Donnerstag, 29. November 2012

Hörtest: The Yesterday Shop – dto.

Philosophie, Paris, Winter, Chopin: Schon an den Songtiteln kann man ablesen, dass diese Platte hier auf den Kopf zielt. Aber schaffen die verträumten Risszeichnungen der Shoegazer aus Hamburg und Berlin es auch ins Herz?

Es soll ja Musiknerds geben, die können gar nicht genug bekommen von ausufernden Soundscapes, die nachtschwarz und farbenfroh gleichermaßen klingen. Von dräuenden Gitarren, die an Interpol und die Editors gemahnen. Von Kopfstimmengesang, der nach Ermattung und Resignation klingt. Diese Klientel ist im Gesternladen extrem gut aufgehoben. Die hohe Kunst der Shoegazer ist ja, den Hörer komplett seiner Welt zu entrücken, ihn vergessen zu lassen, dass es ein IKEA-Sofa ist, auf dem er gerade sitzt, dass die Musik durch trendige Coloud-Kopfhörer in seinen Kopf fließt. Diese Kunst beherrscht das Quintett sehr überzeugend. Geradezu „Paralyzing“ sind die Songs, und einer heißt ja auch passenderweise so. Vor elektronischen Spielereien schrecken die fünf Männer dabei ebensowenig zurück wie vor Querbezügen zu Ludwig II. Kitsch findet man hier allerdings keinen. Eher schon Musik, die sich in dunklen Indieclubs gut machen dürfte. Man sieht das Publikum vor sich: Kaum eine Bewegung, eher andächtige Stille, geschlossene Augen, hier und da ein offener Mund, neidische Blicke von ein paar Besuchern, die selber eine Band haben und noch an der Rezeptur feilen. Dabei scheinen Yesterday Shop sich wenig um Trends oder Konventionen zu scheren und am Reißbrett entstandene Instanthits sucht man auf ihrem von Kristian Kühl produzierten Debüt auch vergeblich. Ein wenig Zeit muss man aufbringen, denn diese Songs wollen, dass man sich nicht nur oberflächlich mit ihnen beschäftigt. Und das mit dem Herz: Aber ja doch. Oberflächlich stinkt ja eh.

Das selbstbetitelte Album von The Yesterday Shop ist am 16. bei Trickser erschienen. Mehr unter www.yesterdayshop.de. Hier der Clip zu "Paris Syndrom"

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