Wieder so eine Platte, auf die man sich ewig gefreut und dann irgendwie den Release zwischen Alltag und Pflicht verbummelt hat. Die Aereogramme-Nachfolger gefallen auch auf Album Nummer zwei mit melancholischem Postrock, der sich auf zwingende Klavierlinien und knackige Bässe wie im Opener „Break“ stützt. Und natürlich auf die Stimme von Craig B, der dieses Album gemeinsam mit Ian Hook zu einem winterlich verschneiten Vergnügungspark für gebrochene Herzen, untröstliche Träumer und Regenwanderer macht. Musiker, die sich nach eigenen Aussagen für lange Spaziergänge im Park, Sonnenuntergänge und Tod interessieren, werden wohl nie Happy-Go-Lucky-Platten machen. Aber das will ja auch gar niemand. Vor allem, wenn die düstere Seite so schön klingen kann.

6.) The Heavy - The Glorious Dead
Ich hab sie übers SLAM entdeckt. Da ist auch eine Rezi erschienen. Und hier wäre sicher auch was passiert. The Heavy machen einen völlig genialen Mix aus Soul, Garagenrock und was weiß ich noch alles. Brüder im Geiste mit The Black Keys, an mancher Stelle auch Tom Waits-Reminiszenzen. Auf jeden Fall sehr genial, völlig anders als alles, was ich sonst höre und gerade deshalb so spannend. Mag sein, dass das Vorgängeralbum als Meilenstein gilt - ich finde dieses hier sehr gelungen und lege es auch so gerne mal auf. Übrigens: Todsichere "Hey, was ist das?"-Platte für die Frau auf dem Beifahrersitz. Groovy und sexy noch dazu. So wollen wir das.


5.) Kreator – Phantom Antichrist
Metal Flashback. Kreator gehören zu meiner metallischmusikalischen Sozialisation. Meine erste Platte der Ruhrpott-Metaller war eine auf drei Euro reduzierte, ausgebeinte Version von „Cause For Conflict“ (1995), ohne Booklet, ohne Artwork. Die war nicht besonders gut. Aber mit „Endorama“ (1999) ging es sogar noch eine Spur schwächer. Vor elf Jahren begann dann die „Violent Revolution“, und da der Backkatalog bis dahin bereits erschlossen war, sog ich die neuen Thrash-Perlen auf wie Chai-Tee. Kreator sind nicht mehr wegzudenken, auch generell: Metal ist wieder im Mainstream angekommen, Mille und Co. spielen bei NeoParadise und werden vom Spiegel gestreamt. „Phantom Antichrist“ ist melodischer und hymnischer als frühere Sachen, aber nicht minder brachial. Ich mag das.

4.) Paws – Cokefloat
Man denkt, eine neue Graphic Novel von Daniel Clowes in den Händen zu halten. Das Cover ruft „Indierock“, und dann kratzt die Nadel „Catherine 1956“ aus den Vinylrillen. Ein schottisches Trio macht 2012 den aufkratzendsten Schrammelsound. Das hatten wir doch schon mal? Fratellis hießen die, haben mit dem Sound hier nicht viel zu tun außer der Euphorie, die sie bei mir auslösen, und er Möglichkeit, hier noch die News von der Reunion besagter Fratellis unterzubringen und die Hoffnung zu äußern, dass auch ein Reunion-Album folgen möge. Aber zurück zu den Pfoten: Dieses Album kommt in die Schublade mit der Aufschrift: „Wiedervorlage“. Denn eigentlich sind die Songs viel zu stürmisch für den Winter, und müssen nächstes Jahr unbedingt als Soundtrack für Frühjahrserwachen, Sommersonnentage und die ersten Autofahrten mit wieder runtergelassenem Fenster dienen.

3.) Titus Andronicus – Local Business
Gilt das? Hierzulande ist das neue Album der Pubrocker aus New Jersey bisher nur als Import erhältlich. Aber was muss, das muss. Simpel in Rot gehalten, dazu eine Kampagne, in der sich die Band von Fans auf Twitter Tipps geben lässt, wo man in den Tournee-Städten anständige Lokale, Plattenläden und sonst noch was findet. Die Platte knüpft da an, wo „The Monitor“ vor zwei Jahren endete, ist aber doch etwas simpler gehalten. Kämpferischer Aufruf zu mehr Nachhaltigkeit und Nachdenklichkeit steckt hier ebenso in den Textgen wie unverleugnetes Rezitieren amerikanischer Musikwurzeln. Rotes Vinyl rockt.

2.) Imperial State Electric – Pop War 
The Hellacopters sind tot. Es leben Imperial State Electric. Nicke Andersson hat mit seiner 2009 begrabenen Rotzrockband Geschichte geschrieben und bereits vorher mit Entombed dem Death Metal Sternstunden beschert. Aber auch nach dem Ende der höllischen Hubschrauber müssen wir nicht ohne seine von der Muse geKISSten Classic-Rock-Riffs auskommen. „Pop War“ fängt mit dem rasch einnehmenden „Uh-Huh“ an und endet in „Enough To Break Your Heart“ mit einem epischen Streicher-Aufgebot, das alle Kitschklippen meilenweit umschifft und so nahtgenau passt, dass es ein wahres Wunder ist. Der Trost über das Ende einer der wichtigsten Rockbands der Gegenwart klingt quicklebendig, kreativ verspielt und vor allem mordsmäßig riffbetont. Farin Urlaub singt: Ach Schweden ist das schönste Land der Welt. Er hat Recht.

1.) The Sword – Apocryphon
Wow, warum ist dieses Album eigentlich so dermaßen untergegangen? Den Vorgänger „Warp Riders“ haben noch alle einschlägigen Postillen groß abgefeiert, hier hatte man das Gefühl, die Rezi fiel in die Rubrik „ferner liefen“. Dabei ist das diesjährige Album der Stoner-Metaller aus Austin, Texas, keinen Deut schwächer ausgefallen. Im Gegenteil: Die Riffs kommen gewohnt kompakt und mächtig aus den Boxen gebollert, John D. Chronise singt dazu über geheimnisvolle Frauen mit Silberkelchen in Händen und andere Mysterien. Seltsame Symbole verzieren die Plattenhülle, und wer sich das Vinyl sichert, bekommt die zehn Songs plus fünf Bonustracks auch noch auf CD dazu. Musik für Menschen, die unter „Feuer und Eis“ keinen Sportfilm verstehen, Frank Frazetta nicht für einen italienischen Rennfahrer halten und eine Kutte nicht für ein Mönchs-Kleidungsstück halten.

Wie sah's letztes Jahr aus? Das waren die zu kurz Gekommenen 2011. Teil 2 des Jahresrückblicks mit den besten Platten des vergangenen Musikjahres folgt morgen auf Tinnitus Attacks.

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