Freitag, 9. November 2012

Hörtest: Feine Sahne Fischfilet – Scheitern und Verstehen

Feine Sahne Fischfilet, der Name klingt vielleicht eher nach Feinkostladen, aber das war's dann auch schon mit Zugeständnissen an die schnöselige Welt. Hier geht’s um klassische Punkthemen. Ach ja: Wenn's nach dem Verfassungsschutz geht, sind hier Staatsfeinde am Werk. Aber das hat bei Rage Against The Machine ja auch niemanden gestört, der sich die Platte ins Regal gestellt hat. 

Da hat bei aller Akribie im Bericht des Verfassungsschutzes dann doch jemand ein Detail übersehen. Wo ist bitteschön der „Parental Advisory“-Sticker auf dem Cover? Immerhin wird hier verbal geklotzt, und nicht gekleckert. „Nazis morden weiter und der Staat schiebt fleißig an“, heißt es da im Angepisst-Ton, den auch Anti-Flag drauf haben, im Song„In unseren Augen“. Man spürt: Die Band nimmt es dem Staat übel, dass ihr im Verfassungsschutzbericht mehr Seiten gewidmet werden als der Nazi-Terrorzelle, die jahrelang ungehindert Morde in Deutschland verüben konnte. Worum geht’s? Das Sextett aus Mecklenburg-Vorpommern genießt derzeit eine Welle medialer Aufmerksamkeit, und die ist nicht in erster Linie der Musik geschuldet. Feine Sahne Fischfilet haben es in den Bericht des Verfassungsschutzes geschafft, weil sie Antifa-Aktivisten sind. Nicht nur Taz und Spiegel haben sich in ausführlichen Berichten mit der Geschichte der Punkband beschäftigt. Der Spiegel berichtet, die Staatsschützer witterten „explizit anti-staatliche Haltung“ bei der Band, ihr Ziel sei es, die „staatliche Struktur aufzulösen“.  Im Spiegel heißt es: „Anmerkung am Rande: Der Verfassungsschutz befasst sich in seinem Bericht ausführlicher mit Feine Sahne Fischfilet als mit dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU).“

Jetzt ist die Band auf dem Hamburger Label Audiolith untergekommen. Die erste Punkband im Portfolio der Plattenfirma, die Heimstätte von Bands wie Bratze, Frittenbude und ClickCLickDecker ist. „Scheitern und Verstehen“ zeigt eine Band, die Punkrock und Bläserklänge mischt, dabei Wert darauf legt, keinen Ska-Punk zu machen. Feine Sahne Fischfilet machen richtigen Old School Punkrock, Trends wie die kryptischen Vocals von Bands wie Pascow oder Turbostaat oder auch die emotionale Introvertiertheit von Captain Planet sind spurlos an ihnen vorbeigegangen. Es ist der Sound, zu dem sich im Juze pogen lässt, einer reißt vermutlich den Bierbecher hoch, verschüttet die Hälfte, aber es ist egal, weil ist ja Punkrock. Apropos Promille: „Ich trink bloß hier aus Langeweile, weil ist doch nischt los“, dieses Sample in „Dienstag Nacht“ stimmt einen irgendwie traurig, weil man sich vorstellen kann, wie's der Obdachlose, an dem man jeden Tag vorbeiläuft, in eine Kamera sagt.

Es heißt ja, Punk sei nicht tot, er rieche nur seltsam. Auch wenn Punk den Hang zur ranzigen Lederkutte pflegt: Antiquiert wirkt das hier nur bedingt. Dafür rufen die Musiker zu Courage und Mut auf: „Du willst mich platt machen das schaffst Du nicht, Du willst mich mundtot machen/das schaffst du nicht“ singen sie in „Stumpe Parolen“. Stimmumfang egal, Punk darf sich immer eine gewisse Portion Dilletantismus leisten, sonst ist er konstruiert. Manche Songs sind auf Englisch gesungen, „Riot In My Heart“ etwa, an anderer Stelle überrascht „Dreieinhalb Meter Lichtgestalt“ im Duett mit Neonschwarz-Sängerin Marie Curry. Zwischen Mut und Enttäuschung pendeln die Texte, verständlich. Eine Band, deren Mut man bewundern muss. Wobei es den Muckern sicher auch lieber gewesen wäre, auf andere Art bekannt zu werden.

„Scheitern und Verstehen“ von Feine Sahne Fischfilet erscheint am Freitag, 9. November, via Audiolith. Hier noch das Video zu „Komplett im Arsch“. 

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